spielbar.com

“Scene it” versus “Ten out of Ten”

Spiel: Scene it / Scene it FIFA Edition
Verlag: Mattel
Autor: –
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 8 Jahre
Spieldauer: 30-60 Minuten
Spiel: Ten out of Ten
Verlag: Ravensburger
Autor: Keith Dugald
Spieleranzahl: 2 Teams
Alter: ab 12 Jahren
Spieldauer: 60 Minuten

Bei Geschicklichkeitsspielen sollte der Spieler gewinnen, der am geschicktesten ist – klar! Bei einem Strategiespiel sollte der beste Stratege gewinnen, sonst ist irgendetwas falsch gelaufen und das Spiel wird als unbefriedigend empfunden. Die ganze Diskussion um Glücksfaktoren dreht sich im Prinzip um die Frage: Wird das Spiel gewonnen, weil der Spieler Glück gehabt hat oder hat tatsächlich der „Beste“ gewonnen?

Komischerweise scheint das bei Quizspielen anders zu sein. Bei Trivial Pursuit z.B. kann ein Spieler zehnmal so viele Fragen beantworten wie sein Nachbar – wenn er nicht auf die Wissensecken kommt, wird er verlieren. Ich erinnere mich an eine legendäre Partie Spiel des Wissens bei der ein Spieler eine Stunde später hinzukam und das Spiel dann noch gewann und zwar in erster Linie weil er fast immer Sechsen gewürfelt hat. Zudem sind die Fragen recht diffus. Beim Spiel des Wissens rangieren die Profifragen von „Welche Fläche hat Fehmarn?“ (Wohlgemerkt auf eine Nachkommstelle genau und ohne vorgegebene Antworten) bis „Buchstabieren Sie Donnerstag!“
Mich hat das immer gestört – ein Quizspiel sollte meiner Meinung nach von dem Spieler gewonnen werden, der auch am meisten wußte, nicht von dem Spieler, der am besten gewürfelt hat oder die einfachsten Fragen bekommen hat. Das einzige Quizspiel, das ich kenne, bei dem das der Fall ist – Wer wird Millionär? – ist aber in der Spieleszene nicht unumstritten. Auf www.spielbox.de wurde ihm teilweise sogar das Prädikat „Spiel“ abgesprochen – es sei doch mehr IQ-Test als Spiel. Vielleicht die Angst als dumm angesehen zu werden, wenn man unter gleichen Bedingungen letzter wird?

Bei der Scene it-Reihe besteht diese Gefahr jedenfalls nicht. Es wird fleißig gewürfelt und entsprechend gen Ziel vorangesetzt. Weiter nivelliert wird das Feld dann noch mit Aktionskarten aus der Steinzeit der Spieleentwicklung: Wer auf dem Kategoriewürfel schlecht würfelt bekommt keine Frage sondern eine Karte, die ihm sagt ob er vorwärts oder rückwärts ziehen darf oder sogar aussetzen muß. Das es so was noch gibt, hat mich dann doch etwas gewundert…
Überhaupt wäre Scene it ein stinknormales Quizspiel á la Trivial Pursuit, Wissenspektrum oder Spiel des Wissens, wenn die beigelegte DVD nicht wäre. Die meisten Fragen werden nämlich vom DVD-Player gestellt und dann von allen oder auch nur dem Zug-Spieler alleine beantwortet. Das Potpourri der Fragen und Frageformate im Urspiel ist gut gewählt: Bei einigen wird ein Clip gezeigt und eine Frage über den Film oder die gesehene Szene gestellt. Bei anderen muß ein Schauspieler anhand seiner Rollennamen identifiziert werden oder es wird ein Screenshot gezeigt, anhand dem der Film erkannt werden muß. Diese Fragen machen den Reiz einer Partie Scene it aus. Man merkt dem Spiel an, daß sämtliche kreative Energie in die Fragenerstellung gefloßen ist und der Rest aus bekannten Elementen übernommen wurde.
Übrigens muß der Spieler, der als erster im Ziel ist, noch eine Art Abschlußprüfung bestehen, um zu gewinnen. Diese ist schön gemacht und macht die Sache am Ende noch spannend. Die Chance, daß der beste Kinokenner gewinnt, ist somit zumindest teilweise wiederhergestellt. Allerdings ist hier natürlich auch die Frustgefahr groß, wenn ein Spieler mehrfach nacheinander an der Abschlußprüfung scheitert, weil er nur 2 von den 3 nötigen Fragen beantworten konnte.
Merkwürdig dagegen die Regel, daß ein Spieler, der eine gemeinsame Frage richtig beantwortet, nur 1 Feld vor darf, wo sonst neu gewürfelt wird. Ein Feld ist nichts, wenn die durchschnittliche Felderzahl 3 ist. Naja.
Das ganze Brett kann auch weggelassen werden, wenn die Party-Variante angewählt wird. Hier werden einfach Fragen zufällig nacheinander gestellt. Für meinen Geschmack etwas zu schnell und zu wirr, dafür aber immerhin eine Alternative wider dem Würfeln und den Aktionskarten (die wir allerdings ohnehin bald weggelassen haben).

