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Mein allerschönstes Messe-Erlebnis (oder so)

Auch 2022 gab es wieder eine Spielemesse. In Essen! Und auch 2022 war ich wieder dabei. Und schreibe hier mal ein paar Eindrücke auf.

Nach der abgespeckten Form 2021 und der virtuellen Messen 2020 war der Merz-Verlag, aber eigentlich auch alle anderen, ziemlich aufgeregt, jetzt aber wieder eine „normale“ Messe hinzubekommen. Alles solle wieder wie vorher sein, wie 2019. Man kann sagen: Auf den ersten Blick war es das auch, aber ein tieferer Blick registrierte doch diverse Unterschiede. Die Frage bleibt, ob es jemals wieder wie 2019 sein würde und ob das überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist. Aber vielleicht ist die Frage auch müßig und man freut sich auf das Hier und Jetzt.

Persönlich überwiegte das Positve: Ich hatte ein paar Termine als Autor, die sehr positiv verliefen und ich habe wieder zahlreiche internationale Freunde wiedergesehen, was für mich ein bisschen das wichtigste der Messe ist. Ich habe überraschend viel gespielt, allerdings hat mich nur wenig wirklich begeistert. Nur zwei Spiele – Dice Fishing und Obake Meeting habe ich mir nach der Partie gleich zugelegt. Aber einfach die Möglichkeit des gemeinsamen Ausprobierens ist für mich immer ein Highlight. Doch genug des Blabas, hier die Messetrends und -eindrücke:

Verlage: Die großen Deutschen Verlage waren ebenso zurück wie die Britischen und die Fernöstlichen und hinzu kamen noch Verlage aus Iran, Indien oder Thailand (und Katar war auch wieder vertreten). So sah es auf den ersten Blick aus, wie immer. Doch natürlich fehlten die Russischen und Ukrainischen Verlage. Da zudem Trefl aus Halle 1 raus war, war diese zumindest am Donnerstag gefühlt weniger voll als sonst. Generell sind mir deutlich weniger Verlag aus dem Osten uropas aufgefallen als sonst – ob das nur an meiner Wahrnehmung lag oder tatsächlich so war (was angesichts von Kriegsnähe und Wirtschaftslage sicherlich nicht überaschend wäre) kann ich nicht abschätzen. Es ist generell etwas merkwürdig angesichts des Krieges nun ausgerechnet an Spieleverlage zu denken, aber es ist schon ein nagendes Gefühl in der Magengrube, wenn Leute, die man sonst jedes Jahr trifft, plötzlich nicht mehr da sind und man nicht weiß, was aus denen geworden ist.

Verfügbarkeit: Der Zoll hat dieses Jahr besonders hart zugeschlagen. Gerade die Koreanischen Verlage warewn betroffen, die z.T. gemeinsam verschifft haben. Playte oder  Gemblo hatten praktisch gar keine Spiele zum verkaufen. Aber auch sonst kam einiges gar nicht, anderes spät oder in geringen Stückzahlen. Vieles war daher wenn überhaupt vorhanden, schon am Donnerstag ausverkauft. Laut Spielbox gab es auch eine hohe Zahl an Spielen, die nur als Demoversion da waren, um später auf Kickstarter zu landen – das war aber nach meinem Dafürhalten nicht mehr als sonst. Die großen Verfügbartkeitslücken hatten andere Gründe. Selbst etablierte Verlage waren betroffen: Splendor Duell gab es zum Beispiel nur in strikt limitierten Dosen. Mangelende Verfügbarkeit ist aber auch sexy, also wundert mich das nicht, dass es (im Moment) auf Platz eins der Fairplay-Scoutliste steht. Ist fast wie früher, wo „Insider-Spiele“ nach der Messe besonders gehyped wurden. Nur dass es diesmal „Schlange-stehen-Spiele“ sind. Verwandtes Problem sind die Spielepreise, die insbesondere durc den aktuellen Papier-Marktpreis zustande kommen. Mit Cat in the Box steht ein 40€-Stichspiel in der Fairplay-Liste (war aber am Donnerstag ausverkauft, weiß nicht ob was nachkam. Siehe oben). Ein Kleinverleger meinte zu mir: „Eigentlich müsste ich mein Spiel für 70€ verkaufen. Aber schon die 50€ tun mir als Spieler in der Seele weh, billiger gehts aber nicht, selbst so mache ich keinen Gewinn.“ Pappmarkenflutige Euros werden bei steigender Marktlage wohl zukünftig umdenken müssen. Vielleicht ja eine Gelegenheit zu weniger Materialintensiven Spielen. Legespiele boomen zwar gerade, sind aber durch die Marktlage besonders bedroht. Diese Mischung aus hohen preisen und „Endlich wieder richtig Messe“ hat nach meiner Beobachtung dafür gesorgt, dass ganz große Einkaufsorgasmen ausblieben – diese Riesen-Taschen-Schlepper habe ich nicht gesehen. Dafür aber mehr Leute, die überhaupt zugegriffen haben – also mehr Güterverteilung unter den Besucher:innen. Obs stimmt, weiß ich nicht, aber was stören mich Fakten, wenn ich eine Theorie habe!

