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Ethik im Wandel

Henry Kissinger ist nun glücklicherweise tot. Damit steht es nun an mir dieses alt-gediegene TV-Format in Blog-Form wiederzubeleben. Diesmal jedoch – wie sollte es anders sein – mit einem Brettspielbezug.

Aufhänger ist dabei eine flapsige Bemerkung, die ein bekannter Spielekritiker auf Bluesky machte, welche aus verschiedenen Gründen für Empörung und Aufruhr sorgte. Konkret wurde ein Kommentar angeprangert, in dem ein anderer Spielekritiker beiläufig erwähnte, dass er erhaltene Rezensionsexemplare (nachdem sie besprochen wurden) weiterverkauft.

Umgehend wurde von ethischen Grundsätzen des (Brettspiel-)Journalismus gesprochen. Es wurde ausgeführt, dass ein finanzielles Interesse an einem Spiel die Unvoreingenommenheit der Spielkritik schädigt. Es war die Rede von Täuschung der eigenen Community, oder auch dem Vertrauensmissbrauch gegenüber dem Verlag. Von der Einkommenseinbuße des dadurch nicht vom Verlag verkauften Spiels ganz zu schweigen.

Wenn diese Beschreibung etwas spöttisch klingt, dann ist das nicht ganz falsch. Aber ich will dennoch betonen, dass ich nicht den kritischen Blick auf die Situation für unzutreffend halte. Auch ich störe mich an dem Gedanken, dass Rezensionsexemplare ohne weiteres weiterverkauft werden. Es sind jedoch die Argumente und der Tonfall, der mir in diesen Gesprächen verfehlt erscheint.

Ethik ist ein sehr großer Begriff für etwas, das auch auf einer niedrigen Stufe besprochen werden kann. Wenn jemand in den Parkplatz schlüpft, in den man gerade zurücksetzen wollte, beginnt man kein Gespräch über ethische Grundsätze des Miteinanders. Nicht weil so ein Verhalten nichts mit Ethik zu tun hat, sondern weil wir nicht über Prinzipien sprechen, sondern über konkrete Handlungen von einzelnen. Wenn wir uns darüber einig sind wie diese einzelne Handlung zu bewerten ist, können wir daraus gerne Prinzipien und auch ethische Grundsätze ableiten. Aber wir sollten erst ein mal wissen wo unsere Wände stehen, bevor wir versuchen ein Dach draufzusetzen.

Die oben erwähnte Situation ist – wenn man sie von den meisten persönlichen Details befreit – die folgende: ein Verlag händigt einem Kritiker ein Rezensionsexemplar eines Spiels aus. Dieser bespricht das Spiel auf seiner Plattform. Im Anschluss bleiben dem Kritiker folgende Optionen mit dem Spiel umzugehen.
Erstens: er behält das Spiel.
Zweitens: er verschenkt das Spiel.
Drittens: er verlost das Spiel an seine Community
Viertens: er verkauft das Spiel.

In der hermetisch abgesiegelten Blase dieses Beispiels ist ganz klar, welche Optionen man uneingeschränkt akzeptieren kann und bei welchen man die Nase rümpft. Dummerweise existieren wir nicht in hermetisch abgesiegelten Blasen. Spielkritik wird in einem sehr facettenreichen Kontext gemacht, auch wenn die Vielzahl an Gesichtern weißer Männer manchmal anderes vermuten lässt. Dennoch braucht es einen differenzierten Blick auf die Situation. Auch hier fühle ich mich gezwungen zu betonen, dass ich den Weiterverkauf von Rezensionsexemplaren nicht gutheißen will.

