Die Videspielseite Sprites&Dice hat wieder den Finish the Damn Game Month ausgerufen: Ein freundlicher Aufruf/Wettbewerb doch endlich mal eines der Spiele aus der Steam-Bibliothek zu beenden. Ich spiele im Moment (außer Mario Kart und ein paar tägliche Puzzles, wie Maptap) gar keine Computerspiele mehr. Das hält mich aber nicht davon ab, etwa drei Dutzend ungespielte Spiele in meiner Bibliothek zu haben (und ein paar Spiele auf der Wunschliste). Vielleicht werde ich den Aufruf Sprites&Dices nutzen, um eines davon in diesem Monat anzugehen. Mal sehen.
Die Situation, dass man ungespielte Spiele im Schrank hat, ist den meisten Leuten in unserem Hobby bekannt. Es ist auch definitiv kein Phänomen unseres Hobbys: Im Japanischen gibt es sogar das Wort Tsundoku (積 ん 読), dass Stapel gekaufter, aber ungelesener Bücher bezeichnet. Ich bin in einigen SF-Kreisen im englischsprachigem Sprachraum unterwegs, wo dieses Wort ergänzt um “Mount” (Berg) als Mount Tsundoku übernommen wurden. Und auch wenn ich gerade meine Stapel abgelesen habe, warten noch über 100 ungelesene Bücher auf meinem Kindle auf mich. Und auch Filmfans haben Listen über Listen an Filmen, die sie noch sehen müssen.

Nun haben Spiele insofern eine kleine Sonderrolle, als dass Spiele im Gegensatz zu den anderen erwähnten Medien (meistens) darauf ausgelegt sind, mehrmals gespielt zu werden. Natürlich kann man auch Bücher mehrmals lesen, Filme mehrmals gucken und die meisten Leute tun das auch – aber in der Regel mit größerem Abstand. Ich persönlich lese pro Jahr vielleicht zwei oder dreimal Bücher, die ich schon mal gelesen habe (sicher könnte ich diesen Anteil erhöhen, wenn der Lesestoff mal knapp wird). Bei Spielen geht das sehr viel besser. So gut, dass sich Lifestylespiele herauskristallisiert haben, Spiele also die in bestimmten Runden mehr oder minder ausschließlich gespielt werden: Schach, Skat, Magic, D&D aber auch Catan haben ihre eigenen Szenen. Selbst das Argument, dass man ja in verschiedenen potentiellen Gruppen und Gelegenheiten verschiedene Spiele bevorzugt, erklärt genau genommen nicht, warum man nicht einfach einen Fundus von – sagen wir mal – 50 Spielen immer wieder durchrotiert. Doch in der Praxis ist das weniger ein Argument gegen den “Pile of Shame” der Ungespielten Spiele, sondern eher ein Argument, dass dort auch all die jene Spiele draufgehören müssten, die man supergerne hat, aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf den Tisch gelegt hat. Der Stapel der Schande ist bei Spielen genau genomen daher noch höher und bedrohlicher, als der Tsundoku.

Die Antwort auf die Frage warum viele nicht immer dieselben Spiele spielt, ist daher, unabhängig vom Medium, dieselbe wie die Frage, warum man seinen Bücherstapel weiter erhöht oder sich die Steam-Bibliothek vollpackt: Das eigentliche “konsumieren” des Mediums ist nur Teil des Ganzen. Die Vorfreude auf ein Spiel, das Beschäftigen mit einem Spiel vor der Partie (Paket bekommen, Teile ausstanzen und sortieren, Regeln lesen) gehört ebenso zur Ausübung des Hobbys dazu (deswegen würde ich Lifestylespiele, die diesen Aspekt eben nicht haben, als ein eigenständiges -wenn auch verwandtes – Hobby ansehen). Auch der Diskurs über das Hobby, der passive oder aktive Austausch über Podcasts, Rezensionen oder social Media ist Bestandteil des Hobbys. Als ich nach meinem Studium ein Jahr in Bangkok arbeitete, hatte ich überhaupt keine Spielrunde und entsprechend praktisch gar nicht am Tisch gespielt. Dennoch habe ich mich noch regelmäßig an Diskussionen im Spielboxforum beteiligt. Der Austausch gehört für viele Szeneasten dazu. Und dieser Austausch induziert dann wieder Vorfreue auf Spiele, die man sich dann ggf anschafft… Hinzu kommen natürlich noch Gelegenheiten wie “Ein schickes Spiel im Laden gesehen”, “Ein unbekanntes Spiel im Urlaub gesehen, das neugierig macht” oder “Es war gerade günstig und man hat schon rudimentär von dem Spiel gehört und will die Gelegenheit nutzen es einmal auszuprobieren”, was auch für so ca. 50% meiner Kindle-Bibliothek verantwortlich ist. Und der Stapel wächst – egal ob der Bücher- oder die Spielestapel. Angesichts der Freude, aus der jener Stapel entspringt, ist der Begriff “Pile of Shame” dann doch ein bisschen hart (Tsundoku klingt da doch neutraler). Nicht umsonst wird er mittlerweile verstärkt in Pile of Opportunity umbenannt.
Also, mir ist es egal, wie man den Stapel nennt. Aber die Anmerkung darf schon erlaubt sein, dass “opportunity” schon impliziert, man hätte den ein bisschen gewollt stehen gelassen, statt dass er durch Ansammeln entstanden ist. Und die Vorfreude, die zum Kauf verleitet hat, geht ja auch immer mit der Fehleinschätzung daher, man würde “schon bald” Gelegenheit haben, die schicken neuen Schachteln auf den Spieltisch zu legen und auszuprobieren. Also trifft auch der Name nicht so richtig.
Ungespielte Spiele, ob in Stapelform oder sauber im Schrank stehend, sind Bestandteil von einer Person, die sich keinem Lifestylespiel veschrieben hat, sondern in der Szene in irgendeiner Art involviert ist. Damit sind sie kein Makel, aber auch keine Auszeichnung. Sie sind einfach. Als Bezeichnung schlage ich daher “Stapel der ungespielten sonstigen Spiele” oder kurz “StusS” vor.
ciao
peer
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