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Dieser Fahrstuhl ist alles, was ich habe. Mein ein und alles!

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen die Dinge tun, die sie tun. Reden wir mal vom Beruf: Da gibt es die, die einfach nicht anders können, als das zu tun, was sie tun. Es gibt auch Leute, die tun alles, was man ihnen anbietet, um das Geld zu verdienen, das sie benötigen. Die einen folgen einer Art intrinsischen Motivation und die anderen wollen halt überleben. Wie wichtig es ist bei seiner Arbeit glücklich zu sein, ist eine ganz andere Sache und für manche wichtiger als für andere. Ich habe irgendwann festgestellt, ich muss machen was für mich wichtig ist und mich dabei selber beschäftigen. Ich verdiene seit 10 Jahren schon weniger, als ich es noch tat, als ich angestellt war. Aber ich bin glücklicher. Das war mir wichtiger.

In meiner Twitter-Timeline spielte vor ein paar Wochen ein Beitrag ein, von einem Buchautor der sich ein bisschen darüber ausgelassen hat wie das so mit der Bezahlung ist für das Schreiben als Autor. Ich habe das in Ruhe gelesen und musste an mehr als nur einer Stelle den Kopf schütteln. Ich werde den Beitrag an ein paar Stellen etwas auseinandernehmen und den Vergleich zu Brettspielautorenbezahlungen ziehen.

Aber lest erstmal in Ruhe den Beitrag.

Nun ist meine Sichtweise darauf als Verleger natürlich eine andere als sie die meisten Autoren haben werden und vermutlich ist nicht alles was ich anbringe 1-zu-1 auf den Buchmarkt anwendbar, aber einige seiner Aussagen bringen halt nur ein Kopfschütteln aus mir raus.

Die Anspruchs-Diskrepanz

Fangen wir mal grundsätzlich mit der Haltung an, dass Timo als Autor unterstellt, dass die Verlage ihm gefälligst genug zu zahlen haben, dass er den Mindestlohn verdient. Er begründet das mit der Mitgliedschaft in der KSK, was ihn zu einem Arbeitnehmer machen würde. Die erste Alarmglocke geht in meinem Kopf an.

Er ist mitnichten ein Angestellter. Er ist freiberuflich. Er hat sich dafür entschieden keinen Boss über sich zu haben. Er kann Urlaub machen wann er möchte und er kann auch 20 Stunden am Tag arbeiten, ohne dass ein Gesetz es ihm verbieten könnte. Sein Vergleich hinkt schon an dem Punkt und damit wäre der ganze Artikel hinfällig. Er aber leitet daraus eine Forderung ab, die gefälligst andere zu bringen haben. Beruf verfehlt, denke ich mir.

Im Brettspielbereich sind 99% aller Autoren keine Angestellten bei einem Verlag. Es gibt in den USA Verlage die hausinterne Autoren haben, aber die bekommen ihr monatliches Gehalt, egal ob das Spiel, das wieder einspielt oder nicht und irgendwelche Tantiemen für Erfolge gibt es auch selten bis nie. Die Zahl der Autoren, auf die das zutrifft, ist aber auch stark rückläufig. Es sei denn man setzt die vielen Kickstart-1-Mann-Unternehemn einem großen Verlag gleich. Aber das lassen wir außen vor. Im Buchbereich gibt es ja auch die Selbstpublisher.

Ich kenne aber auch wenige Autoren im Bretttspielbereich die solche Forderungen anbringen. Das heißt nicht, dass ich sie nicht gibt, aber wer ein paar Jahre dabei ist und die Erfahrung sammelt, wird merken, dass, um Vollzeit von dem Beruf leben zu können, die einzige Chance ist, den eigenen Output deutlich nach oben gehen zu lassen. Vielleicht fehlt es unserer Branche noch zu sehr an Vollzeitautoren, aber ich sehe die nur kommen, wenn die Branche als ganzes wächst.

Die Berechnungs-Diskrepanz

Aber nehmen wir mal an, dass er einfach nur einen Vergleich aufstellen möchte, wie viel er seiner Meinung gerne verdienen möchte, nämlichen den Mindestlohn. Das klingt ja gar nicht so dumm. Er rechnet vor wieviel er verdienen muss und sogar was er leisten muss, um das zu bekommen. Statt das aber zu nutzen und seine Energie in die Richtung zu bringen, wo das funktioniert, verliert er sich in anderen Begründungen. Im Buchbereich gibt es sehr viele die davon leben können. Die meisten schreiben vielleicht einen Roman pro Jahr, etliche bestimmt zwei oder drei. Disziplin gehört dazu.

Sein Artikel setzt an einem Punkt an, wo wir von einem Vorschuss reden. Ein Vorschuss ist etwas was auch im Brettspielbereich einige Verlage machen, aber die meisten wohl eher nicht. Im Brettspielbereich zahlt aber keiner einen Vorschuss in 5-stelliger Höhe. Keiner! Weder ein Knizia, noch ein Feld, noch ein Rosenberg, noch ein Lang bekommen das.

