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Die Quadratur der Spieleschachtel

Sie sind auch noch unterschiedlich lang.

Trevor Noah meinte mal “Alles ist interessant, wenn man genug darüber weiß”. In diesem Sinne ein Artikel über zwei Spieleschachtelformate.

Quadratisch oder Buchformat? Abgesehen von kleinen Spielen – oder extremen Kickstartermonstern – im Moment so fast die einzige Wahl, was Schachtelformate betrifft. Das war nicht immer so. In Deutschland dominierten im letzten Jahrundert vor allem die rechteckigen Schachteln, wobei Ravensburger, Schmidt Spiele, MB, Parker usw. mehr oder weniger alle ihren eigenen Formate benutzten. Und zum Teil nicht einmal das: Ich habe sechs Parkerspiele im Regal, die alle ungefähr gleich sind, sich aber jeweils um einige Zentimeter in Breite bzw. Tiefe unterscheiden. Auch Schmidt hatte zwischenzeitlich fast für jedes Spiel ein eigenes Schachtelformar – Mal waren die Schachteln dünner, mal breiter, mal höher… Natürlich ein Alptraum für den Handel, aber so manche (An-) Sammlerinnen und Sammler wünschen sich auch heute noch passgenauere Schachteln, in denen sich weniger “Luft” befindet. Nur: auch unsereins freut sich, wenn die Spiele einigermaßen einheitlich im Regal aussehen, wenn es keine Winz-Lücken gibt, weil eine Schachtel einige Millimeter dicker oder schlanker ist. Davon ab ist es natürlich auch schlicht billiger, Standardschachteln zu benutzen.

Die Quadratische Schachtel kam -wenn ich mich nicht sehr täusche – mit den Siedlern von Catan auf den Markt. Kosmos setzt für die neue Spielemarke auf einheitliche Schachteln in einem (damals) neuartigen Format, das für die Europalette optimiert worden war. Man hob sich dadurch von der Konkurrenz mit deren Rechtecken ab. Durch den Erfolg der Siedler und anderer Kosmos-Spiele wie Durch die Wüste wurde das Format etabliert – “1 Kosmos” war Ende der 90er in einigen Onlinekreisen (oder vielleicht auch nur in meinen Onlinekreisen) die Einheit von Schachtelgrößen. Viele andere Verlage sprangen auf, darunter  auch Days of Wonder, die ebenfalls dank zugkräftiger Titel das Format etablierten. Und wie oben erwähnt: Standardgrößen sind günstiger und lassen sich gut stapeln (und passen perfekt auf die Europalette). Die Kosmos-Schachtel hat sich in recht kurzer Zeit zu einer solchen hochgearbeitet. Auch wenn das Setzen des Schachtelstandards Kosmos freuen dürfte, ein bisschen Wehmut dürfte auch dabei sein, dass das eigene Format eben  nicht mehr “typisch Kosmos” ist, dass ihre Vorreiterrolle in Vergessenheit gerät.

Das andere Format kann ich spielehistorisch weniger klar einzuordnen, zumal es einen großen Unterschied zwischen dem

… doch bald kann es nur noch ein Format geben
Noch wehren sich die Rechteckigen Schachteln tapfer….

internationalen und dem Deutschen Markt gibt. Buchformate sind insofern interessant, weil sie oft für Reihen genutzt wurden, die darstellen sollten: Hier sind besondere Spiele! Diese Spiele sprachen oft gezielt Erwachsene an, hatten oft besonderes Material. Dazu passte der Buch-Look: Bücher galten als künstlerisch wertvoller, als weniger “Kinderkram”, sondern eher als ernsthafte Beschäftigung. Hinzu kam zumindest bei einigen Reihen sicherlich auch die Hoffnung, im Buchladen zu verkaufen. Vorreiter waren natürlich die 3M-Spiele, die sich dies ganz gezielt auf die Karten schrieben. Ob sie die ersten Spiele im Buchformat (im größeren Maßstab) waren, weiß ich nicht. Später kamen die Avalon Hill-Bookcase Games auf den Markt, die vielleicht nicht den Massenmarkt ansprechen sollten, aber schon signalisieren, dass es hier ganz andere Kost gab, als die ware von MB, Mattel & Co. In Deutschland fremdelte man aber eher mit diesem Format. Die Heye-Reihe kam vielleicht noch im Taschenbuchformat raus, aber Pelikano oder Bütehorn hatten andere Formate und die Edelmarke der 80er, die Edition Perlhuhn entschied sich für ein gänzlich anderes Format. In den 70ern finden sich immerhin die Ravensburger Casino-Serie sowie die Schmidt-Spiele-Bar (nicht verwand mit spielbar.com), sowie einzelne Titel wie Trade (FX Schmid) in diesem Format, in den 80ern war es außerhalb von Importspielen weitestgehend Fehlanzeige (Ich will nicht ausschließen, dass es ein paar gab, aber das Format stand nicht sehr im Mittelpunkt).

