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Bis hier hin und kein Meta weiter!

Neulich habe ich eine Twitterumfrage gestartet, um mal zu hören welche Ansichten in meinem Sozialmedien-Umfeld denn so üblich sind. Konkret habe ich gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn man in einem kompetitiven Spiel andere Leute davon zu überzeugen versucht wie man dem vermeintlich führenden Mitspieler am besten am Sieg hindern könnte.

Das Ergebnis war – sowohl im deutschen wie auch im englisch-sprachigen Umfeld – eindeutig. Eine große Zahl an Abstimmenden vertrat die Ansicht, dass man ganz selbstverständlich auf andere Spieler einreden darf (und manchmal sogar soll), um den Sieg eines anderen zu verhindern. Ich war von diesem Resultat ein wenig überrascht. Nicht zuletzt, weil doch das gleiche Verhalten und Vorgehen im Bereich der kooperativen Spiele verpönt ist. Für manche Spieler ist es sogar Grund genug, um einen großen Bogen um kooperative Spiele zu machen.

Niemand mag es herumkommandiert zu werden und auch die gut gemeinte Absicht lediglich das Spiel gemeinsam gewinnen zu wollen, ändert nichts daran, dass der Spielgenuss unter solchen Spielern leidet. Einer der wichtigsten Eigenschaften eines Brettspiels liegt darin seinen Spielern die Möglichkeit der freien Entscheidungsgewalt zu geben. Darum verlieren manche Spiele auch sofort ihren Reiz, wenn die optimale Strategie gefunden wurde. Aber das Gleiche gilt auch für Spiele bei denen jeder Zug eines Kontrahenten exakt eine Antwort zulässt, um die eigene Niederlage zu verhindern. Wenn aus der Fülle von Optionen nach jedem Zug eine von ihnen immer deutlich als die beste hervorsticht, dann ist das Gefühl sich frei entscheiden zu können schnell verschwunden. Man fühlt sich vom Spiel gespielt, statt es selbst zu spielen. Das gilt auch, wenn nicht das Spiel, sondern ein Mitspieler einem diese Entscheidungsfreiheit nimmt.

Im Spiel gegeneinander wird diese Frage augenscheinlich weit weniger eng gesehen. Eine große Zahl an Spielern sieht es als völlig legitim und sogar als Teil des Spielreizes, dass man auf einander einredet und sich zu überzeugen versucht den Führenden am Sieg zu hindern. In manchen Spielkreisen gelten diese Argumentationen und Debatten als „politisches“ Spiel.

Hier reinreden ist verboten!

Unabhängig der Bezeichnung, die man dafür nutzen möchte, besitzt ein solches Spiel eine zusätzliche Ebene und bedingt ein erweitertes Verständnis dafür was Teil des Spiels ist. Das bringt natürlich Risiken mit sich. Wenn der eigene Erfolg dadurch untergraben oder ungültig gemacht wurde, weil man der Argumentationsfähigkeit und Überzeugungskunst seiner Mitspieler nicht entgegenwirken konnte, so führt das oft zu Irritation und Verärgerung. Nicht zuletzt weil Uneinigkeit darüber herrschen mag, was Teil des eigentlichen Spiels ist und was nicht. So kann ein Spiel als strategische Abwägung taktischer Entscheidungsmöglichkeiten beginnen, nur um in letzter Instanz als Aufsehen erregendes Wortgefecht zwischen Marktschreiern zu enden.

Wenn ein Spiel im Rahmen seines Spielverlaufs bei Spielern Verärgerung und Ablehnung auslöst, so werden oft Regeln zu Rate gezogen, um die Ursachen dafür zu bekämpfen. Eine unschlagbare Strategie wird entschärft, in dem man Änderungen im Namen der Spielbalance durchführt. Bietet der Hintergrund eines Spiels Grund das Spiel zu meiden, wird dieser angepasst und ansprechender gestaltet. Wenn die Einflussnahme die Spieler gegenseitig ausüben ein schlechtes Gefühl hinterlässt, wird oft darauf umgelenkt, dass man ja auch ein anderes Spiel spielen könnte.

Wer hier still bleibt, verpasst den Spaß!

Das gilt jedoch nicht für kooperative Spiele. Hier wird diese Form der Überzeugungsarbeit derart deutlich abgelehnt, dass man Spiele lobt, wenn sie es mit Hilfe der Regeln unmöglich machen, dass sich ein Spieler zum Bestimmer aufschwingt. Umso interessanter, dass es im kompetitiven Spielbereich derartige Lobgesänge nicht gibt und Regeln dieser Art nur selten vorhanden sind. Stattdessen wird dieses Verhalten als natürliche Facette des Wettkampfs geduldet oder sogar als Kern des eigentlichen Spiels präsentiert. Es ist eine Position, der man auch nur bedingt zustimmen darf. Ich würde sogar so weit gehen, dass in den meisten Spielrunden reicht feinkörnig unterschieden wird wann man andere Spieler beeinflussen darf und wann nicht. Dabei sehe ich diese Unterscheidung nicht im Spiel, sondern in der Gruppe verankert. Es ist nicht das Regelwerk sondern die einzelnen Spieler selbst, die ein solches Verhalten als Teil des Spiels akzeptieren.

Unabhängig davon ob man miteinander oder gegeneinander spielt, stellt sich im Kern die Frage wie man den persönlichen Ehrgeiz mit dem gemeinschaftlichen Spielerlebnis in Einklang bringt. Ist das Erringen des Sieges die höchste oder einzige Priorität des gemeinsamen Spiels, dann zahlt eine kooperative Gruppe gern den Preis eines Alphaspielers, der sie zum Erfolg führt. Im Spiel gegeneinander zieht man statt böser Blicke, höchstens Heiterkeit auf sich, wenn man anderen Spielern erklärt welcher Zug für sie der vorteilhafteste ist.

Normale Spielrunden haben aber auch andere Aspekte des Spielerlebnis im Auge. Abseits des kompetitiven Wettstreits bieten Spiele viele Gründe, weshalb man sie auf den Tisch bringt. Sei es das eigene Ausloten der taktischen Möglichkeiten, das Erleben spannender Entscheidungszwänge oder auch das gemeinsame Leiden, wenn jeder noch so kleine Erfolg mühsam errungen werden musste. Ein Spiel bleibt nicht deshalb gut in Erinnerung, weil wir ein tolles Ergebnis erzielt haben, sondern weil unsere eigenen Entscheidungen für den Ausgang der Partie verantwortlich waren.

Zu wissen was man seinen Mitspielern sagen darf und was nicht ist keine Hexerei. Es benötigt Spieler, die sich klar machen können und wollen, warum sie eigentlich gerade dieses Spiel spielen.

Georgios Panagiotidis
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