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Die 6 übelsten Fehler beim Spiele Erklären

In manchen Kreisen wird oft und gerne attestiert, dass Brettspiele eine hoch komplizierte Angelegenheit sind. Es gibt ja so viele Regeln darin. Immer wieder versucht man vermeintlich einfache Spiele Seltenspielern zu erklären, denen die Gesichtszüge entgleisen sobald man anfängt von Rundenphasen, Aktionspunkten und Tiebreakern zu erzählen.

Aber es ist immer leicht und bequem sich hinter Phrasen wie „Leute wollen keine Regeln lernen“ zu verstecken. Denn dann können weiterhin Regelwerke veröffentlicht werden, die ihre Didaktik aus der Hausordnung preußischer Internate abpausen. Stattdessen will ich die sechs häufigsten Fehler ansprechen, die Vielspieler (vulgo „Experten“) machen, wenn es darum geht ein Spiel Menschen zu erklären, die unter ‚worker placement‘ einen Tastenbefehl bei Excel vermuten.

Vornweg, das sind alles Fehler welche ich über lange Zeit selbst gemacht habe in der wohlmeinenden Absicht, Seltenspielern den Einstieg ins Brettspiel so vereinfachen zu können.

Fehler #1 – Erklärungen ins Thema einbetten

Gleich zu Beginn, der Klassiker unter den Spielerklärungen. Es heißt man soll Regeln mit dem Thema oder über das Thema erklären. So bleiben sie nicht abstrakte Konzepte, sondern sind vermeintlich greifbarer. Wir wissen sofort wer wir sind, was wir wollen und vielleicht sogar, wie wir es erreichen werden. Wir sind britische Großindustrielle. Wir wollen sehr reich werden und tun das in dem wir die Fabriken und Infrastrukturen von England aufbauen. Das ist Brass Birmingham. Klingt nett. Schreibt sich in Rezensionen auch einfach runter (hab ich ja auch so gemacht). Nur das es das Spiel nicht erklärt, sondern bestenfalls das Thema.

In manchen Fällen verschleiert dieser thematische Einstieg sogar den Zugang zum Spiel selbst. Denn die Personen, die da am Tisch sitzen, sind meist keine Briten. Noch wollen sie an diesem Abend obszön reich werden; oder verstehen irgendwas davon Fabriken oder englische Infrastruktur aufzubauen. Das Thema umschreibt unser Tun bestenfalls in schönen Worten, die uns dabei helfen den Spielablauf und vereinzelte Regeln schneller im Kopf abzuspeichern.

Es ist alles andere als falsch über das Thema eines Spiels zu sprechen, auch während der Erklärung. Aber man sollte es tun weil es hilft sich das Erklärte zu merken. Man sollte es nicht im Glauben tun, dass die Erklärung dadurch einfacher, schneller oder klarer wird.

Die Hälfte der Verrisse beruhen auf Denkfehlern

Fehler #2 – Nicht vorgeben wie man spielen soll

Dieser Punkt wird nicht unbedingt falsch gemacht, sondern eher ignoriert und übergangen. Eine gute Spielerklärung braucht mehr als eine Darlegung der Regeln und des Themas. Eine ganz wichtige Aufgabe der Spielerklärung lautet die Tonalität des Spiels zu benennen. Damit ist mehr als nur die Stimmung der thematischen Auskleidung gemeint, sondern die konkrete Art der Interaktion, die wir in der anstehenden Spielrunde anstreben sollten.

Geht es darum andere bei jeder Gelegenheit zu blockieren und sie am Vorankommen zu hindern? Knobeln und grübeln wir entspannt vor uns hin? Erfreuen wir uns an überraschenden Wendungen oder versuchen wir zu antizipieren wie die nächsten Runden ablaufen werden?

Die Entscheidung wie wir spielerisch miteinander umgehen wollen, existiert nicht getrennt vom Spiel. Manche Spiele funktionieren ganz einfach nicht, wenn man nicht ausreichend kompetitiv an sie herantritt. Andere werden eine zähe, quälende Angelegenheit, wenn man sich immer nur daran hindert die letzten Punkte zu holen. Jedes Design basiert auf Annahmen darüber wie Spieler*innen miteinander umgehen werden. Je mehr man willens und fähig ist, sich nach diesen Annahmen zu orientieren umso schneller erschließt sich einem auch das Spiel selbst. Natürlich gibt es keine Notwendigkeit ein Spiel so zu spielen, wie das Design es unausgesprochen annimmt. Aber es hilft dabei sich klar zu machen wie bestimmte Aspekte des Spiels zusammenhängen. Ein Spiel ist deutlich schneller verstanden, wenn man weiß welche Denkweise ihm zu Grunde liegt.

