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Ist die Messe halb voll oder halb leer?

Für mich wars das! Ich bin zu Hause, zwei Tage mussten diesmal reichen – dafür gab es vor allem persönliche Gründe terminlicher Art, aber mir passte das ganz gut: Ob und wer auf der Messe sein würde und ob und was es zu sehen gibt und ob und inwieweit spielen möglich sein würde, konnte ich im Vorfeld nicht abschätzen. Nun, jetzt bin ich schlauer:

Zählt man allein die Hallen, könnte man zum Ergebnis kommen, die Messe sei fast so groß wie zuvor (Nur die Hallen 4 und 7 fehlen) Doch natürlich ist dem nicht so: Zum einen wurden in jeder Halle Teile abgetrennt, zum anderen ist das Layout größzügiger, es ist mehr Platz zwischen den Ständen (was die Unübersichtlichkeit aber nicht wesentlich beeinträchtigt hat) . Letzteres waren die Corona-Verordnungen, aber ich empfand es als deutlich angenehmer als sonst. Ersteres dürfte eher damit zu tun haben, dass natürlich eine ganze Reihe von Verlagen fehlten. Ein Verlagsmitarbeiter verriet, dass man wohl auch noch kurzfristig hätte größere Flächen buchen können – kein großes Geheimnis, denn die Hallen sind ja in der Gänze bezahlt. Wird die Covid-Situation im nächsten Jahr nicht durch besonders fiese Varianten verschärft, dürften zumindest wieder mehr heimische Verlage, die für dieses Jahr noch nicht planen wollten, zurückkehren. Was die Internationalen Verlage betrifft: Das hängt von den Visa-Beschränkungen ab (siehe unten).

Erst vor kurzem wurden die Visa- und vor allem die Quarantänebestimmungen für Nordamerika gelockert. Sicherlich zu kurzfristig, für die meisten Amerikanischen Verlage und so waren es nur zwei oder drei, die den Weg über den Atlantik fanden. Großbritannien fehlte ebenfalls, verständlicherweise war die Kombination aus Brexit und Covid im Moment zu viel für einen Messeauftritt. Problematisch könnte nächstes Jahr werden, dass z.Z. aus vielen Länder nur vollständig Geimpfte einreisen dürfen, die mit einem in der EU zugelassen Impfstoff geimpft sind – also nicht mit Sinuvac oder Sputnik V. Sollte sich diese Regel nicht ändern, kännte es für so manchen Russischen oder Fernöstlichen Verlag schwierig werden.

Rein von der Anzahl der Verlage her fühlte ich mich in meine Anfangszeit zu Beginn der Nullerjahre zurückversetzt: Weniger Stress und besser zu erfassene Neuheiten sind auch etwas wert. Was mir dieses Jahr aufgefallen ist, ist dass Spanien nach Deutschland und Frankreich die drittmeisten Verlage stellten – zum Teil auch in prominenter Lage. Dass sich zudem bei Devir in Halle 3 lange Schlange  bildeten (Bitoku wurde wohl im Vorfeld stark in den USA gehyped)  ist auch eher ungewohnt (die anderen Schlangen vor Feuerland und Hans im Glück waren erwartbarer). Ob der Markt jetzt gerade explodiert oder die Präsenz einfach aufgrund dem Fehlen anderer Nationen stärker auffällt, wage ich nicht abzuschätzen.

Neben der Covid-Krise steht diese Spiel auch im Zeichen der Shipping-Krise: Eine extrem hohe Anzahl an Spielen war noch nicht fertig, wurden kurzfristig verschoben (inkl. meinem Brian Boru), waren nur als Demo verfügbar oder aufgrund verspäteter Lieferungen nur in sehr kleinen Stückzahlen – wie z.B. oben erwähntes Bitoku – und entsprechend schnell ausverkauft. Sowas kommt in jedem Jahr vor, aber nie so massiv. In der Kombination mit der deutlich gesunkenen Anzahl an Verlagen (und damit Neuheiten insgesamt) waren meine zwei Tage tatsächlich absolut ausreichend alles zu sehen, was ich mir ansehen wollte und konnte.

