Feb 07

Mehr! Erstere! Am Geeindrucksten!

Peer Sylvester,  2010      

Wenn einer eine Reise tut… und wenn er wieder zurückkommt darf er waschen, Emails beantworten, aufräumen, Mami anrufen, dass nichts passiert ist und einen Blogeintrag schreiben, damit die Leserschaft nicht auf die andere Strassenseite zum viel schöneren, neueren und gepflegteren Blog wechselt. Und wenn ich auch ein schönes Thema im Kopf habe, werde ich mich auf Ersteindrücke beschränken (ich muss für den anderen noch eine Kleinigkeit recherchieren). Dabei habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen, denn eine echte Graupe ist jetzt nicht dabei und Wolfgang Friebe hat gerade das Fehlen echter Verrisse moniert – aber so ist das eben und ein Spiel nun nur zu verreißen, damit man mal wieder einen Verriss anbieten kann ist ja nun auch nicht der Sinn der Sache (wobei ich auch Glück hatte – das Piratenspiel von Faidutti hab ich bei einer Spielrunde knapp verpasst). Naja, hier die Eindrücke:

Jäger & Sammler: “Knizia macht aus aus Packeis am Pol ein abendfüllendes Familienspiel!” könnte die Titelzeile der Bild-Spielezeitschrift sein. Die Wahrheit ist natürlich diffiziler:  Zwar wird tatsächlich der “Bewegen und Feld wegnehmen”-Mechanismus verwendet, aber in einer völlig neuen Art, wobei das wichtigste ist, dass nur 2 Felder weit gesetzt werden kann. Zudem gibt es Höhlen und festbleibende Wege und zwei Spielphasen und -wer hätte es bei einem Knizia-Spiel gedacht? – eine vielschichtigere Wertung. Unterm Strich kein Brüller, dazu ist die Downtime etwas zu lang und die Wertung zu viel Gerechne. Aber es ist ein wirklich solides Familienspiel, dass man guten Gewissens zum Familienspieleabend mitbringen kann und das -dank des schwachen Familienspieljahrgangs – wohl auch Jurybeachtung finden könnte.

Thunderstone: Thunderstone ist Dominion mit funktionierendem Thema, ohne Goldstrategie (dank zweier “Währungen”: Gold und Kampfstärke) und längerer Spieldauer. Wo Dominion durch Klarheit als Absacker/Zwischendurchspiel glänzen kann, bietet sich Thunderstone als abendfüllendes Vielspielerspiel an. Nachteilig ist aber das viele Gerechne (Kann ich das Monster besiegen? Nein. Das vielleicht? Nein. Das? Nein. Gut, was kann ich mir kaufen?) und zumindest das Einstiegsspiel ist auch recht interaktionsarm. Ich mags aber und werds öfter spielen – oft genug für eine Rezension, denke ich.

Tricky Trek: Das ist das Cwali-Spiel mit den netten Porzellan-Figuren, von denen es einige nicht unfallfrei nach Berlin schafften. Eigebtlich ist es auch kein Spiel, sondern ein Beutel mit niedlichen Porzellanfiguren (einige kaputt) und einem Mechanismus, den sich der gute Corné vermutlich in der Mittagspause ausgedacht hat: Man entscheidet gleichzeitig wie weit man seinen Löwen setzt, gibt das entsprechende Tier ab, setzt vor und nimmt ein neues Tier. Es funktioniert. Es istz kurz. Ich spiele lieber was anderes. Die Figuren sind niedlich. In der nächsten Mittagspause denke ich mir was für die niedlichen Radiergummis aus, die ich gerade beim Schreibwarenladen um die Ecke gesehen habe.

Peeper: Wieder ein Vergleich (Sorry!): Peeper ist Tichu. Ohne Punkte. Ohne Partner. Ohne Karten (dafür mit Mah-Yongg-ähnlichen Steinen). Trotzdem macht es Spaß. Es ist natürlich nicht Tichu, was die Taktik oder so betrifft. Hier ist es mehr Rommé, aber als solches nicht ohne Reiz. Es geht fix -sogar sehr (5 Minuten pro Partie) und mit Punkte-Regel, bei der ein Backgammon-ähnliches Ansageprinzip hinzukommt ist es sogar etwas anspruchsvoller. Natürlich eher ein Familienspiel für müde Familien, die nicht denken mögen, aber sehr unterhaltsam.Zumindest glaube ich das alles, denn die Regel ist das schlechteste, was ich in den letzten 10 Jahren zu interpretieren versuchte.

Hansa Teutonica: Ich muss mich “leider” der allgemeinen Begeisterung anschließen: Ein Klassespiel! Nun das ist nicht überraschend, denn HT hat genau das was ich an einem Spiel schätze: Die Grundstruktur ist einfach, es kommt ohne regeltechnischen Firlefanz und unnötiges Gerechne aus und es spielt sich spannend. Und es bietet Platz für sehr unterschiedliche Strategien. Es ist schon merkwürdig: Viele Zufallsfaktoren gibt es nicht, verlaufen die Partien (wohl – viele habe ich noch nicht gespielt) recht unterschiedlich. Vielleicht ein Beleg für die Chaostheorie (Kleine Unterschiede  addieren sich zu was komplett Unvorhersehbarem)? Jedenfalls ein sauberes Einsetzspiel, allenfalls auf den ersten Metern etwas unintuitiv, da die Zugweise “Einsetzen – Abbauen und DANN erst ein Effekt” ungewöhnlich ist.

