Heute gibt es einen Gastbeitrag von Florian
Hidden Figures hieß ein Film über in Vergessenheit geratene Mathematikerinnen. Diese waren maßgeblich am Mercury- und am Apollo-Programm der NASA beteiligt. Immerhin hatten die Mathematikerinnen dank diesem Film die 15 Minuten Ruhm, die in der Zukunft jeder haben darf. Ihre Namen bleiben jedoch weiterhin nur eine Fußnote in der Geschichte der Raumfahrt. Ebensolche Fußnoten gibt es in vielen Bereichen, insbesondere da wo ein Genie-, beziehungsweise Autorenkult dominiert (absichtlich nicht gegendert);
Also in der Kunst, in der Wissenschaft und auch in der Kulturindustrie

Wurden die Namen von Spieldesignerninnen lange Zeit überhaupt nicht auf die Schachteln geschrieben, so änderte dies die, vom kürzlich verstorbenen Reinhold Wittig initiierte, Bierdeckelproklamation (Kurze Anmerkung d. Red: Auch vorher war dies durchaus bei einigen Verlagen üblich, aber längst nicht bei allen). Im Laufe der Jahre begriffen die Spielverlage, dass es nicht nur nervig, sondern durchaus nützlich ist, einen Namen auf der Schachtel zu haben. Ähnlich wie beim neuesten “Steven Spielberg Film” , kann es seither das neuste “Wolfgang Kramer Spiel” geben. Doch, ähnlich wie Filme, sind Spiele sehr selten Produkte eines einzigen Geistes. Sie stehen in dieser Hinsicht zwischen den Büchern, die der Regel von einer Person geschrieben und dann von einer weiteren lediglich lektoriert werden und den Filmen, die mit Autorin, Produzentin, Regisseurin uvm. viele Mütter haben können.
Spiele können von einer einzigen Person erdacht, illustriert und sogar hergestellt werden. Bei Kleinauflagen japanischer Verlage kommt das noch relativ oft vor.
Aber sobald es etwas größer wird, steht meist eine kleine Gruppe von Menschen hinter einem Projekt. Zumeist mindestens drei: verantwortlich für Spielmechanik, grafische Gestaltung und Herstellung. Hinzu kommen Testerinnen, Regelleser, oftmals ein gesonderter Illustrator und gerne noch eine Person, die Texte und Anleitung so formuliert, dass auch uneingeweihte Menschen Zugang zum Spiel finden.
Nach über hundertdreißig Jahren Filmgeschichte liest man inzwischen öfter mal “von den Machern” von XYZ. Und der ein oder die andere weiß nun auch, dass Kathleen Kennedy so manches Projekt Jahre bevor ein Regisseur gefunden war startete. Beim Gesellschaftsspiel ist man noch einige Jahrzehnte davon entfernt, obwohl das Medium deutlich älter ist, als der Film. Außerdem stimmt beim Spiel immerhin die Gewichtung: die Person auf der Schachtel ist meistens die Person, die das Produkt die längste Zeit begleitet hat und deren Hirn die Grundidee entsprungen ist.
