Ice Flow

Verlag: Ludorum Games
Autoren: Dean Conrads, John Streets
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 11 Jahre
Spieldauer: 30-75 Minuten

35 Grad im Schatten stellen vielleicht nicht die besten Bedingungen für eine Partie Ice Flow dar, geht es doch darum, mit 3 Forschern die Beringstrasse zu Fuß zu überqueren. Und da die Beringstrasse nun einmal keine Autobahn ist, geht das nur im Winter von Eisscholle zu Eisscholle springend. Bei tiefsommerlichen Temperaturen kommt allerdings nicht unbedingt die richtige Arktisathmosphäre auf.
Aber wie dem auch sei, wir haben schon ganz andere Hürden gemeistert. Und was zählt, sind sowieso die spielerischen Qualitäten!

Der Weg zur sibirischen Hölle ist in diesem Fall mit Eisschollen gepflastert, die in den Gewässern der Beringstrasse herumdümpeln. Wer nun an der Reihe ist, bewegt erst einmal eine der bereits vorhandenen Eisschollen oder setzt eine neue ein (letzteres will man meistens eher vermeiden, weil man nur selten unmittelbar davon profitiert). Anschließend darf ein Forscher bewegt werden, und zwar hübsch von Scholle zu Scholle soweit die Füße tragen. Verkompliziert wird die Sache dadurch, dass es einerseits ein Limit von zwei Forschern pro Scholle gibt und anderseits auch Fische und Seile eingesetzt werden wollen. Letztere liegen aus unerfindlichen Gründen auf den Eisschollen herum und warten darauf, dass sie von unbedarften Forschern eingesammelt werden. Mit einem Seil kann Packeis überquert werden – denn die Kanten der Eisschollen sind nicht alle gleich passierbar. Einige sind gezackt und wer hier rüber will, benötigt eben ein Seil. Wer keines hat muss Umwege in Kauf nehmen. Der zweite Gegenstand, der Fisch, ist noch wichtiger. Mit ihm kann ein Wasserfeld durchschwommen werden, was man gerne nutzt, um lange Wege abzukürzen. Außerdem lauern auf einigen Schollen Eisbären, die weiteres Fortkommen blockieren. Mit einem Fisch kann so ein Bär ignoriert oder gar auf die Konkurrenz gehetzt werden. Und da die Fische so wichtig sind, kann man auch auf eine Bewegung verzichten und ein Seil in zwei Fische umtauschen, was im Spieljargon als „Angeln“ bezeichnet ist.

Mit diesem Absatz wäre das Spiel schon ziemlich erschöpfend erklärt, regeltechnisch ist das Spiel also nicht allzu kompliziert. Und spielerisch ist eigentlich auch alles klar. Eisschollen in Position bringen und Laufen was das Zeug hält. Schöne, klare Linien, da weiß man was man machen muss. Materialtechnisch ist auch alles im grünen Bereich, nur die Schollen selbst sind etwas klein geraten, was auf Kosten der Übersicht geht.
Schöne heile Arktiswelt?

Leider nicht ganz. Von der Veranlagung her will das Spiel schnell gespielt werden, doch der zweigeteilte Zug (Eisschollen und eigene Figur wollen bewegt werden) laden zum Grübeln ein. Und dadurch wird eine Partie in Vollbesetzung auch ohne Grübler am Tisch schnell zu lang. 30 Minuten Spieldauer wären perfekt für das Spiel, dann hätte es den idealen Spannungsbogen und die Leichtigkeit des Spielablaufs käme voll zu tragen. Doch diese Marke wird nur zu zweit erreicht. Doch zu zweit kommen wesentliche Elemente wie die Eisbären und das Schollenlimit kaum zu tragen. Zu viert dagegen müsste das Spiel eigentlich durch die räumliche Enge erst so richtig Pfeffer bekommen. Doch stattdessen gewinnt es in erster Linie Spieldauer und das tut dem Spiel nicht gut. Nach 40 Minuten stellt sich das Gefühl ein, das Spiel sollte nun so langsam zu Ende gehen. Nach 60 Minuten fängt es an sehr ziehig zu werden. Und wenn´s nach 70 Minuten immer noch nicht zu Ende ist, macht sich Frust breit. Das Problem ist, dass es gegen Spielende immer schwieriger wird, sinnvoll zu ziehen: Viele Plätze in den vorderen Reihen sind besetzt und die Spieler blockieren sich gegenseitig. Den Spielern sind die Gegenstände ausgegangen und das macht das Ziehen zu einer sehr langsamen Angelegenheit, denn auch der Weg zu neuen Gegenständen will erst einmal zurück gelegt werden. Resultat: Viele Wartezüge wenig konstruktives, am Ende bricht dann irgendwo irgendeiner durch und alle atmen auf.

Ice Flow kommt aus England (hat aber eine deutsche Regel und sprachunabhängiges Material) und in England würde man von einem „odd bastard“ sprechen: Zu viert kommen die Spielelemente am besten zu tragen, aber die Spieldauer stimmt nicht. Zu zweit stimmt die Spieldauer, aber man hat das Gefühl, die Stärken des Spieles kämen nicht richtig zum Vorschein.
Unterm Strich gefällt mir Ice Flow trotz der genannten Schwächen immer noch gut (vor allem zu zweit). Schließlich mag ich Spiele, bei denen man die Konkurrenz durch überraschende Züge überraschen kann. Doch in den meisten Runden winkt man mittlerweile ab, wenn ich Ice Flow hervorbringen will. Wer also eine Anschaffung plant sollte folgendes beherzigen:
1.) Maximal zu dritt!
2.) Nicht mit Grüblern spielen!
Dann klappts auch mit der Arktis!

Schreibe einen Kommentar