In der Spieleszene geht es in den meisten Fällen sehr gesittet zu: Verlage und Autoren arbeiten meistens eher zusammen und auch das Verhältnis der Verlage untereinander ist eher kollegial zu nennen – wie ich hörte gingen in Göttingen beispielsweise Rüdiger Beyer von Queen und Thorsten Gimmler von Schmidt gemeinsam auf Prototypen-Sichtungstour und einigten sich jeweils, wer welches Spiel zuerst bekommt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen (Franjos Online musste in Offline umbenannt werden, der Knizia-Rechtsstreit, kürzlich gabs etwas Ärger um ein Spiel das wohl mehreren Verlagen gleichzeitig angeblich “exklusiv” angeboten wurde) doch die sind eher selten. Doch ein Fall sticht aus der Harmonie deutlich hervor: Der Rechtsstreit um Age of Steam (“AoS”) und dessen Nachfolger.
Der 1. Fall: Begonnen hat alles damit, dass Martin Wallace (Autor von Age of Steam) eine bearbeitete Neuauflage von AoSbei einem neuen Verlag herausbringen wollte und John Bohrer (Winsome Games) seinerseits die dritte Auflage von Age of Steam lizensieren wollte. Age of Steam entstand nämlich aus den Zugspielen Lancashire Games (Winsome Games) und Volldampf (TM Spiele). Bohrer bearbeitete das Spiel und es erschien in einer Kleinauflage bei Winsome und in einer größeren Auflage bei Martin Wallace Eigenverlag Warfrog. Letztere war lizensiert von Winsome und ein Riesenerfolg. Als nun Wallace ein etwas verändertes Spiel auf den Markt bringen wollte, kam es zum Streit zwischen den beiden. Es ging zum einen um die Vermarktungsrechte von AoS, zum anderen aber auch um die Rechte an den Veränderungen, die Bohrer vornahm. Das ganze endete damit, dass Wallace freiwillig auf die Marke AoS verzichtete. Unsicher bin ich mir darüber, ob Wallace noch Autorenhonorar für AoS kassiert (ein Zitat von Keith Blume scheint auf das Gegenteil hinzudeuten, aber das kann auch falsch sein). Hinzu kamen einige Nickligkeiten (wie der Titel “Age of Scheme”), welche die Sache insgesamt etwas unschön gestalteten.
Kommentar: Interessant ist die Frage nach den Rechten des Bearbeiters. Gute Redakteure können ein Spiel deutlich verbessern und haben z.T. schlichtweg geniale Ideen. Dennoch sind ihre Beiträge zu klein um Schöpfungshöhe zu genießen – immerhin bearbeiten sie ja “nur” ein Spiel, sie entwickeln es nicht. Etwas nur zu verbessern ist i.A. aber keine ausreichend große schöpferische Leistung. Dennoch kann ich nachvollziehen, dass Bohrer seine Arbeit aus einem Lancashire Rails (Guter Ansatz aber einige Macken) ein Age of Steam zu machen. Der Autor bleibt aber Wallace. Und das darf man nicht vergessen!
Der 2. Fall: Nachdem sich der erste Sturm einigermaßen gelegt hatte, kam der nächste Schlag. Hier erscheint auf den ersten Blick alles klar zu sein: Wallace hatte im Vertrag für Railroad Tycoon unterschrieben, keine weiteren Age-of-Steam-Varianten mehr auf den Markt zu bringen. Da nun Steam bei Phalanx erscheint wurde dieses Versprechen gebrochen und er wurde von Fred Distribution (Vertrieb der “Rails of the World”-Reihe, welche die Nachfolgespiele von Railroad Tycoon darstellen) verklagt. Doch jetzt wirds kryptisch: Zum einen wurde der Vertrag nicht mit Fred abgeschlossen, sondern mit Eagle Games (bei dem Railroad Tycoon erschien). Letztere gingen Pleite und deren Lager wurde von Funagaingames gekauft. Der Vertrag wurde also gar nicht mit Fred geschlossen – Nick Medinger sagte damals, dass Verträge NICHT mitgekauft wurden. Dazu passt das Funagain/Fred den Originalvertrag gar nicht hat – Martin Wallace allerdings auch nicht mehr. Letzterer zweifelt zudem an, dass die entsprechende Passage Bestandteil des Vertrages gewesen war – was wiederrum von Glen Dover (der damals Kopf von Eagle Games war) wiederrum dementiert wurde (siehe hier)
Kommentar: Die Sache ist zu verworren, als dass ich eine klare Aussage machen könnte. Zu klären wäre imho als erstes ob die Verträge nun mitgekauft wurden oder nicht – ich vermute Martin Wallace ging von letzteren aus, weswegen er sich keine Sorgen wegen des Vertragsbruches gemacht hat.
Interessant ist der Rechtsstreit aber auch wegen einer ganz anderen Frage: Was ist eine “Age of Steam – Variante”? Railroad Tycoon (und Nachfolger) scheinen als solche zu gelten, obgleich sie sich doch sehr anders spielen und für meinen dafürhalten nur das Warentransportsystem gemeinsam haben – Das Spielgefühl ist ein anderes und zentrale Elemente sind anders gelöst. Was ist mit Volldampf? Hier werden keine Strecken gebaut, sondern fertige Strecken gekauft. Ab wann ist ein Eisenbahnspiel mit Aktionsversteigerung und Warentransport eine AoS-Variante? Da ich vermute, dass sich die Rechtsstreitigkeiten auf das Vertragswirrwar konzentrieren müssen, wird das Gericht um diese Frage herumkommen (und da sich alles in der USA abspielt kann man auch keine Rückschlüsse auf das deutsche Urheberrecht ziehen). Aber einen Fall aus der Vergangenheit möchte ich in diesem Zusammenhang zitieren: 1985 verklagte Data East die Firma Epyx. Die hatten nämlich das Videospiel World Karate Championship auf dem Markt gebracht, das dieselbe Steuerung, den selben Graphikstil und dieselbe Punktewertung wie Data Easts Karate Chomp verwendete. Die Klage wurde abgewiesen mit der Begründung, dass sich Karatespiele nun einmal aufgrund des Themas und der Spielbarkeit fast zwangsläufig ähneln müssen.
In diesem Fall könnte man argumentieren, dass Eisenbahnspiele sehr viel mehr Freiheiten bieten. Andererseits sind Finanzmanagement, Gleisbau und Warentransport zentrale Elemente, die jedes Eisenbahnspiel enthalten darf. In welcher Form bleibt abzuwarten.
ciao
peer
P.S: 2 neue Rezis sind online : Robotory und Via Romana.
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