Fehler #3 – Fragen beantworten

Ich gebe zu aus stilistischen Gründen habe ich diese Zwischenüberschriften so gewählt, dass gut gemeinte Ratschläge hier als Fehler bezeichnet werden. Es ist natürlich keineswegs ein Fehler auf Fragen zu reagieren. Niemandem ist geholfen, wenn ein Monolog über ein Spiel gehalten wird ohne dass zwischendurch Fragen gestellt werden dürfen.

Es geht vielmehr darum, dass das Beantworten von Fragen in vielen Fällen das eigentliche Problem verkennt. Eine Frage ist immer auch ein Zeichen dafür, dass die Erklärung am Publikum vorbeiläuft. Es gibt einen Punkt, der nicht schlüssig erscheint. Oder ein Zusammenhang, der nicht nachvollziehbar ist. Oder auch nur fehlende Aufmerksamkeit und Wertschätzung dafür, dass jemand brav zuhört ohne sich die Würfel in die Nase zu schieben.

Eine Spielerklärung ist ein Dialog. Es geht nicht allein darum Regelwissen zu vermitteln. Das Ziel ist immer ein Verständnis für die Abläufe und Zusammenhänge des Spiels zu erreichen. Idealerweise soll auch deutlich werden welchen Zweck das Spielen dieses Spiels verfolgt. Eine Frage funktioniert darum immer wie ein kurzer Einblick in die Köpfe der Fragenden. Sie zeigt wie umfassend das Verständnis für das Spiel vorhanden ist. Eine reine Faktenantwort ist darum nur selten sinnvoll. Wenn eine Frage gestellt wird, liefert das immer die Möglichkeit den einen oder anderen Aspekt des Spiels erneut zu verdeutlichen.

Gerade wenn man den Eindruck hat, dass jemand sich auf die Aspekte des Spiels versteift, die für das Spielerlebnis nur eine kleine Rolle spielen.

Fehler #4 – Vollständig und genau erklären

Man versteht das Spiel nicht zwingend besser, weil man die Symbole lesen kann

Wer Spiele erklärt, kennt dieses Trauma nur zu gut. Irgendwann während des Spiels wird der Vorwurf laut man hätte eine ganz wichtige und spiel-entscheidende Regel nicht erwähnt. Empört wird einem unterstellt die Erfolgschancen der anderen zunichte gemacht zu haben, oder das gemeinsame Spielerlebnis voll und ganz entwertet zu haben.

Aus der Angst diese Schmach nie wieder erleiden zu müssen, beginnt man nun bei der Spielerklärung wirklich jede noch so trivial anmutende Regel anzusprechen. Vermeintliche Sondersituationen werden bereits im Vorfeld erwähnt. Am Besten werden auch gleich Tiebreaker, und Siegpunktvariablen vor dem ersten Zug durchgekaut. Es soll am Ende nur niemand sagen können, etwas wäre nicht ausführlich erklärt worden.

Das Problem ist natürlich, dass eine vollumfängliche Spielerklärung nicht nur Längen mit sich bringt, sie bietet auch weit mehr Input als man ohne ausreichend Übung verarbeiten kann. Dabei ist eine solcher Einstieg in ein neues Spiel gar nicht zielführend. Schließlich geht es nicht darum allen Spielteilnehmer*innen in einer Einführungspartie die gleichen Erfolgschancen zu geben. Denn das ist weder möglich, noch spielt es für eine erfolgreiche erste Spielrunde eine Rolle.

Chancengleichheit ist nicht der Grund, weshalb Leute sich für ein neues Spiel interessieren. Noch ist sie der Grund weshalb sie von einem Spielerlebnis schwärmen. Wer aus einer Spielerklärung keinen unverdünnten Frontalunterricht machen will, der kommt nicht umhin zu sparen, zu vereinfachen und zu verkürzen. Entgegen der Glaubensbekenntnisse notorischer Entscheidungsverweigerer muss man nicht jedes einzelne Detail gehört haben, um etwas verstanden zu haben.