Firebulls: Ich hatte schon einen Satz bei meinem Artikel über Taiwan geschrieben. Hier sind noch ein paar mehr: Man sammelt Karten und schlägt damit Karten aus der Auslage, die Siegpunkte bringen, Soweit nichts neues. Allerdings kann man nur Karten schlagen, die in derselben Reihe liegen, wie der eigene Stein oder aus der Nachbarreihe. Also wird getauscht. Das funktioniert mit vielen Spielen nicht richtig (da immer nur hin- und hergetauscht wird) und ist mit wenigen nervig. Das Element ist nicht ganz ausgereift. Ansonsten passiert das, was immer passiert, wenn man Karten sammelt und damit kurz vor dem Gegner die Auslage, die der abräumen wollte, abräumt: Man sammelt, man hat etwas Spaß, man hat das Gefühl, dass man das Spiel kennt, wird aber gut unterhalten. Bei Spielende wirds spannend, welche Siegbedingung noch eintrifft (das hat Auswirkungen auf die Punkte). Nichts weltbewegendes, aber einen Blick wert.

Vasco da Gama: Gutes Spiel. Origineller Mechanismus: Hohe Zahl nehmen und später dransein oder niedrige Zahl nehmen und Risiko eingehen, dass man bezahlen muss. Alle Einsetzmöglichkeiten sind wichtig und man hat ständig das Gefühl als hätte man nur Daumen an den Händen – alles dauert zu lange, ist zu umständlich – ARRGH! Das ist nett. Allerdings lädt das Spiel dazu ein, blöde Fehler zu machen und wer solche vermeiden kann wird auch ohne große Strategie bestimmt nicht letzter. Und das Thema ist zwar so lala umgesetzt, wird aber alle enttäuschen, die tatsächlich ein Entdeckungsspiel erwarten. Insgesamt ist der Eindruck aber so positiv, dass ich weitere Partien spielen will.

ciao

peer

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Jan 30

Abwesenheitsnotiz

Peer Sylvester,  2010      

Ich bin eine Woche in Spanien – also kein Blogbeitrag von mir.

In der Zwischenzeit viel Spaß mit der neuen Rezi!

ciao

peer

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Jan 27

Spielen in Serbien: Verlagsvorstellung Bas-Celik

Peer Sylvester,  2010      

Diese Verlagsvorstellung ist etwas anders als die bisherigen. Den Verlag gibt es technisch gesehen nicht mehr und das Spiel dürfte für die meisten meiner Leser unspielbar sein. Dennoch hat dieser Artikel einen Sinn: Bas-Celik ist nämlich das erste spielerische Eigengewächs aus Serbien!

Bitte stelle Dich doch unseren Lesern vor!

Mein Name ist Nikola Vuckovic und ich wurde 1966 in Belgrad geboren. Damals war das noch Jugoslawien, heute ist es Serbien, ist auch egal, ich kenne zwar die historischen Gründe für den Kollaps, glaube aber wir könnten alle immer noch zusammenleben… Nunja, mein erster Kontakt mit Brettspielen war mit Monopoly, gedruckt in Deutschland, ein Geschenk meines Cousins. Das war auch mein erster Kontakt mit der Deutschen Sprache. Wir haben das Spiel oft gespielt, aber bald wurde es von Videospielen (genauer: Der Atari-Konsole) ersetzt. Später kamen Computerspiele, dann komplizierte Computerspiele und irgendwann wurde das alles langweilig. Mittlerweile waren die 90er Jahre und wir brauchten etwas um der Realität zu entfliehen und das ging am besten mit Fantasyrollenspielen. Die haben wir viel gespielt, aber auch andere Spiele wie Talisman, Rome etc. aber RPGs waren am besten geeignet. Mein Verlag, nun der entstand aus dem Wunsch heraus, mein Spiel herauszubringen, aber dazu komme ich noch…

Bitte erzähle uns doch etwas über Deine Spiele!

Da wir keine Brettspiele in unserem Land kaufen konnten – oder nur sehr wenige wie Monopoly, Risiko oder Cluedo – überlegte och mir, selbst ein Spiel zu machen. Es sollte ein einzigartiges Spiel sein, basierend auf der alten slavischen Mythologie. Da Serben Slawen sind , könnte man auch von serbischer Mythologie sprechen und ich forschte über unsere alten Zeremonien und mythologischen Kreaturen. I bat einen Freund um Hilfe und wir beide machten das erste serbische Brettspiel (Bas-Celik). Zuerst versuchte ich einen Produzenten zu finden, aber niemand konnte mir viel für das Copyright bieten. Also finanzierte ich alles selbst. Es war nicht einfach für einen einzelnen – Druck, Produktion, Marketing, Vertrieb – aber ich habs geschafft. Das Spiel wurde in Serbien so populär, dass ich für die meisen örtlichen Fernsehsender interviewed wurde. Nächstes Jahr poduzierte ich eine Version des Spieles für Kinder. Auch das verkaufte sich gut, aber die Arbeit für einen alleine wurde schlicht zu viel. Nach meinem dritten Spiel, einem Kartenspiel für zwei Personen, hörte ich auf. Ich versuchte noch Verlage im Ausland zu finden, aber ohne Erfolg. Ich glaube aber immer noch, dass Brettspiele, die auf slavischer Mythologie basieren für den Rest der Welt durchaus interessant sein können. Insbesondere aber natürlich auch für andere slavische Länder, denn dort gibt es keine Spiele mit vergleichbarer Thematik.

Meine Spiele sind noch in einigen Läden erhältlich oder direkt über meine Webseite. Allerdings sind sienatürlich in serbischer Sprache (ich habe alles auch einmal in englisch übersetzt, wenn also ein Verlag Interesse zeigt, kann ich ihm eine englische Version anbieten…)

Was hast Du für die Zukunft geplant?

Ich plane was ganz anderes zu machen: Eine Fernsehserie für Kinder, die auf meinem Spiel basiert! Ich habe bereits einen Fernsehspot und 2 Minuten eines animierten Pilotfilmes. Ich suche nach interessierten Fernsehsendern und Sponsoren.

Wie würdest Du die Brettspielszene in Serbien beschreiben?

