spielbar.com

Campos

Verlag: Huch & Friends
Autor: Pietro Vozzolo
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 8 Jahre
Spieldauer: 30 Minuten

Mit abstrakten Spielen ist das ja so eine Sache. Eigentlich wollen Verlage immer gerne ein Thema haben, weil sich das besser verkauft. Andererseits gönnen sich Verlage auch gerne eine Reihe mit abstrakten Spielen, weil die besonders edel aussehen. Auch Huch & Friends ist so ein Verlag. Allerdings haben sie der Sache bislang wohl noch nicht so richtig getraut: Das erste Spiel der Reihe, Hive, hatte irgendwie doch so ein halbes Thema (Insekten) und Kamisado, das zweite, war zwar abstrakt, aber doch nicht völlig abstrakt, denn irgendwie wurden mit Drachentürmen und Sumosteinen eine gewisse Fernost-Thematik angedeutet, die das Spiel aber gar nicht hatte und auch nicht brauchte. Mit Campos haben sie sich mittlerweile aber komplett geoutet, hier gibt’s kein Thema und nicht mal annähernd irgendwelche Bezüge zu irgendwelchen Orten oder Zeiten. Ja, nicht einmal der Name ist erklärt! Wer oder was ist Campos? Eine Provinz auf Mallorca? Wir wissen es nicht. Es ist auch egal, denn das Spiel ist abstrakt. Hätten Sie das nach der Einleitung vermutet? Vermutlich, denn die Einleitung ist doch etwas lang geworden. Naja, was soll man auch schreiben über ein Legespiel, bei dem man in jedem Zug bis zu zwei Plättchen ablegt, mit dem Ziel Auftragskarten zu erfüllen? Ich meine, ein Legespiel mit Auftragskarten! Das ist ja nun nicht besonders bahnbrechendes oder? Und dann noch abstrakt! Wie kann der Rezensent denn da seine tollen Schreibfähigkeiten beweisen? Mannomannomann…

Na gut, ich hör ja schon auf! Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Auftragskarten! Pfff. Na gut, zugegeben, die Karten sind schon gut gemacht: Eine Karte zeigt immer drei Farben und ist nach folgendem Muster aufgebaut: Wenn die größte zusammenhängende Fläche von Farbe 1 größer ist als die größte zusammenhängende Fläche von Farbe 2, dann wird die größte zusammenhängende Fläche der Farbe 3 gewertet 1 Feld = 1 Punkt). Insgesamt gibt es 4 Farben und natürlich versucht man so anzulegen, dass man a) seine Karten überhaupt erfüllen kann und b) dabei möglichst viele Punkte bekommt. Und natürlich macht das jeder und somit ist jeder sehr von seiner Kartenhand und von den Steinen, die er anlegen kann abhängig – um so mehr, je weniger Spieler mitspielen. Wer zu zweit Steine zieht, die nicht zu seinen Karten passen, hat Pech gehabt, bei mehr Spielern darf man noch hoffen und beten, dass wenigstens jemand anderes hilft. Im Mittelspiel keine Karte werten zu können ist nämlich tödlich, denn dann ziehen die Mitspieler davon. Am Anfang und am Ende ist das nicht so schlimm, denn am Anfang wächst die Auslage noch und die Punktzahlen sind eher gering. Nach Erreichen eines Wendepunktes (= jemand hat alle Karten abgespielt oder alle Steine sind verbaut, wobei letzteres bei meinen Testrunden nie vorkam) wird wieder abgebaut und die Flächen werden wieder kleiner und die Punktzahlen sind wieder gering.
Das Problem mit Campos sind wenig überraschend die Auftragskarten. Mit ihnen steht und fällt das Spiel. Was übrig bleibt ist immer noch ein nettes Legespiel, das wirklich edel aussieht und sich schnell und locker wegspielt. Die kurze Spieldauer ist das was das Spiel seine Berechtigung verleiht. Campos mag was mit italienischen Unis zu tun haben oder auch nicht, zum Espresso passt es aber ganz gut. Ansonsten ist es nicht einfach genial, sondern nur einfach. Ein Thema hätte aber auch nicht geholfen.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

Letzte Artikel von Peer Sylvester (Alle anzeigen)

1 Kommentar