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Das merkwürdige Verhalten gefundeter Kickstarter zur Backzeit

Wir haben schon viel lange nicht mehr über den Fall Kickstarter geredet, oder? Das wir immer noch darüber reden zeigt, dass das Thema nicht nur nicht durch ist, sondern das es hier auch noch Entwicklungen gibt. Ob diese gut oder schlecht sind, möchte ich nicht abschließend beurteilen, aber ich werde mir das mal im Detail genauer ansehen. Ich habe dazu mir drei Beispiele rausgesucht die mir erst ein Kopfschütteln, dann ein „Genial“ und schließlich ein unschlüssig abgerungen haben. Auf Facebook wäre es der Status „Es ist kompliziert“. Werfen wir mal einen Blick drauf.

Ich hatte im Dezember einen netten Plausch mit Arne und René über Goodies und kleine Erweiterungen. Wie so oft bei solchen Themen, fallen einem nach der Sendung noch etliche weitere Gründe und Beispiele ein, welche während der zwei Wochen Recherche davor schon hätten auffallen sollen, dies aber aus den dämlichsten Gründen nicht taten. Oft kann es einfach mit einem Schulterzucken hin genommen werden, aber in diesem Fall erscheint es mir doch etwas extra erwähnenswert.

Eines der Argumente für Goodies ist ja auf Kickstarter die Stretchgoals. Goodies haben durch Stretch-Goals einen Schub bekommen der kaum vorstellbar ist. Sollte genug Geld zusammenkommen, dann gibt es noch ein kleines Extra oben drauf. Es treibt einige Leute dazu die Werbetrommel mit zu rühren, um die ganzen Extras auch noch zu erhalten, welche unterm Strich das Polster für die Kampagne erhöhen, denn der erwartete hoffentliche Gewinn ist höher als die zusätzlichen Kosten. TMG hatte dies mal bei Dungeon Roll ausführlich vorgerechnet. Es gibt halt mehr fürs Geld, aber noch wichtiger es machen mehr Leute mit und das Basisspiel kann sich in größeren Stückzahlen verkaufen, was ja entscheidend für den Gewinn pro Spiel ist.

Fall 1: Die Goodies

Doch nun entdecke ich einen Trend, der in eine ganz andere Richtung geht: Die Leute starten schon Kickstarter für Goodies. Es ist die eine Sache für Goodies Geld zu nehmen, was ich völlig in Ordnung finde, und es ist auch ok nach Spenden zu fragen. Das es da auch extra Kickstarter gibt erscheint nur die logische Konsequenz. Die Frage ist ob sie auch Logisch ist? In diesem Fall ist es für Gear & Piston, welches gerade mal in Essen vor drei Monaten rauskam. Vielleicht sind noch zu viele Exemplare auf Lager und bei der Gelegenheit werden Basisspiele mit verkauft. Macht also doch Sinn.

Die ersten die im Nachhinein bewusst so etwas getan haben waren GameSalut, die das Keyflower Geisterschiff auf diese Weise den US-Spielern zur Verfügung gestellt haben. Natürlich gibt es dies auch bei BGG, so dass es eigentlich gar keinen Grund mehr gab, dies vorher zu backen. Aber bei Kickstarter schalten die Gehirne manchmal aus. Das ist Teil des Systems und auch mein Gehirn ist da noch nicht immer immun.

Fall 2: Pay as you want

Auch TMG, welche wirklich mit die meiste Erfahrung mit Crowdfunding von allen Brettspiel-Firmen haben, hat für Dungeon Roll ein Goodie auf Kickstarter gepackt. Es war die Weihnachtspromopackung und das ganze wurde noch in das „Zahl doch was du willst“-System gestellt. Auch dies fällt unter Ausnutzung der psychologischen Fallen des menschlichen Gehirns. Dabei kam so viel Geld zusammen, dass der Verlag das bestimmt nicht zum letzten mal gemacht hat. Die Idee ist, dass die Leute zahlen können so viel sie wollen.

Nun ist die Idee ja sowieso, dass die Leute von der eigentlichen Idee überzeugt sind und deswegen zahlen so viel sie wollen. Wobei zahlen ja verkehrt ist. Eigentlich das Projekt mit so viel Geld unterstützen wie sie wollen. Das es dafür verschiedene Belohnung gibt ist eigentlich nur aufgekommen um den Leuten einen weiteren Grund für das locker machen des Geldes zu geben. Eine Art Gegenleistung. Der Erfolg von Kickstarter führt aber dazu, dass die Leute es wie einen weiteren Shop betrachten. Nicht nur die Unterstützer sondern inzwischen auch viele Firmen. Für den Preis kann ich das Spiel bestellen. Daher zahle ich auch genau nur das und nicht mehr. Add-Ons sind wie weitere Warenkorbfüller, aber an sich kein Unterschied. Diesen Umstand hält mir auch gerne der Zollbeamte vor, wenn er es zwar nett findet, das ich Betrag x gespendet hätte, aber das ist ja nur ein „mindestens“.

Mit dem direkten lauten Aufruf ruhig mehr zu spenden, weil es ja der Firma, die alle lieben zu Gute geht, wird gerade in der Vorweihnachtszeit, wo das Projekt lief und die Menschen eher bereit sind was zu spenden, auch gut Geld gemacht. Im konkreten Fall ist etwa doppelt soviel Geld reingekommen wie er gehabt hätte, wenn jeder nur das Minimum bezahlt hätte. Obwohl das vermutlich nur mit Goodies in der Höhe funktioniert, wenn ich statt $2 oder $3 einfach $5 zahle. Einen Beitrag den ich von den Goodies auf BGG auch gewohnt bin.

Fall 3: Pre- Stretch Goals

Aber natürlich kann so manche psychologische Hürde auch dämlich sein. Wobei ich mir nicht sicher bin ob hier mit der Unwissenheit der Unterstützer gearbeitet wird, der Ersteller selber es nicht verstanden hat, oder ich die Genialität darin nicht erkenne. Es gibt Projekte, wo für die einzelnen Schritte bis zum Grundziel auch als Stretch Goals deklariert sind. Als ob das Projekt überhaupt käme. Da wird nach 10k gefragt und für je 1k wird schon mal ein Teil des Spiels freigeschaltet. Da haben die Leute was, worauf sie sich freuen können und das Spiel hat bei 100% schon 10 Stretch-Goals freigeschaltet. Es wirkt auf mich wie Volksverdummung. Aber wenn es funktioniert, wer bin ich es in Frage zu stellen.

Wie die Spiele entwickelt sich auch Kickstarter weiter. Mal sehen was davon noch mehr Nachahmer findet, was schon wieder überholt ist und was sonst noch neues geboten wird.

Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.
Matthias Nagy