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Vieles zum Preis von einem

Donald X Vaccarino hat der Welt die Deckbauspiele geschenkt und wird dafür zur Recht in der Spieleszene noch lange in Erinnerung bleiben.

Weniger beachtet wird, dass sein bisheriges Gesamtwerk das Potential hat, einem weiteren Trend zum Durchbruch zu verhelfen. Einem Trend, der die Brettspielwelt  viel subtiler zum positiven beeinflussen könnte, als das Bauen von Decks: Die Flexibilisierung großer Teile des Startaufbaus (und des Spieles selbst).

Flexible Startaufbauten gibt es natürlich schon sehr lange- wers genau nimmt könnte jedes Kartenspiel dazu zählen, da dort ja jeder immer mit einer anderen Kartenhand anfängt, aber das ist natürlich nicht das, was man unter “Flexibler Startaufstellung” versteht. Nämlich, dass man ein Brett hat, das topologisch jede Partie unterschiedlich ist. Da eine flexible Startaufstellung den Wiederspielreiz erhöht ist es eigentlich eher überraschend, dass es mehr Spiele ohne flexiblen Aufbau gibt, als mit. Und das Maß der Veränderungen ist auch stark unterschiedlich Bei Löwenherz sind grobe Platten verschiebbar, bei Siedler ist das ganze Spielfeld fast beliebig aufbaubar .

Vaccarino hat diese Aufstellung also nicht erfunden. Aber er hat sie auf einen neuen Level gebracht: Bei Dominion gibt es mehr Kartensätze als benötigt werden und so sind die Kombinationsmöglichkeiten fast unendlich (zählt man die Erweiterungen mit).  Bei Kingdom Builder ist nicht nur das Spielfeld sehr flexibel zusammenbaubar, sondern es gibt deutlich mehr Wertungskarten als benötigt werden. Auch das sorgt dafür, dass jedes Spiel  anders ist. Und bei Neferious sorgen zwei anfänglich gezogene Karten für jedes Mal neue Regeln. Das bemerkenswerte an der Geschichte ist dabei, dass es nicht einmal nötig gewesen wäre, diese Flexibilität anzubieten: Alle drei Spiele bieten durch das Kartenspiel eh immer neue Vorraussetzungen. Es wäre auch ohne das Extramaterial nicht zu eingeschliffenen Eröffnungen oder festgefahrenen Startegien gekommen. Die Flexibilität ampliziert das sowieso vorhandene Gefühl des “Jede Partie ist Einzigartig” noch. Das finde ich ziemlich beeindruckend. So beeindruckend, dass ich mir vornehme, in meinen Spielen darauf zu achten, ähnliche Elemente einzubauen (sofern möglich).

Die Schwierigkeit ist natürlich das Balancing. Je mehr Kombinationsmöglichkeiten es gibt, desto größere die Schwierigkeit dafür zu sorgen, dass alles irgendwo noch ausgeglichen ist. Und auch das Playtesting wird erschwert – wenn ein Aspekt schwächer hervortritt, liegt das dann an der gerade ausliegenden Kombination der flexiblen Bausteine (wie ich sie mal nennen will) oder ist das ein grundsätzlicher Fehler im Spiel? Lösen lässt sich das mit einer endlichen Anzahl von Testspielen nur, wenn man die Möglichkeit gibt, das “Grün zu lesen”, also ähnlich wie bei Puerto Rico mit den Extragebäuden seine Strategie auf die Teile auszurichten, die gerade im Spiel sind (weswegen die flexiblen Bausteine offen sein sollten).

Dennoch finde ich, dass sich diese Mühe lohnt. Es schafft Flexibilität und erhöht den Wiederspielreiz und damit den Wert des Spieles. Und selbst die Spieler, die jedes Spiel nur 2x spielen und den Effekt so gar nicht nutzen, werden den Wert dieser Elemente zu schätzen wissen. Behaupte ich jedenfalls mal so in den Raum hinein.

ciao

peer

Peer Sylvester
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4 Kommentare

  • Ein interessanter Beitrag. Bei den abstrakten Brettspielen gibt es änderbare Startaufbauten bereits etwas länger. Bobby Fischer stellte laut Wikipedia 1996 Chess960 vor, eine Schachvariante, bei der die Startaufstellung der Figuren verändert werden kann. Bei Dvonn (2002) wird im ersten Teil des Spiels das Spielfeld aufgebaut.

  • Die anderen beiden Spiele kenne ich nicht, aber ich denke bei Dominion ist das zusätzliche Spielmaterial schon nötig um wiederkehrenden Spielspaß zu gewährleisten. Man braucht sicher nicht fünf Erweiterungen, aber ich kann mir keine einzelne Auswahl von 10 Königreichkarten vorstellen, die für mehr als 10 Spiele Spielspaß gewährleisten.

  • Ja, variable Startaufstellungen sind schon lange bekannt. Aber wie viele abstrakte Spiele gibt es, bei denen nicht alle Figuren benutzt werden, sondern immer ein paar draußen bleiben? Wenig..

    Und ja, Dominion ist schon speziell (wobei es durchaus Deckbauspiele gibt, bei denen alle Karten immer im Spiel sind), vieleicht der erste und kleinste Schritt des Weges.

  • > Aber wie viele abstrakte Spiele gibt es,
    > bei denen nicht alle Figuren benutzt werden,
    > sondern immer ein paar draußen bleiben?

    Das wäre eine Idee für eine weitere Schachvariante. Zu Beginn des Spiels werden aus dem reichhaltigen Vorrat neu erfundener Schachfigurarten unterschiedlicher Schachvarianten acht Figurarten ausgewählt und auf den Grundreihen angeordnet. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4rchenschach

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