Seit ich mein Spiel gemacht habe, habe ich festgestellt, dass viele Leute spielen (wenn auch immer dasselbe) und seit dem der Krieg vorbei ist, tun sie das auch durchaus öffentlich. Es gibt eine Menge Brettspielclubs in Serbien und es finden regelmäßig Turniere zwischen ihnen statt, aber auch internationale Wettbewerbe. Brettspiele haben hier klar eine Zukunft, egal was die Technik bringt.

Seit dem das Eis durch mich gebrochen wurde, sind mehrere Brettspielverlage entstanden. Einige machen Vielspielerspiele. Unser größtes Problem bislang war die Sprache; wir hatten keine serbischen Spiele. Das ändert sich jetzt, es gibt einen interessanten Spieleladen namens Turbolimach (in Nis), der serbische Versionen internationaler Brettspiele verkauft, was ihn sehr populär macht. Im Moment sind das zwar nur Kinderspiele, aber es ist ein Anfang…

Vielen Dank für das Interview!


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Jan 23

Lesetipp Folge 4

Peer Sylvester,  2010      

Dieses Wochenende ist viel zu tun: Samstag ist Tag der offenen Tür in meiner Schule, dann kommen meine Eltern, dann muss die Unterrichtsvorbereitung für die Woche gemacht werden (Wer hat mir erzählt, Lehrer hätten ständig frei? Den bring ich um!)… Naja, lange Rede, gar kein Sinn: Das wird ein kleiner Artikel! Gute Gelegenheit wieder ein Buch über Spiele vorzustellen:
Spiele Entwickeln 2008 nämlich.
Spiele Entwickeln 2008 ist als Dokumentation der 3. Deutschen Spieleautorentage in Weilburg entstanden – genau wie entsprechenden Bücher davor und danach. Ich bespreche nun gerade 2008, weil ich das gerade zu Weihnachten bekommen habe. Ich habs auf meine Wunschliste gesetzt, weil ich eben nicht wusste, was mich erwarten würde und 13,90 Plus Porto war mir für einen Blindkauf erst mal zu viel (Das Buch umfasst 130 Seiten und hat Din-A4-Format)

Was bekommt man also? Als erstes muss einem klar sein, dass die Artikel im Buch allesamt Zusammenfassungen von Workshop-Ergebnissen sind. Da ist es klar, dass die Qualität stark schwank und das die Länge und der Inhalt eines Artikels in etwa mit einem Blogeintrag vergleichbar ist. Wer also ein durchgehendes Werk erwartet, liegt falsch.
Wie brauchbar sind die einzelnen Artikel? Nun, wie gesagt, die Qualität ist stark schwankend. Für besonders gelungen halte ich Andreas Meyer Abhandlung über Themen und Christwart Conrads Artikel über Spiel-Enden. Insgesamt muss man sich aber darauf einstellen, dass sich viele Artikel mit Kategorisierung und Strukturierung befassen. Das ist hilfreich und inspirierend, aber neue Erkenntnisse oder Einblicke darf man kaum erwarten – mit Ausnahme von Reinhold Wittigs Anmerkungen über bestimmte Themen, die kritisch pointiert durchaus neue Ansätze impliziert.

Alles in allem für Spieleautoren ein hilfreiches, aber kein essentielles Werk. Es ist interessant zu lesen, wie andere Autoren über bestimmte Themen denken. Es enthält aber zwangsläufig auch einige Artikel, mit denen man gar nichts anfangen kann..

Ich werde mir die anderen Bücher wohl auch nach und nach besorgen, habs aber auch nicht eilig damit :-)
ciao
peer

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Jan 20

Verlagsvorstellung Cranio Creations

Peer Sylvester,  2010      

Die Essen-Nachlese ist noch nicht beendet :-) Jedenfalls stelle ich hier einen weiteren Verlag vor, der 2009 zum ersten Mal dabei war: Cranio Creations aus Italien!

Bitte stelle Dich doch unseren Lesern vor!

Hi! Ich bin Lorenzo Silva, einer der Autoren von Horse Fever. Letztes Jahr war ich noch Biologe, aber jetzt werde ich nicht mehr im Labor stehen! Warum? Weil Cranio Creations geboren wurde, ein neuer italienischer Verlag. Cranio Creations macht lustige Spiele!

Erzähle uns was über euer Spiel!

Horse Fever ist ein Spiel über das illegale Beeinflussen von Pferdewetten. Du wettest auf Pferde und “hilfst” deinem Favoriten mit listigen Tricks beim gewinnen.

Was habt ihr für die Zukunft geplant?

Wir arbeiten an drei neuen Spielen. Wir mögen Spiele mit viel Interaktion zwischen den Spielern. Wir lieben die Möglichkeit sich gegenseitig zu verraten, denn das verursacht lustige Situationen.

Wir kann man eure Spiele in Deutschland beziehen?

Im Moment suchen wir noch nach einem Vertrieb. Wir sind z.Z. in Verhandlungen mit einem neuen deutschen Vertreiber (EcoCity) – hoffentlich kann man Horse Fever bald in jedem deutschen Laden kaufen!

Dem Spiel liegt ein Soundtrack von Dir bei. Bist du Musiker?

Wir lieben Musik und ich habe mal in einer Rockband gespielt. Die Musik in Horse Fever dient dazu, die richtige Athmosphäre zu schaffen, damit das Spiel eine echte Erfahrung wird! Cranio Creations arbeiten nicht nur an Spielen, sondern auch am ganzen drumherum. Wir arbeiten an einem kurzen Cartoon und wir organisieren einige Dinnerpartys in Italien, sowie einem kurzen Rollenspielabenteuer und alles mit dem Horse-Fever-Thema! Wir möchten unsere Spielwelt zu den Massen bringen!

