Lost and Found

Die Leute reden natürlich immer noch über Essen. Dabei fällt mir ein gewisses Phänomen auf: Über König von Siam redet kaum jemand, über King of Siam findet man einiges.
Anders ausgedrückt: Mein Spiel kommt im englischsprachigen Raum deutlich besser an, als im deutschen. Dasselbe Phänomen ist mir vor ein paar Jahren bei Tobias Stapelfelds Neuland aufgefallen: Die deutschen Rezis waren alle bestenfalls mittelmäßig, die amerikanischen ausgesprochen positiv. Es scheint so als ob denklastige Spiele im Ausland besser ankommen als in hierzulande. Ich werde diese Hypothese weiter überprüfen.

Michael Weber hat es ganz schön ausgedrückt: Für jeden etwas für alle zu viel. Die Messehallen sind so voll mit interessanten Spielen, dass man zwangsläufig was verpassen MUSS. Mehr noch – es gibt zahlreiche potentiell interessante Spiele, die man überhaupt nicht wahrnimmt. Wer auch immer es war, der einmal zu KMW sagte, “Das blöde an der Messeschau ist, dass es keine Überraschungen mehr gibt.” ist mittlerweile wiederlegt. Zwar dreht sich in den Nachbeprechungen immer alles um dieselben Spiele, aber das liegt eher daran, dass sich jeder die potentiell interessanten Rosinen vorab rausgepickt hat. Es gab viel interessantes zu entdecken (Hier liegt ein potentiell witziger Absacker names Make you Gunfighters (Ja, da ist wirklich schlechtes englisch auf der Packung) von Bouken neben mir, den ich nur aufgrund der Arbeit an meinem Buch gefunden habe) und niemand kann alles spielenswerte gefunden haben.
Völlig an mir vorbei gegangen sind z.B. Chili-Spiele. Ich hab den Stand gesehen, aber mangelns Informationen erstmal als “Uninteressant” abgehakt. Leider kenne ich Klaus Zoch nicht persönlich, sonst wäre mir aufgefallen, dass er seine Finger in diesem Verlag hat. Hätte ich gewusst, was ich jetzt weiß, wäre der Stand einer meiner Anlaufstationen geworden. Naja, um das irgendwie auszugleichen habe ich ein Interview geführt, auf dass andere Spieler nicht denselben Fehler machen wie ich.
Das leicht bearbeitete Interview kommt jetzt:

Peer: Was hat es mit Chili Spiele auf sich? Erzähle doch ein bisschen über den Verlag und die Idee dahinter!
Klaus: Chili Spiele das sind drei Gesellschafter: Henry Buck, Volker Maas und Klaus Zoch. Zusammen mit Henry Buck hatte ich 1986 meinen ersten Auftritt auf der Spielemesse in Essen. Wir haben damals unter anderem auch den Bausack vorgestellt. Unser erster Auftritt in der Szene war leider ein kompletter Mißerfolg. Ich habe damals keinen einzigen Bausack verkauft.
Volker Maas stieß vor etwa 10 Jahren zum Zoch Verlag. Seit 1997 half er beim Transport, Aufbau und Spiele erklären. Für HUCH arbeitet er von Anfang an als Graphiker. (z.B. Ausgerechnet Buxtehude.)
Warum haben wir Chili gegründet?
Im Schrank der Zoch-Redaktion haben sich im Laufe der Jahre ein paar Perlen angesammelt, die wir im Zoch Verlag aus verschiedensten Gründen (Stückzahl, aufwändige Herstellung, hoher Preis…) nicht realisieren konnten.
Chili soll nun Kleinstauflagen dieser Spiele ermöglichen. Da diese Spiele sehr knapp kalkuliert werden müssen, ist keine Händlerspanne mehr möglich. Sie werden deshalb nur auf Messen und im Chili-Internetshop erhältlich sein.

Peer: Ich war zwar einigermaßen gut vorbereitet, aber dennoch habe ich vor der Spiel nichts von dem Verlag gehört. Habt ihr mit Absicht keine Vorab-Infos herausgegeben oder war das Zufall?
Klaus: Ich war mir nicht sicher, ob die Spiele bis zur Spiel 07 rechtzeitig fertig werden. Bei den Aufsteigern gabs dann ja auch Probleme. Deshalb hab ich lieber den Mund gehalten und keine großartigen Vorankündigungen veröffentlicht

Peer: Ihr habt drei Neuheiten. Kannst du die Spiele kurz vorstellen?
Klaus: COBRA ist von Torsten Marold und Cristoph Cantzler. Es ist ein relativ einfaches Geschicklichkeitsspiel mit Bluff- und Taktikelementen. Aus drei Körben wachsen Schlangen heraus, die sich im Laufe des Spiels immer höher winden. Zu Beginn des Spiels wird jedem Spieler eine Geheimfarbe zugelost. Die Schlangen werden aus Segmenten in diesen Farben aufgebaut. Durch Setzen eines Schlangenkopfes kann ich die Wertigkeit der jeweiligen Körbe verändern. Wer aber meine Geheimfarbe errät, kann mir das Setzen des Schlangenkopfes verbieten.

DIE AUFSTEIGER (von Holger Lanz) besteht aus 35 Holzklötzen, jede Seitenfläche in einer anderen Farbe. Es geht darum mit seiner Spielfigur am Ende des Spiels ganz oben zu stehen. Das Spiel endet, wenn keiner mehr steigen kann.
Der Spieler am Zug darf einen Klotz umsetzen und so hoch wie möglich steigen. Dabei darf sie nur Flächen der eigenen oder der neutralen Farbe erklettern. Die Spielfiguren können aus eigener Kraft nur Klötze erklimmen, die niedriger als sie selbst sind. Für höhere Klötze gibt es Leitern. Der Einsatz einer Leiter will aber wohlbedacht sein, da eine Leiter nur einmal benutzt werden darf.
Es ist sinnvoll Teams zu bilden, am Ende kann aber nur einer gewinnen, d.h.: ich muß mich rechtzeitig von meinem Team absetzen.

