Hate is just a Four Letter Word

Hate ist außerdem das neue Spiel von Cool Mini or not (CMON), das gerade bei Kickstarter eingestellt ist. Die Reaktionen auf den Trailer sind interessant und wer den (in meinen Augen ziemlich lächerlichen) Teaser noch nicht gesehen hat, sollte einmal kurz reinzappen. Aber vorsicht: Lieber nicht bei der Arbeit oder wenn irgendjemand anwesend ist!

Zu so einem, ähm, nennen wir es mal “Produkt”, gehen mir viele, viele Gedanken durch den Kopf und ich versuche die einmal in eine gewisse Ordnung zu bringen:

Reaktionen und Allgemeines: Es gab sehr schnell, sehr viele Reaktionen und prinzipiell folgten die in etwa diesem Muster: 1) Empörung 2) “Zensur!” als Totschlagargument 3) Diskussion.

Dabei fällt mir auf, dass viele Leute, welche die Kritiker kritisieren gar nicht wissen, was sie da eigentlich verteidigen oder was die kritisierten Kritiker eigentlich kritisiert haben. Das ist im Internet nichts neues, aber ich darf an dieser Stelle festhalten: Ich habe eigentlich niemanden gesehen, der sich wirklich dafür eingesetzt hat, dass Hate verboten oder zensiert werden sollte. Die Spannbreite reichte von “Lächerlichmachung” bis zur echten Empörung über bestimmte Teilaspekte (z.B. den Begriff “Rape” [Vergewaltigung] im ersten Teil des Teasers oder dem Verbrennen von Menschen in Öfen), aber zumindest die kritischen Stimmen, die ich gelesen habe, haben kein Verbot gefordert, sondern lediglich kritisiert, dass ein solches Spiel auf den Markt kommt.

Und das darf man natürlich kritisieren! Wie ich immer sage: Das Thema ist eine Designentscheidung und die darf man kritisieren und das durchaus auch inhaltlich. Auch Spielekritik darf etwas substantieller sein als “Macht das Spiel Spaß?” Und gerade bei einem kontroverseren Spiel darf man etwas kritischer sein.

Hinzu kommt, dass -wie man an den Kommentaren sieht – ein solches Spiel auch eine spezielle Zielgruppe anlockt. Einige Kommentare freuen sich schon auf die “Kontroverse” oder die “SJW, sie sich aufregen” und wollen in erster Linie Brüste sehen oder gar Vergewaltigungen (ein entsprechender Kommentar wurde mittlerweile gelöscht) Andere kritisieren das Fehlen von Miniaturen von zivilen Opfern (um ihre Babys weinende Mütter wurden explizit vorgeschlagen). Damit möchte ich nicht gesagt haben, dass alle -oder auch nur eine Mehrheit – der Hater-Backer diese Meinung teilen, aber prozentuell gehe ich stark davon aus, dass der Anteil des Spieleszeneäquivalent der Gamergate/SadPuppies-Demographie hier deutlich höher liegen dürfte als beim durchschnittlichen Eurogame. Und ganz ehrlich: Es ist OK, wenn man sich nicht wünscht, dass diese Demographie die Diskussion bestimmt. Man hat -eben z.B. bei GamersGate – gesehen, dass die Vielfalt und Inklusivität der Spieleszene durch eine entsprechende Entwicklung verlieren wird, das moderate Stimmen vertrieben werden. Dies anzusprechen und die bewusste Entscheidung von CMON in diesen Gewässern zu fischen (die sie mit der Themenwahl und der Tonalität des Trailers ja getroffen haben) darf natürlich auch kritisiert werden.

Thema: Doch kommen wir mal etwas inhaltlich voran: “Hey, das Thema ist nun einmal böse!” oder “Die Vorlage ist nun einmal böse!” sind die zwei großen Verteidigungslinien der Hate-Befürworter (neben “Freie Meinungsäußerung”-siehe oben). Zur Vorlage komme ich gleich, also zum Thema: “Hass” ist ein interessantes Thema, ein origineller Ansatz für ein Spiel. Das halte ich durchaus hier fest. Und folge mit: Das Spiel Hate benutzt das Thema in etwa so wie ein Eurogame das Thema “Sklaverei”.  Das Thema ist von dieser Warte aus nicht wirklich präsent – Ist es deswegen ein Hass-Spiel, weil man sich gegenseitig angreift? Dann ist jedes Tabletop ein Hass-Spiel. Und viel mehr ist da tatsächlich auch nicht. Letztlich setzt CMON auf Schockeffekte (“Shit!” “Asshole!” “Kill him!”, Öfen), aber nicht auf irgendetwas inhaltliches. Das ist OK, aber dann kann man nicht mit thematischen Zwängen kommen, wenn man die Ausrichtung des Spieles kritisiert. Zudem kann man zudem düstere Tonalität auch erzeugen, wenn man auf Vergewaltigung und Menschenverbrennung verzichtet. Das sind Trigger, Schockeffekte, mehr aber nicht. Das Spiel selber ist eine große Prügelei, kein “Manifest des Hasses”.Da eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema aber eh fehlt, ist die Frage warum es Vergewaltigung und anderer kritisch zu sehender Elemente bedarf.

