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Mark Your Game and don’t Close your Fridge

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Wenn ich eines immer wieder sehe, dann wie sehr in dem größer werdenden Brettspiel-Business die Meinungen aufeinander klatschen. Es gibt ja vier große Gruppen. Diese sind in etlichen Bereichen überlappend, aber für meine Betrachtung tut es das heute mal.

Gruppe 1: Die Spieleautoren, die sich tolle Spiele einfallen lassen
Gruppe 2: Die Verlage, die die Spiele bearbeiten und veröffentlichen
Gruppe 3: Die Rezensenten und Blogger, die über die Spiele berichten
Gruppe 4: Die Spieler, die die Spiele dann spielen.

Für meine Betrachtung heute sind die Autoren außen vor, Ich will hier nur die Beziehung von den letzten drei Gruppen betrachten. Ich tue dies – versucht – aus allen drei Perspektiven, werde aber ganz oft den Hut des Verlegers aufhaben. Damit biete ich Angriffsfläche vor allem an der Front, lasst euch also nicht davon abhalten das auch zu kritisieren an diesem Artikel.

Springen wir mal ins Verlagswasser

Ein (Verleger)-Kollege hat mir vor ein paar Jahren mal gesagt, dass es ihm egal ist, ob die Leute seine Spiele oft oder richtig oder überhaupt spielen. Sie haben sie ja gekauft. Das mag mathematisch betrachtet stimmen, aber es ist natürlich so, dass der Faktor, wenn die Leute ein Spiel toll finden, in einer Zeit in der jedes Jahr eine ordentliche 4-stellige Zahl von Spielen auf den Markt kommt, es nicht reicht überhaupt was zu bringen und es die Leute kaufen zu lassen. Denn sie könnten damit irgendwann aufhören.

Und das wäre nicht gut. Es gleicht eh einem Lotteriespiel, ob das eigene Spiel wahrgenommen wird, ob es bei den Leuten ankommt und ob es im Nachhinein auch Umsatz oder eine Zweitauflage oder vergleichbares bringt, oder es eigentlich schon abstürzt und die erste Auflage im Lager mehr Kosten verursacht als sie irgendwann noch einbringen kann.

Um in der Masse sein Risiko zu streuen, streuen es auch die Verlage – logischerweise – und bringen deswegen noch mehr Spiele auf den Markt. Es wird halt unübersichtlich. Und das ist eine Spirale.

Das Wesen des Rezensenten

Eine Gruppe, die natürlich sich auch auf die Fahne gesetzt hat, Übersicht in dieses Dickicht zu bringen, sind die Rezensenten. Sie wollen sagen was gut ist und was nicht. Da gibt es natürlich Geschmäcker und bestimmt sagen etliche gleich, das wäre gar nicht ihr Anspruch, auf der anderen Seite ist es gerade in meinen Augen aber eigentlich ihre Aufgabe. Wer sich nicht angesprochen fühlt, der darf gerne aufhören zu lesen.*

Es gibt sehr viele (sogar die überwiegende Mehrheit) Blogger da draußen, die vor allem Spaß haben an dem was sie machen und es auch nur aus dem Spaß daran machen. Und das finde ich super. In den USA hat aber inzwischen schon längst eine Professionalisierung der Blogger eingesetzt. Damit meine ich nicht nur, dass diese davon leben wollen und können, sondern auch dass da einiges Drumherum geboten wird. Allein der Output vom Dice Tower ist nur machbar, weil es ein ganzes Team ist und nicht nur Tom alleine. Diese Blogger machen neben den Rezensionen aus Spaß auch etliche Dienstleistungen für Verlage, die aber Geld kosten.

Zurück zu den normalen Rezensenten. Sie haben folgenden Vorteil oder auch Nachteil: Sie müssen sich durch alles durchwühlen und die Perlen finden. Für viele gibt es damit aber auch einen guten Grund sich zu vernetzen, um sich auszutauschen und die Last der Spiele auf mehrere Schultern zu verteilen. Wenn ein Spiel von zwei, drei oder vier Rezensenten eher mau angenommen wird, kann sich der Rest es eigentlich schenken. Das macht Zeit frei für andere Spiele. Das klingt doch attraktiv. Es bringt aber das Problem mit sich, dass manche Spiele von allen besprochen werden, weil sie gut sind, und andere von niemanden. Meist weil sie schlecht sind, aber öfters auch mal, weil sie in der Masse durchs Raster gefallen sind. Und je mehr Spiele es werden desto häufiger passiert das auch.

Zeitgleich kommen wir zu einem anderen Problem. Mehr Spiele bedeutet auch mehr Verteilung auf das Jahr. Spiele die nicht sofort in die Rezensenten-Rotation kommen, werden nach 4 Monaten schon als alter Hut aufgenommen. Es interessiert weder den Rezensenten noch den Viel-Spieler. Die Spirale dreht sich weiter.

Der (un)informierte Spieler

Und da sind die Spieler. Es gibt die, die eh viel Spielen, selten ein Spiel öfter als 3-mal auf dem Tisch haben und auch ansonsten gut Bescheid wissen. Diese Spieler brauchen keine Rezensionen, außer um sich gut zu fühlen und ihre Meinung bestätigt zu sehen oder sich die Zeit zu vertreiben, wenn gerade nicht gespielt wird. Was auch alles völlig ok ist.