Im Buchbereich vielleicht schon. Aber ich würde mal unterstellen, dass ein Autor schon einiges an Erfolgen vorweisen muss, um solch eine Summe angeboten zu bekommen. Neue Autoren erhalten bestimmt nur kleinere Beträge als Vorschuss. Deutlich kleinere.

Das hat auch was damit zu tun, was der Sinn des Vorschusses ist. Zum einen kann der Verlag mit dem Vorschuss versuchen einen Köder zu bieten, dass der Vertrag zustande kommt. Wir glauben daran und wir sind der richtige Verlag, bevor du noch zu einem anderen gehst. Auf der anderen Seite kann der Autor versuchen, sich die Mühe des Verlages zu sichern. Denn ein Vertrag kann immer noch wieder auseinanderfallen und es ist in den meisten Fällen ja nicht das einzige Buch das beworben werden will. Und der Vorschuss muss nicht zurückgezahlt werden, falls was schief läuft. Das ist auch meist das Ansinnen im Brettspielbereich. Eine Partei will sich etwas gegenüber der anderen sichern.

Aber kaum ein Verlag wird so viel an Vorschuss zahlen, dass sie bei jedem Buch draufzahlen, geschweige denn bei jedem zweiten. Eigentlich bei keinem. In der Rechnung als Verlag würde ich sagen, dass jeder Vorschuss unterhalb der erwarteten Auszahlungs-Einnahmen ist, sonst rechnet der Verlag lausig. Außer er möchte verhindern, dass es eh auf den Markt kommt, aber die Problematik lassen wir mal außen vor. Wer also mit seiner Rechnung sagt, das wird eh das einzige Geld sein, dass ich für das Spiel/Buch erhalte, der dürfte noch keine Erfahrung haben. Seine Vita sagt eigentlich was anderes.

Auch im Brettspielbereich ist das nicht anders. Ein Autor wollte von mir eine Vorauszahlung, damit er weiß das ich wirklich das Spiel mache. Die Zahl der Verträge, die im Nachhinein noch scheitern wäre wohl zu groß und er könnte sich damit sein Bad tapezieren. Mir war das Spiel wichtig und ich habe es gemacht. Aber da reden wir von einem 3-stelligen Betrag.

Die Haltungs-Diskrepanz

Die Buchbranche ist deutlich größer als die Brettspielbranche. Was auch einen Output in fünfstelliger Höhe erklärt (ich halte die genannten 70k Bücher sogar für etwas niedrig angesetzt), aber ich bin mir sicher die Verlage werden auch mehr als 90% der ihnen eingesandten Manuskripte ablehnen. Verlage haben nicht nur die schöne Option wählerisch zu sein, sondern auch die Pflicht als Unternehmen nicht alles machen zu können, um wirtschaftlich nicht vor die Hunde zu gehen. Und wie im Brettspielbereich gibt es auch im Literaturbereich deutlich mehr Menschen, die davon träumen mal etwas zu veröffentlichen, als es am Ende schaffen. Die, die Erfolg haben, können davon sehr gut leben, andere kommen damit über die Runden. Die meisten machen es nebenbei.

Sogar ich wurde schon oft und sogar noch letztes Jahr gefragt, was mein Hauptberuf wäre, weil davon ausgegangen wird, das mal als kleiner Verleger eigentlich nicht hauptberuflich davon leben kann und genug andere Verlage laufen auch als Nebenberuf. Wenn das schon auf Verlagsebene so ist, wie soll das erst bei Autoren sein? Es ist die Berufung neben dem Geld, das man verdient. Für manche nur ein Hobby. Der Autor Timo Leibig hat schon 13 Bücher veröffentlicht. Das ist nicht wenig und er dürfte schon einiges damit verdient haben. Genug, um davon zu leben und keinen Job daneben zu machen. Er wird bestimmt nicht für lau arbeiten. Er ist vielleicht kein Millionär, aber den Mindestlohn dürfte er bestimmt nicht so sehr unterschreiten.

Leider lässt er aber auch kein Beispiel folgen, das er nie mehr als den Vorschuss erhalten hatte. Denn darauf würde ich wetten, dass er immer noch nachträglich Geld erhalten hat. Und so spielt er sich zu einem Retter der kleinen Autoren auf, der er selber gar nicht mehr sein dürfte, je nachdem wo man die Grenze zieht. Hier wäre ein konkretes Beispiel nicht nur nötig, sondern wichtig, um seine Argumentation zu unterstreichen.

