Nov 08

Ein Schwung Spiele

Peer Sylvester,  2014      

Nach den grundsätzlichen Betrachtungen der letzten zwei Wochen, wollte ich mal einen Schwung Spiele aus Essen vorstellen. Dabei ist mir bewusst, dass die Spielbar vermutlich die letzte aller Spieleseiten ist, die das tut, aber im Neudeutsch heißt dass dann eben “Slow Journalismus”. Außerdem habe ich mich in vorauseilendem Gehorsam unserem Chefhunnen unterworfen und mich eher auf die abseitigeren Spiele konzentriert.

Ich fasse mich kurz – es sind ja nur meine Eindrücke. Ganz schnell, ganz ungefiltert und ungerecht. Und ich verzichte auf Kinderspiele, Quizspiele und Spiele, die ich vergessen habe. Und auf Wir sind das Volk. Das wäre nicht  fair, den anderen gegenüber (den WSDV ist sowieso das beste)

 Essen 2013: Ein netter Gag: Echte Spiele aus dem letzten Jahr, die Stände sind da, wo sie sein sollen und die Spieler müssen Spiele einkaufen und in ihr Auto lagern. Leider hört der Spaß auf, wenn das Spiel anfängt. Das Spiel ist unübersichtlich und das ständige Suchen und Abgleichen bringt nicht so wahnsinnig viel, weil die wichtigen Dinge außerhalb der Kontrolle der Spieler liegen. Mehr ein Spiel zum haben, als zum spielen.

Yardmaster: Schnelles Handmanagement-Kartenspiel. Im Prinzip unspektakuläres Sammel/Auslegespiel, aber flott gespielt. Eiun “Spiele ich mit meiner Mutter”-Spiel. Graphikstil spricht mich sehr an.

Yardmaster Express: Gleicher Anlegemechanismus, aber diesmal als Draftingspiel. Sehr kurz (5 -10 Minuten) Zu trivial für meinem Geschmack. FunFact: Auch der Erklärbär meinte nach der Partie, dass ihm das “echte” Yardmaster viel besser gefalle.

Kobuyakawa: Poker mit einer Karte. Funktioniert überraschend gut, wenn man mindestens zu viert ist (nicht ganz perfekt in Höchstbesetzung). Pokerähnliche Spiele (mit Glücksfaktor, Bluff und Einsatz etc.) muss man aber natürlich mögen. Empfehlung!

Doodle City: Stadtbau mit Würfeln. Nett, aber nicht trivial. Irgendwo zwischen Quixx und Take it Easy, gefällt mir aber besser als ersteres (aber nicht so gut wie letzteres). Wegem hohen Solitärcharakter eher mit wenigen Spielern gut. Empfehlung!

Find… Die Liebe: Gibt es auch als “Find den Mörder”, aber die Liebe ist cooler und lädt mehr zu Sprüchen ein. Schon alleine, dass ich am Stand sagen konnte: “Einmal die Liebe für 10€!” war den Kauf wert. Das Spiel ist extrem originell und ein nettes Wartespiel. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ichs gut finde, aber ich finde es zumindest interessant. Spielablauf- dauer und Regellänge machen das Spiel aber zum perfekten Geschenk für Nichtspieler.

Secret Moon: Werwolf-ähnliches Spiel ohne Lügen und Bluffen. Wie üblich braucht es zwei Partien, um die Möglichkeiten zu genießen. Kann mit weniger als 7 blöd laufen, wenn ein Team fast komplett aus dem Spiel ist. Davon ab aber eine erfreulich interessante Alternative zu The Resistance. Empfehlung!

Abraca…What?: Hanabi ist toll, aber sehr Logikaufgabenlastig. Abraca…What ist Hanabi als Spiel. Echt spannend, schönes Riskmanagementaspiel mit mehr Einfluss, als es auf den ersten Blick scheint. War auf der Messe zu Recht ausverkauft, aber das kommt wieder. GROSSE Empfehlung!

Night of the grand Octopus: Süsser Kitschlovecraft? Das sprach mich an. Leider ein ziemlich überproduziertes Blind-Biddingspiel ohne wirkliche Kniffe. Um es mit Otto zu sagen: Von solchen Spielen sollte es Hunderte geben. Leider gibt es davon Tausende.

 

Kryptos: Logik-Deduktionsspiel. Nimmt den Grundmechanismus von Da Vinci-Code auf und entwickelt daraus ein sehr viel deduktiveres Logikspiel. Etwas unübersichtlich, aber interessant. Leider offenbarte unsere Testpartie einen offensichtlichen Designschnitzer. Wie sich später herausstellte, fehlte aber eine Re. gel bei der Erklärung, also halte ich mich mit meinem Urteil erstmal zurück.

Nika: Auch hier halte ich mich mit einem Urteil zurück. Das Spiel ist offensichtlich für genau vier Spieler entwickelt, ich habe es aber nur zu zweit gespielt. Da wurde schon deutlich: Es ist abstrakt, bietet viele Möglichkeiten bei geringer Regeltiefe und ich bin auf das Viererspiel gespannt, denn es ist ein Partnerspiel und sowas mag ich.

Astro Jam: Eigentlich ein Logikpuzzle, bei dem jeder nacheinander versuchen muss möglichst effizient seine Karten zu nutzen um Gegenstände von A nach B zu bringen. Ich mag Logikpuzzle, aber hier wurde das Spiel drumrum vergessen. Wer nicht dran ist, dreht Däumchen. Wer dran ist, sieht sich seine Auslage an und löst das Problem mit seinen Karten, wenn es möglich ist und er löst es nicht, wenn nicht. Zu allem Überfluss gibt es auch noch einen großen Glücksfaktor. Das ist kein Spiel, dass ist eine zufallsgesteuerte Durchclick-App als Brettspiel. Nur unübersichtlicher.

