Ein Gral gerät in Vergessenheit: Jati

Wenn man älter wird, merkt man das vor allem daran, dass alle anderen Leute, die man so trifft, jünger werden. Und jüngere Leute haben einen anderen Erfahrungsschatz als man selbst. Nehme ich jedenfalls an. Mein Test: Wie viele der jüngeren Leser können mit dem Begriff “Jati” etwas anfangen?

Jati war einmal einer der absoluten Gralsspiele unter den Spielen. Dabei ist das Spiel eine Graupe. Tatsächlich ist (oder war) es nicht zuletzt deswegen ein Gralsspiel, weil es eine Graupe ist:

Jati ist 1965 bei 3M erschienen. 3M (ja, diese 3M!) brachte damals als erste Firma eine Reihe von Spielen heraus, die sich speziell an Erwachsene richteten – heute würde man “Autorenspiele” dazu sagen. Alex Randolph und Sid Sackson gehörten zu den Autoren und unter den Spielen fanden sich Klassiker wie Acquire oder Twixt. Einige Spiele erschienen auch in Deutschland. Die Reihe wurde nach einigen Jahren wieder eingestellt, aber sie setzte damals Maßstäbe in Sachen Spieldesign, Aufmachung und Ausrichtung. Einen guten Überblick findet man hier. Aufgrund der Qualitäten – und weil es sich um eine Serie handelte – Waren die 3M-Spiele beliebte Sammlerobjekte. Im Prä-Internetzeitalter war “sammeln”auch eine deutlich anspruchsvollere Tätigkeit. Es fängt ja schon damit an, dass es schwierig war, herauszufinden, was es überhaupt gab. Zwar gab es natürlich Flyer in den Spielen, aber dennoch tauchten immer wieder 3M-Spiele auf, die nicht erwähnt wurden. Und vor allem tauchten auch immer Variationen von bekannten Titeln auf – 3M wandelte gerne Kleinigkeiten ab.

Flyer (eigenes Foto)

Vor allem aber war es natürlich bedeutetend schwieriger an seltene Spiele heranzukommen. Natürlich konnte man Glück haben, mal das eine oder andere Spiel auf dem Flohmarkt zu entdecken, aber gezielt suchen konnte man eigentlich nur mit Hilfe von persönlichen Kontakten und Kleinanzeigen. Erst als das Internet aufkam wurde das Sammeln einfacher. Vor allem gab es natürlich ebay – und die Preise purzelten. Schnell stellte man nämlich fest, dass doch bedeutend mehr 3M-Spiele im Umlauf waren und entsprechend musste man keine Unsummen mehr ausgeben, um ein Twixt oder ein Breakthrough zu bekommen. Das Problem mit Kleinanzeigen war ja: Es sahen nur Spieler und die waren oft selbst Sammler, die sich nicht oder nur gegen viel Bares von seltenen Spielen trennten. Das Gros der Spiele liegt aber ja nicht bei Sammlern, sondern bei Leuten, die das Spiel irgendwo gesehen und gekauft haben und sobald diese Spiele auf den Mark kamen, mussten keine Mondpreise mehr bezahlt werden.

Jati ist aber hier ein Sonderfall, denn Jati kam nie auf den Markt.

Jati ist ein abstraktes Spiel: Man legt Steine benachbart zu anderen Steinen und versucht min 5 eigene Steine orthogonal oder min 4 Steine diagonal in ununterbrochener Reihe zu legen, denn dafür gibt es Punkte. Diese lassen sich mit “Boostern” noch verfielfachen. Der Punktbeste gewinnt. Da jeder seine eigenen Steine hat, ist dies im Prinzip Gomoku mit Punktwertung, bzw. Gobang ohne Schlagen oder Qwirkle ohne Symbole. Mit anderen Worten: Kein sehr interessantes Spiel.

Die Jati Regeln (Foto: Skelebone/BGG)

Das ist auch der Grund, warum es deutlich seltener ist als andere 3M-Spiele: 3M hat das Spiel wohl nie in den ofiziellen Handel gelassen. Soweit mir bekannt ist, wurde eine unbekannte Anzahl an Jatis an Mitarbeiter und Journalisten verschickt. Da die Rückmeldungen eher negativ war, wurden einige kleinere Veränderungen vorgenommen, die das prinzipiell dröge Spielprinzip aber nicht aufwerten. Auch diese Auflage stand daher niemals zum Kauf. Damit hatten Komplettsammler ein Problem: Wer die ganze Reihe haben wollte -und das wollten viele, da die Qualität sonst verhältnismäßig gut war und es ja diese historische Komponente gab – hatte das Problem, dass eines der Spiele nur verfügbar war, wenn sich einer der damals Auserwählten davon zu trennen vermochte. Und das ging wenn überhaupt nur gegen viel Geld. 4-5stellige DM-Preise wurden damals gezahlt – wenn denn überhaupt mal ein Kauf zustande kam.

