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Neues aus der Rollenspielszene

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Beitragsbild neutralDrüben, bei den Rollenspielern, geht gerade wieder die Post ab. Da man aus der Nachbarszene sonst wenig mitbekommt – aber bestimmte Dinge hier durchaus wert sind gehört zu werden-  berichte ich ein bisschen.

Ganz kurz: Zak Smith wird gerade von vielen Verlagen fallen gelassen. Insbesondere wollen OneBookshelf, die Leute hinter DriveThroughRPG, keine neuen Produkte von Smith mehr in ihrem Onlineladen erlauben (die bereits bestehenden werden abverkauft, um den Partnern nicht zu schaden). OneBookShelf ist so ein bisschen “Amazon für PDFs” – so ziemlich alle Amerikanischen PDFs, die verkauft werden, laufen über diese Firma, inklusive Produkte von großen Verlagen wie Wizard of the coast. Viele Rollenspiele können nur über DriveThroughRPG erworben werden. Ja, das ist ein großes Ding – und einzigartig in der etwa 18jährigen Verlagsgeschichte OneBookshelfs. Zak Smith hat mehrere Ennies (quasi das Rollenspiel des Jahres in der USA) gewonnen und u.a. auch bei der fünften Edition von D&D mitgewirkt, ist also auch nicht irgendwer.

Damit reagiert die Szene auf massive Vorwürfe mehrerer Frauen bezüglich sexueller Belästigung und körperlicher wie psychologischer Gewalt seitens von Smith. Der reagierte mit einem Statement, das sei alles nicht wahr und es waren die Frauen, die ihm gegenüber gewaltig wurden und er veröffentlichte gleich noch ein paar Fotos dieser Frauen, um zu zeigen, dass die nur frustrierte Ex-Freundinnen seien. Nein, ich verlinke das nicht. Man kann allerdings auch nicht behaupten, dass die Vorwürfe ganz überraschend kommen. Sein Onlineverhalten war schon immer aggressiv-toxisch und umfasste neben dem Beleidigen Andersdenkender auch das öffentliche Outen von Trans-Menschen (ohne deren Zustimmung natürlich), Aufruf zum Cybermobbing (also seine Follower aufgerufen, bestimmte Leute, die kritisch berichteten gezielt zu trollen, zu belästigen und zu beleidigen) und sogar Doxxing (d.h. das Veröfffentlichen privater Daten – insbesondere der Adresse – von Kritikern und Andersdenkendern (In diesem Artikel sind die entsprechenden Links). Bislang wurde darüber hinweg gesehen – er galt als “edgy” und überhaupt offline ein ganz anderer Mensch, so seine Fans. Aber jetzt ist diese Linie wohl überschritten. Es hilft auch nicht, dass sein Freund und Verleger James Raggi öffentlich mit Amerikanischen Neonazis zusammenarbeitet. Oder kurz zusammengefasst: Ein guter Schritt für ein inklusiveres, positiveres Hobby. White Wolf, bei dem Smith auch als freier Mitarbeiter tätig war setzt damit das Versprechen konkret um, dass sie nach den Tschertschenienskandal getätigt haben. Die Rollenspielszene kann es gebrauchen, hat sie doch -und das sage ich als jemand, der Rollenspiele liebt – durchaus den Ruf, dass sie negative Gesellen (und hier ausschließlich maskulin zu lesen) darin tummeln. Ein Ruf, gegen den sie jetzt langsam etwas unternimmt.

