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Der wüstenlose Planet

Vor etwa 15 Jahren habe ich eines der besten SF-Bücher überhaupt gelesen: Der Wüstenplanet von Frank Herbert. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern – dazu ist es zu lange her – aber ich erinner mich noch an ein faszinierendes Gemenge von Philosophie, Verschwörungen, verschiedensten Fraktionen und ziemlich genialen Plänen. Wie sagte ein Schulfreund damals: „Was mich beeindruckt, ist wie intelligent die alle sind: Aus einer Geste werden ganze Pläne abgeleitet und entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Gegner jedoch hat diese Geste mit Absicht gemacht, um die Gegenmaßnahmen zu verursachen und dann zu kontern. Faszinierend…“
Jedenfalls hat mir das Buch damals so gut gefallen, dass ich auch die Folgebücher gelesen habe. Und das war z.T. nicht gerade ein Vergnügen. Bei Band 5 hab ich die Segel gestrichen – der hatte wirklich nichts mehr mit dem ersten Buch zu tun. Schon gar nicht in Punkto Lesequalität.

Warum ich das erzähle? Nun, es gibt ein Spiel zum Buch – genaugenommen sogar zwei, aber ich rede hier nicht von der Parker-Filmumsetzung, sondern von der „echten“ Buchumsetzung von Eberle/Kittredge/Olotko (dem Eon-Team), die später bei Avalon Hill erschienen ist – und dieses Spiel kann mit Fug und Recht zu den Meilensteinen der Spielegeschichte gezählt werden.
Warum?
Das besondere an dem Spiel aus spielerischer Sicht ist die dichte Umsetzung der Geschehnisse aus dem Buch auf das Spielbrett. Alle wichtigen Fraktionen kommen vor und haben dieselben Stärken, Schwächen und Interessen wie in dem Buch. Die Wesentlichen Handlungsstränge des Wüstenplaneten finden sich ebenfalls wieder: Würmer, das Spice, alles da.
Aus spielmechanischer Sicht ist das besondere dass sich die Fraktionen völlig unterschiedlich spielen (es gibt sogar unterschiedliche Siegbedingungen), dabei aber alle Beteiligten dieselben Siegchancen haben. Das Spiel ist also völlig ausgeglichen. Hinzu kommt noch eine ungewöhnliche Möglichkeit zu gemeinsamen Bündnis-Siegen, die den Spielverlauf sehr flexibel macht. Sind in vielen Spielen bestimmte Handlungsverläufe üblich, gleichen die Partien „Dune“ selten einander.
Kombiniert ergibt sich eine sehr dichte Spielathmosphäre. Das Spiel dauert zwar seine Zeit, doch alle sind involviert, es bleibt normalerweise spannend bis zum Schluß (auch durch die verschiedenen Siegbedingungen) und die Story zum Spiel entwickelt sich. Dune ist eines der wenigen Beispiele bei denen thematische Umsetzung und Mechansmus auf höchsten Niveau angesiedelt sind.
Leider ist das Spiel schon lange OoP.

Fantasy Flight Games hat nun die Rechte für die spielerische Neuauflage bekommen und diese für 2008 angekündigt. Tolle Nachrichetn für alle Vielspieler, besonders für diejenige, die das Urspiel nicht haben. Zudem steht der Name dieser Firma für eine deutliche Verbesserung des Spielmaterials. Alles eitel Sonnenschein?
Leider nicht. Denn was FFG nicht bekommen hat sind die Rechte an der Buchvorlage. Daher müssen sie die Handlung des Spieles in das Twillight Imperium-Universum versetzen.

Und damit sind wir beim Thema des heutigen Blogs.

