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Wenn die Meeple Trauer tragen

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Mit den Worten: „Liebe Zielgruppe!“ begann Dieter Moor immer seine Sendung Canale Grande. Es war ein Magazin über die Medien und war in seiner Art damals einzigartig und zu Recht mit Preisen ausgezeichnet. Es war die mitunter einzige Sendung auf dem damals frisch und mit viel Willen gestarteten Sender Vox. Es sollte Qualitätsfernsehen werden. Etwa ein Jahr später wurden 90% der Sendungen auf dem Sender rausgeworfen und stattdessen gab es dieselben Konserven wie auf anderen Sendern. Dieter Moor zog weiter und machte studio/moor bei Premiere.

Qualität ist sehr schwer zu halten und auch schwer zu messen. Auch im Brettspielbusiness. Es gibt die Autoren, die nach oben kommen und sich dann immer wieder an ihrem einen Erfolg messen lassen sollen. Friedemann Friese hat mit Funkenschlag ein grandioses Spiel gemacht, aber wer erwartet, dass alle seine Spiele auf dem Niveau sind, musste schnell enttäuscht werden. Friedemann selber mag eigentlich lieber andere Spiele. Und er macht super Spiele, die aber eine andere Zielgruppe haben. Fans von Funkenschlag sind da eher oft enttäuscht.

Auch ein Stefan Feld ist nicht immer gleich ein Stefan Feld, so sind seine Spiele bei Queen Games deutlich anders als seine Spiele bei alea. Und ein Autor der seine Erfolge mit solchen Kenner- und Expertenspielen zementiert hat wie ein Dr. Reiner Knizia, der wird von vielen als Enttäuschung gesehen, wenn er dann Spiele wie L.A.M.A. macht. Ein Spiel, das definitiv seine Qualitäten hat. Aber für ein anderes Publikum. Eines, das größer und zahlreicher ist, eines, das mehr Geld abwerfen kann, wenn man davon leben will. So wie ein Sender Quoten braucht, um Geld durch Werbung zu verdienen. Oder es ist Bezahlfernsehen, das einfach alles quersubventionieren kann, wie es jetzt Netflix ist.

Unseren Fernseher haben wir vor etwa 12 Jahren entsorgt. Wir sind in eine Wohnung gezogen, wo wir keinen Empfang mehr hatten, und wirklich vermissen tue ich es nicht mehr. Die guten Sachen bekommt man so mit und vieles kann man ja streamen oder bei YouTube schauen, was einem gefällt an Filmen und Serien oder auch mal Sendungen wie Zapp, das Medienmagazin. Der Rest des Programms war eh austauschbar. Zum Teil musste man nachschauen, auf welchem Sender man war, weil es sich inhaltlich nicht mehr auseinanderhalten lies. Zumindest vor 12 Jahren. Zum aktuellen Programm mag ich da nichts sagen.

Und dabei liebe ich Abwechslung. Wie ich schon mehrmals auf Ravioli verwiesen habe, geht es dabei um Vielseitigkeit. Damit ich das alte Thema nicht wieder aufkoche, denn auch die Leser hier wollen ja Abwechslung, werfe ich eher mal einen anderen Blick. Und Abwechslung kann ja sehr verschieden kommen.

  • z.B. Agricola. Mit seinen Hunderten von Karten, ist jede Partie anders. Abhängig von den Karten und meinen Fähigkeit diese zu lesen, passiert da immer was anderes. Das Beste da rauszuholen ist schwer, aber erfüllend.
  • z.B. Das Herr der Ringe LCG. Es gibt inzwischen etliche Quests, aber es sind auch immer wieder neue Ideen zu finden. Auf einmal spielen wir an zwei Tischen getrennt und müssen uns gegenseitig Karten zuschieben. Einmal legen wir Orte als ein großes Meer aus und segeln herum.
  • z.B. Robinson Crusoe. Hier braucht es nicht mal die Menge an Karten, die im Spiel ist. Alleine die Ziele in den einzelnen Missionen sind unterschiedlich und spannend und jedes Mal anders. Solche Abwechslung macht aus einem Spiel noch viel mehr.
  • Und dennoch liebe ich auch Spiele wie z.B. Krass Kariert, welches eigentlich immer dasselbe ist, aber manchmal brauche ich genau das und finde es darin. Dafür muss ich aber diese Abwechslung im Regal haben. Und dafür muss auch ein Fernsehprogramm diese Abwechslung bieten.