NEUE HEIMAT (von mir) ist das anspruchvollste der drei Spiele. Drei Häuserzeilen dürfen mit farbigen Würfeln bebaut werden. Wer den ersten Würfel einer Farbe spielt, für den zählen in der Endabrechnung alle Gebäude dieser Farbe.
Sobald aber zwei Zeilen fertiggestellt sind, ist das Spiel zuende. Die fertigen Zeilen bringen Pluspunkte, die unfertigen bringen Minuspunkte.
Sondergenehmigungen verkürzen oder verlängern die vorgeschriebene Länge einer Zeile. Der Bürgermeister (ein Pöppel) verdoppelt den Wert einer Zeile.
Alle Teile können meistbietend erworben werden.
Es gibt im Spiel keine Wartezeiten. Ich bin immer gefordert. Brauche ich unbedingt den gerade angebotenen Spielstein muß ich mehr bieten als meine Konkurrenten, will ich aber nur die Millionen abzocken darf ich nicht übertreiben um nicht auf meinem Gebot sitzen zu bleiben.
Es gilt die Pläne seiner Mitspieler vorherzusehen und in die richtigen Immobilien zu investieren. Aber nicht zu viel bezahlen! 12 Millionen sind schnell verpulvert.

Peer: Wie verlief die Messe für Chili Spiele? Wart ihr zufrieden?
Klaus: Da bleibt ein Fragezeichen. Aufgrund meiner Verpflichtungen bei ZOCH und HUCH war ich kaum am chili Stand und habe noch kein Gefühl wie die Spiele nun wirklich ankommen. Verkauft haben wir leider nicht besonders gut, aber das war beim ersten Messeauftritt von ZOCH und HUCH auch nicht besser, muß also noch nichts Schlechtes bedeuten.

Auf der nächsten Messe in Stuttgart werde ich mich auf den chili Stand konzentrieren. Danach kann ich dir dann hoffentlich Aussagekräftigeres berichten.

Peer: Als Autor interessiert mich natürlich: Kann ich mit schwer umsetzbaren Ideen direkt zu euch kommen oder werden sich die Chili-Spiele auch in Zukunft aus der Schatzkammer der Zoch-Redaktion rekrutieren?

Klaus: Schwer umsetzbare Ideen landen auf jeden Fall bei mir. Zusammen mit Albrecht Werstein (und den Autoren) wird dann entschieden ob das Spiel veröffentlicht werden soll und wenn ja wo.

Peer: Vielen Dank für das Interview. Her mit den Rezensionsexemplaren!

Natürlich hab ich den letzten Satz nicht gesagt. Wenn Spiele so knapp kalkuliert sind und in so kleinen Auflagen erscheinen sind Rezensionsexemplare einfach nicht drin. Dadurch hats der Verlag natürlich doppelt schwer: Keine Präsenz bei Online-Händlern, nur Rezensionen, wenn sich ein Rezensent ein Spiel kauft. Dadurch muss ein potentieller Rezensent aber natürlich selbst auf das Spiel aufmerksam werden – Ein Teufelskreis. Im Prinzip haben wir hier so etwas wie ein professionell aufgezogener Kleinstverlag… Ich persönlich bin sehr an den Aufsetigern interessiert, denn das Konzept liest sich sehr interessant. Wer auf der Stuttgarter Messe ist, kann mir ja berichten. Einer muss es ja tun. Die Chili-Spiele haben nur eine Chance, wenn jemand über sie berichtet. Und dazu muss jemand auf sie aufmerksam werden. Mein Scherflein hab ich dazu beigetragen :-)

Von meinen Messespielen hab ich übrigens erst 2 spielen können: Gypsy King von Cwali ist ein abstraktes, einfaches Setzspiel, dass einen gewissen Pfiff hat. Ich bin mir nicht sicher, ob die Langzeitmotivation so hoch sein wird, aber im Moment halte ich es für ein ziemlich gutes Spiel. Es hätte sehr gut in die Winning-Moves-Reihe gepasst (Wobei ich hoffe dass sich letztzere mal wieder erholt. Die Redaktion erscheint mir -basierend auf persönlicher Erfahrung -kompetent. Aber die beiden letzten Plätze beim Fair-Play-Rangking zu belegen spricht nicht gerade für eine gute Spieleauswahl).
Auch If wishes were fishes (Rio Grande Games) hat mir gefallen. Es ist sowas wie ein etwas anspruchsvolleres Familienspiel und spielt sich (einmal verstanden) ausgesprochen flott: Ein einzelner Zug dauert kaum 30 Sekunden. Das Thema ist unverbraucht (Fische fangen oder wieder zurückwerfen und sich einen Wunsch gewähren lassen) und das Spiel hat die richtige Mischung aus Taktik und Zufall, um locker weggespielt zu werden. Empfehlenswert!

ciao
peer

P.S. Meilensteine kommen ab jetzt zweiwöchig.

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

3 Gedanken zu „Lost and Found“

  1. Hallo!

    War (bzw. bin ;-) )in Stuttgart und habe bei einer Partie “Neue Heimat” zwischen Meister Zoch und drei Youngsters um die 18 zugesehen – spannend bis zum letzten Zug! Ich habe ein paar Fotos gemacht und das jetzt mal bei Boardgamegeek reingesetzt …

  2. Danke schön. Das Spiel sieht (leider muss ich fast sagen ;-) ) sehr interessant aus!
    Wenn jetzt noch jemand Die Aufsteiger testet…

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