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Über den Tellerrand: Brettspiele, Politik und Thailand

Als ich 2004 in Thailand lebte, fand ich dort keinerlei lokalen Brettspiele (außer dem TCG Ragnarok, dass nach einem Onlinespiel entwickelt wurde und vor allem in Computerläden verkauft wurde). Einige Jahre später eröffnete der erste Brettspielladen sowie das eine doer andere Brettspielcafé. Als ich mit dem Gründer des Ladens kommunizierte meinte er „Dein Spiel [König von Siam] haben wir allerdings nicht – das ist uns zu riskant.“ Ja, das war mir schon irgendwie klar.

In Thailand ist Majestätsbeleidigung immer noch ein angewandtes Gesetz dessen Bedeutung durch die Militärjunta, die 2014 die Macht übernahm und prinzipiell auch immer noch regiert, eher gestärkt wurde. Immer wieder werden auch Ausländer nach diesem Gesetz verurteilt – Internationale Schlagzeilen machte z.B. ein Australischer Autor, der in seinem Roman es nach Ansicht des Gerichts am nötigen Respekt hat mangeln lassen und den Australier zu drei Jahren Gefängnis verurteilte. König Bhumibol, der Vater des amtierenden Königs, begnadigte den Autoren. König von Siam – der Vorgänger von Der König ist tot – deutet mit seiner Spielhandlung an, der damalige König hätte in Siam (wie Thailand früher hieß) nicht alles unter Kontrolle gehabt, dass es andere Gruppen gegeben hätte, die gegen ihn intrigieren, ja gewinnen können. Das könnte bereits als Majestätsbeleidigung ausgelegt werden und daher wollte der Spieleladen damals, das Spiel nicht führen.

Eine der Fraktionen in König von Siam waren die Malay, wobei in meinem ursprünglichen Prototypen es sogar die Patani waren, ein Volk im Süden Thailands. Patani war einst ein eigenständiges Königreich und wurde von Siam geschluckt. Die Mehrheit der Bevölkerung dort ist Muslim (im Gegensatz zu den Buddhisten, die im restlichen Thailand die größte Glaubensgemeinschaft stellen), sie verstehen sich den Malay zugehörig und sowohl die Geschichte als auch die Religion sorgen bis in die Gegenwart für wiederkehrende Unruhen in den südlichen Provinzen. Eine Gruppierung, die sich für Autonomie der Patani-Region einsetzt, „Die Patani“ planten nun die Veröffentlichung eines Kartenspieles, bei dem es um die Geschichte dieser Region und insbesondere des Verhältnisses zwischen Patani und Siam, geht: Patani Colonial Territory. Exemplare des Kartenspieles wurden jetzt konfisziert, weil die Autoriären befürchten, es „könne den Frieden stören“.

Mir ist es leider nicht gelungen etwas über das Spielprinzip zu erfahren (außer: Es ist ein Kartenspiel mfür 3-5 Spielende mit einer Speildauer von etwa 15 Minuten was auf eher leichte Kost hindeutet) , insofern kann ich nicht beurteilen, ob die Spielhandlungen irgendwie subversiv sind. Inhaltlich wird der Sachverhalt aus Sicht der Patani erzählt. Dabei sind allerdings einige historische Fakten wohl großzügig ausgelegt und das Spiel enthält das Ereignis „Malay werden an den Archillessehnen zusammengebunden und müssen in Bankok Zwangsarbeit verrichten“. Dieses „Ereignis“ hat aber wohl niemals stattgefunden. Die momentane geschichtliche Auffassung ist es wohl, dass es sich um Propaganda handelte, die sich gegen den Staat Siam richtete. Die Vorwürfe gegen die Macher lautet nun, dass auch das Kartenspiel das Ziel hat, Misinformationen gegenüber den Staat Thailand zu schüren. Die Patani bestreiten dies, sie wollen lediglich Geschichte vermitteln und spielrisch für ihre Sache werben (Auch wenn die Spieleszene in Thailand wächst, haben viele einheimische Spiele noch einen Lernanspruch, zumindest nach außen hin).

Das ganze ist natürlich erst einmal sehr Thai-spezifisch, aber es wird auch die Frage berührt, wie gerade Spiele mit historischen Anspruch auch als Propagandamittel eingesetzt werden können – unabhängig davon, ob dies hier der Fall ist. Gerade wenn ein Spiel seine Historizität in den Vordergrund stellt, ist es leicht, alles was das Spiel vermittelt für bare Münze zu nehmen. Wir sind es gewohnt, bei Texten die Quellen zu hinterfragen – aber bei Brettspielen? Gerade weil der „Text“ wenig explizit ist, kann es schwerfallen, beabsichtigte oder unbeabsichtigte Annahmen überhaupt wahrzunehmen (man denke an die fehlenden Eingeborenen eines Mombasas oder der grundsätzlich hyperkapitalistische Ansatz eines Hegemony). Es sind gerade die kleinen Dinge die hängen bleiben – und eine Karte mit einem Fake-Ereignis ist eben eine solche Kleinigkeit „Das haben die wirklich gemacht?!!?“. Doch ob ein Spiel über dieses Erlebnis hinaus noch aufregen kann, hängt sehr vom restlichen Framing ab. Doch unabhängig davon besteht natürlich gar keine Frage, dass die Thailändische Polizei mit dem Konfiszieren der Karten drastisch überreagiert haben.

An dieser Stelle könnte der Blogeintrag auch enden. Doch wer meint: Thailand ist weit weg: In Frankreich wurde das Spiel Antifa: Le Jeu wurde von Fnac aus dem Verkauf genommen, nachdem rechte Politiker und die Gewerkschaft der Polizei Druck ausgeübt hatten: In einer Reihe von Statements wurde gesagt, dass das Spiel „Unruhe erzeuge könne“. Ausgangspunkt war wohl ein Politker der Front National, der behauptete, in dem Spiel würde man Molotows auf Polizisten werfen, Rechte verprügeln oder Versammlungen von rechten Parteien physisch angreifen. Diese Behauptungen sind falsch, diese Aktionen kommen in dem Spiel nicht vor (Wie überall haben auch die Rechte in Frankreich keine Vorstellungen davon, wie eine linke Organisation eigentlich arbeitet).Der entsprechende Politiker zog sich nach einer entsprechenden Klarstellung auf die „Mein Tweet war Satire“-Verteidigung zurück. Nach weiterer Gegen-Kritik von seitens der Macher, ist das Spiel mittlerweile wieder in die Regale von Fnac zurückgekehrt. Genauso wie die Patani bislang nicht gestoppt wurden, ihr Spiel zumindest einer Öffentlichkeit vorzustellen. Bislang.

ciao

peer

 

 

Peer Sylvester