Wash Dash: Im Prinzip ein Hektik-Reaktions-Schnell-als-erster-ein-Muster-Nachbauspiel, aber herrlich überproduziert: Man hängt Kleidungsstücke mit echter Wäscheklammer an eine Pappwäscheleine. Wer bei dieser Beschreibung denkt, dass wäre nichts für ihn, hat vermutlich recht. Wer denkt, dass das lustig klingt, auch.

Blocky Mountains: Erinnert mich an diese Klingeldrähte aus Schul- und Strassenfesten, aber anders als die, mag (und kann) ich Blocky Mountains. Nettes Geschicklichkeitsspiel, dass auch meiner Tochter gefällt.

 

Circus Spiel aus Halle 4: Titel und Verlag sind mir entfallen, aber das macht nix, denn es war die größte Graupe, die ich in Essen gespielt habe. Absolut belangloses Sammel- und Ablegespiel bar jeglicher Originalität oder Spielkontrolle. Kickstarter gone bad.

Badgers cant be choosers: Leider hatte der Verlag keinen Stand, man konnte das Spiel nur in der VIP-Lounge auf Einladung spielen (und bis Donnerstag auch kaufen). “Leider”, denn dieses asymmetrische (!) Dachseinsetzspiel spielt sich extrem flott, hat ein straffes Regelwerk und spielt sich immer wieder anders (Zugegeben: Ich konnte nur zwei Partien spielen…). Jeder Zug eine spannende Entscheidung, hohe Interaktivität und ein originelles, starkes Thema. Was will man mehr? GROSSE Empfehlung!

Castle Crush: Man baut ein Schloß mit Bauklötzen und dann lassen die Mitspieler abwechselnd einen Holzklöppel darauf fallen und kassieren Punkte für alles, was abfällt. Mehr muss man nicht sagen, oder? Schönes Funspiel, mir persönlich aber als Absacker mit 40€ zu teuer. Aber auch das kommt wieder.

ciao

peer

P.S. Wer sich wundert, dass ich Badgers can be choosers nicht bereits letzte Woche erwähnt habe, dem sei gesagt: Das liegt daran, dass ich mir das Spiel komplett ausgedacht habe. Ich meine ein Spiel dass es nur in der VIP-Lounge gab? So ein Blödsinn!

 








Nov 02
[attila-products.de]
Die Flut der Neuheiten der noch frisch vergangenen Spielemesse wird noch einige Zeit auf uns einprasseln und bevor man überhaupt eine Chance hatte alle halbwegs relevanten Neuheiten zu sichten, geht es im nächsten Frühjahr ja schon weiter mit der nächsten … Continue reading


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Nov 01

Die Apokalypse findet nicht statt

Peer Sylvester,  2014      

Post-Essen-Analysen müssen natürlich  irgendwie immer negativ sein. So funktioniert kritischer und damit professioneller Journalismus! Entweder waren die Hallen schlecht oder die Toiletten überfüllt oder Verlage sind pleite oder nehmen gar nicht erst an der Spiel teil (so wie Winning Moves 2013 oder White Goblin Games 2014) oder die Amerikaner bevorzugen GenCon oder es gibt viel zu viele Spiele.

Ähm Moment mal – Zu VIELE Spiele? Sollten auf einer Spielemesse nicht viele Spiele vorgestellt werden? Ist das nicht irgendwie der Sinn der Veranstaltung? Matthias hat sich letzte Woche dieser Frage bereits gewidmet. Von mir eine Ergänzung:

Meistens wird die Lage mit dem französischen Comicmarkt verglichen, der in den Neunziger Jahren mehr oder minder impoldiert ist. Der große Unterschied: Es war der FRANZÖSISCHE Comicmarkt. Die Spieleflut ist aber so groß, weil der Markt vor allem international wächst: Erst kamen die Skandinavier und Engländer, dann der Ostblock mit den Tschechen, Polen und Russen (und einigen Baltikstaaten und Rumänien) und Griechenland. Dieses Jahr wuchs Asien stark: Neben den bewreits etablierten Japanern und Koreanern sah man eine Menge Taiwanesen aber auch einen Verlag aus Indonesien und Malaysia. Südafrika habe ich auch entdeckt. Und ich würde mich nicht wundern wenn in den nächsten Jahren noch Verlage aus Mittel- und Südamerika dazukämen. Damit wird die Spieleflut vielleicht (!)  größer, auf jeden Fall aber auch der Absatzmarkt. Sicher, ein Spiel geht schneller unter, umgekehrt erreicht ein erfolgreiches Spieler aber international auch viel schneller 5- und 6stellige Verkaufszahlen. Das Risiko mag steigen, lässt sich aber durch Dinge wie Crowdfunding oder zusammenlegen von Vertriebsstrukturen (siehe Asmodee) und Partnerschaften auch wieder senken.

Um den Spielemarkt mache ich mir daher keine Gedanken!

(Einschub: Wenn man sich die deutschen Verlage ansieht, haben die ihre Spieleanzahl auch gar nicht unbedingt erhöht: Alea und Hans im Glück, aber auch Kosmos und Abaccus bringen in etwa noch genauso viele Spiele auf den Markt wie vor zehn Jahren. Amigo bringt gefühlt eher weniger Spiele heraus. Queen hat schon immer geschwnakt, dieses Jahr war eher Durchschnitt. Pegasus und Asmodee sind allerdings hinzugekommen. Letztere sind aber hauptsächlich ein Dach für französische Verlage).

