spielbar.com

Die verlorene Seele des Eurogames

Das Seelenlose eines Eurogames ist das einsame Gefühl nur für sich selbst zu spielen: für den eigenen Spielgenuss, das eigene Spielerlebnis und dem Gefühl die eigene Kompetenz in diesem Spiel zu steigern. Kurz gesagt: die Seele, die einem Eurogame abgesprochen wird, ist die Gemeinschaftlichkeit, die aus einem Spiel heraus entstehen kann. Es fehlt ein Miteinander, das nicht jenseits des Spiels existiert, sondern sich im Spiel selbst ausdrückt.

Eine meiner unterhaltsamsten Erinnerungen an ein Eurogame ist eine Zwei-Spieler-Runde in der mein Mitspieler und ich uns gemeinsam durch die verschachtelten Regeln kämpften. Das Spiel stellte Herausforderungen an uns, die uns schlicht überforderten. Uns fehlte die umfangreiche Regelkenntnis und Erfahrung mit dem Spiel. Wir litten und scheiterten gemeinsam.

Ähnlich unterhaltsam habe ich auch eine Spielrunde Res Arcana auf BGA empfunden. Wir hatten die Regeln nicht gelesen und probierten orientierungslos am Interface herum. Auch das hat mir viel Freude gemacht. Wir konnten unsere Hilflosigkeit miteinander teilen. Trotz eines virtuellen Tisch waren wir als Gemeinschaft vereint. Es war eine Erfahrung, die das Spiel selbst, auf Grund seines starken Fokus auf den eigenen Vorteil, die eigenen Aktionsmöglichkeiten und Punkteziele, nicht liefern konnte.

Dabei war dieser nach innen gerichtete Blick nicht immer Teil des typischen Eurogame-Designs. Im Gegenteil, Spiele wie Siedler von Catan (1995) leben gerade vom gemeinschaftlichen Erlebnis. Aber auch anspruchsvollere Kost wie Euphrat und Tigris (1997) zwingt einen sämtliche Kontrahentinnen im Auge und im Kopf zu behalten. Obwohl es sich nicht gegen den Vorwurf verwehren kann, sein Thema und Mechanismen auf eher indirekte Art miteinander zu verbinden, fühlt es sich doch nicht seelenlos an.

Durch die enge Verzahnung der unterschiedlichen Aktionen der Spielerinnen wird das soziale Miteinander durch das spielerische Miteinander betont. Jede Entscheidung zieht spürbare Konsequenzen nach sich. Erfahrene Spielerinnen wissen sofort, dass sie die Folgen eines Spielzugs antizipieren und berücksichtigen müssen. Man muss sich in die Gedankengänge anderer hineinversetzen. Es ist Kernelement der Empathie.

Am Ende steht ein gemeinsames Spielerlebnis. Es mag zwar in letzter Konsequenz ein Gegeneinander darstellen, aber es bleibt der gemeinsame erlebte Wettstreit in Erinnerung und nicht die eigene Leistung. Daher auch die weit verbreitete Überzeugung, dass man nicht für den Sieg spielt, sondern für das gemeinsame Erlebnis. Ein Argument, das auch deshalb so viel Zuspruch findet, weil es den emotionalen Umgang mit einer Niederlage vereinfacht.

Das nun ist auch der Punkt an dem das seelenlose Eurogame entsteht und so das Verständnis dieses Genres langfristig prägt. Später erscheinende Spiele verschieben langsam aber bewusst den Fokus des Spiels. Statt die Mitspielerinnen und ihr Verhalten als essenzielles Element der spielerischen Interaktion zu setzen, geht es vermehrt um das eigene Abschneiden.

Weitere Personen stehen außerhalb des Bildausschnitts

Immer mehr definiert sich der Spielgenuss über das eigene Erlebnis. Wie löse ich das Rätsel am Besten? Wie kann ich meine Position auf der Siegpunktleiste so hoch wie möglich bekommen? Wie kann ich meinen Zug noch effizienter machen?

Ich.
Ich.
Ich.

Aber lassen sich aus der Beschäftigung mit dem eigenen Tun erinnerungswürdige Momente schaffen, wenn wir sie nicht mit anderen teilen können? Ein kurzer Blick auf das vergangene Jahr scheint in meinen Augen eine deutliche Antwort zu liefen.

Es ist kein Zufall, dass die als seelenlos verschrienen Eurogames so schnell in Vergessenheit geraten. Oft wird die schwache thematische Einbindung kritisiert. Manche machen es auch an der mangelnden Narrative oder Story fest. Aber diese Dinge sind fast immer nur ein Symptom eines erinnerungswürdigen Spiels. Sie sind nicht der Grund, weshalb sich uns das Spiel ins Gedächtnis brennt. Vielmehr liefern sie Begriffe und Bilder zu denen wir greifen, um die flüchtigen Momente des gemeinsam erlebten Spiels einzufangen.

Betrachtet man ein Spielerlebnis nüchtern und analytisch, tun wir nicht viel mehr als Marker auf Leisten zu verschieben. Wir legen Plättchen auf Orte oder lesen Karteneffekte vor. Das Besondere ist, dass diese Aktionen manchmal emotional aufgeladen sind. Vielleicht weil man angespannt darauf gewartet hat sie auszuführen. Oder weil sie völlig überraschend eintreten und das Spielgeschehen auf den Kopf stellen.

Die Momente in denen uns das Spielgeschehen fesselt, verleihen ihm nicht allein seine Seele. Wenn wir den klaren Bezug zwischen unserer Spielhandlung und ihrer thematischen Bedeutung ziehen können, ist ein Spiel zwar stimmungsvoll und vielleicht auch individuell befriedigend. Aber eine Seele ist mehr als das.

Es braucht die Verbindung zum gemeinsamen Spielerlebnis, statt des alleine erfahrenen Spielerfolgs. Die Seele des Eurogames tritt in den Momenten zu Tage, in denen wir nicht als Einzelkämpfer unsere Punkte holen, sondern zusammen mit unseren Mitspielerinnen unser Bestes geben.

 


Titelbild: Photo by Markus Krisetya on Unsplash
Textbild: Photo by Jakob Owens on Unsplash

Georgios Panagiotidis