Aber nicht jeder braucht die breite Abwechslung wie ich. Viele sind mit dem zufrieden, was sie haben und freuen sich über Abwechslung in Form einer neuen Carcassonne- oder Catan-Erweiterung. Es gibt für bestimmte Spiele eben eine größere Käuferschicht als für andere. Daher kann ein Spiel des Jahres-Titel mehr Umsätze generieren, als der Kennerspiel des Jahres-Titel.

Schwierig wird es, wenn die Auswahl nicht die Beste ist. Ein Problem, welchem sich die Jury stellen muss. Sie soll einen schönen Querschnitt des Jahrgangs abbilden und dafür den gesamten Jahrgang auch überblicken. Eine eigentlich unlösbare Aufgabe, wenn man bedenkt, wie sehr jeder Jahrgang an Neuerscheinungen wächst. Aber dieses Wachstum passiert nicht nur auf einem Level, sondern es zieht sich durch die gesamte Branche. Es gibt mehr einfache Spiele, mehr Kinderspiele, mehr Expertenspiele, mehr 18xx-Spiele, mehr Kickstarter-Spiele und so weiter. Und bei solch einem vielseitigem Wachstum müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn es bestimmte Kategorien nicht schaffen berücksichtigt zu werden.

Wir stellen uns einen Kunden vor, der in ein Geschäft kommt und der Verkäufer versucht zu beraten. Für manche Leser hier etwas merkwürdig vorstellbar, denke ich aber sehr wohl, dass diese Art Geschäfte noch lange nicht ausgestorben sind. Der Kunde liebt UNO, was gibt es da vergleichbar Gutes. Die Jury nominiert L.A.M.A, das kann man dem Kunden guten Gewissens empfehlen. Der Kunde liebt Activity? Da gibt es mit Just One auch eine gute Option. Der Kunde liebt Jenga? Da empfiehlt die Jury … Nichts.

Wenn der Laden Ahnung hat, wird er selber gute Spiele empfehlen können. Wenn der Laden aber einfach nur eine beschränkte Auswahl hat und sich über die sehr gut gemachte Broschüre der Jury vor allem informiert, dann muss der Kunde schauen, was ihm wohl stattdessen gefällt. (https://www.spiel-des-jahres.com/de/downloads)

2018/2019 gilt bei vielen als schwacher Jahrgang. Ich selber habe das oft gesagt, aber das ist eine Einschätzung in der Szene. Dass es dennoch sehr gute Spiele gibt, das zeigen die vielen Listen überall. Und vielleicht gibt es weniger gute Spiele für bestimmte Zielgruppen, aber es ist dennoch für jeden was dabei. Jede Zielgruppe sollte bedient werden. Dieter Moor soll uns mit seiner Offenlegung dieses Blickwinkels nicht alleine gelassen haben. Aber vielleicht ist die Jury wie Vox. Sie wandelt sich gerade in eine andere Richtung, an ein anderes Publikum. Die Jury ist jedes Jahr anders. Jedes Jahr kommen neue Mitglieder und alte gehen. Der Prozess ist schleichend, aber in der Liste jedes Jahr spürbar. Vielleicht bin ich nur verknöchert und die Jury macht tatsächlich das, was massentauglich ist. Und ich sollte nur meinen Blick darauf abschaffen. So wie den Fernseher.

Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.
Matthias Nagy