Horse Fever ist ein waschechtes Wettspiel: Die Spieler kaufen Pferde und Aktionskarten und wetten auf Pferde.Nach dem Wetten können die Spieler Siegpunkte ersteigern und verkaufen – hier setzt sich das Spiel von anderen Wettspielen ab, bei denen nur der reichste gewinnt. Sicherlich haben wir es hier mit einem kleinen thematischen Bruch zu tun, spielerisch stellt es die Spieler aber vor ein interessantes Dilemma: Man braucht Siegpunkte um zu gewinnen, aber Geld braucht man eben auch. Zudem gibt es durchaus die Möglichkeit, dass ein Spieler aufgrund von Geldmangel ausscheidet – die Siegpunkte zählen dann nicht.

Spielerisch ist das Grundspiel (es gibt noch eine einfachere “Familienvariante” ohne Siegpunktversteigerung und eine “Partyvariante für zweistellige Personenzahlen) ein klassisches Wettspiel mit viel Unwägbarkeiten: Nicht nur sind die Aktionen z.T. recht stark (und die ganzen Karten müssen auch erst einmal verstanden werden), sie werden auch verdeckt platziert. Dadurch ist der Glücksfaktor natürlich sehr hoch, aber wie Lorenzo schon schreibt, geht es hier mehr um die Athmosphäre und um das Geschachere (Absprachen sind erlaubt, aber nicht bindend).  Wer sich darauf einlassen kann, findet ein originelles, athmosphärisches Spiel.

ciao

peer

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Jan 16

No Sports?

Peer Sylvester,  2010      

Die Olympischen Winterspiele und ein Fussballturnier in Südafrika erwarten uns dieses Jahr. Das bedeutet, dass Sportspiele ihren Marktanteil von, äh, 0,00% auf 0,0000001% steigern werden (Nur zur Information: 27,35% aller Statistiken in Blogbeiträgen sind frei erfunden).
Es gibt kaum ein Produkt, für das es keine “Sportausgabe” gibt. Sportspiele gehören für Videospielfirmen oft zu den Standbeinen im Programm. Warum ist das bei Brettspielen anders?

Fangen wir mit der Verlagsseite an: Die Verlage erzählen uns immer, Sportspiele gehen nicht! Und wenn man auch nicht alles glauben sollte, was Verlage so erzählen (hehe), ist diese Aussage kaum verkehrt:
Zum einen ist die Zielgruppe eingeschränkt: Sie muss sich für Spiele und die jeweilige Sportart interessieren. Zwar gibt es Spiele, die auch für die Nichtsportler interessant sind (z.B. En Garde), aber in erster Linie will ein Sportspiel ja den Sport simulieren und richtet sich dadurch explizit an Fans. Das wird dadurch verstärkt, als dass eine Simulation eine doppelte Einstiegshürde besitzt: Neben den Regeln des Spieles müssen ggf. auch die Regeln des Sports selbst erklärt werden. Das merkt man vor allem bei Simulationen wie Affentennis oder Trixkick: Die Regeln des Sports werden zwar erklärt, ich bezweifle aber, dass jemand ohne Kentnisse von Tennis bzw. Fußball, sie Regeln versteht…
Ein weiteres Problem sind dann natürlich oft Lizenzrechte, die bei Sport sehr hoch sind. Die Bundesliga ist ein besonderes Problem, da die Rechte offenbar nicht zentral verwaltet werden (wie bei der Premierleage oder der französischen Liga), sondern von jedem Club seperat. Kein Spieleverlag hat die Zeit – geschweige denn das Geld- um da passende Lizenzen zu erwerben. “Echte” Namen vergörßern aber die Zielgruppe.
Und natürlich gibt es Videospiele und in Punkto Simulation kann da kein Brettspiel mithalten.

Aber es gibt auch größere Designtechnische Hürden: Sport ist deswegen spannend, weil es eben nicht vorhersehbar ist. Und es ist aufgrund der Unwägbarkeit der menschlichen Leistungsgrenzen unvorhersehbar: Kann der Sportler seine besten Leistungen abrufen oder nicht? Kann er sie vielleicht sogar übertreffen? Diese sportlichen Leistungen sind nun aber gerade der Teil, der beim Brettspiel zwangsläufig wegfällt und durch etwas anderes ersetzt oder ganz weggelassen werden muss.
Damit können Sportarten, bei denen es zu 100% um “Können” geht nicht vernünftig simuliert werden und können bestenfalls als Kulisse dienen – Beispiele sind 100m Lauf oder Gewichtheben. Je taktischer ein Sport ist, desto eher umsetzbar ist er dagegen, da die Taktik zu 100% erhalten bleibt.
Allerdings gibt es neben der Taktik eben auch die Dynamik, also die Schnelligkeit eines Sports: Abseitig von Echtzeit-Geschicklichkeitsspielen kann der Spieler beliebig lang über Taktik nachdenken – Fussball wird zum Rasenschach. Ein Sport wird daher umso besser umsetzbar je taktischer er ist, desto weniger Zufälligkeiten es gibt und je weniger dynamisch er ist. Daher gibt es funktionierende Fussball- aber (soweit mir bekannt) keine guten Basketball- oder Handballspiele (bei letzterem ist zudem die Verbreitung des Sports wohl zu klein).
Gut funktionieren dagegen Fahrrad- oder Autorennspiele, denn da kann man sich gut auf die taktischen Seiten konzentrieren, ohne dass etwas Wesentliches fehlt.

