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Warum wir in Spielen nicht das Richtige tun

Nicht jedes Spiel bedient sich wertneutralen Hintergründen und dem Wunsch “nur” zu unterhalten. Gerade Spiele mit anspruchsvollem Thema und ambitionierten Zielen versuchen ihrer Themenwahl dadurch gerecht zu werden, dass sie die Spieler vor sogenannte “moralische Entscheidungen” stellen. Das ist dahingehend löblich, da es zeigt, dass sich die Macher ernste Gedanken machen wie ihr Spiel auf die Spielenden wirkt und mit welchen Überlegungen es sie konfrontiert. Es ist ein Anspruch, den jede Spielentwicklung an sich stellen sollte.

Interessanter finde ich jedoch die Frage was es mit diesen moralischen Entscheidungen eigentlich auf sich hat. Was genau macht sie moralisch und warum spielt das für den Umgang mit dem Thema eines Spiels solch eine große Rolle.

Ob eine Entscheidung moralisch ist, hängt davon ab aus welchen Gründen wir sie fällen. Für die meisten Spiele stellt das die erste große Hürde dar. Die Beweggründe nach denen wir uns in einem Spiel entscheiden, sind beinahe ausnahmslos daran gebunden, wie wir das Spiel gewinnen können. Mit diesem Ziel vor Augen betrachten wir sämtliche Möglichkeiten, die uns das Spiel während unseres Zugs liefert. Dementsprechend sind unsere Entscheidungen immer eigennützig gedacht. Im gängigen Verständnis von Moral und Ethik findet man Eigennutz eher selten an vorderster Stelle.

Wer sich schon immer gefragt hat warum “die Wirtschaft” sich immer wieder für die Option entscheidet, welche mehr Menschen schadet als sie nutzt, findet hier die Erklärung. Ist das Ziel nicht ausdrücklich Menschen vor Schaden zu bewahren, wird das eigene Handeln auch nicht darauf Acht geben. Das ist praktisch angewandter Utilitarismus. Eine Philosophie welche die Richtigkeit und Legitimität einer Entscheidung daran misst, ob sie der größtmöglichen Zahl der relevanten Personen nutzt. Wer nicht zur relevanten Personengruppe gehört, wird bei der Entscheidungsfindung auch nicht berücksichtigt.

Ein oft benutztes Gedankenspiel, um den Utilitarismus in Frage zu stellen (oder in den Augen mancher ad absurdum zu führen) ist das Trolley-Problem. Ein Gedankenexperiment in dem man entscheiden muss, ob man eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn (engl.: trolley) auf das Gleis umlenkt in dem sich eine Person oder viele Personen befinden. Auf den ersten Blick ist die Antwort ganz einfach: wenn nur eine Person stirbt, dann ist das besser als wenn es mehrere tun. Aber sobald die einzelne Persone mehr als nur ein Konzept ist, sondern ein Mensch, den man tatsächlich kennt oder zu dem man eine persönliche Beziehung besitzt, fällt diese Entscheidung zunehmend schwerer. Utilitarismus findet in dem Moment seine Grenzen, wenn wir anfangen Menschen zu sehen statt nur Statistiken.

Im Spiel folgen wir eben diesem Utilitarismus. Wir blicken mit abstrahierendem Blick auf das Spielgeschehen und wenden Regeln möglichst effizient und zielführend an. Moralische oder ethische Entscheidungen sind erst möglich, wenn wir dieser Denkweise Grenzen setzen. Zum Beispiel in dem der Faktor Mensch hinzugenommen wird. Erst wenn wir statt Siegpunkten, Handlungsoptionen und Kontrolle auch Menschen wahrnehmen, öffnen wir das Spiel für moralische Entscheidungen.

Dies ist auf unterschiedliche Arten möglich.

Man kann sich zum Beispiel daran erinnern, dass man gemeinsam mit realen Menschen spielt und nicht nur Widersachern und Kontrahenten. Wie auch im bereits erwähnten Trolley-Problem erwächst die moralische Dimension einer Entscheidung, wenn sie (für uns) reale Menschen betrifft. Allein eine Spielfigur vom Brett nehmen oder aus dem Spiel zu entfernen, ist keine moralische Entscheidung. Zum einen weil diese Spielelemente beim nächsten Spiel wieder auf ihren Anfangsstatus zurückgesetzt werden. Damit haben unsere Entscheidungen keine spürbaren Konsequenzen. Vor allem aber wirken sie sich nur auf Ideen und gedankliche Konzepte aus. Es ist moralisch und ethisch irrelevant, ob man einen Spielstein von einem Bereich in einen anderen legt. Daran ändert auch die spielerische Bezeichnung dieser Marker und Bereiche erstmal nichts. Erst wenn unsere Spielhandlung direkte Auswirkungen auf die Menschen am Tisch hat, kann das Spiel eine moralische Dimension entwickeln.

