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Die subjektive Objektivität einer Spielbesprechung

Es ist eine alte Kamelle, die oft und gerne ausgepackt wird, um die eine Rezension zu verteidigen oder die andere nieder zu machen. Mal ist eine Kritik nicht zulässig, weil sie nicht objektiv ist und ein anderes Mal ist eine Besprechung gerade deshalb so gut, weil sie so subjektiv ist. Man kann das sicherlich als unauflöslichen Widerspruch hinnehmen, aber ich denke diese unterschiedlichen Positionen ergeben sich aus verschiedenen Vorstellungen darüber was eine Spielrezension eigentlich ist, was sie leistet und wie sie verstanden werden soll.

Ganz allgemein gesprochen kann man Kriterien als subjektiv bezeichnen, wenn sie aus der Person selbst entstehen bzw. von ihr gesetzt werden. Geschmack zum Beispiel ist subjektiv. Ich selbst lege fest wie salzig ein Gericht sein darf, bevor ich es als übersalzen bezeichne. Ich selbst lege fest wie viele Scoville mein Burger haben muss, damit er mir gut schmeckt.

Im Gegensatz dazu kann man objektive Kriterien als solche verstehen, deren Maßstäbe unabhängig vom Betrachter geprüft werden können. Eine Pfanne, die Öle und Fette etwa in sich aufsaugt, ist für die meisten Arten der Essenszubereitung denkbar ungeeignet. Wenn ein Regal bei mehr als 10 Kilo Belastung zusammenbricht, ist es als Lagerraum für eine Brettspielsammlung objektiv nutzlos. Das sind natürlich von Menschen gemachte Kriterien, aber sie sind reproduzierbar und lassen sich unabhängig von der Person, die sich damit beschäftigt, bestätigen.

Der häufig gemachte Irrtum besteht nun darin, eine Spielbesprechung irgendwo zwischen diesen Beispielen einordnen zu wollen. So als könnte ausgerechnet eine Spielkritik subjektive wie auch objektive Kriterien in sich vereinen. Dabei versteht man unter dem Begriff Spielrezension verschiedene Arten der inhaltlichen Auseinandersetzung mit einem Spiel. Ich würde hier zwei besonders hervorheben wollen. Es mag auch andere geben, aber diese beiden scheinen mir einen Großteil der Rezensionsarten gut zu umschreiben: Tests und Kritiken.

Ich habe diese Begriffe nicht gewählt, weil sie eine Definition besitzen, die sich einfach auf Rezensionen anwenden lässt. Ich habe sie als Namen gewählt, um damit Konzepte und Ideen zu umschreiben und sie so einfacher fassen zu können.

Als Test würde ich eine Rezension beschreiben, die ein Spiel an festen Kriterien misst. Das kann so etwas wie die Spieldauer sein und ob diese sich in verschiedenen Gruppen angleicht, oder auch mal sehr kurz oder lang ausfällt. Ein Test versucht eine Aussage darüber zu treffen welche Spielertypen mit einem Spiel gut zurecht kommen und welche nicht. Er soll herausarbeiten was ein Spiel leistet und ob es den Ansprüchen des Zielpublikums entspricht.

In einem Test wird ein Spiel geprüft, und je nachdem wie gut es abschneidet, ist ein gutes oder auch ein schlechtes Spiel.Ein Spieltest informiert und dient dem interessierten Leser als Hilfe bei der Kaufentscheidung. Damit erfüllt er eine klare kommerziell auswertbare Funktion und wird dementsprechend schnell verstanden. Ein guter Test spart einem Geld.

Die Aussagekraft dieses Bildes ist individuell verschieden.

Dementsprechend sind objektive Kriterien oder zumindest das Vertrauen in annähernd objektive Maßstäbe nicht nur ein Qualitätsmerkmal, sondern auch für die Aussagekraft eines Tests zwingend notwendig. Individuell gesetzte Maßstäbe (vulgo: subjektive Maßstäbe) sind für die Leserschaft wertlos, da sie eben nicht reproduzierbar sind und am eigenen Tisch womöglich gar nicht gelten.