Die Strohmann-Diskrepanz

Schließlich wäre da noch der Vergleich zu Externen die auch Geld für ihre Arbeit bekommen. Timo erwähnt die Coverdesigner*innen, Setzer*innen und Lektor*innen. Allerdings kann er sich ja doch auch mal hinstellen, und einen fixen Betrag verlangen. Wenn sich dann sein Buch aber 10 Millionen Mal verkauft, bekommt er keinen zusätzlichen Cent. Natürlich begründet er, das wäre ja schon so, aber die Idee, dass es nur den Vorschuss gibt, glaube ich immer noch nicht.

Auch in der Brettspielbranche gibt es die Leute die Anleitungen Korrekturlesen, die die Schachtel und das Material Illustrieren und viele andere Dinge tun. Sie alle bekommen keinen Cent extra, egal ob das Spiel floppt, oder sich wie ein Azul verdammt gut verkauft. Einzig der Autor und der Verlag verdienen ab einem bestimmten Punkt noch dran. Er muss sich als mal überlegen, ob er lieber ein festes Gehalt haben möchte oder eine Gewinnbeteiligung. Der Vorschuss ist also eine Garantie, dass es mindestens so viel wird. Gerade in einem stark umkämpften Markt ist das auch noch eine hohe Garantie.

Wenn aber alle Bücher floppen, zahlt auch der Verlag drauf. Auch eine juristische Person hat keinen Anspruch auf ein Mindestgehalt. Jedes Buch und jedes Spiel ist eine Wette. Der Verlag geht das Risiko ein. Im Brettspielbereich ist das noch größer als im Buchbereich.

Im Brettspielbereich gibt es auch ein paar Illustratoren, die eine Gewinnbeteiligung wollen und ein paar Autoren die auf selbige verzichten können. Aber das sind alles Ausnahmen und alles Beispiele die den Verlag dazu zwingen, Sachen neu berechnen zu müssen. Etwas was Arbeit macht, und worauf die meisten keine Lust haben.

Die Selbstbild-Diskrepanz

Schließlich will Timo auch selber entscheiden, ob er sich als Handwerker oder als Kreativer bezeichnet. Für mich ist das kein Widerspruch und er kann beides sein und es kann auch mit beidem eine Berufung sein. Die in meinen Augen besten Spieleautoren sind auch beides. Denn kreative Ideen zu haben ist nicht das Problem, sondern diese auszuarbeiten daran zu feilen und zu einem fertigen Produkt zu bringen. Das Handwerkliche ist also wichtig. Das hat aber mit der Entlohnung nichts zu tun.

Am Ende lamentiert er über sinkende Vorschüsse, als wenn die 10.000 € die er am Anfang erwähnt hätte sein bisher niedrigstes Angebot gewesen wären. Er musst bestimmt viele Jahre selbständig arbeiten und seine Handwerksfähigkeiten ausbilden um zu dem Punkt zu kommen, wo man sowas verlangen kann. Im Brettspielbereich bekommt das keiner, um das noch mal zu erwähnen.

Für mich hätte der Autor sich mal von seiner Ecke entfernen müssen und versuchen müssen rauszubekommen warum die Sachen so sind, wie sie sind, um den Hebel zu finden wo man etwas ändern kann. Ich kann nur vermuten ob er überhaupt mit seinem Agenten, seinem Verlag oder irgendwem geredet hat. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass das nicht passiert ist. Denn die hätten ihm auch all das erzählen können was ich hier erzähle. Aber er konnte sich mal was von der Seele schreiben. Glückwunsch.

Aber was hat das alles mit Brettspielautoren zu tun?

Die Wahrheit ist, dass ich auch schon Autoren hatte, die angefangen hatten zu rechnen. Ein Brettspielautor erhält je nach Verlag und Art von Spiel zwischen 4% und 7%. Und zwar nicht vom Verkaufspreis am Ende an der Kasse, sondern von dem Preis, für den es der Verlag verkauft. Was meist der Einkaufspreis ist. Das ist bei einem Spiel für 40 Euro im Handel meist nur rund 1 Euro ist. Das alles im Detail aufzudröseln ist schwer aber tue ich gerne im Gespräch. Einen Vorschuss haben bei mir genau 2 Autoren erhalten. Nicht mehr. Und die beiden haben ein Vielfaches des Vorschusses in ihrer Abrechnung bekommen.

Autoren, die dann mit 10% oder mehr kommen, müssen schon echte Garanten sein, dass da deutlich mehr zu holen ist. Dummerweise fällt mir derzeit wirklich kein einziger ein, auf den das zutrifft. Wirklich Null. Wer sich also vorstellen kann auch mal seinen Namen auf einer Schachtel zu lesen und davon träumt das Hauptberuflich zu machen, wird den Vergleich zum Mindestlohn lange nicht ziehen können. Ich kann es nicht mal als Verleger. Und für mich ist Verleger sein vermutlich meine Berufung.

Matthias Nagy

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