Wie auch im täglichen Leben ist Moral und Ethik eine Sammlung an Verhaltensrichtlinien, um mit anderen Menschen zu leben, und welche aus unserem Mitgefühl erwächst. Solange wir mit anderen Menschen mitfühlen können, können wir auch moralisch handeln. Dabei geht es nicht darum Entscheidungen allein aus Empathie heraus zu fällen. Es geht darum das eigene Mitgefühl in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. In einem Spiel kann eine Entscheidung nur dann moralisch sein, welche sie mit Hinblick darauf geworfen wurde wie sie sich auf andere Menschen auswirkt. Moral in einem Spiel ist der Punkt an dem unser Siegeswillen an seine Grenzen kommt, weil unsere Spielhandlungen reale Auswirkungen auf unsere Mitmenschen hat. Spieler, die mit Empörung und Wut reagieren, wenn man sie belügt, hintergeht oder unverhältnismäßig stark benachteiligt, tun dies in der Regel weil ihr Unrechtsempfinden, d.h. ihr Verständnis von Moral und Ethik, verletzt wurde. Womöglich stärker als das ihrer Mitspieler.

Um moralische Entscheidungen in einem Brettspiel zu verankern, vertrauen viele Macher auf die sorgfältige Ausarbeitung des Spielthemas. Wie bereits erwähnt, ist das um einiges schwieriger, da das Hantieren von Karten und Spielsteinen nicht an sich moralische Fragen aufwirft. Das trifft auch dann noch zu, wenn die Spielbezeichnungen dafür Assoziationen wecken, die stark emotional aufgeladen sind.

Es sind nicht die einzelnen Elemente, die uns veranlassen die moralische und ethischen Folgen zu bedenken. Wir beurteilen das gesamte Spielerlebnis unter diesem Gesichtspunkt. Ob ich die Spielkarte Sklaverei einsetze oder die Militäraktion wähle um meinen Ressourcenbesitz zu erweitern, drängt uns zu keinen moralischen Abwägungen innerhalb des Spiels. Diese Fragen stellen wir uns erst, wenn wir abwägen ob das Spieldesign seinem Thema gerecht wird. Es passiert, wenn wir uns die Frage stellen wie wahr, authentisch und echt ist das, was das Spiel uns präsentiert.

Ein wichtiger Kritikpunkt an Kolonialismusspielen lautet, dass sie Vorstellungen und Narrativen über diese Zeit bedienen, welche das Unrecht der Epoche schönreden und herunterspielen. Es ist genau diese Unwahrheit der Spiele, die von Menschen mit mehr Kenntnis und Erfahrung zu Recht abgelehnt und angeprangert wird. Die moralische Dimension dieser Spiele äußert sich darin welches Bild sie von ihrem Thema zeichnen. Die moralische Entscheidung für Spieler befindet sich darin, ob wir diese Darstellung kritiklos als gültig anerkennen oder nicht.

Als letzter Punkt ist noch ein interessanter Ansatz zu erwähnen, der entfernt daran erinnert wie besonders gelungene Bücher oder Filme es schaffen uns moralische Situationen und Entscheidungen zu veranschaulichen. Einfach gesagt: die Figuren haben genug Ähnlichkeit zu Menschen, um so unsere Empathie zu wecken.

Wir fühlen mit ihnen und so kann der Film oder das Buch seine Erzählwirkung besser entfalten. Die sprechenden Tiere in einem Zeichentrickfilm veranschaulichen das am besten. Wir fühlen mit der Zeichnung einer Spielzeugpuppe oder eines Goldfisches mit, weil sie menschliche Züge hat und wir ihr so einen Menschen-ähnlichen Status einräumen. Ähnliches ist auch in einem Spiel möglich. Wenn wir anfangen Spielfiguren innerhalb des Spiels als menschen-nah wahrzunehmen, greift unsere Entscheidung auch auf unser Mitgefühl zurück. Erst dann kann sie eine moralische Dimension beinhalten.

Wenn es um moralische Entscheidungen geht, werden Spieler in zwei gegensätzliche Richtungen gezogen. Unser Ehrgeiz treibt uns an das Spiel vor allem als Abstraktion wahrzunehmen, damit wir durch gekonnten Regeleinsatz den Sieg holen können. Aber um überhaupt moralische Fragen zum Geschehen stellen zu können oder sogar nach ethischen Gründen zu handeln, müssen wir erst Empathie zulassen.

Diese Spannung lässt sich nicht ohne weiteres auflösen. Man kann sich lediglich auf eine Position zwischen den zwei Enden einfinden und moralische Entscheidungen mal mehr und mal weniger erleben. Wenn es darum geht das Richtig zu tun, steht uns unser Ehrgeiz den Spielsieg zu holen darum eher im Weg.

Georgios Panagiotidis
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