Verlagsvorstellung Surprised Stare Games

Aufgrund einiger arbeitstechnischer Verschiebungen und der SdJ-Kommentierung gibts jetzt gleich 3 Verlagsvorstellungen in relativ kurzer Zeit: Donnerstag war Solbenk dran, an diesem Wochenende geht es um Surprised Stare Games, einem weiteren englischen Verlag. Mitte dieser Woche gibt es dann ein Portrait des polnischen Verlages Wolf Fang. Surprised Stare Games wird dieses Wochenende sein lang erwartetes Confucius auf der UK Games Expo präsentieren. Ich habe mich mit dem Autoren Alan Paull (bekannt vielleicht durch die alten Spiele Siege und City of Sorcerers) unterhalten. Weiter unten folgen meine Eindrücke zweier Spiele des englischen Verlages. Confucius werde ich baldmöglichst spielen und meinen Eindruck nachliefern :-)

F: Stelle doch bitte Dich und deinen Verlag kurz vor!


A: Surprised Stare Games  Ltd ist ein kleiner englischer Verlag, der sich auf seine eigenen, ganz besonderen Spiele konzentriert und außerdem Auftragsarbeiten für andere Verlage durchführt. Wir sind stolz darauf Spiele zu entwickeln, die einen besonderen Kniff haben. Unser Verlag besteht aus zwei Ehemann-Ehefrau-Teams: Tony und Karen Boydell sowie Charlie und Alan (das bin ich) Paull. Der Verlag existiert seit 1999 und wir haben bislang vier Spiele entwickelt und produziert. Confucius wird unser fünftes werden.

Tony und ich sind Spieleautoren. Tony macht außerdem auch Line Art und andere Illustrationen, besonders Cartoon. Charlie ist super mit dem ganzen Webseitenkrams, Graphic Design und macht ebenfalls Illustrationen. Karen berät uns in Marketingfragen und sorgt dafür, dass wir auch immer schön realistisch bleiben. Unsere Webseite ist  http://www.surprisedstaregames.co.uk.  Wir sind immer auf der Essener Spielemesse und der UK Games Expo zu finden.

F: Erzähle uns doch ein bisschen über eure Spiele! Natürlich besonders über das neue Confucius!

A: Wir machen nicht wirklich Mainstream-Spiele, allerding tendieren wir zur Eurogames-ähnlichen Designs. Wir vertreiben unsere Spiele über unsere Webseite. In unsere ersten Spiele haben wir  komplizierte Rätsel eingearbeitet, für deren Lösung neben dem Spiel auch unsere Webseite benötigt wird, so dass die Webseite ein guter Startpunkt ist, um unsere Spiele kennen zu lernen. Alle unsere Spiele haben einen hohen graphischen Standard : Tony und Charlie arbeiten monatelang sehr hart und sehr kreativ an der Grapghik – manchmal denke ich, das Design dauert länger als die eigentliche Spielentwicklung! Allerdings ist es dann umso schöner, wenn das Produkt endlich fertig ist. Ich selber mache überhaupt keine Graphiken, sondern überlasse das den Experten.

Unsere ersten beiden Spiele waren Kartenspiele, beide wurden von Tony entwickelt. Das sehr englische Coppertwaddle ist ein taktisches Spiel für 2 Spieler mit eigenem Mittelalterlichen Charme. Es ist in einigen Kreisen gewissermaßen zum Kultspiel aufgestiegen. Wir waren besonders begeistert, dass ein paar mittelalterlich gekleidete Typen auf der letzten Spiel in Essen Coppertwaddle ununterbrochen gespielt haben!

Unser zweites Spiel, Bloddy Legacy, ist ein einfaches Nimm-das!-Kartenspiel für bis zu 8 Personen. Es basiert auf der Idee, dass Großonkel Hesketh gestorben ist und ein gewaltiges Erbe dem einzigen überlebenden Erben vermacht. Als der jedoch das Erbe einfordert, stellt er fest, dass es eine ganze Menge mehr Erben gibt… Also muss man die Konkurrenten austricksen und selbst den Fallen der Mitspieler entgehen. Bloody Legacy ist in wenigen Minuten erklärt, macht in einer großen Runde aber sehr viel Spaß, besonders am Ende eines langen Spieleabends.

