Ab wann wird eine Veranstaltung eigentlich zu einer Institution? Diese Frage schwirrte mir im Kopf als ich am Freitag in Richtung der Berlin Brettspiel Con unterwegs war. Ist es eine Frage der Ausdauer? Wenn man einfach oft genug stattgefunden hat, gehört man zum festen Veranstaltungsteppich der Szene? Oder geht es darum, dass man eine bestimmte Größe oder einen bestimmten Bekanntheitsgrad erlangt hat? Wenn genug Menschen über einen reden oder von einem gehört haben, ist man dann eine Institution der Szene? Letzteres scheint zumindest unter Content Creator*innen eine wichtige Benchmark zu sein, direkt nach Klickzahlen, Abos und/oder Patreon-Spenden.
Jene sind es aber auch die den Ruf, die Sichtbarkeit und damit – zumindest innerhalb der Online-Szene – die Bedeutung der Berlin Brettspiel Con zementieren. Gefühlt begann die Produktion von Content, bereits am Freitag Nachmittag, während der Pressevorschau unmittelbar vor der ersten von zwei Game Nights. Auf einige Räume verteilt – und durch einen Buffet-Tisch im Hauptaufgang verbunden – stellten verschiedene Verlage einige ihrer Neuheiten zur Schau. Auch wenn das Ambiente ein wenig an Teambuilding-Workshops beim Betriebsausflug erinnerte, konnte man sich hier mehr oder weniger entspannt einige angekündigte und einige frisch erhältliche Spiele anschauen und erklären lassen. Zwischen Audiointerviews, Videoaufnahmen und der Anfrage bzw. Abholung von Rezensionsexemplaren lief die Content-Pipeline schon frühzeitig warm.

Im Rahmen dessen konnte ich auch hier und da ein paar Spiele beäugen. Darunter Stibitzt! (überproduziert Bluffen), Nachts im Zoo (überraschend verschachteltes Plättchen legen), Compress (quasi-kompetitives Gedächtnistraining) und Geschickt Gefädelt (leider arg beliebige Fingerübung). Mehr als ein flüchtiger Blick war aber auch bei Labyrinth Chronicles (Awaken Realms verarscht uns alle) und Carcassonne Labyrinth (genau das was man sich unter dem Titel vorstellt) nicht möglich. Der kurze Blick bei Hasbro überraschte dahingehend, dass sowohl Hero Quest, in einer neuen Starter-Box, Guillotine (thematisch leider nicht in die Gegenwart verschoben) als auch Fury of Dracula 5th Edition zur Betrachtung auslag. Ob sich bei den beiden letzteren ein Vergleich zu den alten Editionen lohnt, konnte ich nicht ganz erkennen. Möglicherweise ist es doch bei einer rein optischen Veränderung geblieben, aber mal sehen was die Zukunft bringt.
Viel mehr Aufmerksamkeit sollte dieser Pressetag jedoch nicht bekommen, denn das Herzstück der Berlin Brettspiel Con ist nicht der B2B-Bereich, sondern eben die Spielveranstaltung selbst. Das bedeutet, sowohl die beiden Game Nights als auch die immer noch grandios organisierte und präsentierte Freie Spielfläche ist (dank Blick aufs Brett e.V.) ohne Frage Glanzstück dieser Convention. Nicht zuletzt der phänomenale Ansatz, den Sonntag für Familien zu öffnen – indem Kinder kostenfrei Einlass erhalten – ist eine Entscheidung, die für die Szene um ein Vielfaches wichtiger und wertvoller ist, als beliebig viele am Freitag Nachmittag präsentierte Neuerscheinungen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich berichten, dass eine große Zahl meiner Kollegen und Kolleginnen hellhörig wurden, als ich dieses Detail im Vorfeld erwähnte. Es ist dem Brettspiel weit mehr geholfen, wenn man aktive Spielrunden zugänglich macht, als sie durch den Verkauf von Spielen lediglich zu ermöglichen.
So waren auch für mich die erinnerungswürdigen Momente der Berlin Brettspiel Con eben nicht durch Schnäppchen am Flohmarkt geprägt (auch wenn mir klar ist, dass auch das ein wichtiges Standbein der Berlin Brettspiel Con ist); oder durch tolle Angebote der Verkaufsstände in den Nebenhallen. Es war das praktische Spielen an Tischen, welches bei mir Eindruck hinterließ. Sei es die verdutzten und ratlosen Reaktionen meiner Mitspielenden bei „Aufbruch nach Brighthelm“, die sich nicht erklären konnten, warum man nicht einfach Talisman spielt. (Oder am besten beide links liegen lässt.) Aber auch die Partien einiger „älterer“ Spiele wie Libertalia oder Zurück in die Zukunft – Das Brettspiel, blieben mir positiv in Erinnerung. Unabhängig der Spielqualitäten selbst – beide Spiele ernteten Für und Wider – formt das gemeinsame Spielen eben immer noch Verbindungen zu anderen: Freunde wie Familie. Es ist gerade das Hochhalten und Feiern des gemeinsamen Spielens was die Berlin Brettspiel Con für mich auszeichnet und vielleicht auch das stärkste Merkmal dieser Veranstaltung ist.
Die zeitliche Nähe zur Spiel des Jahres-Verleihung bietet zusätzlich dazu eine schöne Orientierung, welche der zahllosen Spiele der Bibliothek man sich anschauen sollte. (Die Longlist war über weite Teile zum Ausleihen verfügbar.) So konnte ich mich auf der freien Spielfläche endlich von Tag Team überzeugen, welches ganz unerwartet mit nach Hause kam. Die aus BWL-Kalkül ermittelten Synergie-Effekte der Veranstaltung kamen also in diesem Fall zu 100% zum Tragen. Allerdings würde ich daraus keinen Vorwurf spinnen wollen, sondern mich schlicht daran erfreuen, ein Spiel im Schrank zu haben, welches ich gerade mit meinem Sohn rauf und runter spielen kann.
Am Ende des Tages bleibt für mich genau das von der Berlin Brettspiel Con übrig: nicht die Presse-Vorstellung, nicht die Goldene Tatze (die dieses Jahr überraschend wenig präsent schien), auch nicht der Awareness-Raum und das Awareness-Team (was eine großartige und lobenswerte Ergänzung ist), aber auch nicht der ausdrücklich ausgewiesene Community-Raum (dessen Funktion mir auch nach der Veranstaltung nur indirekt klar ist), und auch nicht das gute (und auch nicht übers Ziel hinaus schießende) Verpflegungsangebot. Die Berlin Brettspiel Con hat viele Stärken und gute Qualitäten, aber die Herausstechendste bleibt für mich das Spielangebot und die Möglichkeit Spiele in ihrem annähernd natürlichen Habitat zu erleben.

Es ist eine Veranstaltung, die ich in ihren Anfangsjahren eher mit Vorsicht betrachtet habe, aber der Fokus aufs Spielen ist lobenswert und auch der Schwerpunkt auf Vielfalt und Zugänglichkeit, gerade auch bis in das stark umkämpfte Familiensegment hinein, ist eine Qualität mit der sich das Team dahinter gut und gerne brüsten sollte. Die Berlin Brettspiel Con ist etwas, das ich in dieser Stadt nicht missen will und auch in Zukunft meinen Kollegen und Kolleginnen abseits der Spielszene, empfehlen werde. Ganz ohne Trends, Sonderveranstaltungen und ähnlichem, steht die Berlin Brettspiel Con für sich als kennzeichnendes Merkmal der Spielszene. Und ist damit auch zu einer Institution geworden.
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