Interview mit Insight Games

Obwohl Frankreich mittlerweile wohl das drittgrößte Spieleland (nach Deutschland und den USA) ist, wurde hier noch ein französischer Verlag vorgestellt. Das soll sofort nachgeholt werden! Insight Games war auf der letzten Spiel mit ihrem ersten Spiel vertreten: Corunea. Es wird im Anschluss an das Interview genauer vorgestellt.

F: Bitte stelle Dich und Deinen Verlag unseren Lesern vor!

A: Ich bin Renaud Charpentier, der Kopf und vor allem auch der Spielehausautor von Insight Games. 2006 gründeten meine beiden Mitarbeiter und ich Insight Games um Corunea und andere Projekte zu verwirklichen. Von Beginn an war es unsere Intention Spiele für Spieler und nicht für die breite Masse zu entwickeln. Wir glauben dass es einen Platz für originelle und kreative Spiele im Vielspielerbereich gibt und das hervorragende Feedback zu Corunea gibt uns Recht. Wir sind eine kleine, private Firma und genießen dadurch eine große kreative Freiheit und können es riskieren sehr „reichhaltige“ Spiele zu entwickeln und zu produzieren. Wir sehen, dass der Markt beherrscht wird von Spielen für die breite Masse, die man lernt und nach zwei Stunden wieder vergessen hat… und bieten tiefer gehende Erfahrungen an.

F: Erzähle doch etwas über euer Spiel Corunea!

A: Corunea ist ein Duell- und Abenteuerkartenspiel. Man baut einen Charakter mit 50 Karten auf und benutzt ihn für 20-minütige Duelle oder längere Abenteuer. Es kann mit 2, 3 oder 4 Spielern gespielt werden und das System benutzt Würfel, die, ähnlich einem Rollenspielsystem, das Ergebnis einer Aktion (Bewegung, Angriff, ein Zauberspruch…) ermitteln. Abenteuer bestehen aus speziellen Karten, die verdeckt auf dem Tisch liegen und Gegner, Orte, Ereignisse, Gegenstände etc. bestimmen, die das entsprechende Abenteuer bilden.

Corunea spielt in dem Fantasy-Land Corunea, ein Jahrhundert nach dem Niedergang des letzten großen Imperiums. Vier Kräfte kämpfen im zwei gegen zwei um die Kontrolle des Landes. Die Elementarwesen bekämpfen das Chaos und die Naturkräfte versuchen die schattenhaften Fallen zu besiegen. Wenn man so will kämpfte einmal Ordnung gegen Chaos und einmal das Leben gegen den Tod. Es gibt also keine Götter, keine „Guten“ oder „Bösen“ in Corunea, nur eine Reihe von Mächten mit unterschiedlicher Weltanschauung, die für entgegengesetzte Ziele kämpfen.

Was die verlegerischer Sicht betrifft: Corunea besteht aus Starter/Adventure/Booster Packungen. Es hat also die äußere Erscheinung eines Sammelkartenspieles, aber es ist kein Sammelspiel: Es gibt keine Rares, es kann nur 1 Karte jeder Sorte verwendet werden und alle Erweiterungen enthalten dieselben Karten. Es ist also sehr leicht alle Karten zusammen zu bekommen und dann muss man lediglich alle 4-5 Monate die Erweiterungen kaufen. Wir haben den Sammelaspekt aus dem Kartenformat entfernt und durch eine gehörige Dosis Rollenspiel ersetzt.


Nebenbei bemerkt: Corunea hat zur Zeit keinen deutschen Vertrieb, es ist also nur über unseren Online-Shop erhältlich oder vielleicht über den einen oder anderen Internethändler.


F: Was habt ihr für die Zukunft geplant?

A: Corunea ist noch sehr jung (6 Monate) für ein Kartenspiel, aber wir haben schon für die Zukunft geplant. Die erste Erweiterung, The Extra Pack 1: Brute Force, wird Anfang 2009 veröffentlicht, gefolgt von einer weiteren Erweiterung im kommenden Frühjahr. Unser momentanes Ziel ist es das Spiel durch diese Extra-Packs weiterzuentwickeln und zudem den Vertrieb auf weitere Länder in Europa und Nordamerika auszuweiten. Wir machen vielleicht auch etwas für die asiatischen Spieler, denn wir haben (überraschenderweise) Fans dort. Corunea verwendet einfache englische Schlüsselwörter auf den Karten, es gibt keine regeltechnischen Sonderfälle und es gibt auch sonst keine Texte auf denen Karten oder sonstiges, was größere Englischkenntnisse voraussetzen würde. Daher wird es in der ganzen Welt gespielt, dank einer Verbreitung durchs Internet in einer Geschwindigkeit, die uns überrascht hat. Außer Erweiterungen für das Spiel selbst haben wir Pläne für andere Corunea-Artikel wie einen Atlas, ein Buch mit den Corunea-Graphiken, und vielleicht ein klassisches Rollenspiel… aber nichts davon ist bislang beschlossene Sache.

F: Akzeptiert ihr auch Arbeiten von außen stehenden Graphikern oder Spieleautoren?

A: Die doch sehr spezielle Corunea Graphik wird bei uns intern erstellt, dafür stellen wir eigens Graphiker an. Wenn Du ein Graphiker und besonders wenn Du ein Graphiker mit Erfahrungen im Sammelkartenbereich bist und in Nantes, Frankreich wohnst, kannst Du Dich gerne bei uns vorstellen. Aber wenn Du von außerhalb kommst, kommt eine Zusammenarbeit nicht in Frage.