Noch einmal zur Dynamik: Fussballspiele sind hier schön exemplarisch, denn sie zeigen gut die Möglichkeiten bei der Umsetzung eines Sports:
- durch Reduzierung auf das taktische (Schaumermal)
- durch Taktik gepaart mit Würfelei (Streetsoccer)
- durch Bluff / Kartenspiel (Unwägbarkeit durch Karten) – (Finale)
- durch Geschicklichkeit (Weykick)

Nur Sportarten, die sich durch diese Möglichkeiten simulieren lassen, können simuliert werden. Biathlon z.B. wäre durchaus als Mischung aus Rennspiel (z.B. Karten) mit einer Geschicklichkeitskomponente denkbar, während Skispringen kaum simulierbar ist (auch weil Otto-Normalspieler kaum wissen dürfte was genau die Sprungweite beeinflusst)

Allerdings kann ein Sportsthema durchaus als Aufhänger für ein Spiel dienen, dass keine Simulation versucht: BasketBoss z.B. ist eigentlich ein Wirtschaftsspiel und Basketball wird gar nicht simuliert – nur der Transfermarkt. Das genannte En Garde simuliert nicht die einzelnen Schwertbewegungen, sondern nur die Bewegung des Sportlers auf der Fechtbahn. Für eine Kniffelvariante hab ich auch schon ein Zehnkampfthema (ja es gibt da auch ein Spiel auf dem Markt…)verwendet etc. Allerdings ist das i.A. als Autor eine schlechte Strategie, denn Verlage mögen ja keine Sportthemen. Allenfalls der Massensport Fussball wird ab und an mal umgesetzt, wohl weil jeder die Regeln kennt und die Zielgruppe groß genug ist.
Denkbar ist aber eine Kleinauflage, die direkt für einen Sportvereinigung produziert wird. Ich weiß z.B. von einem Segelfliegeverein der mal an der Produktion eines Segelfliegespieles Interesse gezeigt hat (wurde aber wieder verworfen). Allerdings ist hier wieder das Problem, dass Sportler nicht unbedingt auch Spieler sind und einerseits keine komplizierten Spiele mögen, andererseits aber natürlich thematische Schwächen wenig tolerieren…

Insofern wird die Brettspiellandschaft wohl weiter eine eher Sportspielarme Zone bleiben (von Rennspielen mal ab) … Was Schade ist, als Autor, der die Herausforderungen liebt, hätte die Umsetzung einer interessanten Sportart tatsächlich mal einen ganz besonderen Reiz. Aber ein Spiel so völlig ohne Marktchancen zu entwickeln ist andererseits doch etwas demotivierend..

ciao
peer (der mal ein Segelspiel namens “Rund Fünen” gemacht, aber nie einem Verlag vorgestellt hat)

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Jan 09

Panikmache 101

Peer Sylvester,  2010      

Ich komme gerade vom einkaufen, in dem angeblich so schrecklichen Schneeblizzard, der das gesamte Leben wie wir es kennen, stilllegen soll und dessen Ankündigung gestern zu panischen Hamsterkäufen führte. Um mal mit Leisure Suit Larry zu sprechen: “Somehow you expected more…”

Aber Panikmachende Ansagen kennen Spieler ebenfalls: Vasco da Gama ist ausverkauft! Neuauflage erst im Dezember! Alice im Wonderland Parade ist schon weg! Wo bekommt man das noch? Ich hab ein Spiel verpasst, dass gut ist! ohgottohgottohgottohgott…

Es ist schon komisch: Vor fünf Jahren mag es noch Gründe gegeben haben, in Panik zu verfallen. Aber heutzutage?

Erfolgreiche Spiele werden (mit ganz wenigen Ausnahmen) wieder aufgelegt. Und mittlerweile gibt es genügend Kleinverlage, die sich sogar eher unbekannteren Perlen annehmen. Und was als “Klassiker” bekannt ist, erscheint ebenfalls (Meine beiden Topp-Suchspiele 1830 und Magic Realm sind beide für 2010 angekündigt). Das hat zwei interessante Nebeneffekte:

Zum einen bedeutet “Sammeln” jetzt sich noch mehr auf bestimmte Ausgaben zu konzentrieren. Früher war ein Sammler quasi jemand, der obskure Spiele im Schrank stehen hat. Die meisten dieser Spieler gibt es jetzt in zahlreichen Neuauflagen. Wer sich auf “Klassiker” spezialisisert stellt fest, dass die Klassiker im neuen – z.T. stark verbessertem – Look erscheinen und der “Sammlerwert” der Urausgabe sinkt. Statt “Hey, ich habe ein 1853″ heißt es nun “Hey, ich habe die 1853 Originalausgabe, nicht die von Lookout”, was zumindest unter reinen Spielern etwas weniger beeindruckend klingt :-)

Zum anderen stellt man immer wieder fest, das einige “Klassiker” dann doch nicht so toll sind, wie man anhand der “Sammlermeinung” hätte denken können. Da steckt noch nicht mal Absicht dahinter: Wer sich mit Mühe und viel Geld ein seltenes Exemplar eines “Gralspieles” gesichert hat, wird den Spielspass letztlich durch eine rosarote Brille betrachten (das ist sogar in Experimenten nachgewiesen!) . Kommt das Spiel dann “regulär” heraus, macht sich Ernüchterung breit: DAS galt wirklich mal als tolles Spiel? Ob Schwimmende Inseln oder jüngst Big Boss (Damit meine ich nicht die Alcazar-Variante, die ich ganz nett finde) oftmals entpuppt sich der damalige Spielwert im nachhinein als Sammlerwert.

Das wird auch im kommenden Jahr so sein. Hoffentlich nicht bei 1830 und Magic Realm, aber sonsts heißts: Schaunmermal!

Immerhin beginnt das Jahr gleich mit drei neuen Rezis:
Banangrams, Undercover in Europa und Trivial Pursuit Team

ciao

peer

P.S. Ich wurde nach Strategien/Tipps für “Bastos!” gefragt. Ich habe Rick Heli einige Tipps in englisch zukommen lassen, die ich hier -unübersetzt – wiederhole:

To give strategy advices is not easy however, because Bastos is quite subtle. But most of all because it depends heavenly on the group: There are two types of group dynamics:
In the constructive groups everyone tries to maximize their own scores, in the destrucitve groups everyone tries to minimize the scores of the opponent. Usually its best to swim with the group or else it will be an uphill battle which just wastes bastos-cards. Only in the last round it can be good to target the player(s) that lie ahead of you, so you can scoe more points them him.
For picking the Bastos-colour: In true destructivegroups (and on the first round of a game I dont know the group behavior) I tend to pick the suit were I have most cards. In the constructive groups I tend to pick the suit where I have a middling number (say: 3) of cards. The values of the cards are also important: I have a strong suit (many high cards) I tend to use it for points in constructive groups and as Bastos colour in destructive groups.

