spielbar.com

Vier Regeln für ein Halleluja?

Fresko hat nicht weniger als 4 Regelsätze zu bieten: Ein Grundspiel und 3 “Erweiterungsmodule”. Damit liegt es voll im Trend: Seeland hatte ebenfalls gleich mehrere Alternativen/Ausbaustufen zu bieten, aber Kramer bietet ja schon seit Jahren zahlreiche Varianten in seinen Spielen an. Igel Ärgern dürfte aber wohl der Primus sein: In der Originalausgabe gab es ein extra Büchlein mit alternativen Regeln für das eigentlich simple (aber nette) Würfelspiel.  Da sind normale Regeln für “Anfänger” und “Fortgeschrittene” schon fast deflationär. Wie sinnvoll sind diese Alternativregeln eigentlich?

Auf den ersten Blick ist zumindest eine Zweiteilung in “Anfängerspiel” und “Profiregeln” sinnvoll: Die Einstiegshürde kann dadurch gering genug für Gelegenheitsspieler gehalten werden, während Vielspieler “ihre” Version auf den hinteren Seiten des Regelheftes findet. Dennoch: Als Autor stehe ich gerade vor der Entscheidung Profiregel Ja/Nein und die Wahl ist nicht einfach: Das Problem ist nämlich, dafür zu sorgen, dass das Grundspiel interessant genug ist, dass Spieler zumindest noch lust auf die Variante haben.  Ich denke dass die Mehrheit der Spieler (und da schließe ich mich mit ein) ein Spiel nach einer enttäuschenden Partie wegpackt und eben nicht probiert, ob es mit einer Variante mehr Spaß macht. Ähnlich “echten” Erweiterungen werden auch Varianten eher ausprobiert, wenn schon das Grundspiel reizt.

Auch reicht es imho nicht aus, einfach zwei Detailregeln in die Profiregeln zu verschieben: Der Sinn von solchen Regeldetails erschließt sich dem Leser nicht unbedingt und motiviert daher auch nicht zum ausprobieren. Wenn dagegen ein ganz neues Element dazukommt (etwa die Versteigerung bei Tikal – die ich eigentlich überflüssig finde, aber sie gibt ein gutes Beispiel ab) ist klar, dass hier eine weitere Ebene addiert und nicht nur im Detail geschraubt wird.

Kniffliger ist dagegen eine Aufspaltung in noch mehr Varianten wie bei Fresko: Theoretisch erlaubt sie eine noch genauere Anpassung auf die Bedürfnisse der Spielgruppe und das ist ja positiv. Praktisch müsste eine Spielgruppe jetzt aber regelrechte Testspiele absolvieren: Wird es so besser? Jetzt? Und mit der Kombination von den beiden? Wenn nicht gerade alle Module toll sind, bedeutet das aber, dass es einige enttäuschende Partien gibt. Ich glaube nicht, dass sich all zu viele Gruppen diese Arbeit machen,es sei denn sie sind ohnehin von dem Spiel begeistert. In der Praxis werden die meisten Gruppen (wenn überhaupt) eine “Alles oder Nichts” – Strategie fahren und entweder mit dem Grundspiel oder mit allen Erweiterungen spielen. Und das geht am Sinn  der Sache vorbei. Zudem erweckt diese “Lösung” immer den Eindruck Verlag und Autor hätten sich nicht auf eine Variante einigen können (was gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt sein kann…)

Übrigens bin ich absolut gegen Einführungsspiele (nicht gegen eine Einführungspartie, sondern ein vom Regelwerk abweichendes Spiel), die nur dazu dienen einen Mechanismus einzuführen, für sich genommen aber keinen Spaß machen. Um Reifensbreite ist so ein Beispiel: Nach der Einführung wollte niemand aus meinem Bekanntenkreis das Hauptspiel mehr spielen – das Einführungsspiel war so schlecht, dass es nicht motivieren konnte. Ähnliches las ich über die 18xx – Variante, die mit einem Einsteigerspiel Einsteiger in die 18xx locken wollte.

Abschließend muss ich aber auch gestehen, dass ich Varianten selbst nur selten spiele – ähnlich wie Erweiterungen bleibe ich lieber beim Grundspiel. Ausnahmen bestätigen aber die Regel…

ciao

peer

Peer Sylvester
Letzte Artikel von Peer Sylvester (Alle anzeigen)

2 Kommentare

  • Hallo Peer,

    zunächst einmal Lob für Deine immer sehr interessanten und lesenswerten Artikel.
    Speziell zu diesem Thema, Varianten, mache ich als relativ “junger” Spieleautor zur Zeit dieselben Erfahrungen (in der Spieleentwicklung). Wieviel Profiregel darf sein, und sollte es überhaupt eine immanente Regelsteigerung geben? Beim Lesen der “vier Regeln” ist mir gerade bewusst geworden, dass ich dazu neige, möglichst viele Spielvarianten als “Anhang” erhalten zu wollen – man könnte die Variante ja noch mal brauchen …
    So gesehen stimme ich dir absolut zu, wahrscheinlich sind Varianten überflüssig! Vielleicht dienen sie nur dem Zweck, dass die intensive Entwicklungsphase (die Spiel, das Testpublikum und der Autor durchlaufen haben), irgendwo angemessen gezeigt und damit auch gewürdigt wird.

    Variantenreiche Grüße
    Gerhard Junker

  • Danke für das Lob! Ich denke die meisten Regeln sind aus dem Disput zwischen Verlag und Autor über den Schwierigkeitsgrad des Spieles heraus entstanden ;-)
    Die anderen sind oft verschiedene Varianten, die mal ausprobiert wurden und die Sache weder besser noch schlechter machen und die der Autor nicht einfach “abschießen” wollte… Wir sind eben sentimental…