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Schlechte Spiele: Die vergessene “alberne Reihe” von Mattel/CBD

Zum Geleit: Neulich habe ich mir ein Video von Amabel Holland über die Pitfall-Videospiele angesehen. Es gab viele Pitfall!-Spiele und vielleicht mit Ausnahme der ersten beiden, waren es nicht gerade Klassiker. Dennoch ist es spannend zu sehen, wie sich die “Reihe” (eher der gemeinsame Titel mehrerer Spiele, die wenig miteinander zu tun hatten) entwickelte und warum. Auch wenn ich ein großer Fan von Pitfall 2 war und eine kurze Zeit Mayan Adventures gespielt habe: Ich finde das Video nicht deswegen interessant, weil ich die Spiele kenne oder weil ich hoffe, unbekannte Spitzenspiele zu entdecken, sondern, weil es ein Teil der Videospielgeschichte ist, über den ich außerhalb der ersten drei Teile nicht wusste.

Über Hundert Jahre Spielegeschichte

Wenn man das Wort “Spielegeschichte” hört, denkt man vielleicht an die Geschichte von Schach, an Senet oder die ersten Kartenspiele. Vielleicht hat man noch die Laufspiele aus dem frühen 20. Jahrhunder im Kopf. Und ja, das ist Geschichte, aber es ist halt auch nicht anders, als wenn man bei Filmgeschichte an Metropolis und Le voyage dans la lune denkt: Man klammert jegliche Entwicklung jenseits der Anfänge aus. Auch Neue Geschichte ist Geschichte. Sich mit der Spielegeschichte der letzten 50 Jahren zu befassen, bedeutet sich mit dem Teil zu befassen, der unmittelbare Auswirkungen auf unser Hobby hatte und hat. Doch auch weniger hoch gehängt: Spielegeschichte ist schlichtweg interessant. Ich kann zudem auch nicht einen gewissen Drang verneinen, Wissen erhalten zu wollen. Popkultur ist recht schnelllebig und schnell wird vergessen, was es mit bestimmten Spielen oder den Dingen herum auf sich hat. Und wenn niemand dieses Wissen niederschreibt, wird es vergessen. Davor schützt auch das Internet nicht. In den USA sind z.B. ein Großteil von Fernsehwerbungen und Sendungen, die keine Filme oder Serien waren – Nachrichten, Talkshows, Frühstücksfernsehen – aus den 70ern  80ern nur deswegen noch erhalten, weil Marion Stokes damals alles auf VHS aufzeichnete. Historiker:Innen werden es ihr ebenso danken, wie alle, die wage Erinnerungen an einen ganz bestimmten Spot haben…

Ein weiteres Problem: Die bekannten Spiele, also die Spiele, die sich durchgesetzt haben, sind auch die Spiele, über die man Quellen findet. Es gibt mit Sicherheit Tausende von

Keine Ahnung mehr wie dieses Spiel heißt oder wie die Regeln sind

Videos über Zelda, Mario oder TetrisPitfall ist ein Nischenthema. Doch auch das Mittelmaß und alles darunter formt eine Kulturgeschichte. Auch gescheiterte Spiele zeigen, was gerade Mode war, was gespielt wurde – und was warum vergessen wurde. Aus literarischer Sicht mag es nicht bedauerlich sein, wenn spätere Generationen nichts mehr mit dem Begriff “Konsalik” verbinden, aber aus kulturhistorischer Perspektive sind die Bücher (zumindest deren Existenz und Verbreitung) Bestandteil der Landschaft gewesen.

In diesem Sinne schreibe ich hier einmal etwas über eine vermutlich vergessene Reihe schlechter Spiele. Dabei bin ich gar nicht qualifiziert dafür: Ich habe kein einziges Spiel dieser Reihe gespielt. Sie sind mir nur ein paar Mal auf Flohmärkten über den Weg gelaufen. Und da sie schon vor 30 Jahren auf mich keinen besonderen Eindruck machten, habe ich bislang einen Bogen um sie gemacht. Doch ich bin neugierig und wollte sie zwar vielleicht nicht spielen, aber doch zumindest etwas mehr über die Reihe wissen – aus oben genannten Gründen.  Informationen sind allerdings spärlich. Ich habe versucht ein paar davon hier zusammenzutragen:

Dafür dass es einer der zwei größten Spielzeugproduzenten ist, ist Mattels Brettspielsparte überschaubar und besteht im wesentlichen aus Scrabble und Uno. Ab und an versucht es Mattel auch mal mit Autorenspielen, so auch Ende der 80er Jahre, wo mehrere große Brettspiele erschienen, mit einheitlichem Schachtelayout. Unter anderen Kalle Schmiel, Bernd Brunhofer, Wolfgang Kramer oder Roland Siegers zeichneten sich verantwortlich. Es gelang mit Rudio Hoffmans Café International sogar der Gewinn des Spiel des Jahres (wobei hier das Schachtellayout bereits ein anderes war). Über diese Spiele möchte ich hier nicht sprechen.

Ohne den roten Rahmen, aber dafür mit Kritikerpreis

Im Fahrwasser der großen Autorenspiele erschienen 1987 noch eine Reihe kleinerer Spiele in einem langen, schlanken Schachtelformat (vielleicht so 20cm lang und nicht viel breiter als ein Handy). Ein Autor wurde auf der Schachtel nicht genannt, in der Spielregel findet sich “CBD Frankfurt” als Autor – vermutlich eine externe Redaktion, die sich neben den Mattel-Spielen ansonsten nur für das IP-Spiel Die unendliche Geschichte verantwortlich zeichnete. Das war ein typisches Lizenzprodukt der damaligen Zeit (spielerisch also schon damals nicht gut) und passt gut zu den hier erwähnten Spielen – Denn auch diese namenlose Reihe sind mehr Produkt als Spiel gewesen.