Diese -willkommende – Diffusität ist auch in meinen Augen der Grund dafür, dass immer wieder das Fehlen eines “Überfliegers” vermisst wird. Ich habe mich letztes Jahr schon mit den Gründen befasst und möchte daher nur ergänzen: Das letzte Spiel, dass bereits auf der Messe als Überflieger gehandelt wurde, warnach meiner Wahrnehmung  7 Wonders. Das war 2010, ist also vier Jahre her. Village, Hanabi, Terra Mystica, Tzolkin, Andor, Love Letter or Robinson Crusoe waren danach alles keine Überflieger. Wenn das stimmt, dann ist das Wort “Überflieger” in meinen Augen bedeutungslos (ich mag nicht alle die genannten Spiele, aber ich denke dass all diese Spiele moderne Klassiker werden – VErkaufszahlenmässig stehen die alle soweit ermittelbar gut da). Und so wird es auch dieses Jahr Spiele geben, die ihren “Überflieger-Status” erst noch nachträglich bekommen. Ein Kandidat wäre z.B. Abraca…What? das -sobald es irgendein Verlag in deutsch macht – garantiert den SdJ-Titel gewinnen wird. (Ja, garantiert. Sowas steht fest. Hat man ja am Titelgewinn von  Splendor gesehen)
Das “Fehlen” eines Überfliegers ist damit ein weiteres Zeichen für die Größe und Diffusitäts unseres Hobbys. Es ist eben keine Nische mehr, deren wichtigeren Vertreter man in vier Tagen locker überschauen, spielen und abhaken kann . Es ist ein international anerkanntes Medium, bei dem niemander mehr alles kennen kann, bei dem jeder das eine oder andere Spiel übersieht. Ist es nicht das was immer gefordert wurde?

ciao
peer








Okt 25

Einspruch, Euer Ehren!

Matthias Nagy,  2014      

Alle Jahre wieder wird über Zahlen geredet und dabei wird immer wieder erneut eine Sicht geäußert, die für mich sehr gestrig ist. Eine Sicht, wie sie noch vor 20 Jahren funktioniert hat und inzwischen nicht mehr haltbar ist. Und wir reden hier nicht über den Kampf der Printmedien gegen Internet-Journalismus. Nein, wir reden von den Neuheiten aus Essen. Wir reden über die Geschäftspolitik der Verlage. Wir reden über den Schrei der Ohnmacht der Alles-Woller.

Es wird wieder über die Zahl gegängelt, dass diese viel zu hoch ist. Es wird darüber gemeckert, dass keiner das alles spielen kann, und dass die Spiele zu wenig Luft zum Atmen haben, weil sie nach einem Jahr wieder aussortiert werden. Dabei werden viele Kleinigkeiten übersehen, denn die eigene Sichtweise wird bedient. Eine Sichtweise in der es logischerweise nötig ist alles zu sichten, alles kennenzulernen und alles beurteilen zu können was auf den Markt kommt. Ein Umstand, der vor 20 Jahren vielleicht noch machbar war, der aber inzwischen weit davon entfernt ist nicht als Utopie bezeichnet zu werden.

Das Rekordjahr

Fangen wir mit den einfachen Zahlen an. 850 Spiele sind laut der Messe Essen auf der Spiel 14 neu vorgestellt worden. Die Spielbox hat ihre eigene Zahl, die ein bisschen abweicht, genauso wie Cliquenabend, BGG und jede andere Seite die versucht da eine Zahl zu zaubern und eine volle Übersicht über alle Neuheiten zu liefern. Und wie viele waren es im letzten Jahr? Vielleicht 800, um eine Zahl zu nennen, die im Raum war. TricTrac Frankreich hatte letztes Jahr 863 gezählt. Spielbox, Cliquenabend und BGG hatten wieder andere Zahlen. Es funktioniert irgendwie gar nicht. Gefühlt war es aber eigentlich nur genauso viel wie letztes Jahr. Da ist keine Steigerung mehr zu sehen. Wozu auch? Wozu sich in der großen Zahl versuchen. Es waren halt viele, verdammt viele.

Versuchen wir es mit anderen Zahlen. BGG hat in seiner Datenbank an Neuerscheinungen für 2013, volle 3800 Einträge. Für 2014 sind es bisher rund 3500. Vielleicht wird die Zahl noch um 300 steigen, denn auch in den kommenden 2 Monaten werden noch Einträge dazukommen, aber ist das wichtig? Diese Zahl zeigt auch eine gewisse Konsistenz. Und sie zeigt noch etwas, was alle anderen Liste gemein haben. Sie zählt alles. Waren es wirklich 850 neue Spiele? Da kam ein Spiel bei einem Verlag raus und der deutsche Vertrieb war auch vor Ort. Bei beiden wurden die Spiele gelistet und zack waren es zwei Spiele statt einem. Hochgerechnet auf die Masse an Spielen die Heidelberger, Pegasus und Asmodee vertreiben und deren Partnerverlage auch Stände hatten, kann die Zahl fast schon gefühlt halbiert werden. Sind wir mal nicht so kritisch, sagen wir es waren nur noch 550 Spiele.

Aber es geht noch weiter. Zum Teil wurden Spiele gelistet, die auch schon letztes Jahr gelistet waren, wie Machi Kori und Das Vermächtnis. Die sind jetzt auf deutsch raus. Das ist für manche Spieler neu, denn sie konnten es vorher nicht spielen, aber für die Akribiker ist das nichts neues. Und dann kommen noch die Erweiterungen mit rein. Dazu zählen große Erweiterungen wie Babel genauso rein, wie die kleinen Goodies, etwa die Haustiere für Brügge. Sind das neue Spiele oder nur Gründe, alte Spiele wieder zu spielen? BGG schließlich führt noch jede Menge weitere Projekte auf, die es nie über den Teich schaffen oder gar in die Veröffentlichungen oder sie sind eh nur Fan-Projekte. Was übrig bleibt sind etwa 300 neue Spiele. Eine Zahl, die weder zu hoch noch zu erdrückend erscheint. Aber immer noch mehr als der Normalsterbliche spielen kann, der gerne alles spielen will.