Im Gegenteil, das Beharren auf eine lückenlose Auflistung sämtlicher Spielelemente, bevor man das Spiel überhaupt begonnen hat, weckt vor allem den Eindruck, dass Brettspieler*innen eine höchst verstockte und penible Gemeinschaft sind.

Fehler #5 – Regeln erklären

Der vielleicht größte Fehler, den man beim Erklären eines Spiels machen kann, lautet die Regeln zu erklären. Die Regeln zu erwähnen und diese auch zu vermitteln, ist keineswegs falsch. Der Fehler besteht vielmehr darin zu glauben, dass die Erklärung der Regeln einer Erklärung des Spiels gleichkommt. Denn die Kernfrage, die eine Spielerklärung zu beantworten hat, lautet wie man das Spiel spielt. Es geht nicht darum zu klären was erlaubt und was verboten ist. Es geht auch nicht darum unter welchen Bedingungen Erlaubtes untersagt ist, oder Verbotenes doch möglich ist.

Erzähl mir nix, ich bin ein Panda

Am Anfang steht immer die Frage was man tut. Die Antwort, die eine Spielerklärung gibt, muss darum auch genauso gegenständlich und direkt sein: das hier tun wir. Eine Spielerklärung versucht Menschen eine Aktivität beizubringen. Es geht nicht darum in kürzester Zeit Wissen aufzunehmen. Denn schließlich ist das anschließende Spiel keine Prüfung in der eben erlerntes Wissens abgefragt wird.

Im zu Beginn erwähnten Brass Birmingham etwa, spielen wir Karten aus, um Plättchen zu legen und so Punkte zu erhalten. Den Spielablauf zu erden, in dem man über die reale Handlung spricht, die wir am Tisch ausführen werden, liefert die Grundlage auf der unser Spielverständnis aufbaut.

Wenn man verstanden hat was man real tut, kann man darüber sprechen wie dieses Handeln durch Regeln eingeengt wird. Danach kann man darüber sprechen welche Abwägungen wir in unser Handeln fließen lassen. Ganz zum Schluss können wir auch darüber sprechen wie unser Handeln durch das Thema eingerahmt wird. Gerade an diesem Punkt werden Spieler*innen oft selbst aktiv. Sie erklären sich gerne selbst was es heißt, wenn ein Fabrikplättchen auf eine noch unbebaute Stadt gelegt wird. Es ist eine vermeintliche Nebensächlichkeit, die oft viel zum eigenen Spielgenuss beitragen kann.

Fehler #6 – Strategien entdecken lassen

Gerade aus Blick der Expertenblase scheint es kontraproduktiv bei der Spielerklärung bereits Strategien preiszugeben. Denn gerade wer viel und auch viel Unterschiedliches spielt empfindet das Erforschen und Entdecken neuer Möglichkeiten als ganz wichtige, vielleicht sogar die wichtigste, Spaßquelle eines Spiels.

Es hat einen ganz besonderen Reiz sich in ein Spiel hineinzuarbeiten und durch wiederholtes Spielen immer neue Facetten auszuloten. Wenn einem plötzlich ein Licht aufgeht und taktische und strategische Kniffe sich offenbaren, kann man sich ein fröhliches Grinsen kaum verkneifen. Da liegt es nahe genau diesen Moment auch Neuankömmlingen zu bewahren. Schließlich würde ja niemand die emotionalen Höhepunkte einer Geschichte vorwegnehmen, wenn man gerade von einem Film oder einem Buch schwärmt.

In der Praxis jedoch, hält man damit wichtige Informationen zurück, die anderen dabei helfen können schneller in das Spiel zu gelangen. Es ist gerade dieser Einblick in die eigene Spielerfahrung, mit der man den Spielreiz am besten vermitteln kann. Man ermöglicht anderen so den Spielverlauf und auch das Spielkonzept aus dem eigenen Blickwinkel zu sehen. Vor allem vermittelt man so den Moment, mit dem selbst die Fülle des Spiels erst begriffen hat.

Aber was vielleicht noch viel wichtiger ist, man signalisiert beim Spiel erklären, dass das gemeinsame Spielerlebnis im Vordergrund steht und nicht der Wettstreit um den entscheidenden Siegpunkt.

Georgios Panagiotidis
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