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Blinde Flecken

Es ist eines der berühmtesten Fälle in Werbekreisen: Mitsubishi nannte seinen Geländewagen “Pajero” und wunderte sich, dass sich der in spanischsprechenden Ländern nicht verkauft. Eine kurze Nachfrage ergab: “Pajero” bedeutet im Spanischen sowas wie “Wichser”. Die Umbennung in den spanischsprachigen Ländern kostete Millionen und wenn es damals den Begriff “woke” gegeben hätte, dann hätte irgendein rechtspopulistisches Blatt das sicherlich auf den Fall angewand. Aber ich schweife ab-  Die Moral des oft zitieren Falles: Recherche, Recherche, Recherche. Alle, wirklich alle, haben ihre blinden Flecken und wer das nicht wahrhaben will, macht Fehler.

Mathias Wigge, Autor von Ark Nova, hat einen kleinen Verlag gegründet, um Erweiterungen und Zusatzmaterial für Ark Nova herauszubringen. Dieser Verlag hat er Kekpop Spiele genannt, im Namen da wohl dialektisch “keck” und “pop” (für das englische “popping”, wenn ich Gamefound richtig interpretiere) verknüpft. Im englischsprachigen Raum sorgte der Name für Irritationen, da sich die Alt-Right-Bewegung den Namen zu eigen gemacht hat. Die Etymologie ist dabei etwas verworren: “kek” ist wohl ursprünglich das koreanische LOL. Über den World of Warcraft Chat kam der Begriff dann in die Gamer-szene und von dort u.a. via Gamersgate in der Alt-Right-Bewegung an (Ob die von Deutschrappern verwendete Beleidigung “Du Kek!” auch daher kommt, weiß ich nicht). Nun wird niemand Mathias Wigge wegen seines Verlagsnamens in die rechte Ecke stellen – allen ist klar, dass hier eine zufällige, etwas unglückliche Parallele vorliegt. Es zeigt aber, dass blinde Flecken vor allem gerade da existieren, wo man sie nicht erwartet. Gerade in der immer internationalen Spieleszene gibt es viele Verbindungen und Assoziationen, die niemand vollständig kennen kann. Ist das schlimm? Das hängt davon ab, welche Assoziationen geweckt werden. Größere Irritationen zu vermeiden ist aber nicht nur im wirtschaftlichen Interesse des Verlages, sondern auch einfach gute Kinderstube.

Vor kurzen hat CGE die Wirkung der Harry Potter-Lizenz nach dem Britischen Anti-Trans-Urteilen unterschätzt. Georgios hat hier darüber geschrieben. Interessanterweise habe ich aus GenCon-Kreisen gehört, dass die Lizenz jetzt wohl als ziemlich verbrannt gilt. Proteste erinnern also durchaus Verlage an klassische Tugenden: Frag nach, wie in anderen Kreisen, Blasen, Ländern, Kulturen… Dinge ankommen. Die wenigsten in der Spieleszene legen es darauf an, Minderheiten bewusst zu defamieren. Alle sind sich darüber einig, dass Rassismus etwa nichts in der Spieleszene zu suchen hat. Dennoch ist die eigene Meinung von  den eigenen Erfahrungen und Denkmustern geprägt. Was ich nicht weiß, kann ich nicht vermeiden. Deswegen fragt man ja nach.

Ein besonders krasses Beispiel war Ace of Spades von Devir, bei dem der Verlag anscheinend so im Thema “Im Wilden Westen Dämonen aus der Hölle bekämpfen” gefangen war, dass sie nicht bemerkt haben, dass eine ganze Reihe von Illustrationen längst den Bereich der Popkultur verlassen haben und schlicht rassistische Stereotype verbreiten. Besonders deutlich ist das bei dem verlinktem Bild von einem entlaufenden Sklaven. Devir meinte, sie hätten eher an Django Unchained gedacht, aber herausgekommen ist das Bild eines Menschen, dessen Tollwutartige Wildheit genau der Propaganda der Südstaaten der fraglichen Zeit entspricht. Nun, Devir hat sich entschuldigt, das Spiel zurückgezogen, will alle Bilder überprüfen und überarbeiten und in Zukunft immer mit Experten zusammenarbeiten (und die Reaktion war deutlich schneller als die von CGE). Dennoch möchte ich kurz noch einmal auf das Spiel eingehen (die Fotots sind größtenteils nicht mehr auf BGG verfügbar): Der “Fugitive” ist ein relativ klares Beispiel. Dann kommt ein Bild von Sitting Bull als gehörnter Dämon. Nun könnte man argumentieren, dass alle Karten Dämonen zeigen, wenn auch Ureinwohner dabeisind, wäre das ein Zeichen von Diversität. Aber das ist eben auch ein blinder Flecken: So wird vergessen, dass Sitting Bull eine reale Person war, während alle anderen Figuren (meines Wissens) fiktiv sind. Es wird also eine Person dämonisiert, die aus Sicht der Ureinwohner eine historisch berühmte, vielleicht sogar heldenhafte, Gestalt war. Das entspricht wieder der Propaganda der Weißen der damaligen Zeit. Und dann sind wir beim nächsten blinden Flecken: Ich weiß nicht, ob die Darstellung eines indigenen Schamanen in diesem Kontext kultursensitiv überhaupt möglich ist (Der “wilde Westen” ist in seiner Wahrnehmung ja bereits sehr “weiß” gefärbt) und wie und ob das geschieht. Ich weiß es nicht, weil ich kein Mitglied der betroffenen Gruppe bin. Ich weiß in diesen Fällen nicht wo Repräsentation aufhört und Stereotyp beginnt. Ich wage darüber kein Urteil. Und ich bin in der priviligerten Position, dieses auch nicht fällen zu müssen.

Es wird viel diskutiert um Repräsentation, Diversität, aber auch um fehlende Sensitivität, um “Wokeness”.  Für mich ist das aber auch eine Frage der Höflichkeit, des Respektes untereinander. Eine Frage des Umganges: Ich zeige Interesse an den Befindlichkeiten anderer und hebe meine eigenen nicht über diese. Das sollte gesetzt sein. Der nächste Schritt ist aber, zu erkennen, dass man blinde Flecken hat und daher immer, wirklich immer, andere Gruppen fragt, ob diese gerade im Flecken stehen. Damit vermeidet man nicht nur Ärger, auch das ist einfach gute Kinderstube

ciao

peer

 

Peer Sylvester
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