Der Blick über den Tellerrand: Im Buchgeschäft erscheinen übrigens deutlich mehr Titel im Jahr, dadrunter Wälzer die nicht an einem Tag gelesen sind. Aber auch Fortsetzungen, Neuerscheinungen, Taschenbuch-Ausgaben von vorher nur gebunden Büchern uvm. Und im Musikgeschäft ist es auch nicht viel weniger. In beiden Sparten kenne ich keinen der sagt, dass da zu viel rauskommt. Und genauso wie in diesen Sparten finanzieren sich die Spiele auch gegenseitig quer.

Der Allesspieler

Die nächste falsche Annahme ist, alles spielen zu müssen. Basierend darauf, den Verlagen den Vorwurf zu machen nicht so viel auf den Markt zu werfen, sondern lieber Klassiker zu pflegen, statt nach einem Jahr wieder zu verramschen. Das ist, als würde man die Parteien auffordern nicht mehr Politik für jeden zu machen sondern sich auf ihr Kernthema zu konzentrieren. Was mit der letzten Partei passiert ist, die das getan hat, kann man sehr gut erkennen, sie wurde nicht für voll genommen.

Gerade die großen Verlage sind Vollsortierer. Sie müssen viele Zielgruppen bedienen, um auch als großer Verlag genommen zu werden. Sie bieten auch Perlen an, die vielleicht wirklich nur für 1000 Spieler sind, und diese sind dann zufrieden, wenn sie das Spiel haben. Ein Spiel muss nicht ewiglich bestehen, so wie auch nicht jeder Mensch unsterblich ist. Aber warum für diese Menge produzieren statt mehr für die Masse? Und ich dachte Spiele sind Kulturgut und dazu gehören auch Spiele für die Randgruppen die nur 1000 Stück verkaufen.

Es gibt Spiele für Kinder, Familien, Erwachsene, Freaks, Kenner, Experten, Erzähler und Miniaturbemaler. Es gibt Karten-, Würfel-, Brett-, Rollen- und neuerdings sogar Beutelspiele. Es gibt Spiele mit einfachen, normalen und schweren Regeln. Es gibt thematische, abstrakte, Euro-, Ameritrash- und auch masochistische Spiele. Und diese Aufzählungen waren weit davon entfernt vollständig zu sein. Alleine die Schnittmengen für die Kombinationen aufzuzählen würde zu einer Grafik im fünfdimensionalen Raum führen und den Rahmen einer Essen-Show sprengen. Und jedes Spiel hat seine Berechtigung.

Aber nicht jeder muss alles spielen. Ich weiß, dass mich Wargames, Cosims und inzwischen auch wieder Kinderspiele nicht interessieren. Ich kann sie von meiner Liste streichen. Ich muss mich nicht mit abstrakten Holzspielen beschäftigen, weil ich oft keinen Spaß daran habe. Die 2er-Spiele ignoriere ich auch oft. Und sollte da doch eine Perle dabei sein, so wird man es mir näher bringen und ich kann dann immer noch drauf schauen. Ich habe mich dieses Jahr das erste Mal sehr ausführlich mit den Neuheuten beschäftigt und bin dabei an rund 140 Spiele inkl. Erweiterungen gekommen die einen Blick für mich wert sind. Muss ich alles spielen? Nein!

Der Blick über den Tellerrand: Keiner liest alle Bücher, und keiner hört jede CD da draußen. Es gibt Bücher die nur von einer kleinen Gruppe von Menschen gelesen werden, und es gibt sie in kleinen Auflagen. Gepflegt werden die Bestseller und dennoch bringt jeder Verlag jede Menge neue Bücher raus. Denn wenn etwas gut ist fliegt es nicht raus. Und bei Musikern habe ich auch noch keine Plattenfirma gehört die darauf verzichtet neue Talente zu finden und auf den Markt zu bringen, weil die alten sich schon so gut verkaufen.

Die Pyramide

Es wird immer wieder geäußert das schlechte Spiele verboten gehören, so wie schlechte Werbung verboten gehört. Dabei gilt für manche schon das Gute als Schlecht, denn es ist ja schlechter als das Bessere. Es kann nie alles gut sein, etwas ist immer besser als etwas anderes. Selbst wenn man die jeweils besten 20 Spiele der letzten 10 Jahre nehmen würde, würden da Gurken im Vergleich zu anderen Spielen sein.

In dem Umfeld aufzurufen weniger zu produzieren und sich lieber auf weniges zu konzentrieren, erscheint mir völlig verkehrt. Wenn die Zahl der Spiele, die mich interessieren, sinkt, wirkt es so, als würde der Markt schrumpfen und alle wären einfallslos. Herr Hutter würde darüber klagen, dass der Umsatz zurückgeht und eh wir uns versehen geben Menschen das Hobby auf, weil nichts mehr für sie interessantes dabei ist. Die Menschliche Psyche will immer mehr und immer neuer. Wer neu einsteigt findet nicht nur cooles Neues in unbegrenzter Zahl, sondern kann auch damit leben, dass es alt ist. Das White Album von den Beatles ist immer noch eine Perle. Und die Lizenzgurke ist ein Geldbringer, so wie das Buch zum Film bei Teenagern.

Aber wären wir wo wir sind, wenn wir bei 100 Neuerscheinungen im Jahr geblieben wären? Wie in der Evolution wird die Entwicklung durch die Masse vorangetrieben. Wären die Spiele denn heute so gut, wenn es nicht so viele geben würde, an denen die Verlage und Autoren sich reiben, neue Ideen finden und Verfeinerungen ausmachen könnten? Und ein Blick auf die Masse der unveröffentlichten Spiele oder welche lieber hätten unveröffentlicht bleiben sollen, aber dank Kickstarter leider den Weg in die Produktion gefunden hat, ist da nur ein Teilaspekt. Die Verlage sind schon sehr konservativ. Wer nur 12 Spiele veröffentlicht, obwohl ihm 700 angeboten wurden, hat schon stark gesiebt.

