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Reptile Tank

Autor: Michal Peichl

Verlag: Albi

Für 1-6 Personen ab 8 Jahren

Spieldauer: 20-40 Minuten (eher die Hälfte)

Spielentwicklung ist Produktentwicklung“ lautet ein neuer Mode-Spruch. Ein Satz der in etwa so hilfreich ist wie „Alle Stichspiele sind Auktionsspiele“ oder „Chemie ist die Physik der Elektronenhülle“ – Nicht falsch, nur gibt es ja genau deswegen verschiedene Bezeichnungen, damit genauer beschrieben werden kann, was gemeint ist.

Reptile Tank ist ein kleines Kartenzapf-Legespiele mit einfachen Regeln. Im Legespielteil folgt er designtechnisch Habitats und deren Nachfolgern Nova Luna&Co: Jede Karte stellt also einen kleinen Auftrag dar, der mit anderen Karten erfüllt werden muss, die ihrerseits natürlich ebenso kleine Aufträge darstellen. Man versucht also Karten so zu erwerben (und anschließend zu legen), dass sich möglichst viele Aufträge gegenseitig erfüllen und möglichst wenig Karten entstehen die nur eines oder gar keines der beiden Rollen erfüllen. In dieser kleinen Sub-Subkultur des Kartenlegens hat Reptile Tank seine eigene kleine ökonomische Nische: Die Aufträge sind vergleichsweise leicht zu erfüllen, das Zapfen ist intuitiv, die Legeregeln quasi nicht vorhanden (nur die Größe des Terrariums ist genau vorgegeben), die Spieldauer überraschend kurz. Als Spielentwicklung wurde Reptile Tank auf diese Nische konsequent hinentwickelt. Klar, könnte man sich gut vorstellen, dass das Prinzip mit mehr Krams drumrum (Spielhandlungen für das Füttern der Viecher, das Einstellen der Temperatur etc) erweiterbar gewesen wäre und ein tieferes, vielleicht sogar thematischeres Spiel ermöglicht hätte, aber dann hätte es nicht mehr in die Nische gepasst und sich mit Spielen wie Kavango messen lassen müssen. Die Designentscheidung ist also als gut zu akzeptieren.

Als Produkt wurde der Autor, dessen Witchdom durch gute Graphik auf ein höheres Level gehoben wurde, aber vom Verlag diesmal etwas allein gelassen. Gerade bei der Nische, die Reptile Tank ausfüllen möchte, wären Übersichtsblätter, welche die diversen Tiere nicht nur relativ sinnbefreit zeigen, sondern ihre Wertungen auch erklären wichtig gewesen. Namen machen auch immer etwas her, vor allem, wenn diese im Regelheft verwendet werden, aber nicht auf den Karten stehen. Man braucht nun kein Reptilienbestimmungsbuch zum Spielen, aber ein netter Service wäre es dennoch gewesen. Doch vor allem fehlt der Graphik von Reptile Tank etwas der Verve.

Dieses Jahr machte ich mir den Spaß den Satz „Irgendwie ist es ein besonders befriedigendes Gefühl, schöne Bilder von Tieren auszulegen.“ in drei Rezensionen zu verwenden. Gute Graphik von Tieren ist nun einmal eine nicht unwesentliche Quelle von Motivation und Spielfreude. Die Graphik von Reptile Tank ist nicht schlecht, aber sie fällt gegenüber den drei eben erwähnten anderen Tierauslegspielen (Atoll, Kavango, Noah Planet) recht deutlich ab. Das liegt nicht unbedingt an der Qualität der Zeichnungen an sich, sondern eher daran, dass sie sehr wenig dynamisch herkommen. Sicher: Reptilien sind keine Partymäuse. Das Betrachten eines Terrariums gleicht oft eher einem Suchspiel: „Wo ist die Schlange? Ah, da unter dem Blumentopf“. Dennoch sehen die Bilder allesamt aus, als wäre das entsprechende Tier (oder die Pflanze) eben erst auf den beigebraunem Boden des

Ein halbvolles Terrarium. Manchmal denke ich, an dem Vorwurf “Eurogames sind immer so beige” ist doch etwas dran.

Terrariums ausgekippt worden. Schlangen oder Echsen, die ab und an mal eine andere Pose haben, vielleicht etwas fressen, vielleicht auf einem Stein liegen oder sich unter einem Blumentopf verstecken hätte auch geholfen, die Tiere besser unterscheiden zu können (gerade die diversen Schildkrötenarten wurden gerne verwechselt). Ich hatte mich gefreut, mal zur Abwechslung Terrarien zu bauen (Die Wasserwelt hat mit Spielen über Aquarien, Seen, Teichen oder gleich dem ganzen Meer schon viel spielerisches zu bieten), aber Terrariumsfeeling vermag Reptile Tank mit der 70er-Jahre-Schulbuchverlag-Graphik nicht zu versprühen. Dadurch bleibt Reptile Tank auf der Ebene „kurzweiliges Kartenzapfen“.

 

 

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Peer Sylvester
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