Nun ist Jati ja beileibe nicht das einzige seltene Spiel, nicht einmal das einzige Spiel, dass nie auf den Markt kam. So gab es eine Schmidt-Acquire-Ausgabe, die nie erschienen ist und auch unter Sammlern gesucht wird (auch weil es dort Doppelplättchen oder sowas gibt?), ein anderes Beispiel der jüngeren Vergangenheit war das in Schwarz-Weiß gehaltene Risk: Black Ops. Auch Spiele wie Wacht am Rhein oder Schwimmende Inseln galten als Gralsspiele. Doch Jati war in der Spieleszene auch außerhalb von Spezialistensammlern bekannt – eben weil die 3M-Reihe so prominent war (Zum Vergleich: Risk: Black Ops ist für 300€ zu haben, Wacht am Rhein und Schwimmende Inseln wurden beide neu aufgelegt und die Preise sind gepurzelt).

Im Prinzip braucht es zwei Dinge, damit die Preise steigen: Ein knappes Angebot und eine hohe Nachfrage. Knappe Angebote gibt es viele – ich habe viele Spiele im Schrank, die selten sind, die aber nicht genügend Leute kennen geschweige denn wollen, als dass die irgendwie wertvoll wäre. Jati verdankt seinen Status der Bekanntheit der 3M-Reihe. Das ist ein bisschen so, als würde es ein Spiel des Jahres nur in geringen Anzahlen geben (tatsächlich sind die seltenen Auswahllistenspiele immer noch recht hochpreisig: Es gibt viele Leute, die gerne alle nominierten hätten, aber nur wenige gut erhaltene Exemplare Chess Challenger Voice oder Schwarze Ritter). Hinzu kommt natürlich auch der Effekt, dass ein Spiel teuer ist, weil es teuer ist: Wer hört, dass ein Jati ein Gralsspiel ist, wird auch mehr dafür bezahlen, wenn er es denn mal findet. Und früher war “Jati” so das geflügelte Wort für ein selten zu findenes Spiel.

Aber heute kennen es die ominösen “jüngeren” von denen ich in der Einleitung sprach nicht mehr unbedingt.

Der Preis eines Jatis ist gesunken. Das hängt hier nicht damit zusammen, dass man deutlich besser rankommt – es ist immer noch selten. So listet die Europäische Spielesammlergilde gerade einmal 60 bekannte Exemplare. Wie unvollständig die Liste ist, lässt sich schwer abschätzen, aber ich z.B. fehle:

Mein Jati

Ich habe mir zum 40. Geburtstag eines gegönnt (es war gerade eines bei ebay zu haben und der Preis war hoch, lafg aber insbesamt unter dem eines Kingdom Death : Monster). Und zwar genau aus dem Grund: Für mich war “Jati” immer ein unerreichbares Spiel, ein “Running Gag” (“Mal sehen ob ich auf dem Flohmarkt diesmal ein Jati finde”), eines zu besitzen ist für mich damit schon etwas ganz Besonderes- Mir ist aber bewusst, dass der Preis weiter fallen wird. Nämlich ganz einfachg deswegen, weil es immer weniger Leute gibt, die so empfinden. Weder ist die nachfolgende Generation mit 3M-Spielen aufgewachsen, noch sind die 3M-Spiele selbst irgendwie hervorgehoben (gibt zu viel gutes, neues und damit sind 3M-Spiele “nur” eine alte Spielereihe) und vor allem hat Jati diesen Kultstatus nicht mehr. Die meisten Spieler dürften von dem Spiel nicht einmal mehr gehört haben, geschweige denn, dass es da irgendwelchen Bezug dazu oder entsprechende Begehrlichkeiten gäbe. Heute geht es beim Sammeln um andere Spiele, oder um das Komplettieren von Erweiterungen. Jati hat ausgedient. Das ist auch völlig OK, das ist eine ganz normale Entwicklung.

Es wird weiterhin Sammler geben, die alle 3M-Spiele haben wollen, doch die Zahl ist deutlich überschaubarer. Wenn alle Sammler ihr Jati haben, dann wird man sein eigenes nicht mehr los. Ein zweites braucht man zur Komplettierung nicht. Und ich brauche auch kein weiteres – Ich habe meinen Gral bereits.

ciao

peer

Peer Sylvester

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

4 Gedanken zu „Ein Gral gerät in Vergessenheit: Jati“

  1. Hallo Peer,

    ich selbst nenne eine der größten 3M-Sammlungen mein eigen. Sie enthält unter anderem auch die beiden Jati-Buchkassetten-Versionen (eine davon ist das erste bekannt gewordene Exemplar, das 1986 in der Spielbox besprochen wurde) und auch ein paar Exemplare, von denen bisher überhaupt nur 1 oder 2 Kopien bekannt sind (z.B. “Profi-Fußball”).

    Ich würde als 3M-Referenz die Seite von Günter Rosenbaum vorziehen: http://www.rosenbaum-games.de/ . Sie enthält nahezu alle Abarten und ungleich mehr Informationen als die Seite in Deinem Text.

    Gruß Ernst

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