Es ist ein Phänomen dass in Deutschland der Mechanismus eines Spieles i.A. als wichtiger angesehen wird, als die thematische Umsetzung, während in den USA oft das Gegenteil gilt. Entsprechend wurde die o.s. Meldung in den USA mit „Dann bringt die ganze Umsetzung nichts!“ kommentiert und in Deutschland mit „Schade. Aber das Spiel ist auch so gut.“ Es bleibt aber eine interessante Frage: Ist es wirklich wichtig, dass „Dune“ auf dem Originalwüstenplanet spielt oder reicht ein „Ersatzwüstenplanet“ mit anderem Namen aus? Bei vielen Spielen würde sich die Frage gar nicht stellen, im konkreten Fall, ist das Spiel ja aber gerade wegen der tollen Umsetzung bekannt geworden.
Um die Diskussion zu vereifachen wähle ich mal ein ausgedachtes Beispiel:

Nehmen wir an das Spiel „Der Ringkrieg“ hätte dasselbe Problem. Das Spiel wird ins Warcraft-Universum versetzt und die Namen von Figuren und Orten etc. entsprechend angepasst. Hätte das Einfluß auf das Spielgeschehen? Hätten wir ein schlechteres Spiel vor uns?

Nun, die Mechanismen sind dieselben geblieben. Ein schlechtes Spiel kann da kaum entstehen, denn zuvor war es ein gutes Spiel. Aber einige Mechanismen würden den Spieler, der das Original nicht kennt, eher verwirren als helfen. Thementreue dient ja auch als Anker, um bestimmte Mechanismen zu verstehen, ändert sich das Thema fällt das weg. Ein Spieler würde sich (zu Recht) über die Gemeinschaft wundern, die irgendwie wichtiger zu sein scheint, als der eigentliche Krieg. Ganz zu schweigen von der merkwürdigen Doppelbedeutung des einen Artefaktes, der irgendwie Segen und Fluch zugleich ist. Beides sorgt für zusätzliche Regeln ohne das Spiel im falschen Universum weiterzubringen. Im richtigen tolkienischen Universum sind diese Details dagegen essentiell – ohne sie würde etwas fehlen.

Entsprechendes gilt für den Wüstenplaneten: Sicherlich die Fraktionen können andere Namen bekommen. Doch damit geht ein Stück Athmosphäre verloren (zumindest für die Fans der Bücher) und die Einstiegshürde wird auch erhöht: Wer die Bücher kannte, wusste was sich hinter den Fraktionen verbarg. Jetzt muss man zusätzlich zu den Regeln auch lernen, was die Zakata-Fritz (oder wie die auch heißen werden) eigentlich auszeichnet.
Zwei Dinge zeichnen den Wüstenplaneten aus: Das fantastische Spielsystem und die Themennähe. Letzteres fällt leider notgedrungen weg (*). Ist eine Neuauflage unter dieser Prämisse überflüssig?
Ich meine nein, denn ersteres bleibt erhalten. Das Spiel verliert, das ist unbenommen. Aber auch wenn die Neuauflage vielleicht nicht den Status des Urspieles erreichen kann, so ist es doch immer noch ein sehr gutes Spiel. Darauf würde ich nicht verzichten wollen, nur weil es ein besseres gibt. Es bleibt auch die Frage ob die Athmosphäre unwiederbringlich verloren ist; Bei vielen Computerfußballspielen ohne Bundesligalizenz spielt man mit verballhornten Namen, die sich i.A. ohne Mühe (per Editor) rekonstruieren lassen. Ich weiß nicht wie die Neuauflage aussehen wird, halte es aber für wahrscheinlich, dass Spieler statt Zakata-Fritz vielleicht doch „Bene Gesserit“ sagen werden…

Aber wie es auch aussehen mag: Man sollte ein Spiel erst schlechtreden (oder hypen), wenn es erschienen ist. Und das dauert noch ein Jahr….

ciao
peer

(*) Es gibt eine Online-Petition mit dem Ziel, dass FFG vielleicht doch die Rechte bekommt. Ich glaube kaum, dass sowas von Erfolg gekrönt ist, habe aber trotzdem unterschrieben. Heuchelei oder Hoffnung? ;-)

Peer Sylvester
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