Die Großeltern unter den Buchformaten: 3M

Das Buchformat rückte dann in den 90er Jahren vor allem durch einen Verlag in den Fokus: Alea. Auch hier wollte man sich gezielt durch ein anderes Format von den restlichen Spielen – insbesondere auch von den Spielen im selben Hause (Ravensburger) abheben: Alea, wurde als die “Spielermarke” etabliert. Hier sollte es keine Kompromisse bezüglich der Zielgruppe geben: Keine Familien, aber auch keine Hardcore-Gamer, sondern anspruchsvolle Spielende sollten hier zu Hause sein. Dass dies gelang ist der Auswahl der veröffentlichten Spielen zu verdanken. Dass sich das Format etablierte lag an der Konsequenz der Umsetzung: Eine absolut einheitliche Struktur – Autor (nicht geschlechtsneutral zu lesen, bei Alea gab es nur eine Autorin – Inka Brand – (2012 Saint Malo und 2016 Queendsale)) – Titel – Bild – Verlag. Es ist überraschend, dass selbst Verlage wie Avalon Hill hier oft kein einheitliches Bild abgaben. Und natürlich etablierte Alea die Nummer auf der Schachtelseite, die den Sammeltrieb der Zielgruppe ansprach – wer hat schon gerne (nummerische) Lücken im Regal? Die Reihe war so erfolgreich, dass das Format auch für andere Schachtelgrößen etabliert wurde. Erst 2016 erschien mit Rise of Queensdale ein Aleaspiel auf dem Markt, dass man sich nicht hochkant in den Schrank stellen konnte. Da gab es dann schon vereinzelt Diskussionen, ob es nicht unter der Ravensburger-Marke besser aufgehoben worden wäre… Das Format der Schachtel gehörte mittlerweile fast fester zum Markenkern Aleas, denn die Spieleauswahl (Anmerkung: Ursprünglich wollte ich über die Spieleentwicklung von Alea schreiben, aber gerade in dieser Phase habe ich einfach zu wenig selbst gespielt, um da sinnvoll schreiben zu können. Das dürfen gerne andere Leute übernehmen). Der Erfolg der Serie und vermutlich auch die gute Präsentiermöglichkeit der Alea-Reihe im Billy-Bücherregal sorgte dsfür, dass die Alea-Schachtel sich jetzt ebenso wie die Kosmos-Schachtel bei sehr vielen Verlagen verwendung findet. Durch die graphische Einheitlichkeit der Alea-Reihe fällt dies nur etwas weniger auf.

Doch hier geht eine Ära zu Ende:Nach der Trennung von André Maak (der alea von Stefan brück übernommen hat) ist die Reihe beim Schreiben der Zeilen ohne Betreuer. Zuletzt kam via Awaken Realms die Burgen von Burgund -Monsterschachtel auf den Markt, die weder materialtechnisch noch vom Format her irgend einen Bezug zur Reihe hat. Und die diesjährigen echten Neuheiten Aleas sind nicht nur keine Eigenentwicklungen mehr, sondern kommen ganz ikonoklastisch in einer quadratischen Schachtel. Ich weiß nicht ob ich das bedauern soll.

ciao

Vermutlich aktuell der Verlag mit den ikonischsten Schachteln: Oink-Spiele. OB andere das Verlag kopieren ist fraglich, auch wenn Helevtiq und Allplay ähnlich kompakte Formate im Programm haben.

peer

P.S.: Als Fußnote möchte ich noch kurz Queen Games erwähnen, wo Bernd Diettrich ein eigenes Schachtelformat etablierten, ein Format welches sich sichtbar an Buchkassetten orientierte, aber doch viel dicker war (was insbesondere für die kleinste Größe seltsam wirkte). Die Reaktion der Spielenden war weniger positiv als auf die Alea-Reihe, kein anderer Verlag sprang auf dieses Verlag auf und die letzten Queen Games sind auch nicht mehr in dem Format erschienen.

Peer Sylvester
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