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Spiele mit schwierigen Themen

Vor kurzem habe ich mich auf Twitter über das Thema Kolonialismus in Brettspielen unterhalten. Ein Thema, welches dem einen oder anderen etwas schwer im Magen liegt. Indirekt schien immer wieder die Frage im Raum zu stehen wie man Kolonialismus denn überhaupt richtig umsetzen könnte; oder warum eine Herangehensweise akzeptabel ist und eine andere nicht. Das eigentliche Problem schien mir aber eher zu sein, dass der Ansatz mit dem Thema und Mechanismen zusammengebracht wurden, vielen Leuten falsch erschien. Wenn man nur die Rosinen aus der europäischen Geschichte pickt, um eine idyllische Fantasievorstellung zu präsentieren in der man sich in exotischen Orten zum abenteuerlustigen Unternehmer aufschwingt, dann ist der Wagen schon im Dreck.

Aber im Rahmen dieser Unterhaltung wurden auch einige Spiele erwähnt, welche ihre Themen gut angingen. Anstatt also gegen die Spiele zu wettern, die mich ärgern, will ich hier über Spiele sprechen, die ihr Thema so angehen, dass sie es wert sind gespielt zu werden.

Eine der ersten positiven Erwähnungen war Les Poilus (The Grizzled). Ein kooperatives Kartenspiel in dem es um den ersten Weltkrieg geht. Eine Gruppe von Freunden (die Spieler) haben sich für den Fronteinsatz gemeldet, und müssen nun bis Kriegsende überleben. Fans des Spiels loben vor allem wie es unsere Aufmerksamkeit auf das Schicksal des einfachen Soldaten lenkt. Das gelingt ohne uns dabei die grausige Realität des Massentötens auf Entfernung vor Augen zu halten. Diese Zurückhaltung ist auch einer der Gründe, weshalb Les Poilus sein Thema so wirkungsvoll umsetzen kann. Das Spiel setzt auf das Vorwissen und Offenheit seiner Spieler. Heutzutage wird der erste Weltkrieg als Sinnbild für die Absurdität des Krieges und die sinnlose Verschwendung von Menschenleben verstanden. In der Populärkultur wird dieser historische Hintergrund immer wieder für Geschichten voller leidenschaftlichem Humanismus und Aufrufe zum Pazifismus genutzt. Unter Spielenerds ist die Comedyserie Blackadder Goes Forth das wohl bekannteste Beispiel. Diese und ähnliche Geschichten klingen in unserer Erinnerung nach, wodurch Les Poilus sein Thema subtil und indirekt umsetzen kann. Während des Spiels werden wir an Kameradschaft, Mut, Fatalismus oder Hoffnungslosigkeit erinnert, weil wir diese Dinge zu einem gewissen Grad auch mit dem ersten Weltkrieg in Verbindung bringen.

Das Design des Spiels ist unter anderem deshalb so effektiv, weil es wie ein besonders gelungener Horrorfilm funktioniert. Mit Hilfe von Andeutungen und unspezifischen Verweisen werden wir aufgefordert uns den Rest selbst vorzustellen. Je mehr wir über das Thema wissen, umso stärker packt es uns. Die Zeichnungen sind stimmungsvoll. Die Regeln schlicht und elegant und wecken ein Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit. Les Poilus kann ein komplexes Thema umsetzen, weil es uns nicht zu belehren versucht. Es vertraut darauf, dass wir genug wissen und verstehen, um uns an die zahllosen menschlichen Tragödien zu erinnern, auf die es sich bezieht.

Aber Spieler zu belehren muss in einem Spiel nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. In gewisser Weise hat Freedom – The Underground Railroad das Ziel seinen Spielern etwas beizubringen. Man spielt zu Zeiten der Anti-Sklaverei-Bewegung in den USA und versucht Sklaven sicher nach Kanada zu bringen. Dabei muss man sie von den Sklavenjägern fernhalten, die die Vereinigten Staaten nach ihnen absuchen. Dabei versucht das Spiel nicht das Leid einzelner Individuen in den Mittelpunkt zu stellen. Spieler blicken auf eine stark abstrahierte Darstellung der Ereignisse. So werden zum Beispiel farblose Holzwürfel eingesetzt, um einzelne oder Gruppen von Sklaven darzustellen, die in Richtung der nördlichen Grenze flüchten. Zu einem gewissen Grad erlaubt diese Abstraktion den Spielern genug Distanz, um sich mit dem Thema auseinandersetzen zu können. Jeder Versuch die zu rettenden Personen noch menschlicher zu machen, oder die Gefahren denen sie ausgesetzt waren noch präsenter zu formulieren, hätte das Spiel und die unvermeidlichen Rückschläge vermutlich unerträglich gemacht. Stattdessen versteht sich Freedom – The Underground Railroad als Lehrmittel für diesen Teil der US-Amerikanischen Geschichte. Es dient als Veranschaulichung historischer Ereignisse mit dem Ziel unser Interesse und unsere Neugier zu wecken. Unser Spiel bewegt sich in einer, im weitesten Sinn des Wortes, Nachstellung historischer Begebenheiten. Das Spiel dient als Rahmen, um historische Persönlichkeiten und bestimmte Ereignisse greifbarer zu machen. Durch das Spiel werden wir mit der Geschichte vertraut gemacht. Unser Spielerlebnis verleiht Namen, Orten und Ereignissen einen oberflächlichen emotionalen Kontext. Freedom – The Underground Railroad kann ein schwieriges und schmerzhaftes Thema wie Sklaverei angehen, weil es in dem Spiel nicht um Sklaverei geht. Es geht um Geschichte.