Ein anderes, weniger krasses Beispiel war das sogenannte “D&D Gate”: Nachdem Jeremy Crawford, der Hauptautor der fünften D&D Regeln einen Tweet abgesetzt hat, bei dem er die Praxis der USA kritisierte, Flüchtlingskinder an der Grenze von ihren Eltern zu trennen, kritisierte (Hier der Originaltweet), sah ein anderer D&D-Mitarbeiter ( John Tarnowski) darin einen Affront, ja einen Beiweis für linkslastige (oder gar linksradikale) Autoren bei Wizard of the coast und führte bei Twitter den Hashtag #D&DGate ein, um solche Skandale offen zu legen. Reaktion der Szene: Das ironische Posten von Toren. Die “Bewegung” verlief mehr oder minder im Sande. Um zu verstehen warum das bemerkenswert war, muss man die Hintergründe von Gamersgate und den Sad Puppies kennen. Bei ersteren entstand aus dem (haltlosen) Vorwurf, eine Entwicklerin hätte gegen Sex mit einem Rezensenten gehabt, damit ihre Computerspiele positiv besprochen werden (*) eine Bewegung, die sich vor allem gegen Inklusion richtete – Inklusion sowohl von Spielern aus anderen Kulturkreisen und auch von einer durchgehenden Akzeptanz von Frauen in Computerspielkreisen, aber auch Inklusion von Spielercharakteren mit anderen Charakteristiken als “weiß, männlich, hetero, heldenhaft”. Bei den Puppies ging es vordergründig auch gegen die Linken “SJWs” die schlechte Bücher promoten, nur weil dort diversere Charaktere vorkommen, insbesondere Protagonisten mit anderen Charakteristiken als “weiß, männlich, hetero, heldenhaft”. Es bedarf nicht viel Phantasie um zu erkennen, dass Tarnowski etwas ähnliches vorschwebte. Immerhin decken moderne Rollenspiele auch ein sehr viel größeres Spektrum ab und sprechen auch sehr viel diversere Leute an, als es noch vor 20 Jahren der Fall war. In D&D gibt es in der aktuellen Edition einen Passus der explizit benennt, dass Charaktere alle Geschlechter und sexuelle Ausrichtungen haben können. So etwas stößt Zeitgenossen übel auf, die irgendwie denken, dass “Zielgruppenerweiterung” ein Nullsummenspiel ist, bei dem mehr Inklusion irgendwie die alten Zielgruppen bedrohen würden. Und damit sind wir bei der Reaktion der Szene: Ein Kulturkampf wie bei den Videospielen fand nicht statt. Das ist eine gute Nachricht.

Wie oben schon gesagt; Die Rollenspielszene befreit sich langsam von unangenehmen Gesellen, die sie jahrelang mit sich rumgeschleppt haben. Gut für sie. Wie sieht es bei Brettspielen aus? Als Weißer Mann, kann ich da wenig aus eigenen Erfahren reden. Mein Eindruck ist, dass die Brettspielszene (in der ich jetzt sehr involviert bin) sehr viel offener ist und weniger Gatekeeping, geschweige denn Ausgrenzungen und Cybermobbing gegenüber Frauen und/oder Minderheiten betrieben wird als es beim Rollenspielen der Fall war, als ich in den 90er Jahren in der Szene dort sehr aktiv war. Allerdings sind gerade die sozialen Medien auch in unserem Hobby nicht frei von negativen Einflüssen. Wer schon quasi live dort wirklich übelste Attacken gegen Frauen wie Katie Aidley (Katies Game corner) oder Suzanne Sheldon (Dice Tower) miterlebt hat (denen schon gewünscht wurde, dass sie vergewaltigt worden wären oder dass ihnen vorgeworfen wurden, sie würden sich diese Vorwürfe ausdenken “weil sie die Vorstellung, heiß macht”), weiß dass auch unser Hobby nicht frei von gefährlichen Einflussen ist, denen wir uns gemeinsam gegenüberstellen müssen – und es mit Spielen für Toleranz glücklicherweise aus tun. Überall gibt es Idioten, das muss einem klar sein. Aber (und da zitiere ich mal Georgios) wenn man hier ein derartiges Verhalten frühzeitig und deutlich als untragbar benennt, kann man viel dazu beitragen, dass es solche Leute auch weiterhin schwer haben werden sich als harmlos aber missverstanden zu verkaufen.

ciao

peer

(*) Korrigiert – Ich hatte das erst falsch anders herum aufgeschrieben. Danke an @manuspielt für die Korrektur!

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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