Considering trump: If you have the chance to declare trump you should do so if
a) you have a lot of trump cards and a lot of Bastos-Cards left to raise the score
b) You dont have any more trump crads (just the card necessary to declare trump), but you know there are still more cards of the potential trump suit out there to lower the scores of the opponents.

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Dez 31

And the Sylvester 2009 goes to…

Peer Sylvester,  2009      

Dieses Jahr ist ja alles anders… Jedenfalls gibt es dieses Jahr nur eine Liste mit Spielen, nicht zwei. Und ich werde ein Spiel von 2008 auf der Liste erlauben. Ausnahmsweise, weil es so gut ist und weil ich es letztes Jahr übersehen habe. Die Neuheitenflut erfordert eben Flexibilität mit den Regeln. Ohne weiteres Gerede hier die Preisträger:

Der Sylvester in Gold geht an Wind River von Dirk Liekens

Der Sylvester in Silber geht an Square on Sale von Taiku Sawada

Der Sylvester in Bronze geht an Dixit von Jean-Lous Roubira

Der Sylvester in Titan geht an Triumvirate von Travis Worthington

Gratulation allen Preisträgern!

Vier Preisträger, denn dann kommt ein kleiner Abstand zu den nächsten Spielen.

Wind River setzt alles um, was ich an Spielen mag: Wenig Regeln, maximaler Ertrag, sprich: Thematisch schlüssiges Spiel, Spannung, viele Wege zum Ziel und mögliche Strategien. Keine unnötigen Endwertungen oder Regelballast. Super!

Square on Sale schafft es aus Reversi durch hinzufügen eines (selbst sehr innovativen) Versteigerungsmechanismuses ein extrem originelles Mehrpersonenspiel zu machen, dass sehr viel dynamischer und interessanter ist als das Urspiel.

Dixit ist zusammen mit Identik (dass ich noch als Portrayal kenne) das beste Kommunikatinsspiel dieses Jahres. Die Graphik ist toll, der Mechanismus eingängig. Ich habe noch keine Runde kennen gelernt, in der das Spiel nicht punkten konnte.

Triumvirate belebt das Stichspielgenre mit so vielen neuen Ideen, dass “Stichspiel” schon fast nicht mehr zutrifft. Auch hier schaffen wenig Regeln maximalen Ertrag und es gibt viel mehr zu entdecken, als man nach den ersten Runden denkt. Zudem garantiert es Spannung bis zum Schluss – Was will man mehr!

(Zwecks Transparanz sei angemerkt, dass der Autor von Triumvirat in Zukunft wohl Filipino Fruitmarket in den USA vertreibt. Da er aber mein Blog meines Wissens  nicht liest, hab ich durch die Erwähnung hier nichts zu gewinnen)

Weitere Spiele, die mir gut bis sehr gut gefallen haben: Peloppones (interessantes Versteigerungs/Aufbauspiel), Alice in Wonderland – Parade (spannender, wenn auch sehr glücksabhängiger Absacker), Galaxys Edge (Weltraum Kampf- und Aufbauspiel. Interessante Mechanismen sorgen für ein spannendes Prügelspiel), Dungeon Lords (nettes Aufbauspiel für Rollenspieler mit viel Humor. Hohe Einstiegshürde und zuviel Endwertung, aber letztlich sehr unterhaltend), Die Werft (Aufbauspiel mit etwas mehr Mechanismen, als unbedingt nötig gewesen wäre, dafür aber durchaus originell und mit viel Platz zum Optimieren) und Alcazar (Wenn man keinen Acquire-Klon erwartet, sondern ein Optimierspiel á la Torres, so findet man hier viel Gelegenheit zum Puzzlen und Optimieren.)

Nicht gespielt, aber einen guten Regeleindruck hinterlassen haben  Thunderstone, Macao, Carson City, Opera, Hansa Teutonica und Arcana. Auf die freue ich mich schon!

Ein frohes neues Jahr!

ciao

peer

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Dez 24

Der letzte Weihnachtstag

Peer Sylvester,  2009      

Nein, spielerischen “Content” habe ich diesmal nicht zu bieten. Ist ja Weihnachten! Und da ich gerade in meinem Computer geblättert habe, fand ich eine nette Weihnachtskurzgeschichte die ich mit meinem guten Freund Jörn Willhöft vor anderthalb Jahrzehnten verfasst habe, als wir noch dachten, wir könnten mal Schriftsteller werden.

Sie ist aber imho nett genug um mal den Weg ins lange Internetgedächtnis zu finden…

Viel Spaß damit und Frohe Weihnachten!

Peer

Der letzte Weihnachtstag

In der großen Weihnachtsstadt, in der Nähe von Osterhasien, herrschte, wie üblich, geschäftiges Treiben. Wie an jedem anderen Tag des Jahres, schneite es auch an diesem. Alles deutete darauf hin, daß dieser Tag ganz normal verlaufen würde, die Weihnachtsmänner kauften Geschenke ein, die Engelchen reparierten die Schlitten (Sie schimpften dabei, wie üblich, über die Weihnachtsmänner, die die Schlitten nicht mit der erforderlichen Sorgfalt behandelten) und die Rentiere streikten mal wieder.

Doch für heute war die große Weihnachtssitzung angesagt. Alle waren sie eingeladen, die Weihnachtsmänner, die Engelchen, die Rentiere, die heiligen drei Könige und sogar der Schulleiter der Tannenbaumschule.