Schauen wir nun also von den Schachteln der Spiele auf ihre Fußnoten, nämlich jene in kleinen Zeichen gesetzten Schriftblöcke in den Spielanleitungen, dann finden wir – dort in den Credits – einige der Hidden Figures. Zunächst gibt es diejenigen, die den Insidern oder Hobbyspielerinnen noch geläufig sind: Redakteure und in seltenen Fällen Redakteurinnen. Einen Stefan Brück, Thorsten Gimmler oder Viktor Kobilke kennen die Eingeweihten noch. Ganz grob können sie auch mit dem Beruf des Redakteurs etwas anfangen. Das ist der gute Geist, der im Verlag, einer Hebamme gleich, dem Spiel ans Licht der Welt verhilft. Doch es gibt noch unsichtbarere Geister und hier handelt es sich erstaunlich oft um Frauen. Ja genau, jenes in der Brettspielwelt verborgene Geschlecht, das grob die Hälfte der Menschheit ausmacht. Was diese Frauen so geisterhaft und schwer zu greifen macht, ist ihre erstaunliche Wandlungsfähigkeit oder sagen wir Vielseitigkeit. Darin liegt sicher ein Teil der Lösung, warum ihnen so wenig Leistung attribuiert wird. Credit – wie die Filmleute sagen – kann immer leicht einer fest definierten Funktion zugeschrieben werden. Wer mehrfach Credit als Kameramann bekommt, wird möglicherweise irgendwann als bekannter Kameramann wahrgenommen. Eine Karin Wittig aber hat vieles Verschiedenes in der Brettspielwelt geleistet, ebenso eine Malorie Laukat, die sich selbst als ‘CEO, writer, developer, editor, composer at Red Raven Games’ vorstellt. Darüberhinaus ist sie für International Sales und einiges anders zuständig. Sara Jorge ist noch so ein Name, der fast allen Anleitungen von The City of Games (Isle of cats) auftaucht. Oftmals als Developer, was in etwa dem deutschen Redaktion entspricht, aber auch in verschiedenen anderen Funktionen. Auf den Spieleschachteln stehen beide nicht, sie sind ja weder Autorin noch Illustratorin.
Bei Reinholt Wittig wurde in vielen Nachrufen betont, dass er mehrfach als Autor den Preis “Schönes Spiel” von der Spiel des Jahres Jury erhalten hat. Überhaupt gab man sich viel Mühe seine Bedeutung als Autor stark zu betonen. Wäre er genauso gewürdigt worden, wenn er nur das wichtigste deutschsprachige Autorinnentreffen ins Leben gerufen hätte? Wenn er nur unzählige Menschen in der Branche in Kontakt gebracht und vielleicht nur als Verleger in Erscheinung getreten wäre?
Vermutlich nicht.
Der Spielautor Matthew Dunstan würdigte neulich den ebenfalls kürzlich verstorbenen Cédrick Chaboussit. Er ging dabei wenig auf dessen Autorentätigkeit ein, sondern tat dies mit großer Emphase auf die eine besondere Charaktereigenschaft von Cédrick Chaboussit: er sorgte dafür, dass sich andere in der kleinen Brettspielgemeinschaft willkommen fühlten. Das auch Autoren und Autorinnen, die noch keine oder wenige Spiele veröffentlicht haben sich wohl fühlen unter anderen, die vielleicht schon lange dabei sind.
Ich habe lediglich ein Spiel als Autor veröffentlicht und hoffe, dass es mal zwei oder drei werden. Aber schon jetzt gibt es unsichtbare Menschen, die mir helfen. Zum Beispiel diejenigen im Spielwerk Hamburg e.V., die bei den Testrunden immer dafür sorgen, dass möglichst alle mit ihren Prototypen an die Reihe kommen. Das sind oft diejenigen, die selbst gerade kein Spiel dabei haben und die vielleicht auch einfach gerne helfen.
Ich bin mir sicher, es gibt noch viel mehr dieser Hidden Figures in unserem Hobby. Manchmal stehen sie in der Anleitung, manchmal nicht einmal das. Achtet auf sie!
Mir sind, da ich nun drauf geachtet habe, die oben genannten Frauen aufgefallen. Haltet die Augen offen, lest die Credits und wenn ihr auf einer Messe oder einer Spieleveranstaltung auf so jemanden trefft: sagt Danke!
Denn sie halten die Brettspielwelt zusammen, wie die Nornen die Geschicke der Menschen und Götter.
Viele Grüße,
Florian
P.S. Nach dem ich diesen Text verfasst hatte, stieß ich auf die Nachricht, dass der britische Verlag Osprey zum Verkauf steht. Im Artikel dazu, findet sich genau das oben eingeforderte: Menschen im Hintergrund werden ausdrücklich und namentlich lobend erwähnt: https://boardgamewire.com/index.php/2026/05/13/undaunted-publisher-ospreys-board-game-operation-to-be-sold-off-by-owner-bloomsbury-publishing/
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