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Phraya

Autor: Alberto Millán

Verlag: Nice Games Publishing

Für 2-4 Spielende ab 12 Jahren

Spieldauer: 90-120 Minuten (je nach Rechenaffinität der Spielenden durchaus auch mal 150 Minuten)

Der Titel ist ein bisschen ein Mysterium. Der eigentlich namensgebende Fluss heißt Chao Phraya (แม่น้ำเจ้าพระยา). Das letzte Wort ist ein Titel, das erste ein Eigenname“ In der Originalsprache kommt noch ein Wort für „Fluss“ dazu. Heißt das Spiel hier also schlicht „König“? (Bzw. ein thailändischer Titel, für das es keine deutsche Entsprechung gibt?) Ich weiß nicht inwiweit das gewollt war und inwieweit ein Name einfach gekürzt wurde (an dieser Stelle grüße ich alle meine Fans aus Stutt, Pots und Frank!)

In der Geschichte steckt sicherlich eine gute Allegorie über Eurogames drin, deren Entdeckung ich meinen Lesenden überlasse. Dennoch hat mich als ehemaligen Wahl-Bangkoker vor allem das Setting angesprochen. Anders als beim völlig abstrakten Legespiel Bangkok-Klongs wurde hier zumindest ein Eurogame-typischen Themen-Anstrich versucht und, was soll ich sagen, es ist halt schon cool ein Spiel über eine Gegend zu spielen, in der man schon mal gewohnt hat.

Wobei Phraya auf dem „Floating Market“ spielt, dem schwimmenden Markt, den es in Bangkok gar nicht mehr gibt  und den ich entsprechend nie besucht habe (es gibt noch ein paar kleinere Märkte flussaufwärts, aber da war ich nie). Immerhin habe ich die im Spiel vorkommende königliche Barke ein paar Mal gesehen, ein bisschen persönlicher Bezug ist mir also geblieben.

Doch genug von mir: „Schwimmender Markt“, das impliziert „Warenhandel“ und das ist natürlich erst einmal richtig, genauer wäre „Pick up&Deliver“, oder in der poetischen Sprache der Dichter und Denker „Warenauftragserfüllungsspiel“: Also: Waren kaufen, woanders abliefern und kassieren. Darüber hinaus kann man aber auch noch anderes tun, z.B. Marktstände kaufen oder  seine Boote verbessern. Ziel sind am Ende natürlich wieder Siegpunkte, die man vor allem durch umtauschen der beiden Währungen Geld und Einfluss, generiert. Originell ist dabei, dass die zweite Währung eher indirekt gewonnen wird, z.B. durch die Royale Barke die sie an benachbarte Standbesitzer ausgeschüttet („Indirekt“ eben weil man erst einen Stamd erwirbt und dann hofft, dass die Barke vorbeischaut – wobei man das durchaus steuern kann).

Wie in den meisten komplexeren modernen Euros haben wir auch hier eine Reihe miteinander verhakter Subsysteme, die bedient werden müssen und deren Vielfalt Spezialisierung ermöglicht, aber auch bedingt, nichts völlig außer Acht zu lassen.Gerade in dem Segment, in dem sich Phraya bewegt, muss die Frage erlaubt sein: Was bietet Phraya, was die zahllosen anderen Vertreter nicht bieten?

Das ist vor allem die Topologie des Spielplanes: Die Bewegung der eigenen Boote über den Plan ist gerade mit der ebenfalls statt findenden Bewegung der royalen Bare (die gleichzeitig Wege blockiert) ist zweifelsfrei etwas besonderes. Hier steckt ein Großteil des Reizes von (Chao) Phraya: Es muss gleichermaßen geplant und improvisiert werden. Letzteres ist durch die relative Vielzahl der Optionen durchaus möglich ohne frustriert zu werden. Hinzu kommt ein Hauch von MarraCash nach Thailand, wenn man einen möglichst lukrativen Ort für den Erwerb eigener Marktstände sucht. Allerdings kommen anders als bei Iki keine Markstände dazu, man erwirbt eher eine Art Anteil an den bestehenden. Dadurch verändert sich im Laufe einer Partie Phraya nicht so viel auf dem Brett wie wünschenswert wäre – Klar, Aufträge gehen weg (und werden durch potentiell lukrativere ersetzt) und die Ein- und Verkaufspreise für Rohstoffe schwanken hin und her. Doch ersteres wird dadurch konterkariert, das auch die Preise für die Siegpunkte mitsteigen und letzteres sind eher wiederkehrende Zyklen  als Veränderungen in der Spieldynamik. So fühlt sich Phraya tatsächlich so lang an, wie es leider ist. Die Hauptmechanik ist ein Kartensystem, dass sich irgendwo zwischen „Deckbau“ und „Aktionskartenwahl“ (wie mein The king is dad) bewegt, ist solide, aber auch hier hatten wir nicht das Gefühl, dass die neuen Karten vom Markt das Spiel wirklich genügend dynamisieren; Sie machen etwas flexibler, sind aber oft nur mehr vom gleichen (was OK, ist, weil man häufiger das gleiche machen will) und werden gegen Ende wegen der auch darauf abgedruckten Bonus-Wertungen  gekauft.

Dass das Spiel dann entsprechend mit einem riesigen  Punktesalat endet, der theoretisch weitestgehend berechenbar ist (praktisch steht dem entgegen, dass die relevanten Infos über die ganze Spielfläche verteilt ist), macht das Ende noch unbefriedigender. Dadurch gelingt es Phraya nicht sich aus dem Eindruck „Solider Euro“ zu befreien, was vielleicht die Aufgabenstellung des Autoren war, mich aber angesichts des Settings und der netten Bootstouren etwas enttäuscht zurücklässt.

Khao jai mai?

Peer Sylvester