Die Spiele hatten alle nicht nur ein einheitliches Schachtelformat, sondern auch ein recht flippiges Design (gerade für damalige Verhältnisse), einen “witzigen” Titel und lebten von dem verrückten Material (Da ich keine Spiele vorliegen habe, kann ich nur die Fotos von BGG verlinken). Mir sind folgende Spiele bekannt:

Calva-d-Os: Vermutlich von Schweinerei inspiriertes Würfelspiel, bei dem man mit Knochen “würfelt”, wobei sich Knochen kreuzen müssen, um gezählt zu werden.

Das m.W erste Spiel wo man mit Figuren würfelt – Schweinerei von MB.

Ham n Ex: Auch hier würfelt man mit Plastikspielmaterial: Mit Schinken und Spiegeleiern. Die Kombination, in der Würfel und Speck fallen, sorgen für die Punkte (Schweinerei halt). Dabei müssen die Speckscheiben idealerweise auf den Spiegeleiern landen (was wohl am ehesten mit Würfelbecher gelingt)

Ex-Presso: Tasse und Untertasse sind hier die Eyecatcher – sie werden aber nicht gewürfelt (dafür gibt es Würfelstäbe in der Form von Zuckerstreuern), sondern werden als Spielfiguren über einen Parcour bewegt. Das Spiel gilt als Backgammon-Variante mit vier Figuren pro Seite, wobei Tasse und Untertasse dasselbe Feld betreten können und dann geschützt sind (Nach allem was ich lese, klingt es eher nach einer MÄDN-Variante für zwei Personen, denn nach Backgammon, aber ich kenne es ja nicht persönlich)

Chicken Pickin: Das einzige Spiel, wo auch eine englische (anders aussehende) Edition bei BGG gelistet ist (Die ist übrigens sehr bizarr, denn das Spiel kommt in einer Bananenhülle, auf der ein anderer Titel steht, als auf der darüber geschweisten Verpackung). Das Plastikmaterial der Reihe sind Brathühnchen. Die werden auch nicht gewürfelt, was ich fast schon entäuschend finde. Stattdessen haben wir es hier mit einen Schnelligkeits-Geschicklichkeitsspiel zu tun: Zwei Würfelsummen müssen addiert und ein dritter Würfel subtrahiert werden. Wer Hähnchen entsprechend des Gesamtergebnisses zuerst mit den Essstäbchen aufsammelt, gewinnt die Runde. Für falsche Summen oder das Aufnehmen der Stäbchen gibt es Minuspunkte. Esstäbchen waren in Deutschland in den 80er Jahren noch durchaus exotisch insofern kann man die Idee für damalige Zeiten als durchaus originell bewerten, auch wenn es aus heutiger Sicht natürlich banal aussieht. Tatsächlich hat der unermüdliche Andreas Keirat von Spielphase das Spiel immerhin mit 3 von 6 Punkten bewertet.

In-Sekt-Surprise: Quasi eine Variante des beliebten Hütchensspieles, aber mit 4 Eimerchen. Eine Person versteckt eine Sektflasche und einen Käfer unter den Eimern, die andere rät. Punkte gibt es für leere Eimer, Mehr Punkte für die Sektflasche und Minuspunkte für den Käfer und man kann sein Luck pushen, entscheidet also, wann man aufhört (beim Käfer ist spätestens  Schluss). Mit einem Würfel kann die (Minus) Punktzahl noch multipliziert werden.

Patron-Ow: Auch hier darf man so lange Ziehen, bis man aufhört oder die “geladene” Patrone zieht. Punkte gibt es nach Würfelwurf vorab. Das ist bereits das ganze Spiel, Plastikmaterial sind hier die Patronen – nicht einmal besonders gute (im Vergleich zum wenigstens einigermaßen stimmungsvollen Material der anderen Spiele).

Alle Spiele sind 1987 erschienen. Entweder endete die Zusammenarbeit von Mattel mit CBD oder der Reihe war kein Erfolg beschiehen und wurde eingestellt. Oder beides. Allerdings sind alle Spiele von CBD 1987 erschienen, so dass die Möglichkeit recht wahrscheinlich ist, dass CBD sich aus dem Spielegeschäft zurückgezogen haben. Über die Hintergründe kann man leider nur spekulieren – außer es meldet sich ein Insider bei mir (via Email oder Discord). So oder so: Niemand wird diese Reihe vermissen. Sie ist bestenfalls eine kleine Fußnote in der Spielegeschichte. Anders als die Edition Perlhuhn-Spiele haben sie keine Spuren in der Szene hinterlassen, dazu waren die Spiele zu schlecht, die zugrundeliegenden Ideen zu dünn. Sie ist aber auch ein früher (und konsequenter) Versuch gewesen, Spiele und Spielzeug auch außerhalb von Kinderspielen stärker zu vermischen, also Spielhand anhand von Gimmicks zu entwickeln. In den folgenden 90er Jahren waren es eher Kleinverlage die mit ungewöhnlichem Spielmaterialen versuchten, Aufmerksamkeit zu generieren (stellvertretend sei hier Neolithibum vom Heidelberger Spieleverlag genannt). Erst durch Kickstarter und günstige Plastikproduktionsmöglichkeiten aus China etablierten Spielzeug-Gimmicks in der Szene – mit deutlich besseren Spielen.

Calva-D-os fehlt. Foto von Wolfgang Friebe mit freundlicher Genehmigung

ciao

peer

 

 

 

Peer Sylvester
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