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Spielen in der Mongolei: Ulus

Obwohl Ost- und Südostasien mittlerweile ja durchaus auf der Spielelandkarte auftaucht, assoziiert man mit der Mongolei ja eher weniger mit modernen Spielen. Dank Beeple-Kollege Hilko Drude kann ich nun über ein besonderes Projekt aus dem östlichen Zentralstaat berichten: Ulus : Legends of the Nomads war 2020 ein ganz besonderes Kickstarterprojekt. Hier sollte es nicht darum gehen ein beliebtes Spiel der Kindheit wieder aufzulegen, eine Schachtel voller Plastikfiguren zu verkaufen oder einen unveröffentlichten Prototypen an den Mann zu bringen. Vielmehr geht es um nichts geringeres als die Erhaltung eines Kulturgutes: Der mongolischen Schriftsprache, die während der sowjetischen Besetzung verboten war und nun als eine „bedrohte Sprache“ gilt. Doch wie fördert man eine Sprache?  Bücher bieten sich an -und die gibt es auch – aber damit spricht man nur eine sehr spezielle Zielgruppe an. Das Ziel war zudem nicht nur die Schrift zu retten, sondern auch die dazugehörige Kultur. Ein Spiel schien eine geeignete Verbindung zu sein, da es inhaltliche narrativen (also z.B. Sagen), graphische Elemente (in diesem Fall eben die Schrift) und kulturelle Handkungen, also Spielelemente verbinden kann. Das Ergebnis ist Ulus (Link).

Traditionell spielt man in der Mongolei nicht mit Würfeln, sondern mit „Shagai“, also Schafsknöcheln, die sich ähnlich wie Würfel werfen lassen, deren Seiten aber nicht dieselben Wahrscheinlichkeiten bieten. Natürlich ist diese Ungleichverteilung Bestandteil vieler traditioneller Spiele. Prinzipiell ist Ulus nun eine Art Minispielesammlung, wobei die einzelnen Bestandteile eben zusammen ein großes Ganzes ergeben. Das funktioniert, weil Ulus thematisch ein großes Mongolisches Fest simuliert, bei dem es verschiedene „Disziplinen“ wie Bogenschießen, Ringkampf oder Geschichten erzählen gibt.

Das ganze Spielmaterial passt in den Spielplan, der als Stoffbeutel auch als Verpackung dient

Dabei dient die erste Hälfte des Spieles quasi der Vorbereitung: Es wollen verschiedene Monster aus der mongolischen Mythologie zu besiegen, ohne viel Zeit zu verlieren. ZU gewinnenn gibt es Götterkarten -ebenfalls aus der mongolischen Mythologie. Dieser Teil wirkt im Design durchaus modern, ein Eindruck der durch die Anmerkungen des Autorens auch bestätigt wird. Insbesondere können auch die Mitspielenden um Hilfe gebeten werden. Man merkt dem Spiel druchaus an, dass es versucht auf spielerische Weise ein Stück Mythologie zu vermitteln. Die Karten sind wunderschön gezeichnet und machen neugierig auf die Begleittexte. Spielerisch haben wir es hier eher mit einem „Bier&Bretzel“-Spiel zu tun, aber auch westliche Dungeon Crawler sind oft auch nicht unbedingt taktischer.

Die zweite Hälfte des Spieles ist nun das erwähnte Turnier und hier werden nicht nur die traditionellen Disziplinen vorgestellt, sondern auch traditionelle mongolische Spiele, aus deren Mechansimen die einzelnen Spiele zusammengesetzt sind. So ist das Pferderennen ein einfaches Laufspiel, nur das statt mit Würfeln mit Shagai „gewürfelt“ wird.

Aus Spielersicht ist das vermutlich etwas dünn, auch wenn die anderen Disziplinen immerhin Schnipsspiele sind, die etwas mehr Kontrolle erlauben. Aber darum geht es hier ja nicht – es geht um die Kultur, die einem näher gebracht werden soll. Und das gelingt m.E. wunderbar! Das mag sich für den einen oder anderen wie eine Ausrede anhören, aber der Bewertungsmaßstab für Ulus muss ein anderer sein, als für andere Spiele. Ich kann mir aber schon vorstellen, Ulus draußen am Lagerfeuer zu spielen – die Athmosphäre des Spieles, die durch das Material, aber auch durch die Handhabung der Shagai erzeugt wird, ist schon etwas besonderes. Zudem sorgt das Gewinnen der Karten durchaus für Teilerfolge. Mich erinnert das ein bisschen an das eggertspiel Rummelplatz, wo es für die Gewinner:innen der Teilspiele immer Lose gab, aus denen die Person bestimmt wird, die das Spiel insgesamt gewonnen hat. Es wird auch der Effekt erzeugt, dass es um den Gesamtsieg eigebtlich gar nicht geht: Man misst sich in verschiedenen Disziplinen und mal verliert man, und mal gewinnen die anderen. Das ist schon sehr stimmig.

Als Projekt ist Ulus aber noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Mir fehlt die Qualifikation, um einschätzen zu können, wie viel „Impakt“ das Spiel nun tatsächlich haben wird, als Didaktiker finde ich es aber ausgesprochen gelungen. Man hat nicht den Eindruck eines der üblichen Lernspiele vor sich zu haben – dies ist kein Quiz und kein simples Roll&MOve, sondern vermittelt auf verschiedenen Kanälen einen Teil der mongolischen Kultur. Es zeigt dabei ganz nebenbei auch, dass Spiele mehr können als „nur“ zu unterhalten und Spaß zu machen.

ciao

peer

 

Peer Sylvester

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