Und was ein Klassiker wird, bestimmt an der Stelle wieder der Markt. Die Zahl der Spieler steigt auch jedes Jahr. Wenn ein Spiel des Jahres nicht nur 300.000 mal verkauft wird, sondern 700.000 mal dann ist das ein deutliches Signal für eine wachsende Käuferschicht. Und mit der wachsenden Käuferschicht kommt auch mehr Verlangen. Es ist wie eine Pyramide. Oben sind die Freaks, die sehr viel spielen und einen Blick auf den Markt haben. Und die Kollegen von der Jury, die alles anspielen müssen. Ganz unten ist das breite Fußvolk, das nur wenig spielt, und dem es egal sein kann, ob es 10, 100, 1000 oder auch eine Millionen neue Spiele gibt. Aber nur durch ständige Veröffentlichungen die oben in den kleinen Trichter geworfen werden, kommen unten die besten Spiele an, aber die halten sich lange. Welche Spiele das sind, hängt sehr stark davon ab wie gut jeder arbeitet. Aber die Chancen steigen, je mehr reingeworfen wird. Sonst hätten wir weiterhin nur Monopoly, Scrabble und ein Leiterspiel. Viele gute Spiele stehen auch in unserer Branche für einen guten Jahrgang.

Der Blick über den Tellerrand: So mancher Bestsellerautor ist gezwungen ein neues Buch jedes Jahr abzuliefern, um im Gespräch zu bleiben. Und eine Band die nach 18 Monaten noch kein neues Album rausgebracht hat, erscheint unwichtig geworden. Nur wenige Bücher und Alben werden Klassiker. Warum sollte ein Verlag auf eine Neuheit verzichten, nur um was voranzutreiben, was es bisher nicht geschafft hat?

Mein Fazit

Statt also über die Menge zu stöhnen, sollten wir alle uns wieder an den Spieltisch setzen und spielen. Ich erfreue mich an dem, was ich spiele. Tut das doch auch alle. Und ich werde bestimmt nicht alles spielen wollen, das kann keiner und das sollte auch (fast) keiner. Hier zu sortieren macht Sinn und wer das nicht kann braucht die Expertise von anderen, wie der Jury, die das in hervorragender Art und Weise seit über 30 Jahren macht. Vielleicht sollten wir mehr Schubladen einbringen. Nicht nur Kinder, Familien, Kenner und Expertenspiele, sondern auch Schubladen, die es für andere einfacher machen. Es gibt mehr als 4 Musikrichtungen, es gibt mehr als 4 Romangruppen.

Aber wer jammert, verpasst die Entwicklung und die ist nicht aufzuhalten. Gestaltet sie lieber mit!

PS: Dieser Artikel ist ein Widerspruch gegen die Ansichten von Michael Weber und Synes Ernst.








Okt 21
[attila-products.de]
Die Messe 2014 ist nun vorbei und vielerorts wird mal wieder über Preise, Promos, vermeindliche Abzocker, schlimme Fehldrucke und wie enttäuschen doch alles ist diskutiert. Das kann zwar auf eine gewisse Art unterhaltsam sein, ist aber etwas was irgendwie jedes … Continue reading


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Okt 17

Essen – in Kurzform

Jürgen Karla,  2014      

Hier schnell der Link auf allgemeine Bilder von der #Spiel14: allgemeine Bilder

Und die Bilder der Neuheitenschau: Neuheitenschau

Sowie der Hinweis, dass wir von der Messe über Twitter berichten:
Jürgen
Peer
Matthias








Okt 12

They blinded me with Science!

Peer Sylvester,  2014      

Darf man eine Woche vor der Messe über etwas anderes schreiben, als über die Messe? Ich hoffe doch, denn da sich drei der letzten vier Artikel mit der Messe beschäftigen, will ich mal über etwas anderes reden… Messepreviews gibt es eh genug.

Ich hatte letzte Woche “The New Science” in der Hand (aber das Spiel kam nicht zum Vollzug) und da ist mir aufgegangen, dass Wissenschaft in Spielen meistens völlig falsch dargestellt wird. Und leider scheint The new Science keine Ausnahme darzustellen…

Wissenschaft ist selten  das Thema (da fallen mir nur eine Handvoll Spiele ein), aber doch sehr oft Teil der Spiele – in vielen Spielen kaufen die Spieler sich Vorteile in Form neuer Technologien. Und die umfassen Erfindungen (wie das Rad) genauso wie Wissenschaftliche Errungenschaften (Mathematik, Chemie oder auch mal spezielleres wie das Heliozentrische Weltbild oder Algebra). Nun mag es für Erfindungen noch angehen, dass man sie sich aussucht (ein Erfinder macht sich eben daran das Problem zu lösen, wie man mit viereckigen Steinen einen Wagen betreibt), aber bei wissenschaftlichen Erkenntnissen, weiss man eben nicht vorher, was herauskommt. Geschweige denn, was es einen für Vorteile bringt (Das Internet wurde ja auch nicht erfunden, damit jemand endlich einmal eine Übersicht hat, welche Spiele in Essen herauskommen. Obwohl… Wer weiß?)

In manchen Spielen steht die Forschung dann noch mehr im Mittelpunkt (wie in New Science) und meistens in der Form, dass man quasi Auftragskarten bearbeitet. So in der Art: Zwei Bunsenbrenner und drei Reagenzgläser und dann hat man einen Kunststoff erfunden und bekommt +3 auf Umweltverschmutzung (oder was auch immer).

Das ist aber absoluter Blödsinn. So funktioniert Wissenschaft in der Regel nicht. Was diese Spiele falsch machen: Man weiß eben nicht, was hinterher rauskommt. Man weiß nicht wozu es gut sein wird. Das ist in der Realität auch gar nicht das Ziel… aber auch in einem Spiel muss man nicht unbedingt wissen, was man bekommt.

