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Getäuscht: Mord in Hongkong (aka Deception)

Verlag: Jolly Thinkers / Heidelbär Games
Autor: Tobey Ho
Spieleranzahl: 4 -12 (eher 5-12)
Alter: ab 14 Jahre
Spieldauer: Etwa 20 Minuten (abhängig von der Diskussionsfreude der Beteiligten auch mal 10 Minuten kürzer oder länger)

Bevor ich über Getäuscht spreche, muss ich über Werwolf/Mafia sprechen. Die Schwierigkeiten mit dem Spiel, hat Georgios bereits hier beschrieben. So wie Seinfeld eine „Show about Nothing“, eine Show um nichts,  ist, ist Werwolf eine Diskussion um nichts. Wen man als Werwolf nominieren möchte, ergibt sich in erster Linie aus dem Metaspiel: Geräusche, die man vermeidlich gehört hat. Jemand der mehr oder weniger oder auffällig gleich viel redet als/wie sonst. Oder weil die Person immer Werwolf ist. Oder aus Tradition als erstes angeklagt wird. Oder… Das kann unterhalten, wenn man gerne Diskussionen ohne jegliche Grundlage führt. Zwar leben Werwolf-Partien eher von Spannung und Überraschung und dem Vertrauensbruch, wenn XY DOCH gelogen hat, aber nicht umsonst wird diesem Problem mit zahlreichen Erweiterungen und Varianten zu Leibe gerückt Vor allem mit zusätzlichen Personen, die ein bisschen mehr Informationen haben als die eine oder andere Seite und/oder der informierten Minderheit Informationen wegnimmt. Dabei müssen die Varianten auf dem schmalen Grad wandern, etwas mehr Substanz zu liefern, aber die Diskussion dabei nicht zu kompliziert werden zu lassen. Wenn erst 17 Rollen durchexerziert werden müssen, bleibt wenig Substanz zurück, aber dem Spiel fehlt die Zugänglichkeit.

Getäuscht beginnt mit einer sehr ähnlichen Ausgangslage: Eine Person ist der Mörder (bei größeren Mitspielerzahlen kommt noch die Komplizin dazu). In einer relativ freien Diskussion muss der Mörder gefunden werden. Doch anders als Werwolf gibt Getäuscht… den handelnden Personen tatsächlich etwas zum Diskutieren an die Hand:

Alle haben acht Karten vor sich liegen: Vier Waffen und vier Indizien. Die Mörderin bestimmt aus ihrer Auslage jeweils eine davon, die sind nur dem Gerichtsmediziner/Spielleiterin bekannt. Diese Kombi gilt es zu erraten! Also muss nicht eine Person gefunden werden, sondern streng genommen, eine Kartekombi, wobei der Mörder gewinnt, wenn dies niemanden gelingt (Alle haben nur einen Rateversuch).

Als Grundlage für die Diskussion dienen nun Hinweise der Gerichtsmedizinerin. Diese kommuniziert aber nur durch ihre ausgedachten Ergebnisse: Ist die Todesursache „Ersticken“, so kann die Kettensäge als Mordwaffe wohl nicht in Frage kommen. Aber ist der Tatzeitpunkt relevant? Ist der Tatort „Abstellkammer“ jetzt ein Hinweis, dass der Baseballschläger wohl nicht zum Einsatz kam (weil zu wenig Platz) oder auf die Bohrmaschine als Tatwaffe? Oder ist es ein Hinweis auf das Indiz, dass oft nur sehr indirekt kommuniziert werden kann. Ist der Brief ein Zeichen von Eifersucht? Der Rotwein? Oder doch der Ring? Dessen Besitzer hat aber nur Waffen, die nicht zur Todesursache passen… oder doch?

Durch die Vagheit der Hinweise und die Karten gibt es nun fast automatisch eine Diskussion – etwas was bei Werwolf nicht garantiert ist. Da auch die Hinweise dynamisch ohne feste Struktur kommen, ergibt sich eine Dynamik mit Anschuldigungen und Zurechtweisungen, wie man sie aus Werwolf kennt, aber eben mit sinnvolleren Argumenten. Auch wer diese Art von Spielen nicht kennt, findet sich aufgrund der Natürlichkeit, der Griffigkeit des Themas, schnell zurecht – etwas was man nicht von allen Werwolf-Varianten behaupten kann. Spätestens bei der zweiten Partie, die in der Regel der ersten folgt, sieht man auch warum es sinnvoll ist, dass alle ihre Karten erst einmal vorstellen, bevor die  Mörderin ihre Auswahl trifft: Bei einer Zufallswahl wird  es eventuell zu einfach, wenn etwa die Todesursache das Gift als einzige Möglichkeit lässt. Die Diskussion, das Entwerfen der Theorien stellen ja den Kern von Getäuscht dar und der sollte nicht durch eine zu leichte Aufgabenstellung beschnitten werden!

Letztlich muss ich auch betonen, dass niemand bei Getäuscht ausscheidet. Die Schadensfreude, die bei Werwolf manchmal im Vordergrund steht, bleibt aber nicht unersetzt: Alle haben genau einen Versuch, den Mord aufzuklären. Wer den verschießt, darf weiter mitdiskutieren, und die anderen versuchen zu überzeugen, warum man eigentlich Recht hatte. Das hat Charme und ist lustig.

Bevor ich Getäuscht ausprobieren konnte, war meine größte Sorge, dass ich neben Mysterium oder Paranormal Detectives nicht noch ein ähnliches Spiel bräuchte. Diese Sorge war unbegründet. Von der Mitspielerinnenanzahl abgesehen, liegt hier ein anderes Genre vor. Zwar gibt es auch hier vage Hinweise, die interpretiert werden wollen, aber das geschieht eben nicht so konstruktiv wie etwa bei Mysterium oder so innerlich wie bei Paranormal Detecives, sondern – wie bei Werwolf! – in einer Diskussion, die auch von Paranoia geprägt ist.

Mit anderen Worten: Getäuscht ist eine Show about Something.

 

(In eigener Sache: Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich jetzt immer abwechselnd die männliche und weibliche Form verwendet, wenn es sich nicht vermeiden ließ, eine genderneutrale Formulierung zu finden. Es ist mal ein Experiment, um zu sehen, wie es ankommt)

Peer Sylvester