Im Hörsaal der großen Weihnachtsuniversität herrschte schon eifriges Gemurmel und Gekicher von Seiten der Engelchen, als der Leiter des heutigen Abends, Professor Dr. Rauschebart, die Bühne bestieg. „Heute, meine lieben Weihnachtsmänner, Engelchen, Rentiere, Könige und Schulleiter, stehen folgende Punkte auf dem Programm: 1. Morgen ist Weihnachten“.

Überraschtes Gemurmel breitete sich im Saal aus. „Sollten wir da nicht irgend etwas tun?“, fragte ein unerkannter Weihnachtsmann aus der fünften Reihe. „Wieso? Was denn?“ entgegnete der völlig aus dem Konzept gebrachte Vorsitzende. „Nun, zum Beispiel Menschen mit Geschenken beschmeißen oder Walnüsse mit Strümpfen stopfen oder so“, kam es –etwas unsicherer diesmal  wieder aus der fünften Reihe.

Empört riefen die Engelchen durcheinander: „Das ist doch viel zu teuer! Wer soll das denn bezahlen?“ und die Rentiere riefen: „Wie sollen wir da denn hinkommen? Etwa laufen?“ Dr. Rauschebart versuchte, die Ordnung wiederherzustellen. „Gehen wir zu Punkt zwei über… „. „Sind Sie sicher, daß wir nicht irgend etwas tun sollten?“, unterbrach ihn wieder der Weihnachtsmann. „Was haben wir denn sonst immer an Weihnachten gemacht?“, fragte der Schulleiter im diplomatischen Ton. „Ähh, mmhh …“ warf der Vorsitzende ein, der gerade bemerkte, daß ihm die Situation etwas entglitt. „Es müssen doch irgendwo Aufzeichnungen existieren“, meinte einer der Könige, immer bemüht, etwas Produktives beizutragen. „Holt den Bibliothekar, holt den Bibliothekar!“, forderten die Engel, die nie eine Gelegenheit ausließen, den armen Gnom zu necken und zu ärgern. Nachdem die Mehrheit der Versammelten sich dem Chor anschlossen, fügte sich der Professor lieber: „Man hole den Bibliothekar!“

Und nach einer Viertelstunde traten dann schließlich einige Universitätswachen mit dem gnubbligen, buckligen, großnasigen Gnom auf die Bühne. In seinen Armen lag ein riesiges, in Leder gebundenes Buch, aus dem hunderte von Lesezeichen und Eselsohren herauslugten. Er knallte es direkt auf das Rednerpult des Vorsitzenden, welches zwar bedrohlich ächzte, aber dennoch hielt. Seine riesige Brille auf der Nase zurechtrückend, blätterte er flink zwischen den vergilbten Seiten hin und her. „Hier steht’s!“, rief er triumphierend, „Weihnachten“. Die um ihn herum Versammelten warfen ihm neugierige Blicke über die Schulter. „Am Weihnachtstag fliegt der Weihnachtsmann mit seinem Rentierschlitten um die ganze Welt, um allen braven Kindern Geschenke durch den Schornstein zu bringen.“

Eine bedrohliche Stille senkte sich über den gesamten Saal. „Fliegen?!“ fragten schließlich fast alle Rentiere gleichzeitig. „Geschenke für ALLE braven Kinder?!“ wollten die Weihnachtsmänner wissen. „Und was ist mit uns?“, kam es von den Königen. „Wer ist heutzutage schon brav?“, riefen einige Engel. „Und wer hat heute denn noch einen Schornstein?“, ergänzten die anderen. „DAS geht nun wirklich nicht!“, meinte Professor Rauschebart mit einem triumphierenden Blick auf die fünfte Reihe „Und nun zu Punkt zwei…“

Ende

© 1995 Peer Sylvester & Jörn Willhöft

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Dez 19

So spielt man in Taiwan

Peer Sylvester,  2009      

November und Dezember sind recht arbeitsintensive Monate, mit echten 7-Tage-Wochen für mich. Daher hat es etwas gedauert bis ich die Infos und Interviews, die ich auf der Messe aufgesammelt habe, verarbeiten konnte. Jetzt habe ich etwas Luft und folgerichtig kommt ein neuer Titel unserer “So spielt man in…” – Reihe :-)

Die Spieleszene in Taiwan ist eng mit dem Verlag Swan Panasia verknüpft, der dieses Jahr auch erstmals auf der Spiel in Essen zu finden war. Doch beginnen wir am Anfang:

Begonnen hat alles mehr oder minder mit Magic. Davor gab es nur Computer- und Videospiele und die Traditionellen (vor allem Xiangqio -Chinesisches Schach Mahyongg und Go). Brettspiele kamen anscheinend eher zufällig nach Taiwan: Magickarten wurden über das Internet bestellt und einige Studenten haben dabei Brettspiele aus Neugier mitbestellt. Das war 1998 vor allem unter Studenten des Fachbereichs Elektronik- und Computerwissenschaften. Von einer Szene konnte man da noch nicht sprechen.

Swan Panasia gründete sich 2002 und hatten ihren ersten größeren Auftritt 2003 auf der Internationalen Buchmesse in Taipeh TIBE. Der Auftritt war ein großer Erfolg  und resultierte in einer Partnerschaft zwischen Swan Pansasia und einigen Buchläden und Paukschulen. Doch dieses Geschäft verlief schlecht: Die Buchhändler wollten (oder konnten) die Spiele trotz Schulung nicht erklären und so mussten die Verlagsmitarbeiter von Buchhandlung zu Buchhandlung tingeln, um den Kunden die Spiele selbst vorzustellen.