In einer guten Umsetzung würde man in einem speziellen Bereich forschen (etwa Metallbearbeitung oder Waffentechnik oder was auch immer) und man wüsste in etwa was man erwarten kann – aber eben nicht genau. Man wüsste in etwa, was man brauchen kann – aber eben nicht genau. Das ist natürlich schwieriger hinzubekommen, inbesondere wenn das Spiel kein reinen Glücksspiel sein soll. Es wäre aber deutlich thematischer und eventuell auch interessanter. Sicherlich muss nicht jedes Spiel 100% thematisch sein – aber es wäre schon schön, wenn ab und an auch die Wissenschaft mal halbwegs realistisch rüberkommt. Und neue Mechanismen können die Spielewelt nur bereichern.

ciao

peer

P.S. Was ich an The new Science absolut albern finde -aber das ist eine spezielle Sache, daher nur nebenbei – ist dass eines der Ziele die “Phlogiston-Theorie” ist. Das war eine falsche Theorie, die das echte Verständnis für den Verbrennungsvorgang jahrelang behindert (ich möchte fast sagen “zurückgeworfen”) hat. Das möchte man nicht erfinden. Es war keine notwendige Zwischenstufe, zum großen Verständnis. Der einzige Grund, warum es drin ist, ist wohl damit die berühmtesten Theorien alle vorkommen. Aber das ist so, als würde ein Wargame den Unterlegenden Siegpunkte geben, dafür dass sie bestimmte Schlachten verlieren (z.B. Agrincourt), nur weil das eben so gelaufen ist, nicht weil es dafür irgendeinen spielerischen Grund gibt. Das ist “Geschichte mit dem Holzhammer” – und kein Thema.

 








Okt 03

Japanisch Essen

Peer Sylvester,  2014      

Zuerst einmal in eigener Sache: Auf der Histogame-Seite gibt es jetzt die Regeln, Vorbestellmöglichkeit und Richards Geleitwort von Wir sind das Volk zu bestaunen. Auf Boardgamegeek gibt es noch einmal ein Designer Diary von mir und Richard widmet sich der Frage was mit dem Saarland und Bremen passiert ist.

Außer Wir sind das Volk kommen noch eins, zwei weitere Spiele in Essen heraus (ich bin besonders auf Michael Schachts neues Eigenverlagsspiel gespannt). Einige davon erscheinen bei Japan Brand. Zu denen habe ich einen guten Draht und daher liegen mir schon ein paar Neuheiten vor. Die will ich hier kurz vorstellen. Aber obacht: Gespielt habe ich nur Isaribi und Rolling Japan!

Isaribi (3-5) ist vom Sail to India Autor Hisashi Hayashi und das merkt man auch: Kleine Regeln – Große Wirkung! Insbesondere darf jeder reihum seinen Zug durchführen oder passen und in seinem Zug darf man seine Aktionspunkte beliebig nutzen. Das führt zu hohen Freiheitsgraden (und witzig: Es gibt halbe Aktionspunkte!). Ich fand die erste Partie durchaus interessant, allerdings litt sie darunter, dass das Spiel nicht für verschiedene Spielerzahlen tariert wurde. Wir waren nur zu dritt, hatten aber das gleiche Meer und den gleichen Fischmarkt zur Verfügung, wie bei einer Fünferpartie. Resultat: Jeder konnte zu Beginn fischen und verkaufen, was das Zeug hielt. Dadurch wurden wir unsagbar reich und konnten unser Boot mehr aufrüsten, als wir es vermutlich in Vollbesetzung hätten tun können. Dadurch fischten wir das Meer bereits früh im Spiel ziemlich leer und subtilere Taktiken waren unnötig. Ich glaube mit mehr Spielern ist es deutlich interessanter… Ich will es auf jeden Fall noch mal in Vollbesetzung probieren, denn die Mechanismen sind interessant.

Gleicher Autor, ganz anderes Spiel: Rolling Japan ist ein Würfel-und-Zahlen-eintragen-Spiel. Gewürfelt wird mit zwei Würfeln, die zufällig aus einem Beutel gezogen werden und eingetragen wird auf einer stilisierten Japankarte in eine Provinz der Würfelfarbe, wobei benachbarte Provinzen keine Zahl haben dürfen, die um mehr als 1 vom Würfelergebnis abweicht. Am Anfang ist das natürlich noch leicht, aber man malt sich fast zwangsläufig in eine Ecke und muss auf passende Zahlen hoffen. Wirklich recht spaßig – ein flottes Würfelspiel eben. Unsere Partie litt etwas daran, dass wir in den ersten Runden nur Extremergebnisse (1 und 6) würfelten, was sich später kaum noch kompensieren ließ. War aber trotzdem nett für das was es sein wollte.

Die anderen Eindrücke nach Regelkunde:

Villannex wirkt auf den ersten Blick wie ein Karten-Entwicklungsspiel: 32 Karten, die alle Gebäude (oder Berufe) zeigen, sowie zwei verschiedene Rohstoffoptionen und eine Siegpunktbedingung. Man zieht ein paar Karten, sucht sich gleichzeitig was aus, spielt die gleichzeitig und wertet und dann ist das Spiel zu Ende. Moment Mal, dann ist das Spiel zu Ende? Jawohl. Man spielt genau 2 Karten aus. Die Wertungen beziehen sich durchaus auch auf die Mitspieler und man sieht zumindest eine Teilauswahl deren Hand, aber dennoch: Ja, das ist alles. Die Erklärung dauert länger als das Spiel. Obs was taugt vermag ich nicht zu sagen.

Colors of Kasane ist eine Mischung aus Bohnanza und Rommé: Man nimmt Karten auf die Hand. Die Hand darf nicht sortiert werden (Wie bei Bohnanza) und dann nutzt man die Karten aus der Hand um damit Aufträge zu erfüllen, also Romme-ähnliche Kombinationen zu erledigen. Recht leichte Regeln, wirklich ansprechenden Spielmaterial. Ein “Werd ich mit meiner Mutter spielen”-Spiel.