Aber es gibt die Spieler die nur einmal in der Woche einen Abend, oder gar nur einmal im Monat zum Spielen kommen. Ihnen ist die Spielzeit wichtig und wertvoll. Sie wollen da eine gute Beratung, sie wollen wissen was sie vielleicht verpassen könnten. Die Gruppe der Spieler die Rezensionen und Let’s Plays nur als Selbstzweck konsumieren wie andere ein Fußballspiel gibt es auch, aber sie sind für diese Betrachtung einfach mal außen vor.

Die Dreiecksbeziehung

Was wollen die Spieler von den Rezensenten? Sie wollen informiert oder unterhalten werden oder am Besten beides. Vielleicht stößt man auf diese Weise auf eine Perle und erfreut sich daran oder wird davon abgehalten ein Spiel zu spielen, dass zwar gut sein mag, aber eigentlich nicht ins eigene Schema passt. Ein Wegweiser wäre am Besten.

Was wollen die Rezensenten von den Spielern? Sie wollen informieren oder unterhalten. Sie wollen sich selber darstellen oder auch dazu gehören. Sie wollen Spaß vermitteln oder auch neue Menschen erreichen. Sie wollen der Wegweiser sein. Da gibt es bestimmt für jeden ein eigens persönliches Ziel, aber das Bedürfnis auch seine Meinung nach außen zu tragen, kann eigentlich keiner verneinen.

Was wollen die Spieler von den Verlagen? Gute Spiele. Und gut ist, was einem gefällt. Das ist ein weites Feld. Die Spieleunterhaltung soll gut sein. Was allerdings gut ist, sieht ja jeder anders.

Was wollen Verlage von den Spielern? Dass sie kaufen. Gerne viel und gerne das eigene Programm. Vielleicht, dass sie es noch anderen weiterempfehlen. Captain Obvious kann hier keine Geheimnisse aufdecken.

Was wollen die Rezensenten von den Verlagen? Spiele. Am Besten umsonst oder günstig. Vor allem aber gute Spiele.

Was wollen Verlage von Rezensenten? Das sie die eigenen Spiele vorstellen. Das sie darüber reden, diese erwähnen. Gute Noten sind ein Schmankerl on top, aber nicht nötig. Und wer denkt das Verlage schlechte Bewertungen den Rezensenten übel nimmt, der irrt gewaltig, auch wenn er das eine Gegenbeispiel parat hat.

Ist das aber wirklich so?

Diese Darstellungen sind vermutlich zu arg vereinfacht. Und es gibt unendlich viele Beispiele, die dem widersprechen. Es gibt Verleger, die einfach Freude daran haben, Spiele zu machen, die etwas abseits sind, oder Rezensenten, die vor allem sich in neuen Medien ausprobieren wollen, oder Spieler, die einfach eine tolle Zeit mit Freunden haben möchten. Egal mit welchem Spiel.

Und gerade bei der Beziehung zwischen Verlag und Blogger bin ich mir nicht so sicher. Das hängt damit zusammen, dass hier einiges an ambivalentem auftaucht, welches von vielen falsch verstanden wird. Und natürlich, dass ich als Verleger mir meine eigene Meinung dazu gebildet habe.

Fangen wir mit dem Umgang mit Rezensionsexemplaren an. Klar möchte der Rezensent die gerne umsonst haben. Er hat damit echt Arbeit. Er muss das Spiel mehrmals spielen, von mehreren Leuten Eindrücke bekommen, die verschiedenen Spielerzahlen betrachten, es auf Herz und Nieren testen. Jeder Rezensent, der das nicht vollzeitig macht, kann auf diese Weise nur einen Bruchteil der Spiele des Jahrgangs betrachten. Aber diese Arbeit kostet halt Zeit und Zeit ist Geld und diese Zeit kostet die Verlage nur ein Exemplar ihres Spiels. Günstiger geht es für die Verlage nicht.

Diese Milchmädchenrechung stimmt, wenn das Spiel diese Behandlung abbekommt. Oft passiert es aber, dass es nach einem schlechten ersten Test eher verschwindet und unter einem Stapel versteckt landet. Es kommt keiner hinterher. Selbst wenn das Spiel am Ende dem Rezensenten gefällt, kann es locker 6-12 Monate gedauert haben, bis er an dem Punkt ankommt. Ich selber habe meine Hansa Teutonica Rezension erst 2 Jahre nach Erscheinen schreiben können. Und damals war die Zahl der Neuheiten in Essen noch unter 500.

Dazu kommt die unfassbare Zahl an Rezensenten. Allein im Deutschsprachigen Bereich gibt es etwa 300 mir bekannte. Und ich habe vor etwa 2 Jahren aufgehört alle zu protokollieren. Da sind Schreiber, YouTuber, Podcaster, etc… alle dabei. Die Meisten haben eine Reichweite von ein paar Dutzend bis vielleicht Hundert Spielern. Ist es für die Verlage überhaupt wert ihre Zeit in solche kleinen Kanäle zu tun? Manchmal erreichen die aber tatsächlich neue Spieler oder genau die Zielgruppe die es braucht.