Doch die Ochsentour hat sich gelohnt: Es bildete sich langsam eine echte Brettspielszene heraus und ab 2006 traten immer mal wieder eine Gruppe Spielebegeisteter an SP heran, weil sie einen Spieleladen oder ein Spielecafe aufmachen wollten (z.B. das Witch House). Das Geschäftsmodell sah eine gewisse Partnerschaft vor: Swan Panasia lieferte Spiel, die der Laden erst einmal auf Kommission vorrätig hatte. Im Laden wurden die Spiele erklärt und konnten auch gespielt werden. Dass das Modell ein Erfolg war, sieht man daran, dass bald weitere Spieleläden in Taipeh aufmachten und 2007 dann auch in anderen Städten Taiwans. Aber natürlich blieben auch einige Spieleläden auf der Strecke und auch in Taiwan sind Internetshops aus In- und Ausland der größte Konkurrent der “echten” Spieleläden.

2007 begannSwan Panasia auch chinesische Lizenzausgaben zu produzieren: Es begann mit Ohne Furcht und Adel, als nächstes kamen Zoff im Zoo und Halli Galli. Mittlerweile umfasst das Programm 16 Lizenzspiele, darunter auch Dominion und Carcassonne (Ich hatte kurz überlegt mir als Gag eine chinesische Dominion-Version zu besorgen und ein paar Karten in die Sätze für die deutsche Brettspielmeisterschaft zu schmuggeln ;-) ).

Während Swan Panasias Einfluss sich auch nach China, Indonesien, Malaysia und die Philippinen ausbreitete vergrößerte sich auch die Produktpalette: Dolphinboardgamer produziert für die Spiele passende Kartenhüllen in allen Größen. Chinesische Spiele mögen nämlich Kartenhüllen. Ist es hierzulande schon schwierig passende Hüllen für Skatkarten zu bekommen (ja, ich übertreibe etwas), können in Taiwan mittlerweile sogar Carcassonne-Plättchen eingetütet werden. Und seit 2009 werden erstmals auch echte taiwanesische Spiele vertrieben:

Rabbit Hunt von Shen-Yang Pan ist eine Art Versteckspiel für Familien mit hohem Blufffaktor: 2-4 Spieler legen immer eine Karte verdeckt in die Auslage und bewegen ihren Bauern über selbige. Dabei müssen sie einerseits möglichst alle ihre Hasenkarten ablegen, andererseits möglichst viele gegnerische Karten aufnehmen. Dazu ist eine gehörige Menge Bluff und Gedächnis nötig. Unterm Strich ein einfaches Familienspiel, dass sicherlich seine Freunde finden wird.

Auch bei Fuzzy Tiger von Shao-Ying Chen geht es um Tiere: Diesmal spielen die Spieler Affen, die versuchen einem schlafenden Tiger Barthaare auszureißen. Hier geht es um das Risiko, dass man eingehen will: Nicht zu viel, sonst wird man bestraft (respektive gefressen), nicht zu wenig, sonst steht man als Feigling dar. Eine Art Blind-Bidding-Spiel im weitesten Sinne.

Vom selben Autor ist Fire Bulls. Dies ist ein typisches Kartenmanagement-Spiel: an sammelt Karten um mit den richtigen Kombinationen zu punkten. Spielt man die Karten zu früh aus, lässt man Punkte liegen. Zögert man zu lange haben die anderen Spieler einem die Karten bereits weggeschnappt oder das Spiel endet gar vorzeitig. Ein interessantes Kartensammelspiel (vielleicht einen Tick zu lang) mit wirklich sehr schön  gezeichneten Karten. Leider sind sowohl die deutschen als auch die englischen Regeln fehlerhaft: Angreifen darf man nur vom eigenen Stein aus oder deren Nachbarreihe. Greift man von der Nachbarreihe aus, kann man nur maximal 2 (und nicht drei) Karten angreifen.

Die drei eben genannten Spiele stammen von TwoPlus Games, einer Arte Spieleautorenvereinigung.

Wie ich aus einigen Reaktionen im Bekanntengreis herausgelesen habe ist Deadly Russian Roulette von “Superlee” wohl nicht politisch korrekt. Jedenfalls sorgte das Thema für etwas Empörung (überaschenderweise auch von Wargamern, woran man wieder sehen kann, das Moralvorstellungen höchst subjektiv sind (Das ist keine Wertung, meine sind auch nicht logisch)). Dabei ist das Thema wirklich gut umgesetzt (sieht man davon ab, dass man nicht stirbt, aber irgendwas ist ja immer): Eine Karte gibt vor wieviel Geld es gibt, eine weitere wie viele Schüsse insgesamt in der Waffe enthalten sind. Der Startspieler entscheidet nun geheim, ob alle Kammern mit Blindgängern gefüllt sind oder ob es eine scharfe Patrone gibt. Reihum darf jeder eine Patrone ziehen oder passen. Wer aussteigt ist raus, wer einen Blindgänger zieht, kassiert und wer die scharfe Patrone erwischt guvkt für drei Runden nur zu. Ein Glücksspiel? Ja sicher, aber eines mit geörigem Push-Your-Luck und Blufffaktor (scharfe Patrone oder nicht?) Dabei erlaubt das Spielprinzip durchaus tiefenpsychologische Überlegungen: Der Startspieler hat noch eine Patrone gezogen – hat er womöglich eine blinde Patrone reingelegt? Oder hat er geblufft, damit ich genau das denke? Ich mags – zumal es mit optionalen Aktionskarten auch langfristig interessant sein könnte.

Blockazzle schließlich ist kein echtes Spiel, sondern eher ein Puzzle. Hier müssen Steine nach einem Vorbild aufgebaut werden. Da alle Steine zusammenhängen müssen, keine leichte Aufgabe. Für Denkspielfreunde einen Blick wert, ich fands jedenfalls sehr kurzweilig (wobei ich kaum Solitätknobeleien spiele, mir also etwas der Marktüberblick fehlt).

Ich hoffe der Überblick hat gefallen, bei der nächsten Folge dieser Serie gehts dann aufs chinesische Festland!

ciao

peer

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