Eine andere Herangehensweise an schwierige Themen, kann auch in die Gegenrichtung gehen. Wenn man sämtliche historische Genauigkeit entfernt, und Einzelschicksale in den Vordergrund stellt, hätte man ein Spiel wie This War of Mine Das Brettspiel, basierend auf dem gleichnamigen Computerspiel. Darin begleitet man eine Handvoll Zivilisten, die versuchen in einer Stadt zu Kriegszeiten zu überleben. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Versuch Tag für Tag zu überstehen, bis der Krieg sein Ende findet. This War of Mine gelingt es dabei das Spielthema Krieg gekonnt zu entzaubern. Man erlebt weder die mitreißende Aufregung mit mächtigen Waffen zu schießen oder die Genugtuung durch strategisches Können den Ausgang eines großen Konflikts zu beeinflussen. Stattdessen werden wir gezwungen ein altbekanntes Thema aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Aber was an Spielereinfluß fehlt wird durch Charaktertiefe ausgeglichen. This War of Mine gibt den Figuren psychologische Bedürfnisse, welche den Spielverlauf maßgeblich formen. Ihre Persönlichkeiten sind nicht nur thematischer Schnörkel, der das zu Grunde liegende Matheproblem aufhübschen soll. Sie sind wichtiger Teil des Spielerlebnisses. Ihre Wesenszüge werden in Spielmechanismen umgewandelt. Dadurch werden die Figuren und die Situation in der sie sich befinden emotional greifbar. Gelegentlich mag sich die Darstellung von Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit plump und ungelenk anfühlen. Aber das Spiel hat sich mit Absicht einem bestimmten Ton verpflichtet. Es bietet Spielern aber auch die Möglichkeit emotionale Distanz einzunehmen, da man leidenden Charakteren nur zuschaut, statt sich mit ihnen identifizieren zu müssen. So kann sich das Spiel dem Vorwurf verwehren lediglich Nervenkitzel mit menschlichem Elend einkaufen zu wollen.

Zu guter Letzt möchte ich ein Spiel erwähnen, das ich immer einbringen will, wenn es um schwierige Brettspielthemen geht. Obwohl die Reaktionen nicht so uneingeschränkt positiv ausfielen wie bei den anderen hier erwähnten Spielen, halte ich Archipelago für einen sehr aufschlussreichen Umgang mit seinem Thema. Auf den ersten Blick scheint Archipelago nur ein weiterer gedankenloser Eintrag im „Am Kolonialismus war ja nicht alles schlecht“-Genre der Brettspielthemen zu sein. Allerdings würde ich hier antworten, dass Archipelago eher ein Spiel über Kapitalismus statt Kolonialismus ist. Dabei nimmt sich das Design der kolonialistischen Spielfantasie an und unterfüttert sie mit Mechanismen, welche die Abläufe von Ausbeutung, Marktmanipulation und Wettkampf einfangen. Es sind die gleichen Abläufe, die auch den tatsächlich praktizierten Kolonialismus geformt haben. Bei Archipelago ist die Unterscheidung zwischen Kolonialismus und Kapitalismus jedoch wichtig. Eurogames präsentieren uns vornehmlich kleine Wirtschaftssysteme. Als Spieler haben wir die Aufgabe diese Systeme zum eigenen Vorteil zu manipulieren. Jede Aktion, jede Ressource ist für uns nur von Bedeutung, weil sie sich auf die einzig relevante Währung im Spiel bezieht: Siegpunkte. Was wir tun oder sammeln hat nur innerhalb seiner Umrechnung auf SP einen Wert. Es ist egal was diese Dinge darstellen. Ob und wie unser Handeln auf andere wirkt, ist für uns nur dann von Interesse, wenn es unseren Spielrang verändert. Menschliches Miteinander wird auf Zahlenwerte und den eigenen Vorteil reduziert. Das mag die Dynamiken des Kapitalismus zwar wahrheitsgetreu abbilden, aber es eröffnet auch eine Lesart, die diese Abläufe neutral oder positiv sieht.

An dieser Stelle ist der kooperative Charakter von Archipelago (bzw. semi-kooperativ in einigen Fällen) wichtig. Er entzieht dem aus Eurogames vertrauten Wettkampf um Siegpunkte viel von seiner Notwendigkeit. Schließlich gewinnen ja alle, wenn auch nur eins der geheimen Ziele erreicht wurde. Es liegt darum in der Verantwortung der Spieler die persönlichen Befindlichkeiten und Ränkespielereien hinten an zu stellen, um gemeinsam ans Ziel zu gelangen. Als Kommentar auf die Fehleranfälligkeit kapitalistischer Gesellschaftsmodelle ist Archipelago grandios. Wenn es jedoch darum geht diese Erkenntnisse auf die Geschichte des Kolonialismus anzuwenden, wird die Sache schnell problematisch.

Schwierige Themen in einem Brettspiel anzugehen ist keine triviale Aufgabe. Das Vorwissen der Spieler muss bedacht werden. Die Einbindung des Themas muss ein ehrgeizigeres Ziel verfolgen als Unterhaltung und Zeitvertreib. Das Thema muss idealerweise spielerisch behandelt werden und nicht nur als Verkaufsargument eingesetzt. Selbst dann muss die aus dem Spiel heraus entstehende Interaktion dem Thema gerecht werden, statt es unbeabsichtigt zu konterkarieren.

Georgios Panagiotidis

Einst als Podcaster unterwegs, schreibe ich nun über mein liebstes Hobby: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.
Georgios Panagiotidis

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