Danach haben wir zwei Brettspiele produziert. Mein erstes Spiel für Surprised Stare Games war Tara, Seat of King, ein Spiel mit Irland-Thema, in der Spieler Pyramidenstrukturen aufbauen müssen, und dabei Karten und Ressourcen (Vieh, denn wir haben es mit dem alten Irland zu tun) verwenden, mit dem Ziel seine Anhänger auf die Königsposition in einer Region zu hieven. Die Karten schränken die Einsetzmöglichkeiten ein und im Spiel geht es vor allem ums Timing beim richtigen Einsetzen seiner Leute in die 4 Regionen. Mit dem Spiel landeten wir auf Platz 4 der Fairplay-Wertung, als wir das Spiel vor zwei Jahren in Essen vorstellten.

Scandaroon von Tony ist unser zweites Brettspiel. Es kam letztes Jahr zur Essener Messe raus, wird also zum ersten Mal in diesem Jahr auf der UK Games Expo vorgestellt werden. Ich rede zwar von “Brettspiel”, doch ist es mehr eine Mischung aus Brett- und Kartenspiel, bei dem das Brett für die Wertung zustädig ist. Scandaroon ist ein abstraktes Spiel, bei dem jeder nur 5 Karten in jeder der vier Runden zur Verfügung hat und normalerweise damit auskommen muss. Der Grundgedanke ist damit eine möglichst wertvolle Wertungsreihe aufzubauen und die Wertungsreihen der Gegner zu sabotieren. Jede Karte hat eine Farbe und einen Siegpunktwert. Dieser kann verdoppelt werden, wenn die Farbe Trumpf ist. Außerdem können Karten abgeworfen werden um damit Spezialaktionen durchzuführen, die dann mit anderen Karten interagieren und dabei die Trumpffarbe ändern oder gegnerische Karten vernichten oder einem mehr Karten geben usw. Es gibt also eine Menge taktische Elemente. Es ist auch Strategie vorhanden, denn es gibt Siegpunkte für das Gewinnen von Runden oder für besonders hohe erreichte Punktzahlen. Scandaroon ist unseren Spielerunden schon sehr beliebt.

Confucius ist unser neuestes Spiel, dass dieses Wochenende zur UK Games Expo erscheint. Confucius ist von mir. Ich war schon immer von der Chinesischen Geschichte fasziniert, besonders von der Phase der Entdeckungen unter den Ming. In dieser Periode haben sich die Chinesen vor allem auf Erkundungsfahrten konzentriert, die den Zweck hatten, neue Handelspartner zu finden und nicht etwa irgendwo zu siedeln. Die Flotten waren riesig: Bis zu 20.000 Seeleute und Soldaten waren gleichzeitig unterwegs, effektiv also große, segelnde Siedlungen. Zur selben Zeit hatten die Europäischen Entdecker Schiffe, die nur ein Fünftel der Größe einer Chinesischen Dschunke hatten und Flotten von nur einer Handvoll von Schiffen. Aber mein Interesse wurde erst so richtig geweckt, als ich einen Artikel über die Geschenke las. Es wurden Geschenke gegen politischen Einfluss getauscht und waren ein Weg soziale und politische Allianzen zu zementieren und Schirmherrschaften aufzubauen. Ich wollte ein Spiel erfinden, dass dieses Modell der Geschenkekultur anstelle der herkömmlichen Konflikt- und Diplomatiemechanismen verwendet.

Mir war es besonders wichtig darauf zu achten, dass das ganze Spiel mit dem Thema zusammengeht. In Confucius haben wir sehr genau darauf geachtet, dass alle Mechanismen zum China während der Ming Dynastie passen. Das heisst nicht, dass es eine historische Simulatio ist, aber es soll sich schon “richtig” anfühlen, wenn sich die Spieler mit dem Spiel beschäftigen. Confucius ist ein Aktions-basiertes Spiel; jeder Spieler bekommt 3-5 Aktionspunkte pro Runde. Das Durchführen einer Aktion kostet 1 Punkt, aber eine Aktion, die bereits durchgeführt wurde, zu wiederholen kostet 2 Punkte. Man führt also eine gewisse Anzahl von Aktionen durch, hat aber niemals genug Punkte, um alles machen zu können, was man möchte. Man verwendet Aktionspunkte um Einfluss über die drei Ministerien des Kaiserliches Hofes zu gewinnen. Dies geschieht in dem man Beamte besticht, um die Mehrheit der bestechenden Beamten zu erhalten. Außerdem können Armeen in anderen Ländern ausgehoben werden und man darf Dschunken bauen, um weitere Länder zu entdecken. Diese Aktionen bringen der eigenen Familie Asehen, dass die eigene Position am Hofe stärken kann. Außerdem kann man seine eigenen Familienmitglieder an die Ministerien des Hofes schicken.