See-Know-Buzz ist angeblich ein Ninja-Stichspiel, was ich für eine coole Idee halte. Allerdings ist es weniger ein Stichspiel, sondern eher ein Bluff-spiel, bei dem man versucht, den anderen Schaden zuzufügen und wo man auch Karten für den Gegner spielen kann. Die Regeln sind etwas verwirrend – ich empfehle Eric Martins Preview – und er scheint ähnlich wenig zu wissen, was er vom Spiel halten soll.

Ein Spiel, dass ich nach Regellektüre empfehlen würde ist Secret Moon von Senji Kannai. Ziel war es ein “Werwolf”-ähnliches Spiel zu machen, wo man nicht lügen muss (und auch gar nicht lügen darf). Es ist damit mehr eine Art Deduktionsspiel mit Blufffaktor: Jeder Spieler bekommt eine geheime Identität. Jede Identität gehört zu einem von zwei Teams. Natürlich versucht man, mit seinem Team zu gewinnen. Das heißt, man muss erst einmal herausfinden, wer die gegnerischen  Schlüsselcharaktere sind und gleichzeitig möglichst die Schlüsselcharaktere des eigenen Teams schützen. Das Besondere dabei ist das Redeverbot: Es gibt nur eine Möglichkeit zu kommunizieren und die ist die Aktion “Befragen” – und da gibt es auf eine fest vorformulierte Frage eine (je nach Team und Charakter) vordefinierte Antwort. Ich stelle mir das Spiel sehr interessant vor – gleichzeitig Informationen gewinnen, ohne das eigene Team bloszustellen… Außerdem ist es kurz, aber es hat einige Sicherungen eingebaut, so dass Schnell-Tods á la Loveletter nicht vorkommen. Könnte wieder ein Hit werden.

Edo Yashiki habe ich nicht aufbekommen… Nein ehrlich, die Ziptüte muss man aufreißen und das habe ich mich erst nicht getraut. Aber ich kenne ja die Regeln. Edo ist eine Art “Mini-Mondo”: Jeder bastelt an seiner eigenen Auslage und versucht gleiche Fliesen nebeneinander zu platzieren (jede Karte zeigt 6 Fliesen, so dass gepuzzelt werden muss) – aber nicht zu viele gleiche, dann gibt es dafür wieder nur Null Punkte. Und im Profispiel muss jede Runde sogar ein anderes Muster gewertet werden. Die zu legende Karte suchen aber alle gleichzeitig mit einem beherzten Griff in die Auslage heraus – Hier ist der Mondo-Aspekt. Und “Mini” weil jede Runde nur eine Karte genommen werden darf. Vielleicht könnte man es auch als “Legespielausgabe von Bernd Eisensteins Zack und Pack” bezeichnen.

Nicht von Japan Brand, aber dafür schon gespielt: Sultaniya. Die Rezi ist fertig.

(Ich weise nicht mehr auf jede neue Rezi hin, denn die neuen stehen ja immer rechts hübsch aufgelistet, aber hier passte es ja ganz gut :-) )

ciao

peer








Sep 28

Die goldrunde Messe

Matthias Nagy,  2014      

Noch zwei Wochen bevor DIE Messe in Essen losgeht. Und während alle überlegen, was sie sich wann wo ansehen (wie auch ich im Rahmen meiner freien Zeit vor Ort), gibt es auch diejenigen, die einfach durch die Hallen schlendern und sich überraschen lassen, was auf sie zukommt. Es gibt die, die sich ansehen was Mainstream ist, und die, die versuchen, das zu finden, was weit ab davon ist, wobei es sich streiten lässt, ob z.B. Japon Brand noch zum Abseits gehört. Die Zeit wird hoffentlich aber für jeden super. Ich bin zumindest noch nie enttäuscht gewesen.

Aber ein Blick nach vorn ist auch immer ein Blick zurück. Da der neue Spielejahrgang mit Essen beginnt, könnte dies also ein Jahresrückblick sein. Ich will jedoch nicht in dieses Jahr zurückblicken, sondern auf das, was einigen in meiner Spielrunde aufgefallen ist als wir zurückgeblickt haben. Wir saßen die Woche beisammen und überlegten, welches Spiel wir als nächsten auf den Tisch bringen könnten. Ich bin dabei vermutlich der genügsamste, weil ich viele Spiele mag und für mich der Jahrgang mal wieder mehr war als nur die 5 Spiele, die ich beim Deutschen Spielepreis wählen darf. Für mich ist es selbstverständlich, dass nicht jeder Jahrgang nur nach oben zeigen kann, sondern das es gute und weniger gute Jahrgänge gibt. Aber auch die weniger guten haben klasse Spiele.

Aber eine Freundin saß bei uns am Tisch und sagt, dass die meisten Spiele nur ganz nett sind. So viele hätte sie nicht als wiederspielenswert empfunden. Wir gehen also durch die Liste der Spiele von Essen 2013 und Nürnberg 2014 und sie sagt bei gerade mal drei Spielen, die sie kennt, dass die wieder auf den Tisch dürfen. Ein erschreckender Jahrgang in ihren Augen. Also gehen wir an den großen Schrank der noch aufzuarbeitenden Spiele. Ein Schrank, der eigentlich deutlich abgebaut werden sollte als ich mir Vorsätze fürs neue Jahr nahm, und an dessen Vorhaben ich restlos gescheitert bin. Das Leben ist grausam.

Wir packten also ein Spiel auf den Tisch, das schon 6 Jahre alt war, aber noch eingeschweißt. Die Regeln wurden schnell gelesen, die Runde wurde angefangen und meine Frau kam sofort in den AP-Modus wo sie über jeden Zug lange überlegte. Diese Perle war also 6 Jahre in meinem Schrank gestaubt, weil ich es nicht geschafft habe alles zu spielen. Vor allem aber auch, weil ich die meisten Spiele noch öfter spielen möchte und dabei manche Spiele zwar gekauft sind, aber doch auf der Strecke bleiben. Und dabei ist mir wieder deutlich bewusst geworden wie groß der kulturelle Unterschied zwischen Brettspielen auf der einen Seite und Büchern und Filmen auf der anderen Seite ist. Die allermeisten Filem werden von den meisten nur 1x gesehen. Die meisten Bücher sogar 0x gelesen. Den Verlagen kann es egal sein, denn gekauft ist gekauft.