Was den Spiele-erfinden-Teil betrifft: Wir haben Spieletester und viele Spieler schlagen in unseren Foren neue Kartenideen vor und diskutieren diese, aber davon ab nehmen wir keine Spielideen an. Der Punkt ist, dass die Entwicklungsarbeit sehr intensiv ist und wir uns am liebsten direkt austauschen.

Wir nehmen Spieldesign sehr ernst und das ist eine sehr delikate Aufgabe, die einen besonderen Teamgeist bedarf. Vielleicht sind wir auch einfach zu altmodisch und wissen nur nicht wie man das über große Distanzen aufbauen kann…

F: Das Regelheft von Corunea ist eher zum nachschlagen geeignet, daher empfehlt ihr explizit Corunea mit Hilfe eurer Online-Tutorials zu lernen. Wieso habt ihr diesen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen?

A: Wir brauchte ein umfangreiches Nachschlagewerk als Regelheft, um all die möglichen Frage zu beantworten, die sich während einer Partie ergeben könnte. Andererseits wollten wir auch einen schrittweisen Weg bieten, der einen hilft in das Spiel zu finden, wenn es niemanden gibt, der einen das Spiel erklärt. Für beides war keinen Platz im Regelbuch, also haben wir uns dafür entschieden, das Regelbuch als tragbares Nachschlagewerk z betrachten und einen Online-Einstiegskurs zu bieten. Wer das Spiel bereits kennt, braucht die Tutorials nicht mehr, aber er muss vielleicht mal was nachschlagen, also schien uns dieser Weg sinnvoll zu sein.

Die meisten Spieler scheinen mit dieser Lösung glücklich zu sein. Einige haben uns berichtet, dass sie Schwierigkeiten hatten, nur mit dem Regelbuch ins Spiel zu finden, aber geschafft haben sie es dennoch. In unseren Foren können gerne Regelfragen gestellt werden, eine Antwort wird man immer bekommen.

F: Vielen Dank für das Interview!


Corunea wird vom Verlag als Mischung aus Rollen- und Sammelkartenspiel angepriesen. Diese Beschreibung ist gar nicht mal so schlecht, weckt aber falsche Erwartungen: Tatsächlich ist es in erster Linie ein Kampfspiel: Jeder Spieler spielt einen Charakter und die einzelnen Charaktere duellieren sich. Und das Kampfsystem erinnert tatsächlich an das eines Rollenspieles. Charakterentwicklung oder Roleplaying sucht man aber vergebens. Es ist eben in erster Linie (und zweiter und dritter…) ein Kampfspiel.

Aus der Gruppe der ähnlich konzipierten Sammelkartenspiele fällt es zum einen wegen der wirklich sehr ungewöhnlichen Graphik heraus, die an Computerspiele erinnert (Alle Karten sind ungewöhnlich, aber die Qualität rangiert von „wunderschön“ bis hin zu „furchtbar“). Der andere Unterschied ist die Komplexität des Kampfes. Die Charaktere haben alle unterschiedliche Eigenschaften (wie bei einem Rollenspiel) und in Verbindung mit Spezialfähigkeiten und Waffen eine Menge Möglichkeiten der Handlung: Nahkampf, Fernkampf, Bewegung, diverse Zauber… Hinzu kommen Feinheiten wie kritische Treffer, Wettereinfluss etc. Irgendwie fühlte ich mich an das gute alte Rolemaster erinnert, dass ähnlich vielschichtige Kämpfe erlaubte. Originell ist die Faharn-Regel: Diese Punkte kann man u.a. verwenden um einen Wurf zu wiederholen. Mit denen wird aber am Anfang auch gesteigert: Und zwar um die Initiative, um das Recht das Wetter zu bestimmen und noch so allerlei mehr.

Man merkt: Es steckt viel drin, im Spiel. Das kommt aber zum Preis eines sehr komplexen, umfangreichen und nicht sehr einsteigerfreundlichen Regelwerkes. Wer überhaupt eine Chance haben will, sich auf das Spiel einzulassen sollte die Online-Tutorials wählen. Das Einstiegstutorial ist auch sehr gelungen, der Sprung vom ersten zum zweiten ist aber doch sehr hoch. Wem klar ist, dass er letztlich „nur“ kämpft und wer bereit ist sich ein Spiel zu erarbeiten, findet in Corunea ein sehr gelungenes Werk, in dem Fantasyfreunde sehr komplexe und spannende Arenakämpfe durchführen können. Ein Hauch von Rollenspiel schwingt dabei irgendwo sogar mit… Zumindest wenn man komplexe Rollenspielkämpfe gewohnt ist…

Mit dem Adventure-Pack konnte ich mich noch nicht so richtig befassen. Anscheinend kann man sich entscheiden zu welchem Ort man fährt und zieht dort eine Karte. Je nach Karte passiert etwas, man bekommt einen Gegenstand oder man muss kämpfen. Wie das alles genau funktioniert, konnte ich auf die Schnelle dem Regelheft jedoch nicht entlocken. In erster Linie scheint es aber auf mehr Kämpfe hinauszulaufen.

Ciao

peer

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

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