spielbar.com

Rallyman

Verlag: Rallyman
Autor: Jean-Christophe Bouvier
Spieleranzahl: 1-4
Alter: ab 9 Jahre
Spieldauer: 60 Minuten

Ich hab nun recht viele Spiele und wenig Platz. Ich versuche diesem Problem beizukommen, in dem ich von bestimmten Genres nichts mehr kaufe. Ich kaufe kein Wettspiel mehr, denn da habe ich mit Jockey, Horse Fever, Greyhounds, Favoriten und Members Only mehr als genug gute Vertreter. Und ich kaufe mir kein Autorennen, denn Formula Dé zählt zu meinen absoluten Lieblingsspielen und auch wenn es mittlerweile andere und bessere Spiele geben mag, interessieren sie mich nicht – Warum mich damit belasten? Ich hab doch was ich will! 10 Jahre lang habe ich mir kein anderes Autorennen mehr angesehen.

Bis Jetzt.

Warum jetzt? Warum ausgerechnet Rallyman? Zwei Gründe: Erstens ist es kein normales Autorennen sondern simuliert eben Rallyfahren, was doch ein bisschen was anderes ist (schon allein deshalb, weil es um Zeiten geht, die Autos also nacheinander fahren). Zum anderen hat mich das Spielsystem einfach angesprochen – es funktioniert komplett anders als alle Rennspiele, die ich sonst so kenne (was ob meiner Formula-De-Treue nichts heißen will…);
In anderen Rennspielen bestimmt der Würfel (oder Karten oder ein anderer Zufallsmechanismus) die Reichweite in einem Zug. Bei Rallyman setze ich für jeden Würfel den ich einsetze ein Feld vor. Beim Würfeln interessiert eigentlich nur eins: Würfel ich ein Ausrufezeichen oder nicht? Wobei eines noch unproblematisch ist: Erst beim dritten verliere ich die Kontrolle über meinen Wagen, was meinen Zug beendet. Das alleine wäre nun nicht sonderlich interessant, aber jetzt kommt das geniale: Ich habe für jeden Gang einen eigenen Würfel plus zwei „Gaswürfel“. Jeden darf ich pro Zug nur 1x werfen – das entspräche (wenn ich die Kontrolle nicht verliere) 7 Aktionen. Aber: Zum einen muss ich natürlich vernünftig schalten, will sagen: Ich kann vom dritten Gang nur in den vierten oder zweiten schalten. Zum anderen entscheidet der letzte Würfel, den ich benutzt habe, über die Zeit die ich für den Abschnitt verbraucht habe – Je höher der Gang desto besser die Zeit. Also sind schon einmal zwei Sachen zu optimieren: Zum einen möchte ich möglichst viele Felder in meinem Zug zurücklegen zum anderen will ich möglichst mit einem hohen Würfel meinen Zug beenden. Auf grader Strecke ist das kein Problem: Einfach hochschalten (=5 Felder) und dann zweimal den Gaswürfel nehmen (erlaubt im Gang zu bleiben). Das wären 7 Felder und man endet im 5. Gang – optimal!
Nur leider ist das Rallyleben keine Fahrt auf der Autobahn: Es gibt viele enge Kurven und in Kurven ist der maximale Gang festgelegt, in dem man sie durchqueren kann. Mehr noch: Die Innenkurve besteht nur aus einem Feld, die Außenkurve aus deren dreien, erlaubt aber einen hohen Gang. Dadurch wird das Geschehen extrem taktisch: Ich will mit einem möglichst niedrigen Gang durch die Kurve, danach aber hochschalten, um die bessere Zeit zu bekommen. Ich darf aber keinen Würfel doppelt benutzen, aber Runter- und Wiederhochschalten im selben Zug ist nur sehr eingeschränkt möglich. Also: Wo möchte ich meinen Zug vor der Kurve beenden? Die Wahl ob man lieber ein Feld mehr fährt oder lieber in einem höheren Gang endet ist plötzlich nicht mehr so trivial!

Ich kenne kein Rennspiel, dass zum einen so realistisch und zum anderen so wenig Glücksabhängig ist! Es gibt Glück – Keine Frage! Wer ständig Ausrufezeichen würfelt, sieht hier kein Land. Aber insgesamt sind solche Extremergebnisse selten. Meistens würfelt man in seinem Zug 4-6 mal und da 3 Ausrufezeichen zu bekommen (die je nach Gang nur 1 oder 2x auf den Sechsseiter stehen) ist schon eine Ausnahme. Aber Risikomanagement ist auch dabei: Habe ich zwei „!“ gewürfelt, muss man einschätzen können, ob das Risiko lohnt noch einmal zu würfeln. Die Frage „Brauch ich das Feld wirklich?“ kann sehr knifflig sein. Dasselbe gilt für den zweiten Glücksfaktor im Spiel: Es ist möglich Kurven zu schneiden (was einen höheren Gang als die Innenkurve erlaubt) aber das besteht eine Eindrittelchance auf eine Zeit kostende Reifenpanne. Es ist nur ein Drittel, aber dennoch sollte man sich gut überlegen, ob es das Risiko wert ist. Drittens gibt es die Möglichkeit alle Würfel gleichzeitig statt nacheinander zu werfen, was natürlich risikoreicher ist (denn ich kann ja nicht nach 2 Ausrufezeichen aufhören), aber mit einer Sekundengutschrift belohnt wird. Die eine Sekunde ist das Risiko eigentlich nicht wert, aber ich kann sie später im Rennen wieder ausgeben (also quasi vorsichtiger fahren), um einen benutzten Würfel nicht würfeln zu müssen, was Gold wert sein kann.

Ich hoffe ich hab den Kern des Spieles vermitteln können, denn der ist klasse. Ich habe noch viele Details weggelassen, die den Simulationsgehalt des Spieles noch erhöhen wie Schnee, flexible Kurse, Unfälle, Hubbel auf der Fahrbahn usw. Der Punkt ist der: Sowohl als Simulation als auch als Spiel ist Rallyman wirklich gelungen.

Allerdings haben gerade die beiden Stärken des Spieles (der Würfelmechanismus und die gelungene Simulation) ihre Schattenseiten: Einmal sind Rallys in der Realität nicht sehr interaktiv und das ist hier ebenso der Fall. Überholmanöver sind selten und passieren eigentlich nur, wenn jemand sich völlig verfahren oder eine Reifenpanne hat. Es geht halt nur um Zeit – am Ende werden lediglich die erhaltenen Zeitkarten addiert – und die Autos starten nacheinander und nicht gleichzeitig. Daher – und das ist der zweite Kritikpunkt – kann man seinen Zug ziemlich durchplanen. Ein Würfelwurf kann natürlich viel durcheinander werfen, aber anders als bei Formula De, kennt man ja die (vermutlich) zu erzielende Weite und kann daher viel mehr Züge vorausplanen. Und sollte das auch tun. Das Resultat sind recht verkopfte Rennen. Nein, mit mehr als vier Spielern würde ich Rallyman (obgleich theoretisch mit Zusatzmaterial möglich) gar nicht spielen wollen. Selbst vier Spieler sind schon fast zu viel, wenn die Spieler einigermaßen ehrgeizig sind, jedenfalls. Zu zweit oder zu dritt halten sich die Wartezeiten aber in Grenzen, zumal man ja selbst auch planen kann. Und damit füllt Rallyman sogar eine weitere Lücke: Es ist tatsächlich ein Autorennen, das auch zu zweit großen Spaß macht!

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

Letzte Artikel von Peer Sylvester (Alle anzeigen)

1 Kommentar