Wie erwähnt versuchen wir jedes Spiel mit einem besonderen Kniff auszustatten. Bei Confucius ist dies das Geben und Erhalten vn Geschenken. Jeder Spieler hat bei Spielbeginn 6 mögliche Geschenke. Bis auf eines müssen diese aber erst gekauft werden, bevor sie verwendet -also verschenkt – werden können. Wenn du mir ein Geschenk gibtst, muss ich dir aktiv helfen oder ich bin sehr eingeschränkt, was meine Aktionen betrifft. Z.B. Kann ich dann keine Beamten mehr bestechen, was meinen Einfluss auf den Hof sehr mindert. Natürlich: Wenn ich dir helfe, z.B. in dem ich dir einen meiner bestochenen Beamten überlasse, kann ich das Geschenk mit seinen Verpflichtungen loswerden. Oder ich kann dir ein noch viel wertvolleres Geschenk geben, so dass ich nicht nur deine Verpflichtungen los bin, sondern dass sogar Du derjenige ist, der in der Pflicht steht. Außerdem hängt die Anzahl der Aktionspunkte von der Anzahl der erhaltenen und gegebenen Geschenke ab, so dass es sich immer auszahlt sozial aktiv zu sein.
Wir sind mit Confucius sehr zufrieden. Die Graphik ist ein Lieblingsprojekt von Charlie und Tony. Außerdem haben wir mehr probegespielt und in mehr Gruppen als jedes andere Spiel von uns und das Feedback ist bislang sehr gut. Persönlich bin ich ein bisschen stolz darauf, dass Confucius einen neuen Mechanismus beinhaltet, den es vorher noch nicht gab.

F: Was kann man von euch in der Zukunft erwarten?

A:Wir haben ein paar Projekte in der Pipeline, wissen aber noch nicht genau, welche davon wirklich umgesetzt werden. Wir versuchen etwas mit 3D-Materialen (Tiere, Türme u.ä.) zu machen, aber es gibt Probleme das kostengünstig umzusetzen. Wir haben ein paar Spiele, bei dem Thema und Mechanismus bereits fertig sind – z.B. ein Zirkusspiel, dass wir für interessant, innovativ und lustig halten – bei dem wir z.Z. nach Möglichkeiten suchen qualitativ hochwertiges Material zu produzieren. Wir haben auch unser eigenes Eisenbahnspiel in der Mache. Es hat einen ganz eigenen Charakter und ist nicht gerade 18xx, wenn du verstehst, was ich meine.

F: Du hast ein paar Spiele in den 80er Jahren gemacht, z.B. das recht berühmte Siege (aus der Cry Havoc Reihe). Dann kamst du erst vor wenigen Jahren in die Spieleautorenszene zurück. Was hast du in der Zwischenzeit so gemacht?

A: Ich muss gestehen dass ich einer der älteren Bürger der Spielegemeinschaft bin. Ich spiele und entwickle Spiele seit den späten 60er / frühen 70er Jahre. Ich stehe tief in der Schuld von Lew Pulsipher (bekannt durch Britannia), der mich ermutigt hat, meine Spiele zu veröffentlichen. In den 80er Jahren haben Charlie und ich zwei wundervolle Töchter, Vicki und Jennifer, groß gezogen, die eine ist jetzt eine begabte Graphikerin, die andere Autorin. Beide spielen gelegentlich, aber keine Strategiespiele! In den späteren 80er Jahren erschien allerdings noch Starship Tycoons, ein relativ billig produziertes Familienspiel, dem kein kommerzieller Erfolg beschienen war. Ich wurde von Magic infiziert, als die große Welle begann, aber Magic löste bei mir nur die Rollenspiele ab, die ich zuvor intensiv spielte.  Eine Vielzahl meiner ersten Spiele waren Wargames und Minitaurenspiele und sowas mache ich auch immer noch. Doch das war alles nicht produzierbar und ist folgerichtig auch nicht erschienen. Erst als ich von der Spielemesse in Essen und dem Erfolg der Eurogames Ende der 90er hörte, fing ich wieder an Brettspiele zu entwickeln. Die meisten meiner aktuellen Entwicklungen gehen auch in die Eurogames-Richtung, aber ein Wargames sind auch dabei. Ich denke auch ernsthaft über eine zweite, Eurogames-mässige Version von City of Sorcerers nach.

