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So spielt man in Taiwan

November und Dezember sind recht arbeitsintensive Monate, mit echten 7-Tage-Wochen für mich. Daher hat es etwas gedauert bis ich die Infos und Interviews, die ich auf der Messe aufgesammelt habe, verarbeiten konnte. Jetzt habe ich etwas Luft und folgerichtig kommt ein neuer Titel unserer „So spielt man in…“ – Reihe :-)

Die Spieleszene in Taiwan ist eng mit dem Verlag Swan Panasia verknüpft, der dieses Jahr auch erstmals auf der Spiel in Essen zu finden war. Doch beginnen wir am Anfang:

Begonnen hat alles mehr oder minder mit Magic. Davor gab es nur Computer- und Videospiele und die Traditionellen (vor allem Xiangqio -Chinesisches Schach Mahyongg und Go). Brettspiele kamen anscheinend eher zufällig nach Taiwan: Magickarten wurden über das Internet bestellt und einige Studenten haben dabei Brettspiele aus Neugier mitbestellt. Das war 1998 vor allem unter Studenten des Fachbereichs Elektronik- und Computerwissenschaften. Von einer Szene konnte man da noch nicht sprechen.

Swan Panasia gründete sich 2002 und hatten ihren ersten größeren Auftritt 2003 auf der Internationalen Buchmesse in Taipeh TIBE. Der Auftritt war ein großer Erfolg  und resultierte in einer Partnerschaft zwischen Swan Pansasia und einigen Buchläden und Paukschulen. Doch dieses Geschäft verlief schlecht: Die Buchhändler wollten (oder konnten) die Spiele trotz Schulung nicht erklären und so mussten die Verlagsmitarbeiter von Buchhandlung zu Buchhandlung tingeln, um den Kunden die Spiele selbst vorzustellen.

Doch die Ochsentour hat sich gelohnt: Es bildete sich langsam eine echte Brettspielszene heraus und ab 2006 traten immer mal wieder eine Gruppe Spielebegeisteter an SP heran, weil sie einen Spieleladen oder ein Spielecafe aufmachen wollten (z.B. das Witch House). Das Geschäftsmodell sah eine gewisse Partnerschaft vor: Swan Panasia lieferte Spiel, die der Laden erst einmal auf Kommission vorrätig hatte. Im Laden wurden die Spiele erklärt und konnten auch gespielt werden. Dass das Modell ein Erfolg war, sieht man daran, dass bald weitere Spieleläden in Taipeh aufmachten und 2007 dann auch in anderen Städten Taiwans. Aber natürlich blieben auch einige Spieleläden auf der Strecke und auch in Taiwan sind Internetshops aus In- und Ausland der größte Konkurrent der „echten“ Spieleläden.

2007 begannSwan Panasia auch chinesische Lizenzausgaben zu produzieren: Es begann mit Ohne Furcht und Adel, als nächstes kamen Zoff im Zoo und Halli Galli. Mittlerweile umfasst das Programm 16 Lizenzspiele, darunter auch Dominion und Carcassonne (Ich hatte kurz überlegt mir als Gag eine chinesische Dominion-Version zu besorgen und ein paar Karten in die Sätze für die deutsche Brettspielmeisterschaft zu schmuggeln ;-) ).

Während Swan Panasias Einfluss sich auch nach China, Indonesien, Malaysia und die Philippinen ausbreitete vergrößerte sich auch die Produktpalette: Dolphinboardgamer produziert für die Spiele passende Kartenhüllen in allen Größen. Chinesische Spiele mögen nämlich Kartenhüllen. Ist es hierzulande schon schwierig passende Hüllen für Skatkarten zu bekommen (ja, ich übertreibe etwas), können in Taiwan mittlerweile sogar Carcassonne-Plättchen eingetütet werden. Und seit 2009 werden erstmals auch echte taiwanesische Spiele vertrieben:

Rabbit Hunt von Shen-Yang Pan ist eine Art Versteckspiel für Familien mit hohem Blufffaktor: 2-4 Spieler legen immer eine Karte verdeckt in die Auslage und bewegen ihren Bauern über selbige. Dabei müssen sie einerseits möglichst alle ihre Hasenkarten ablegen, andererseits möglichst viele gegnerische Karten aufnehmen. Dazu ist eine gehörige Menge Bluff und Gedächnis nötig. Unterm Strich ein einfaches Familienspiel, dass sicherlich seine Freunde finden wird.