300 Spiele einer Auflage von etwa 1000 bis 3000 Spielen kann jedoch kein Verlag rausgeben. Das ist in der Kalkulation einfach nicht drin. Außer vielleicht wenn das Spiel gerade einen Pöppel gewinnt. Das schaffen aber nur 3 Spiele im Jahr, daher gehen wir davon mal nicht aus. Wenn also Verlage anbieten, das Spiel auch für den Rezensenten günstig anzubieten, dann geht es hier darum, einen Weg zu finden, wo man sich entgegenkommen kann. Die allermeisten verstehen das.

Es gibt aber auch einen anderen Grund: Den Rechtlichen. Wenn ein Verlag ein Spiel an einen Rezensenten umsonst gibt, muss dieser das Spiel als geldwerten Vorteil versteuern und als Einnahme in seiner Steuererklärung angeben. Wer nur ein paar Spiele bekommt, erreicht damit keine Grenzen, wer aber da schon auf eine ordentliche Menge an Exemplaren kommt, könnte bei einer Prüfung vor Problemen landen. Die Spiele günstiger zu kaufen, ist also auch für den Rezensenten eine Absicherung.

Kommen wir zu meinem Lieblingsargument: Der Rezensent macht doch da auch Werbung für den Verlag und sein Spiel. Günstiger geht es nicht.

Formulieren wir es so: Das ist es, was sich der Verlag wünscht. Wenn No Pun Included jede Woche genau eine Rezension machen – und man sieht, dass da echt viel Arbeit reingeflossen ist – dann ist das vor allem das, was es sein möchte: Eine Rezension. Und wenn diese positiv ausfällt, dann hofft der Verlag, dass es im Verkauf etwas bringt. Wobei es aber vor allem auch Werbung für No Pun Included ist, wenn sie gute Arbeit machen, denn das sorgt dafür, dass mehr Spieler sie sehen und sie so attraktiver werden für die Meinungsbildung. Und die Großen kennen auch die meisten. Jeder weiß, wer Hunter & Cron ist oder Shut Up & Sit Down oder Dice Tower. Das sind selber schon Marken.

Oft passiert aber das, was ich überall beobachte. Die Rezension versendet sich. Jeden Tag eine Rezensionen zeigt nicht, dass da eine Auswahl getroffen wurde, dass da dem Leser/Zuschauer/Zuhörer geholfen wurde einen Blick durch das Dickicht zu finden. Klar, wenn man alles rezensiert, kann man zu allem eine Info finden, aber dann ist das auch nicht mehr, als die Wochenberichte auf unknowns zu lesen. Und die reichen dafür doch, oder? Hatte ich nicht eingangs erwähnt, dass der Rezensent im Dickicht der Masse helfen soll? In Wahrheit sind die Wochen- oder Monatsberichte schon mehr wert.

Was in meinen Augen dem Verlag viel mehr bringt, wenn sein Spiel öfter erwähnt wird. Und das vor allem in den Formaten, die den Leuten viel mehr Spaß machen: Listen. Wenn einer erzählt, was er diesen Monat gespielt hat, und ein entsprechendes Spiel zum dritten Mal erwähnt wird, dann bleibt das eher haften. Wenn ein Spiel auf einigen Top-Listen auftaucht bringt es den meisten Verlagen mehr, als eine weitere Rezension unter vielen. Das Boxenhochhalten ist wertvoll, vor allem wenn das nicht nur das Hochhalten ist, sondern auch das Anfüllen mit einigen knackigen wertvollen Sätzen.

Rezensionen sind im Berichterstattungs-Mix auch echt wichtig, aber sie sind nur ein Baustein und dazu noch keiner, der annähend 30% ausmacht. Das Grundrauschen ist viel wichtiger. Je mehr über ein Spiel reden, desto besser. Wenn man in aller Munde ist, dann hilft das einfach mehr. Und damit sind nicht nur die Rezensenten gemeint, welche nur eine Teilgruppe der Spieler darstellen, sondern vor allem die gesamte Spielerschaft an sich.

Und das ist in meinen Augen die größte Problematik zwischen der Beziehung zwischen den Rezensenten und den Verlagen. Und selbst wenn das klappt, kann das Spiel trotz etlicher Erwähnungen sich nicht verkaufen. Denn geben wir es zu, die meisten Käufer kennen die meisten Blogger/YouTuber/Podcaster nicht. Aber Käufer wären da nochmal eine andere Gruppe. Und das wollte ich heute nicht betrachten.

*Aus dem Feedback, der letzten zwei Artikel, weiß ich, dass die nicht von allen vollständig gelesen wurden oder ich zu blöd bin zu erklären, was ich sagen möchte. Das ist wie mit Anleitungen von Spielen. Die werden auch oft nicht korrekt gelesen oder blöd geschrieben und die Spiele werden dann falsch gespielt, aber das ist wie der Kollege am Anfang sagt, heute mal egal.

Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.
Matthias Nagy