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Vom großen Luxus zu spielen

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Ich mag es nicht Spiele als Luxusgüter zu bezeichnen. Während des Lockdowns und der eingeschränkten Kontaktmaßnahmen ist der Umsatz der Spielindustrie stetig nach oben gegangen. Die Beschäftigung mit Spielen wurde nicht wie eine Nebensächlichkeit abgelegt, sobald die Umstände etwas schwieriger wurden. Im Gegenteil wir haben uns in dieser Zeit immer intensiver mit den Produkten der Kulturindustrie beschäftigt. Wir haben mehr Filme geschaut, mehr Bücher gelesen und mehr Spiele gespielt. Das ist kein Zeichen des Luxus, sondern ein Zeichen dafür, dass Kultur im Allgemeinen und Spiele im Speziellen einen wichtigen Teil unserer modernen Lebensrealität ausmachen.

Natürlich könnten wir auf Spiele verzichten, wenn wir es müssten. Aber das trifft auch auf sehr große Teile der Ernährungspyramide zu und niemand käme auf die Idee, Käse, Salami und Milch als „Luxusgüter“ zu bezeichnen. Es ist eine reflexartige Genussfeindlichkeit, die uns antreibt Spiele als Luxus zu bezeichnen. Die Überzeugung, dass nichts was Freude und Geselligkeit verursachen soll, wirklich wichtig ist, sondern nur eine Form der Belohnung für die Arbeit, die wir den Rest der Woche verrichten.

Dabei haben gerade die letzten Monate gezeigt, wie wichtig es für unser emotionales und geistiges Wohl ist, die kleinen Momente der Freude gemeinsam mit anderen zu suchen. Unser Bedürfnis nach dem gemeinsamen Spiel ist so stark, dass wir sogar gewillt sind uns in unhandliche und fehleranfällige digitale Plattformen einzuarbeiten, wenn diese uns ermöglichen am kulturellen Leben teilzuhaben.

Es ist zu bequem und verlockend dem Spiel sein kulturelles Potential und seinen kulturellen Wert abzusprechen, wenn der Blick nur auf unseren individuellen Spaß reduziert bleibt. Dabei hat der Spaß, den wir mit einem Spiel haben, nur indirekt damit zu tun welchen kulturellen Mehrwert es bietet. Kultur findet immer im Austausch mit anderen statt. Sie fußt auf den Gemeinsamkeiten, die wir untereinander entdecken und sie wächst aus den Gewohnheiten, die wir gemeinsam entwickeln.

Wer Teil einer bestimmten Kultur ist, sieht die Elemente aus denen sie besteht nicht als Luxus an, sondern als notwendige Voraussetzung, um eben diese Kultur am Leben zu erhalten.

Daraus ergibt sich auch der zweite Grund, weshalb es mir unangenehm ist, Spiele als Luxusgüter zu beschreiben. Um am kulturellen Leben teilzunehmen, braucht man Zugang dazu. Um Spielkultur zu leben braucht man (in den meisten Fällen) Mitspieler, auf jeden Fall Zeit um sich dem Spielen widmen zu können und natürlich Spiele, welche die Grundlage für eben diese Beschäftigung bieten. Per Definition sind Luxusgüter solche, die einen nennenswerten Geldwert darstellen. Sich Luxus zu leisten, ist vor allem eine finanzielle Frage. Wer sich Luxusgüter kauft, tut dies nicht zuletzt, um diese vorzuzeigen und als Zeichen des eigenen Status zu präsentieren. Wenn man nun Spiele grundsätzlich als Luxusgut versteht, dann erlaubt das nicht nur Spiele in ein höheres Preissegment zu bewegen; es ist fast zwingend nötig es zu tun. Günstiger Luxus ist ein Widerspruch in sich.

Wenn wir also Spiele (und Spielen) als Luxus akzeptieren würden, müssten wir auch den Folgeschritt ziehen und die finanzielle Einstiegshürde erhöhen. Luxus, den sich jeder leisten kann ist kein Luxus mehr, sondern einfach nur der neue Standard. Der Zugang zur Spielkultur wird so allen denen erschwert, die nicht die Mittel besitzen, um eine Spielesammlung und eine regelmäßige Spielerunde zu gründen. Spielkultur bildet sich unterm Strich um jene herum, welche Spielesammlungen besitzen und zum Spielen auffordern. Das passiert aus Leidenschaft und diese sollte man nicht mit Prunk und Überfluss gleichsetzen.

Schon Johan Huizinga hat festgestellt, dass das Spiel Selbstzweck ist. Wir spielen, um zu spielen und genießen diesen Vorgang seiner selbst willen. Es macht schlicht Spaß. Aber genau diese Dinge zu teilen und gemeinsam mit anderen zu erleben, schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Zusammenhalts. Wir fühlen uns anderen Spielenden verbunden, nicht allein weil wir mit ihnen an einem Tisch gesessen haben, sondern weil wir viele ihrer Erfahrungen und Erlebnisse selbst kennen.

Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist zutiefst menschlich und kein Verlangen nach Luxus und Überfluss. Spiele sind eines der Mittel mit dem wir diesem Bedürfnis nachkommen können. Gerade auch jenseits der Hürden und Schwierigkeiten, die uns dieses Jahr vorsetzt. Daher sollte es auch nicht verwundern, dass sich immer mehr Menschen dem Spiel widmen, wenn gerade das Gefühl des gemeinschaftlichen Zusammenhalts manchmal so selten erscheint.

Georgios Panagiotidis
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