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So sehen Sieger aus

An erster Stelle die Glückwünsche an Peter Rustemeyer für Paleo und an Johannes Sich für MicroMacro:Crime City!

Vor zwei Jahren war ich das erste Mal auf einer SdJ-Preisverleihung, letztes Jahr fand diese nur virtuell statt. Dieses Jahr war die Veranstaltung eine Mischung aus beiden: Maskenpflicht, na klar, aber auch insgesamt verhältnismäßig wenig Contentschaffende; Zwar war der Raum ohnehin mit Schreibtischen für die mitschreibende Zunft so ausgestattet, dass viel Abstand gelassen wurde, aber selbst dieser großzügige Raum blieb zu mindestens einem Drittel ungenutzt. Sicherlich gibt es in den Hochwassergebieten Deutschlands im Moment wichtigeres, als zur Preisverleihung zu fahren, sicherlich wird auch so mancher in diesen Zeiten auf das Reisen verzichten wollen. Dennoch für mich eine Überraschung. Coronabedingt gab es auch kein Buffett, keine verkleideten Verlagsmitarbeiter. Fokussierung auf das Wesentliche (plus ein hörenswertes Interview mit Wolfgang Kramer (ab Minute 40)), aber dadurch auch ein paar Fransen vor und nach der Veranstaltung.

Wie es mit der Pandemie weitergeht, weiß kein Mensch, doch diese Veranstaltung war durchaus ein Fingerzeig, wie die Zukunft aussehen kann: Ein neues Normal mit Masken und Abstandsregeln. Diese werden uns noch eine ganze Weile begleiten und wenn wir ehrlich sind: So schlimm ist das nicht. Freuen und sich vor Ort unterhalten kann man sich auch so.

Ein Fingerzeig sind vielleicht auch die Preisträger. Sicherlich haben die Favoriten gewonnen, aber das ist ein Zeichen dafür, wie gut diese Spiele sind, in dem was sie tun. Überraschungen bei Preisverleihungen sind selten etwas gutes, nur dann nämlich, wenn man den Gewinnern den Sieg aus Nebengründen (Genre, Verlagsgröße etc.) nicht zugetraut hätte.

Dass zwei kooperative Spiele gewonnen haben (wofür es in der Vergangenheit Sonderpreise gab), interpretieren viele als Wandel der Zeit. Doch der ist bereits vollzogen; Paleo und MicroMacro sind außergewöhnliche Spiele, ja, aber das Genre, in dem sie glänzen, war bereits bei ihrer Entstehung etabliert – durch Pandemie, durch die Escape-Spiele, durch Krimigames. Mit Andor und Hanabi haben zudem auch schon vollkooperative Titel geholt.

Ein Fingerzeit sind die Spiele aus anderem Grund: Es sind Spiele, bei denen die Redakteure etwas gewagt haben.

Besonders deutlich ist dies bei Paleo. Ein Verlagsprofil hilft der Zielgruppe und damit ist ein Verlag gut beraten, ein Profil zu haben: Schmidt Spiele steht für etwas anderes als CMON. Doch ein solches Profil darf keine Zwangsjacke sein. Für Hans im Glück war dies das erste kooperative Spiel und der Bruch mit dem Profil war ein Erfolg (anders als Ranking), natürlich auch weil das Spiel so gut ist. Ein zu enges Profil ist nur so lange gut, wie die Spiele herausragend sind, Solaris etwa ist heute schon wieder vergessen. Die Alea-Reihe kann ein Lied davon singen. Paleo zeigt, dass Ausnahmen immer möglich sein müssen, will ein Verlag relevant bleiben.

MicroMacro ist in diesem Sinne kein Paleo, auch weil die Edition Spielwiese ein weicheres Profil hat, mit mehr Freiheiten zwischen den Spielen. Dennoch war MicroMacro ein Experiment : Ein Wimmelbild in schwarzweiß? Kann die Generation Ü50 eigentlich Sehtechnisch noch mitspielen oder erkennt sie nichts mehr? Und sind die Fälle nicht zu kritisch für die Kinder? Michael Schmitt von der Edition Spielwiese meinte zwar, er wäre sich noch nie so sicher gewesen, wie bei diesem Spiel, aber es ist nicht schwer sich auszumalen, dass ein konservativerer Verlag das Spiel abgelehnt hätte. Auch dass der Autor Johannes Sich an ihm wandte, um einen Tipp zu geben, welcher Verlag denn geeignet sei, zeigt die Unsicherheit: Dies ist etwas neues, das wird nicht leicht unterzubringen sein! Diese Unsicherheit kommt nicht von ungefähr.

Ich habe Deutsche Verlage in der Vergangenheit schon für ein gewisses Festhalten an Traditionen (was Spielideen betrifft) kritisiert, aber ich denke es findet ein langsames Umdenken statt. Heute ist mehr möglich, als vor zehn Jahren und die heutigen Preisträger sind zumindest Fingerzeig, vielleicht sogar Katalysatoren in diesem Wandel.

ciao

peer

 

Peer Sylvester

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

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