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Die Menschliche Natur

Am Donnerstag hatte ein Kommentar für Diskussionsstoff gesorgt. Wenn ein Kommentar das auslöst dann hat dies immer Vorteile. Es wird über den Kommentar geredet und den Umstand, der den Kommentar ausgelöst hat. Der dabei entstehende Austausch von Argumenten sollte hoffentlich für alle was bringen, was er natürlich nur mit kraftvollen Argumenten kann.

Auslöser ist dieses Jahr der Kommentar von Wolfram Dübler-Zaeske von der Spiele-Offensive, der Jury unterstellt das der Anspruch der Spiele immer sinkt. Nun hat Sebastian Wenzel von zuspieler.de das ganze mit Zahlen bildlich widerlegt, so wie auch Peer Sylvester dies schon vor sechs Jahren hier gemacht hat. Was unterm Strich bleibt ist auf der einen Seite das Gefühl von vielen Menschen und auf der anderen Seite die Zahlen die diesem Gefühl widersprechen. Das ganze entsteht nur einem Grund. Der Name Spiel des Jahres impliziert, das es auch um DAS Spiel des Jahres geht. Der Name weckt Assoziationen, die für jeden Menschen auf eine eigene Art zu interpretieren sind. Schauen wir uns mal die drei Gruppen an.

Für die Hard-Core-Viel-Spieler kann dies eigentlich nur das anspruchsvollste Spiel sein, welches der Jahrgang gesehen hat. Hier kann für dieses Jahr gestritten werden aber es wird wohl auf die Gruppe aus Tzolk’in, Terra Mystica, Keyflower und Bora Bora hinauslaufen. Jeder hat hier seinen eigenen Favoriten und jede Diskussion darum ist anstrengend. Aber die Wahl für ein solches Spiel wäre verkehrt. Das ist als würde der Oscar der Filmakademie an den anspruchsvollsten Film gehen. Den Film den 99% aller Filmfreunde nicht gesehen haben, weil er ihnen Dröge erscheint. Viel mehr Leute wollen einfach nur unterhalten werden. Der neuste Almodovar mag hervorragend sein, aber die meisten würden mit einem Kopfschütteln aus dem Kino kommen.

Für Gelegenheitsspieler, welche schon etliche Spiele kennen und welche auch gerne etwas anspruchsvolleres Spielen. Gibt es hervorragende Spiele, welche vom Kennerpreis abgedeckt werden. Ein Brügge, Carrara und auch ein Andor sollten anspruchsvoll genug sein, dass diese Spieler unterhalten werden. Das ist auch die Gruppe die Wolfram in seinem Kommentar meint. Diese Gruppe ist bereit sich für ein längeres Spiel hinzusetzen und auch etwas Anleitung zu lesen. Diese Gruppe ist bereit in eine Spielewelt abzutauchen. Diese Gruppe sollte den Kennerpreis kaufen, sie ist bereit zu spielen und hat schon etliches gespielt. Sie ist soweit zum nächsten Schritt zu gehen.

Für Nicht-Spieler ist es das Spiel das also so toll sein soll. Sie stellen auch die größte Gruppe der Kunden da. Es ist die Gruppe, der das Kulturgut Spiel näher gebracht werden soll. Sie schnuppern rein und wollen sofort Spaß haben. Wenn das gelingt bleiben sie hängen und kaufen vielleicht mehr Spiele. Sie spielt öfter und entdeckt das Hobby für sich. Diese Gruppe braucht das Spiel des Jahres als Leitbild. Sie kauft ein Qwirkle hat viel Spaß und erzählt anderen Freunden davon die sonst vielleicht auch nicht spielt. Diese Multiplikatoren sind viel größer als es alle Szenekenner zusammen sein können. Und die Verkaufszahlen unterstreichen das jedes Jahr. Ein Qwirkle verkaufte sich besser als einDominion.

Jede Gruppe hat andere Ansprüche an den Preis und jede Gruppe verbindet den Namen mit etwas. Der Name impliziert etwas was wir aus unserer menschlichen Natur mit etwas aufladen, was der Verein aber gar nicht versprechen will. Vielleicht wollte er dies vor 35 Jahren als die Szene noch so viel kleiner war und die Kommunikation noch so viel schwerer, aber damals war ich noch zu klein um das heute rückblickend einzuschätzen.

Wie sehr dies fehleingeschätzt werden kann, sieht man an Tom Rosen von den Opinionated Gamers, der in seinem Artikel den Eindruck erweckt, das die Jury immer das schwächste Spiel eines Autors auswählt (http://opinionatedgamers.com/2013/06/03/tom-rosen-the-kramer-exception/). Dabei schaut die Jury gar nicht auf den Autor, oder den Verlag, sondern auf den Jahrgang. Argumente, ein bestimmter Verlag oder Autor hätte es endlich verdient sind daher hinfällig.

Das größte Problem ist die menschliche Natur. Die Assoziationen mit dem Namen sind verbunden und wer gegen die menschliche Natur kämpft, kämpft auf verlorenem Feld (If you fight human nature you are fighting a losing battle). Die Intuition der Spieler und der Käufer wird dies immer wieder klar machen. Aber den Namen jetzt zu ändern in Bestes Einstiegsspiel für Familien des Jahres wäre einfach falsch und in fünf Jahren bestimmt wieder überholt.

Und dieser Kampf wird nie enden – hoffentlich. Die Spieler die vor fünf Jahren gemeckert haben, haben inzwischen zum größten Teil aufgehört und entweder resigniert oder was ich viel eher beobachte begriffen worum es geht. Auf der anderen Seite erzieht die Jury genug Spieler nach, die in fünf Jahren auch in der Position sein können über den Preis zu meckern. Die Jury stellt sich selber freiwillig als Prügelknabe auf, für die gute Sache, das Kulturgut Spiel zu fördern. Ich schlage mich gerne auf ihre Seite. Auch wenn Prügel beziehen ebenfalls gegen die menschliche Natur ist.

PS: Ich sollte mich nicht zu sehr am dem Wort Anspruchsvoll, welches sehr subjektiv ist, aufhalten. Ich halte Hanabi, meinen Favoriten, für sehr Anspruchsvoll und Spieler aller Gruppen lieben es.

PPS: Natürlich gibt es die Möglichkeit es besser zu wissen und für das beste/anspruchsvollste/coolste/spaßigste/was-auch-immer Spiel abzustimmen. Den deutschen Spielepreis. Lasst euch nicht abhalten auch mitzumachen!

Matthias Nagy