Ein Spiel mit passender Tonalität gibt es übrigens schon längst: Cave Evil von Blast City games. Hat aber keine Miniaturen.

Doch kommen wir zur Vorlage. Ein bisschen ist die Verteidigung “Die IP verlangt das!” schon schräg, denn niemand hat CMON gezwungen “The chronicles of Hate” zu verspielen. Wenn man nach der Anzahl der Rezensionen im Netz und der Bewertungen bei Amazon und Goodreads geht, ist dieser Comic jetzt kein absoluter Bestseller oder so. Es gibt sicherlich auch andere düstere Fantasygeschichten, auf der nicht gleich auf der ersten Seite eine Vergewaltigung angedeutet wird (kurz: Diese Frau ist “Mother Earth” und streng genommen ist sie nur bondagiert -oder was immer das Adjektiv für Bondage ist – aber im Trailer wird ja gleich gesagt, sie wurde vergewaltigt, also ist das zumindest in der Spielhistorie schon einmal so festgelegt). Witzigerweise ist der Comic dadurch gekennzeichnet, dass sehr wenig gesprochen wird und es fast keine Text-Panels gibt. Die ganze “harte” Sprache ist also schon einmal nicht durch die Vorlage gegeben, sondern tatsächlich ein billiger Schockeffekt. Schwer zu entscheiden ohne das Spiel oder den Comic inhaltlich besser zu kennen, aber bei dem was ich über letzteres gelesen habe (und einige Seiten sind im Netz), bin ich nicht einmal sicher, ob das Spiel dem Comic tatsächlich auch inhaltlich groß folgt.

Spielerisch macht Hate auf mich einen eher dünnen Eindruck. Und damit bin ich wohl nicht alleine, denn auch wenn die Kampagne ein erfolgreich ist (CMON hat eine solide Käuferbasis) so liegt sie zum jetzigen Zeitpunkt  (ich muss aus terminlichen gründen vorschreiben) deutlich unter allen anderen Miniaturen-Kickstartern von CMON im selben Zeitraum. Das ist auch insofern überraschend, als dass Hate ein Kickstarter-Exklusives Spiel ist, also nicht in den regulären Handel kommen soll (Damit muss Asmodee auch nicht entscheiden, ob sie ein Spiel in Deutschland vertreiben wollen, in denen Menschen in Öfen verbrannt werden). Das sollte eigentlich mehr Käufer anlocken, nicht weniger? Und wenn es nur potentielle Sammler sind? Allerdings verdrängt Hate das Spiel The Others: 7 Sins vom letzten Platz und das war tonal ähnlich. Wieso haben sie Hate gemacht? Vermutlich  wollten den Erfolg von Kingdom Death monster wiederholen. Darauf würde auch die Exklusivität hindeuten. Nur: Zum einen hat die Zielgruppe jetzt ein entsprechendes (und teures!) Spiel gekauft und braucht das kein zweites Mal, zum anderen war die Tonalität von KDM sicherlich kaum der Hauptgrund – sondern neben den Miniaturen auch der recht originelle Ansatz, herauszufinden wie die Monster funktionieren und die Kampagne, die recht story basiert ist. Es gibt eine Kampagne bei Hate, aber wenn die so etwas wie eine Story bietet, dann hat das der Trailer gut versteckt. Den Kern von KDM hat man verfehlt.

Immerhin kann man beobachten, dass die “Ich freue mich schon auf die Kontroverse”-Gruppe in den Zuschauerrängen offensichtlich nicht groß genug ist, um wirklich für einen Erfolg zu sorgen. Gestern sind mehr Backer abgesprungen als hinzugekommen, was normalerweise nur vorkommt, wenn massive Fehler in der Kampagne passieren (kann man hier nicht sagen) – meine Theorie ist, die Abgesprungenen sind die Backer, die nur 1$ geboten haben, um kommentieren zu können. So viel ist die Kontroverse  und der kampf gegen linksversifftes Gutmenschentum auch nicht wert, als dass man dafür ein überteuertes Spiel kauft!

Am Ende des Tages: Viele Worte für wenig. Ja, das schließt diesen Post mit ein. Das Spiel wird produziert werden, das ist relativ sicher und CMON macht auch Geld damit. Aber es keine Weichenstellung in Punkto Spieldesign oder Marketing. Im Gegenteil: Hate ist ein schönes Beispiel dafür, dass reine Schockeffekte und Kontroversen nicht ausreichen, um als Geschäftsmodell zu taugen. CMON hat einige Fans durch diese Kampagne verloren, aber kaum welche gewonnen. Da muss man das Spiel gar nicht verbieten. Und das sehe ich absolut positiv.

ciao

peer

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.