Das Ur-Scene it beschäftigte sich wie erwähnt mit Kinofilmen. Mittlerweile sind noch diverse andere Spezialausgaben hinzugekommen. Ich habe auch noch die FIFA-Edition gespielt. Hier geht es natürlich in erster Linie um Weltmeisterschaften. Die Fragen sind ebenfalls interessant, aber doch deutlich schwerer – immerhin gibt es deswegen nun oft mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. Zudem ist die effektive Antwortzeit kürzer und argentinische Innenverteidiger aus den 70er Jahren erkennen wohl nur Profis. Insgesamt gefällt mir die Ausgabe nicht ganz so gut wie das Urspiel, was aber auch Thema liegen mag (Ich halte 30 Minuten Kinofragen für abwechslungsreicher als 30 Minuten Fragen über Fußballweltmeisterschaften).

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Ten out of Ten von Ravensburger: Zum einen wird in Teams geraten, so daß die kollektive Wissensenergie effektiver genutzt werden kann. Zudem gibt es vorgefertigte Antworten. Vor allem aber ist Wissen hier nicht alles: Jedes Team bekommt zehn Fragen vorgesetzt. Beide Teams beantworten die Fragen und geben die Antworten dann auf die andere Seite. Dieses gibt die Anzahl der falschen Antworten zurück – aber nicht welche Antworten falsch waren! Nun dürfen beide Teams Antworten verändern und neues Feedback bekommen etc. Ziel ist es natürlich alle zehn Fragen richtig zu beantworten.
Dieses Spielprinzip ist sehr originell – eine Art Quiz-Mastermind – und fehlendes Wissen kann mit Kombinationsgabe ausgeglichen werden. Allerdings ist letztlich das bessere Team das, das mehr wußte, bzw. wußte, welche Antworten „Wackelkandidaten“ waren. Sehr schön in der Idee und auch bis zuletzt spannend! Ist die Antwort vielleicht doch falsch? Sollen wir vorsichtig ändern, so daß wir besser kombinieren können oder lieber viel riskieren und alles potentiell falsche ändern?
Die Umsetzung ist allerdings suboptimal: Das fängt mit dem Titel an (warum ein englischer Titel? Die englische Ausgabe heißt zudem „The perfect 10“, also ganz anders) und hört mit der etwas uninspirierenden Schachtelgrafik und dem ziemlich „kalten“ Plastikmaterial noch lange nicht auf. Die Fragen sind teilweise nur durch Raten zu beantworten, die Karten enthalten ein paar Fehler und der Preis war seinerzeit wohl mit 35€ deutlich zu hoch – zumal die Fragekarten nicht gerade reichhaltig sind. Resultat: Das Spiel floppte und wird jetzt für einen Bruchteil des Urpreises verramscht (ich hab für mein Exemplar 4€ bezahlt). Da sollte man aber auf alle Fälle zugreifen, solange es noch geht, zumindest wenn man dem ganzen Quiz/Partyspielgenre nicht von vornherein ganz ablehnend gegenübersteht. Was wohl niemand tut, der bis hierher gelesen hat.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

Letzte Artikel von Peer Sylvester (Alle anzeigen)

1 Kommentar