(Bei der Gelegenheitein persönlicher Rant: Wenn schon Spiele mit vielen Markern, kann man vielleicht die Hintergrundgraphik ruhiger gestalten? Es ist zwar schön, wenn ein Spiel schön aussieht, wenn es nicht gespielt wird, aber es sollte auch gut aussehen, wenn es gespielt wird. Tribes Wind z.B. erreicht locker eine 6 auf der nach oben offenen Bitoku-Skala von Spiele-Flimmerkisten. Betrifft vermutlich nur 1% der Spiele, aber die Kandidaten sind alles Euros…)

Kooperation: Absoluter Trend dieses Jahr sind kooperative Spiele. Gefühlt sind die Hälfte aller Pegasus-Neuheiten kooperativ, aber Pegasus ist nur die Spitze des Eisberges; Neben den ganzen Krimi/Escape-Spielen und kooperativen Partyspielen, die ohnehin schon boomten, kommen noch verstärkt kooperative Euros auf den Markt – Spiele bei denen man gemeinsam gegen das System plant. Und etablierte Klassiker werden kooperativ: Carcassonne und Das verrückte Labyrinth kehren zurück – in Koop-Form! Spielgefühl weitestgehend identisch, nur halt kooperativ. Risiko Kooperativ kommt dann sicherlich nächstes Jahr.

Geräusche: Haben Sie schon gehört? Der zweite Messetrend sind Spiele mit Geräuschen. Ob das Musikquiz Hitster (Jumbo), ob Asssoziativspiele mit Geräuschen oder Musik statt Bildern (Disc Cover, Stereo Mind), Dinge mit Geräuschen erklären (Laut salat, Mysterium Kids), Spieleautor:innen haben die Akustik entdeckt. Selbst Spiele, bei denen es eigentlich um anderes geht, haben einen Soundeffekt (Schütteln bei Fairy Prank, Klopfen bei Obake Meeting). Das klappt trotz Messelärm erstaunlich gut. QR-Codes erlauben ja sogar Musik, auch wenn diese Spiele vermutlich eine Halbwertszeit haben, wenn de Links irgendwann verschwinden. Mir gefällts! Nächstes Jahr dann Riechen.

Security und So: Letztes Mal hatte ich geschrieben, dass es 2021 wohl die letzte Messe mit Maskenpflicht sein würde, aber das hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Bis auf wenige verwöhnte Jammerlappen wurde die Entscheidung sehr positiv aufgenommen – es ist auch wirklich nicht zu verstehen, wieso eine Person, die keine Probleme hat mit wunden Füßen 90 KIlo Spiele durch die Messe zu schleppen, nicht in der Lage sein sollte, durch eine Maske zu atmen. Aber eine Maskenpflicht muss zumindet ein wenig durchgesetzt werden und abseits des Eingangs ist mir das jetzt nicht so aufgefallen. Der Anteil der Kinnträger war jetzt vielleicht nicht so hoch wie die aktuellen Fallzahlen, aber durchaus im messbaren Bereich. Security war da aber nicht präsent. Das ist schade, vor allem aber auch, weil deren Präsenz nach den Diebstählen in vergangenen Messejahren verstärkt werden sollte – dieses Jahr gabs zumindest einen weiteren Kassendiebstahl (Irongames). Security habe ich abseits der Eingänge nicht wahrgenommen. Etwas merkwürdig war, dass der Presseeingang gleichzeitig Eingang für die Verkäufer war, die Presseleute aber ja erst ab 9.45 reindurften (Die Zeit ist in Ordnung, Presseprivileg ist zwar nice-to-have, brauche ich aber auch nicht unbedingt). Je nach Zeitpunkt wann man kam, wurde man z.T. wieder zum Besuchereingang geschickt, damit man nicht vor der Tür warten sollte. A, Besuchereingang wurde man dann z.T. zum Presseeingang geschickt… So musste man mehrmals unter die Absperrung durch. Vielleicht hilft ein kleiner abgesperrter Presse-Wartebereich nächstes Jahr? Auch schien es zum Teil Probleme mit denjenigen gegeben zu haben, die für die Educators Fair etwas vorbereiten wollten, aber keine Aussteller waren. Das weiß ich aber nur aus dritter Hand und mag falsch dargestellt sein. Die Messe hat viele Hüte auf, da müsste man ggf. das Eingangskonzept überdenken.

So das waren meine ungefilterten Meinungen…

ciao

peer

Titelbild von Semi-Coop

Korrektur: Ich hatte erst von Raub geschriebenb, aber die asse wurde gestohlen. Ein Taser o.ä. kam diesmal nicht zum Einsatz.´Ich habe die Stelle korrigiert.

Peer Sylvester