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Aber ich hab doch nur nach den Regeln gespielt

Für die meisten Spielgruppen ist es eine seltene, aber nicht unvorstellbare Situation. Man ist vertieft in ein kompetitives Spiel und jeder ringt um seinen Vorteil. Es wird geknobelt und taktiert. Man macht vielleicht von seinen rhetorischen Überzeugungskünsten Gebrauch. Dann plötzlich macht jemand einen unerwarteten, niederschmetternden Zug. Einen Augenblick lang knistert es fast vor Anspannung. Dann entlädt sie sich in einem Schwall aus Empörung und Ärger. Der leidtragende Spieler verliert die Fassung, es kommt vielleicht zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Der Rest des Spielabends ist von diesem Erlebnis überschattet.

In den Augen vieler Spieler ist selbst in einer so vage skizzierten Umschreibung die Sachlage klar: der wütende und schimpfende Spieler ist im Unrecht. Dabei ist es fast egal um welches Spiel es sich handelt, oder welche Spieler hier aufeinander treffen. Die Situation ist spätestens dann gelöst, wenn der unanfechtbare Unschuldsbeweis ins Gespräch gebracht wird: „ich habe mich doch nur an die Regeln gehalten“.

Die Unantastbarkeit eben dieser Argumentation möchte ich hier mal antasten… oder anfechten… oder ihr einfach grundlegend widersprechen. Das Einhalten von Spielregeln entschuldigt für sich genommen nichts. Ob eine Handlung gut oder schlecht ist, hängt nicht davon ab, ob sie regelkonform ausgeführt wurde. Dafür muss man weder Ethik noch Jura studiert haben. Denn der Vorwurf,  der tatsächlich im Raum steht ist ein anderer. Das gemeinschaftliche Spielerlebnis hat gelitten, weil es entweder vorsätzlich sabotiert oder fahrlässig behandelt wurde. Regeltreues Spielen schließt keinen der beiden Fälle aus.

Nicht einmal hier führt ein Regelbruch zum Streit

Dennoch wird dieses Argument in beinahe jeder aufgeheizten Auseinandersetzung am Spieltisch herausgekramt. Es basiert auf der Annahme, dass die Regeln den Zweck des Spiels definieren und vorgeben. Aber genau das ist nicht richtig. Regeln geben die formalen Abläufe des Spiels vor. Sie können festlegen wieviele Karten man zieht, wieviele Felder man sich bewegt oder nach welcher Formel man Ressourcen in Siegpunkte umwandelt. Sie schreiben vor, wann das Spiel zu Ende ist, und wie man danach zwischen Sieg und Niederlage unterscheidet. Der Zweck des Spiels und des Spielakts wird durch sie jedoch bestenfalls angedeutet.

Der Grund weshalb wir gemeinsam spielen ergibt sich nicht aus dem Spiel oder seinen Regeln. Die meisten Spielgruppen sind Opfer ihrer Gewohnheiten, wenn es um den Spielzweck geht. Wir spielen aus den gleichen Gründen aus denen wir immer gespielt haben. Manchmal ist es das Bedürfnis nach Selbstbestätigung, wenn man die kopflastige Herausforderung eines Spiels gemeistert hat. Manchmal ist es die Freude darüber etwas besser gemacht zu haben als ein anderer. In einigen Fällen geht es uns allein darum Zeit mit Freunden zu verbringen. Es gibt viele Gründe um zu spielen und die meisten Spieler pendeln sich früher oder später auf einen davon ein.

Wer etwas mehr Spielerfahrung gesammelt hat, merkt schnell dass ein Spiel bestimmte Zwecke einfacher zu unterstützen weiß als andere. Die meisten Partyspiele liefern oft wenig Grund sich durch einen Sieg bestätigt zu fühlen. Wem danach ist, der sucht sich eher Spiele in denen analytische Fähigkeiten und strategisches Denken wiederholt Anwendung finden. Ebenso ist das gemeinschaftliche Erlebnis in einem interaktions-armen Spiel in dem man wiederholt Ressourcen in andere Ressourcen und später in Siegpunkte umwandelt, eher zweitrangig. Anders als es etwa bei einem kommunikativen Kooperationsspiel der Fall ist. Die Spiele selbst geben diesen Spielzweck nicht bindend vor. Sie sind aber durchaus so konzipiert bestimmte Zielsetzungen zu unterstützen.

So kommt es dann, dass so manche Vielspielergruppe sich bei einem Kooperationsspiel auf das Erfolgserlebnis fixiert, statt auf die Zusammenarbeit. Oder auch Neuspieler, die das gemeinschaftliche Erlebnis suchen, plötzlich an knallharte Konfliktspiele oder Eurogames geraten, bei denen man eher in sich kehrt und nur für sich selbst verantwortlich ist.

Auf der einen Seite hat man also Spieler, die ein gewisses Spielgefühl oder -erlebnis suchen, und auf der anderen Seite gibt es Spiele, die wie ein Werkzeugkasten bereit stehen, um bestimmte Spielgefühle oder -erlebnisse zu unterstützen. Kommt also ein neues Spiel auf den Tisch, gilt es diese Dinge irgendwie ein Einklang zu bringen.

Hier nun schließt sich der Kreis zum oben erwähnten Eklat am Brettspielabend. Ein derart dramatischer Streit findet seinen Ursprung eben nicht in der fehlenden Reife der Streitenden, oder der Unfähigkeit eine Niederlage zu akzeptieren. Sie lässt sich auch nicht dadurch unter den Teppich kehren, dass man beharrlich die eigene Konformität zum Regelwerk wiederholt. Sie hat ihren Ursprung darin, dass ein Spieler glaubte den gemeinsamen Spielzweck zu verfolgen und durch eine unerwartete Handlung plötzlich den Boden unter den Füßen verlor.

Der Zweck eines Spiels wird durch die Gruppe bestimmt, die das fast nie offen tut. Stattdessen greifen wir auf unsere eigenen Gewohnheiten zurück. Aus den Indizien, die das Spiel und seine Regeln uns bietet, leiten wir ab welcher Spielzweck wohl am Besten damit umzusetzen ist. Mit Hilfe unserer sozialen Intelligenz merken wir welchen Zweck der Rest der Gruppe vorzieht und wenn wir dazu gewillt und in der Lage sind, richten wir unser Verhalten danach aus.

Bei einem Brettspiel folgt daraus sich vor Augen zu führen, ob man das gemeinsame Spielerlebnis im gegenseitigen Wettbewerb sucht, in der eigenen Leistung, in der gemeinschaftlichen Interaktion oder einer beliebigen Zahl anderer Gründe. Es bedeutet sich selbst klar zu machen, warum man eigentlich zusammen spielt und ob das noch mit den Zielen der anderen Mitspieler vereinbar ist. Denn wenn die Ziele der Einzelnen nicht übereinstimme, ist es nur eine Frage der Zeit bis die ganze Sache mit einem lauten Knall platzt. Dann lässt sich die eigene Unschuld eben nicht dadurch beweisen, dass man sich doch nur an die Regeln gehalten hat. Denn dann hat einer seine Ziele über die Grundlagen der Spielgruppe gesetzt. Das ist schlichtweg inakzeptabel. Regeln hin oder her.

Georgios Panagiotidis
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