Der Konflikt, der sich in dem anfangs erwähnten Austausch entladen hat, liegt jedoch meiner Meinung nach in zwei stark von einander abweichenden Vorstellungen über Brettspielmedien (bzw. Spielkritiken). Auf der einen Seite steht das Streben nach einer professionalisierten, vertrauenswürdigen und verlässlichen Medienlandschaft (wenn schon nicht in der Politik, dann wenigstens bei Brettspielen). Auf der anderen Seite steht das Selbstverständnis der Brettspielmedien als lose Gruppe leidenschaftlicher Hobbyisten, die ehrenamtlich handeln und dafür mit Privilegien wie ausgewählten Verlagsveranstaltungen und kostenfreien Spielen belohnt werden. Innerhalb dieses Spannungsfeldes führt die Äußerung über verkaufte Rezensionsexemplare unweigerlich zur Explosion. Die einen sehen das angestrebte Ziel einer respektablen und erwachsenen Spielszene in Gefahr. Die anderen blicken neidisch auf Leute, die sich trotz ihrer vermeintlich gehobenen Stellung in der Szene finanziell bereichern.

Betrachtet man die Brettspielszene nüchtern und ohne Anflug von Mitgefühl, so muss man festhalten, dass ihre Medien eben zu großen Teilen von ehrenamtlichen Hobbyisten geschaffen werden. Das hat zum einen zur Folge, dass das Heraufbeschwören von verpflichtenden journalistischen Standards deplatziert wirkt. Spiele zu besprechen und Kritiken zu verfassen, wird aus Freude an der Sache betrieben. Nicht um eine weitere Einkommensquelle zu etablieren.

Jedoch lockt, aus Gründen die in meinen Augen vor allem damit zu tun haben welche verquere Vorstellungen in unserer Gesellschaft existieren was eine „sinnvolle“ Beschäftigung angeht, die Aussicht auf finanzielle Vorteile bzw. die Verringerung der eigenen Ausgaben für das Ehrenamt viele dazu mit Professionalität zu liebäugeln. Es scheint darum vielen Enthusiasten naheliegend ihr Tun in der einen oder anderen Form zu kommerzialisieren. Sei es durch Crowdfunding, durch Merchandise oder durch finanzierte Kooperationen mit Verlagen. Mit diesen Finanzierungsversuchen öffnet man sich natürlich der Gefahr der Befangenheit durch finanzielle Abhängigkeit. Die Vergangenheit der Medien (und erschreckenderweise auch ihre Gegenwart) zeigt, dass aus diesen Gründen journalistische Standards und strenge ethische Richtlinien notwendig sind. Dass ihre Einhaltung und auch Anmahnung unverzichtbar ist.

Es kann keine professionelle Medienlandschaft ohne strengen journalistischen Verhaltenskodex geben. Gleichzeitig kann aber eine solche Medienlandschaft nicht allein aus ehrenamtlich Handelnden bestehen. Auch ein Ehrenamt muss ab einem bestimmten qualitativen und quantitativen Niveau finanziert werden. Findet diese Finanzierung nicht statt, werden Brettspielmedien nur noch von jenen produziert, die das soziale und finanzielle Privileg dafür aufbringen können. Die oben erwähnten Möglichkeiten der Finanzierung wirken wie mal mehr oder mal weniger starke Kompromisse mit den eigenen Prinzipien. Auch den Verkauf von Rezensionsexemplar zähle ich dazu. Wer es sich leisten kann, verzichtet darauf. Aber es fällt mir schwer andere Kritiker*innen a priori dafür zu verurteilen ohne ihre konkrete Situation zu kennen.

Die eigentliche Frage ist meiner Meinung nach nicht, ob ein solcher Verkauf unter bestimmten Vorbedingungen (Offenlegung der Praxis, Einverständnis des Verlags, geringer Umfang, langer zeitlicher Abstand zur Veröffentlichung etc.) in Ordnung ist. Vielmehr muss man sich die Frage stellen, ob das Produzieren von Brettspielkritiken Arbeit ist oder nicht. Ist sie es nicht, dann müssen wir uns fragen warum es uns stört wie andere ihr Hobby betreiben. Aber wenn Brettspielmedien und Spielkritiken Arbeit sind, dann müssen wir uns als Szene damit auseinandersetzen wie und in welcher Form wir eine Finanzierung dieser Arbeit zu akzeptieren bereit sind. Insbesondere im Hinblick darauf wen wir aus dieser Szene ausschließen, wenn wir bestimmte Finanzierungsmöglichkeiten partout als inakzeptabel abstempeln.

Georgios Panagiotidis
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