F: Danke für das Interview!

A: Danke für die Fragen! Happy Gaming an alle Leser – Probiert ein paar von unseren Spielen aus! :-)

Gespielt habe ich bislang zwei Spiele von Surprised Stare Games: Scandaroon und Tara, Seat of Kings. Wie Alan bereits sagte geht es bei Tara darum, Machtpyramiden aufzubauen und das funktioniert mit Karten. Auf den Karten sind bestimmte vorraussetzungen abgebildet unter denen Steine platziert werden dürfen. Je flexibler die Karte, desto teuer ist deren Einsatz. Tara ist sehr ungewöhnlich – so ungewöhnlich dass wir in meiner ersten Partie zahlreiche Dinge völlig falsch gespielt haben. Aber es ist ein sehr interessantes und kniffliges Einsetzspiel. Viele Dinge sind zu beachten und es gibt viel zu entdecken. Das Thema ist aber komplett aufgesetzt (Der Mechanismus hat so viel mit Irland zu tun wie Packeis am Pol mit der Antarktis) und in Vollbesetzung kann es sich etwas ziehen. Aber es gehört zu den Spielen, die wirklich gut zu dritt spielbar sind. Die Spielplangraphik finde ich übrigens nicht so gelungen, das restliche Material ist aber sehr schön gestaltet und man merkt dem Spiel die Kleinverlagsherkunft nicht an.

Scandaroon ist wirklich was für Kartenspielfreunde, die ein Spiel gerne erkunden. Ich sag das so genau, denn die Einstiegshürde ist leider recht hoch und das Spiel am Anfang etwas unhandlich. Der Grund: Es gibt 13 Fähigkeiten der Karten, hinzu kommen noch 5 Sofort-Effekte und 4 Aktionen die zusätzlich einmal pro Spiel durchgeführt werden können. Dass da das erste Spiel schleppend verläuft und alle ständig über den Regeln grübeln ist klar! Es steckt aber durchaus was im Spiel drin. Mit nur 5 Karten was sinnvolles aufzubauen erscheint in der ersten Partie unmöglich, erst langsam lichtet sich der Nebel. Ich habs beileibe noch nicht oft genug gespielt, um das Spiel zu verstehen, was ich selbst Schade finde. Also: Wer ein Spiel sofort gut spielen will, muss die Finger von Scandaroon lassen. Wer aber originelle (Stichähnliche) Kartenspiele spielt und auch Muße und Gelegenheit besitzt ein Spiel wirklich auszuloten, findet hier einen vermutlich recht einzigartigen Vertreter!

ciao

peer

 

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Ein Gedanke zu „Verlagsvorstellung Surprised Stare Games“

  1. Auf der BGG-Seite finden sich inzwischen viele Fotos und mehr von Confucius:
    http://www.boardgamegeek.com/game/32014

    Die regeln (noch nur in ENglisch) direkt hier:
    http://www.surprisedstaregames.co.uk/Confucius/Rules.htm

    Alan Paull hat mir die erste Deutsche Grobübersetzung zur Überarbeitung geschickt – eine Menge Arbeit über 30 Seiten! Aber ich muss sagen: Die Dichte ist ungeheuer! Wie alles miteinander verwoben wurde und sich um die Geschenke dreht – wie sich verschiedene Strategien anbieten und das Ganze bei aller Komplexität dennoch auf bestimmte Weise “intuitiv” abläuft – ich will es endlich haben und spielen! Aber leider ist trotz Pre-Order und “Honorar”-Exemplar von Alan Paull ist noch nichts bei mir angekommen, da es Lieferschwierigkeiten mit dem Spielteile-Zusteller gab (Dschunken …).

    Mein meist-erwartetes Spiel dieses Jahr.

    Danke für das Interview!

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