Nun führt aber niemand Buch über diese annähernd objektiven Maßstäbe. Daher hat sich der Brauch etabliert, sich „seine“ kritischen Quellen danach auszuwählen, ob sie den eigenen Maßstäben am ähnlichsten sind. So kann der Test unter guten Rahmenbedingungen seine Funktion erfüllen und der Kaufberatung vertraut werden. Denn die Qualität eines Tests misst sich am abschließenden Urteil und ob es zum Kauf eines Spiels führt, das einem selbst richtig viel Spaß macht.

Aber eine Spielbesprechung kann auch anderes. Eine Kritik verfolgt ein anderes Ziel und prüft ein Spiel nicht darauf, ob es einzelne Kriterien besonders gut, schlecht oder mittelmäßig erfüllt. Ob ein Spiel Spaß macht, atmosphärisch ist oder strategische Tiefe besitzt, sind nicht Maßstäbe an denen es gemessen wird, sondern Eigenschaften, die ein Spiel besitzen kann oder auch nicht. Statt die Frage zu beantworten wie gut ein Spiel funktioniert, spricht eine Kritik darüber was das Spielerlebnis eigentlich genau ist.

Eine Kritik ist eine Auseinandersetzung mit dem Spiel und den Eigenschaften und Besonderheiten, die es auszeichnet. Es fällt schwer hier eine Liste an Kriterien abzuarbeiten. Bestenfalls kann man eine Reihe von Fragen stellen und schauen wohin die Antworten führen. Dieser recht offene Anspruch einer Kritik kann auch dazu führen, dass die fertige Kritik ungewohnte Formen annehmen kann. Schließlich geht es nicht darum einzelne Bewertungen auszusprechen und zu kommunizieren. Stattdessen ist die Auswahl der zu besprechenden Aspekte bereits eine indirekte Wertung des Spiels.

Ob Erlebnisbericht oder eine Reflexion über Inhalte und Themen des Spiels selbst, eine kritische Auseinandersetzung mit einem Spiel lädt dazu ein eigene Pfade zu gehen. Manche schätzen ja vor allem jene Texte, die in das Persönliche hineingreifen und so mehr über die Person hinter der Kritik offenbaren als über das Spiel selbst. Alles das zeigt auf, dass eine Kritik durch Individualität und damit auch Subjektivität besticht.

Auch wenn das Spiel Kern und Inhalt einer Kritik ist, ist es die individuelle Perspektive, die sie erst lesenswert macht. Es ist die darin ausgedrückte Meinung über das Spiel, weshalb eine Kritik gelesen wird. Ihre Qualität wird daran gemessen, ob sie plausibel und vor allem überzeugend dargelegt wird. Eine hochwertige Kritik formt nicht unbedingt die Meinung des Publikums, aber sie ermöglicht es die Meinung zumindest einer anderen Person zu verstehen.

Während ein Test vor allem Fragen beantwortet und helfen soll das eigene Geld klüger auszugeben, lädt eine Kritik dazu ein selbst Fragen zu stellen und sich selbst mit dem Spiel tiefer zu beschäftigen. Im besten Fall ist eine Kritik der Anfang eines Dialoges.

Weiter oben habe ich es als Irrtum bezeichnet, eine Spielbesprechung als Mischform subjektiver und objektiver Ansätze zu verstehen. Das Problem ist nicht, dass solche Rezensionen nicht existieren. Sie tun es mit Sicherheit, denn eine große Mehrheit der Spielbesprechungen versucht Test und Kritik in einem zu sein. Der Irrtum besteht darin beides in einer Rezension zu erwarten und diese – je nachdem wie sehr einem das Spiel gefällt – wahlweise zu loben oder abzulehnen.

Sich über die Subjektivität oder Objektivität einer Rezension zu streiten, ist nur ein Streit darüber welche Aufgabe eine Rezension erfüllen sollte. Es wird ein wiederkehrender Streit bleiben, so lange es im Rahmen der Brettspielmedien keine Klarheit darüber gibt, ob eine einzelne Spielbesprechung sich als Test oder Kritik versteht.


Beitragsbild von Xavi Cabrera on Unsplash

Bild im Artikel von Sharon McCutcheon on Unsplash

Georgios Panagiotidis
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Georgios Panagiotidis

Nach einer Abwesenheit nun wieder als Podcaster unterwegs, schreibe ich aber auch weiterhin über mein liebste Beschäftigung: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.

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