Von den Spielen zum Publikum: Anders als sonst war der Freitag tatsächlich zumindest nach meinem Gefühl her voller als der erste. Ob die maximale Kapazität bereits erreicht wurde, weiß ich nicht – aber es wäre schön, denn es hieße es wäre voll, aber nicht zu voll. Keine wirklichen Engpässe, keine Blockaden – insgesamt ein angenehmes Besuchserlebnis. Auch weil die Maskendisziplin wirklich hoch war: In zwei Tagen habe ich lediglich eine Person mit Maske unter der Nase gesehen. Alle anderen trugen die Masken wie man das so nach 1,5 Jahren Pandemie eigentlich erwarten würde. Brettspielende und Regeln – Das passt einfach!

Insgesamt muss ich sagen, die Präsenzmesse war ein schöner Reset-Knopf nach dem letzten Jahr. Es tat gut, wieder dabei zu sein und da ist es nicht wirklich schlimm, wenn der Wiedereinstieg etwas kleiner ausfällt. Die Messe wirkte nicht unangenehm, ich zumindest hatte nicht das Gefühl, dass hier zu großes Risiko gegangen wird. Für das nächste Jahr vermute ich entweder den Wegfall aller Beschränkungen oder eine reine 2G-Messe, eine Möglichkeit, die in diesem Jahr vermutlich zu kurzfristig kam. Die Planungssicherheit würde beides erhöhen – So oder so, vermutlich die letzte Messe mit Maskenpflicht.

Eine Chance die aber leider völlig ungenutzt verstrich, ist die digitale Seite der Messe. Hilko hat das hier gut zusammengefasst. Ich kann die Veranstalter ein Stückweit verstehen, dass sie sich auf den Präsenzteil konzentrieret haben, aber so ein digitaler Auftritt ist schlicht nicht mehr zeitgemäß. Dabei ist klar, dass gerade die kleineren Verlage nicht sowohl Präsenz- als auch Digitale Messe stemmen können. Wieviel besser wäre daher ein Angebot gewesen, nur einen digitalen Messestand anzubieten? Gerade weil die meisten Verlage kleineren und internationaleren eh nicht freiwillig zu hause bleiben dürften. Es wäre ein Signal an die globale Gemeinschaft gewesen: Hey, ihr gehört dazu, auch wenn ihr nicht kommen könnt! Und Asmodee lifestreamed sowieso während der ganzen Messe (was ordentlich per Plakatwerbung in Essen beworben wurde) – nur halt nicht mit der Messe. Ähnliches gilt für die Spiele-Offensive. Hier wäre eine Eingliederung in die Spiel.digital für beide Seiten besser gewesen; Die Spieletage hätten aber vermutlich eher mehr profitiert. Hoffentlich gibt es dann im nächsten Jahr wieder eine Digitale Messe, aber ich bezweifle es. Die Community ist vermutlich erst einmal weg.

Kurze Messesplitter:

– Meine beiden Lieblingsspiele der Messe waren Mobile Markets, ein sehr schlankes Wirtschaftsspiel von Cosmodrome und ganz überraschend Iron Forrest, der überproduzierte Bruder von Ice Cool. Keine Ahnung was das mal kosten wird, aber obwohl ich kein allzu großer Icecool-Fan bin, besteht eine hohe Back-Wahrscheinlichkeit, wenn der Kickstarter denn kommt.

– Ein Katarischer Verlag war auf der Messe. Spiel habe ich kurz erklärt bekommen, aber die waren übervorsichtig und ich durfte die Karten aus Hygienegründen nicht anfassen…

– Matagot hatte einen Tisch mit Mind MGT, aber niemand konnte das Spiel erklären. Also saßen immer wieder Leute am Tisch, die die Anleitung studierten und dann wieder aufstanden – es ist kein einfaches Spiel. Ich hatte es auf meiner Liste, aber für einen Blindkauf ist es zu teuer.

– Bei Vengeance Roll&Fight würfelte ein Mitspieler so schlecht, dass der Chefentwickler sich mit dem Autoren beriet, ob so ein schlechtes Ergebnis überhaupt durch die Regeln abgedeckt ist. (Das Spiel ist deutlich knackiger als das Brettspiel, was nett ist, aber mit fehlen die Geschichten, die beim Spiel erzählt werden; man konzentriert sich doch sehr auf das Abstreichen und bekommt von den anderen fast nix mit).

– Es gab einen Met-Adventskalender und ich habe kurz gezuckt.

ciao

peer

 

Peer Sylvester
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