Für Spielesammler kann es egal sein. Denn Sammeln hat nichts mit Spielen zu tun, auch wenn es einigen Puristen widerstrebt, dass unser Hobby durchaus mehrere Hobbies sind. So gibt es die Mainstream-Sammler, die Sammler von exotischen Spielen, die Leute, die alte Spiele sammeln, diejenigen, die einfach nur Spielen wollen und natürlich auch die, die einzelne Spiele ergründen wollen, solange sie nur gut genug sind. Genauso gibt es aber Leute denen es ausreicht ein Spiel einmal gespielt zu haben als es wirklich zu ergründen. Es macht sie deswegen nicht zu weniger Spielern.

Und Essen ist DIE Messe für fast alle von ihnen. Da gibt es Spiele für die meisten Geschmäcker und auch die Möglichkeit, diese zu spielen. Auf der Messe und auch im Anschluss in Gaststätten, Hotels Jugendherbergen Zügen und an vielen anderen Orten in der Stadt. Die Messe bietet Wettkämpfe und LARP-Materialien und es gibt sogar Comics und Rollenspiele. Es gibt Presseshows im Hotel nebenan und es gibt eine Podiumsdiskussion. Es gibt Geschäftsgespräche zwischen Verlagen und Verlagen mit Autoren und zwischen Autoren und zwischen jedem mit dem Kunden. Stück für Stück gibt es immer wieder etwas Neues. Natürlich könnte es noch mehr geben: Workshops, Seminare, Vorlesungen, aber hier ist jemand anderes gefragt. Sagt der Messe was ihr auch noch sehen wollt.








Sep 14

Technik die begeistert?

Peer Sylvester,  2014      

Ende der 70er, Anfang der 80er trennte sich die Spielewelt in “Elektronische Spiele” und “analoge Spiele”. In der Zwischenzeit gab es immer mal wieder Überschneidungen, aber vermutlich nichts, was mit dem neuen Trend vergleichbar wäre: Brettspiele und Apps.

Schon seit längerem gibt es Apps für Brettspiele, z.B. Hilfsprogramme zum werten, für die Regeln oder ähnliches. Manchmal (z.B. bei Eye Know von Kosmos) findet man in der zugehörigen Apps gewissermaßen Bonusmaterial, wie neue Karten, Fragen oder passende Animationen.

Mittlerweile sind Spiele angekünfigt, die noch einen Schritt weiter gehen: Bei X-Com (Fantasy Flight) zum Beispiel benutzt jeder Spieler ein Smartphone (vermutlich nicht im Spiel enthalten. Aber bei FFG weiß man nie…) oder ein I-Pad o.ä., um geheime Informationen zu bekommen und zu verwalten. World of Yoho geht sogar noch einen Schritt weiter: Hier sind die Smartphones die Spielsteine, die Apps liefern Graphik und würfeln die Schlachten aus. Der Spieler manövriert sein Schiff taktisch durch die Gewässer (jedenfalls hoffe ich das – wäre schade, wenn World of Yoho nichts weiter ist, als ein reines Onlinespiel, dass man auf einem schicken Untergrund spielen kann). Auch das neue Czechisch Boardgame arbeitet mit Smartphone-Unterstützung; auch hier geht es um geheime Informationen.

Diese Spiele machen vieles richtig (wenn die Infos stimmen): Sie nutzen die App nicht als Gimmick, sondern als Mechanismus. Es gibt nun einmal Dinge, die sich sehr schwer in einem rein analogen Brettspiel simulieren lassen: Geheime Informationen sind zum Beispiel oft mit einem großen Verwaltungsaufwand verbunden, insbesondere, wenn die Spieler auch geheime Handlungen durchführen sollen/müssen. Echte Überraschungen in Form von neuen Elementen sind praktisch unmöglich (außer durch Umschläge á la Risiko Evolution). Und komplexe Berechnungen macht niemand gerne. Diese Smartphoneanwendungen versprechen also dahin zu gehen, wo es den Brettspielen wehtut und neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Aber dafür altern sie.

Das Phänomen kennt man von Spielen, die alte Medien nutzten: VHS, CDs, DVDs zum Beispiel. Spiele mit  Videokassetten sind mittlerweile unspielbar; irgendwo ironisch, wo die ersten Technikspiele á la Senso immer noch spielbar sind (wenn auch nicht unbedingt spielenswert). Bei de Smartphones erlaube ich mir keine Aussage darüber, ob die “in Würde altern”. Vielleicht kann man die in 20 Jahren noch auf Emulatoren spielen, vielleicht aber auch nicht.

Aber dass ist in meinen Augen kein großer Preis,wenn dafür das Spielgefühl stimmt. Nur wenig Spiele werden auch noch nach 20 Jahren noch einmal ausgepackt. Viel kritischer ist imho, dass jeder Spieler ein Smart Device benötigt. Zumal das etwas ist, dass man vor einem Spieleabend abfragen müsste.

Aus diesen beiden Gründen ist es wichtig, dass die Apps keine reine Gimmicks sind. Sie müssen sich harmonisch ins Spiel einbeziehen und sie müssen Dinge ermöglichen, die ohne sie nicht möglich sind. Zumindest scheinen sie das zu tun. Damit ist die Überschneidung sinnvoll. Mich würde aber wundern, wenn nicht bald auch Spiele erscheinen, die besser als reine Apps oder als reine Brettspiele herausgekommen wären…

ciao

peer