Auch bei Fuzzy Tiger von Shao-Ying Chen geht es um Tiere: Diesmal spielen die Spieler Affen, die versuchen einem schlafenden Tiger Barthaare auszureißen. Hier geht es um das Risiko, dass man eingehen will: Nicht zu viel, sonst wird man bestraft (respektive gefressen), nicht zu wenig, sonst steht man als Feigling dar. Eine Art Blind-Bidding-Spiel im weitesten Sinne.

Vom selben Autor ist Fire Bulls. Dies ist ein typisches Kartenmanagement-Spiel: an sammelt Karten um mit den richtigen Kombinationen zu punkten. Spielt man die Karten zu früh aus, lässt man Punkte liegen. Zögert man zu lange haben die anderen Spieler einem die Karten bereits weggeschnappt oder das Spiel endet gar vorzeitig. Ein interessantes Kartensammelspiel (vielleicht einen Tick zu lang) mit wirklich sehr schön  gezeichneten Karten. Leider sind sowohl die deutschen als auch die englischen Regeln fehlerhaft: Angreifen darf man nur vom eigenen Stein aus oder deren Nachbarreihe. Greift man von der Nachbarreihe aus, kann man nur maximal 2 (und nicht drei) Karten angreifen.

Die drei eben genannten Spiele stammen von TwoPlus Games, einer Arte Spieleautorenvereinigung.

Wie ich aus einigen Reaktionen im Bekanntengreis herausgelesen habe ist Deadly Russian Roulette von „Superlee“ wohl nicht politisch korrekt. Jedenfalls sorgte das Thema für etwas Empörung (überaschenderweise auch von Wargamern, woran man wieder sehen kann, das Moralvorstellungen höchst subjektiv sind (Das ist keine Wertung, meine sind auch nicht logisch)). Dabei ist das Thema wirklich gut umgesetzt (sieht man davon ab, dass man nicht stirbt, aber irgendwas ist ja immer): Eine Karte gibt vor wieviel Geld es gibt, eine weitere wie viele Schüsse insgesamt in der Waffe enthalten sind. Der Startspieler entscheidet nun geheim, ob alle Kammern mit Blindgängern gefüllt sind oder ob es eine scharfe Patrone gibt. Reihum darf jeder eine Patrone ziehen oder passen. Wer aussteigt ist raus, wer einen Blindgänger zieht, kassiert und wer die scharfe Patrone erwischt guvkt für drei Runden nur zu. Ein Glücksspiel? Ja sicher, aber eines mit geörigem Push-Your-Luck und Blufffaktor (scharfe Patrone oder nicht?) Dabei erlaubt das Spielprinzip durchaus tiefenpsychologische Überlegungen: Der Startspieler hat noch eine Patrone gezogen – hat er womöglich eine blinde Patrone reingelegt? Oder hat er geblufft, damit ich genau das denke? Ich mags – zumal es mit optionalen Aktionskarten auch langfristig interessant sein könnte.

Blockazzle schließlich ist kein echtes Spiel, sondern eher ein Puzzle. Hier müssen Steine nach einem Vorbild aufgebaut werden. Da alle Steine zusammenhängen müssen, keine leichte Aufgabe. Für Denkspielfreunde einen Blick wert, ich fands jedenfalls sehr kurzweilig (wobei ich kaum Solitätknobeleien spiele, mir also etwas der Marktüberblick fehlt).

Ich hoffe der Überblick hat gefallen, bei der nächsten Folge dieser Serie gehts dann aufs chinesische Festland!

ciao

peer

Peer Sylvester

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