Hi,
Tobias fragt: Welches Brettspiel ist deiner Meinung nach das beste der 70er Jahre?
Die 70er sind spielehistorisch interessant: Erstmals kamen auf dem deutschen Massenmarkt Spiele, die sich an Erwachsene richteten. Krone-Spiele – nach der Zigarettenmarke! – brachte eine Spielereihe auf den Markt. Wolfgang Kramer begann seine Karriere. Rudi Hoffman hatte eine sehr produktive Zeit und war anderen Autoren z.T. um Dekaden vorraus. Die Jury gründete den Kritikerpreis “Spiel des Jahres”. Elektronische Spiele starteten durch und mündeten später in Videospielen (Parker brachte sich mit Spielekonsolen an den Rand des Ruins). Rollenspiele kamen auf den Markt (Mit Sicherheit war D&D das beste Spiel der Dekade, aber in der Frage ging es explizit um Brettspiele) Allerdings war der Markt in den USA und in Deutschland komplett disjunkt. Das macht es schwierig zu entscheiden, welche Spielen man zu den 70ern zählt – die Amerikanische Ausgabe oder die Deutsche? Acquire -zweifelsfrei eines der besten Spiele des letzten Jahrhunderts – erschien meines Wissens erstmals in den 70ern auf deutsch, aber das Original stammt aus den 60ern.
Natürlich steckte der Brettspielbereich in den Kinderschuhen. Spiele wie Alaska oder Haltet den Dieb! habe ich als Kind sehr gerne gespielt, würden aber heute kaum jemand hinter den Ofen vorlocken. Schöne weite Welt war eigentlich ein Geographiepuzzle, wir haben das immer um die Wette gespielt – weiß aber nicht, ob das so gewollt war oder nur unsere Hausregel. Das Prinzip würde aber auch heute noch zünden… Awful green things from outer space ist ein amerikanischer “Klassiker” und Shogun von Ravensburger ein Deutscher. Das große Unternehmen Erdgas ist ein Vorläufer von Expedition und gilt als das erste Spiel mit “Kramerleiste”. Trade gilt als “Kultspiel”, aber das habe ich nie gespielt. Aber kommen wir zu meiner Top-5
Platz 5: Anno 4000: Das ist zweifelsfrei eine etwas gewagte Wahl, denn das Spiel hat zahlreiche Macken. Es funktioniert eigentlich nur zu dritt wirklich gut. Die Siegbedingung ist mist. Aber es ist das einzige Weltraumeroberungsspiel, dass die Dreidimensionalität des Weltraumes und das damit verbundene “Aneinander vorbeifliegen” realistisch und elegant umsetzt. Eines der wenigen Spiele, wo ich mir alternative Regeln ausgedacht habe. Wäre eine Überarbeitung wert. Aber das beste? Nein, dazu hat es zu viele Macken.
Platz 4: Executive Decision: Ein Wirtschaftsspiel, dass genial einfach Angebot und Nachfrage simuliert. Spiele ich sogar gelegentlich mit meinen Schülern, denn es ist spannend – Jeder entscheidet Ein- und Verkausfpreis und beteiligte Waren und Produkte gleichzeitig und daher kommt es zu einem echten Markt. Immer noch spannend und gut! Aber das beste? Nein, dazu ist es zu trocken, zu mathematisch, zu abstrakt.
Platz 3: Jockey: Eines der Spiele, die ich am häufigsten gespielt habe. Jedes Wettspiel muss erst einmal an Jockey vorbei, wenn es in meine Sammlung will. Immer noch spannend, immer noch eine gelungene Umsetzung eines Pferderennens. Aber das beste? Nein, dazu ist es dann doch etwas zu zufällig und altbacken.
Platz 2: Hase & Igel: Das erste Spiel des Jahres und immer noch ein gutes Familienspiel und nicht zuletzt deswegen immer noch zu kaufen. Das erste Spiel, dass mir gezeigt hat, wie eine Bewegung auch ohne Würfel oder Karten möglich ist, eine geplante Bewegung und wie es dennoch nicht vollständig deterministisch ist. Das beste? Ja, wenn man Familienspiele sucht.
Platz 1: 1829: Zugegebenermaßen schummel ich ein bisschen, denn 1829 hat sicherlich einige Dinge, die nerven. Aber es gründete die 18xx-Reihe, die ich wirklich gerne spiele. Das Spiel war seiner Zeit so viele Meilen vorraus, dass es mich noch heute wundert, wie Tresham das Spiel damals erdenken konnte.
Die Top 5 bei Boardgamegeek ist übrigens Junta (769), Magic Realm (745), Cosmic Encounter (636), Advanced Squad Leader (367) und die Nummer 1 ist Dune (152). Hase & Igel Matthias´Tip für das beste Spiel der 70er.
André fragt: Wird Let them eat cake nur in englisch oder auch auf deutsch erscheinen?
Das Spiel selbst ist komplett sprachneutral. Die Regel ist englisch. Letztes Jahr hat Osprey extra für Essen deutsche Regeln für The king is dead gedruckt, ob etwas ähnliches für Let them eat cake geplant ist, ist mir nicht bekannt.
Wie auch immer: Die Regeln sind nicht schwierig und ich nehme an, es werden auch irgendwann inoffizielle Regelübersetzungen bei BGG erscheinen. Man sollte sich von der Sprache nicht abschrecken lassen (wie gesagt, sind zum spielen selbst keinerlei Sprachkenntnisse vonnöten).
Mehr Fragen, bitte!
(Sebastian hat diverse Fragen gestellt, die ich jedoch an Matthias weiterreiche, da er sich mit dem Produktionsaspekt deutlich besser auskennt als ich)
ciao
peer
- Meine Neuheitenshow II: Upland & Prairie - 9. August 2026
- Manila oder Macao, Hauptsache Italien - 21. Juni 2026
- Altered: Aufstieg und Fall eines Sammelkartenspieles - 7. Juni 2026




Was ist für dich die größte Schwierigkeit beim Spieleentwicklen?
Wie gehst du beim Balancing von Spielen wie “WSDV” vor?
Bei welchem Entwicklungsstand gehst du mit deinem Prototyp auf Verlage zu?
Was ist aus deinem RAF-Spielidee geworden?
Danke für die Fragen, kümmere mich nächstes Wochenende drum :-)