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Dim Sum Jam

Verlag: Broadway Toys Limited
Autor: Liu Xiao
Spieleranzahl: 2-5
Alter: ab 8 Jahren
Spieldauer: 15 Minuten

Manche Dinge gehören irgendwie zusammen. So wie Honig auf den Frischkäsetoast. Oder Espressopulver im Schokokuchen. Oder Annie Lennox & Al Green.

Auch im Brettspiel hat sich eine solche Kombination eingeschlichen, die zwar willkürlich wirkt, aber überraschend gute Resultate liefert: kooperative Spiele und Echtzeit-Mechanismen. Es wird gemeinsam gespielt, um ein Ziel zu erreichen. Dabei spielt man jedoch unter Zeitdruck zum Beispiel mit Hilfe einer App oder einer Sanduhr. Diese Elemente finden sich in Escape Room-artigen Rätselspielen wieder, in komplizierteren Kommunikationsaufgaben wie Space Alert oder knallbunten Kartenschmeißern wie 5-Minute Dungeon.

Mit Dim Sum Jam reiht sich nun ein weiteres Spiel in dieses weit aufgespannte Feld der kooperativen Echtzeit-Spiele. Es geht um eine asiatische Gaststätte, die sieben volle Tische zu bedienen hat. Dafür platziert man der Reihe nach jeweils ein Plättchen auf einzelne Tische bis man diese räumen und durch neue ersetzen kann. So arbeitet man sich durch einen übersichtlichen Stapel von 16 Karten. In der zweiten Hälfte befindet sich ein VIP-Gast, den es erfolgreich zu bedienen gilt, bevor die Zeit oder der Stapel durch ist, um so das Spiel zu gewinnen.

Der Kniff besteht darin, dass jedes gelegte Plättchen dem nächsten Spieler vorschreibt, an welchen Tisch dieser anlegen muss. So ergibt sich eine unfreiwillige Aktionskette, die ohne Unterbrechung durchlaufen muss. Wer einen Tisch nicht bedienen kann, darf beliebig viele seiner Plättchen austauschen, aber verärgert damit auch einen Gast. Hat man drei Gäste verärgert, ist die Laufbahn als Gastronom gescheitert.

In der Praxis spielt sich Dim Sum Jam ungefähr so wie sich die Verfolgungsjagd im Minenwagen aus Indiana Jones und der Tempel des Todes anfühlt. Es ist hektisch und schnell. Wenn man die Möglichkeit hat mehr als eins seiner Plättchen anzulegen, kann man nur kurz innehalten, um sich einen Überblick zu verschaffen. Meistens verlässt man sich aber aufs Bauchgefühl. Wirklich planbar ist nur der nächste Schritt.

Während in vielen anderen kooperativen Spielen gerade die Fähigkeit zu knobeln oder Wahrscheinlichkeiten abzuwägen im Vordergrund steht, muss man hier den Mut zur schneller Entscheidungsfindung haben. Wer zu lange zögert, verspielt kostbare Sekunden. Gefühlt ist diese verschwendete Zeit noch viel schlimmer als im Tohuwabohu ein Plättchen zu legen, das den Wagen aus der Bahn wirft. In der Praxis sorgt das für Nervenkitzel, der zu unterhalten weiß. Geht die Achterbahnfahrt lange genug gut, bevor der VIP-Gast mit hochrotem Kopf aus dem Lokal stürmt?

Das macht Dim Sum Jam zu einem gelungenen Einstieg in den Spieleabend. Es zwingt Spieler ein wenig aus sich heraus zu kommen, eben da die Niederlage hinter der nächsten Kurve auf einen warten könnte. Es ist ein Spiel, das schlagartig vorbei sein kann. Jeder weitere Tisch, den man abräumen konnte, ist ein Etappensieg, der vor ein paar Zügen noch unvorstellbar wirkte. Es entsteht ein emotionales Auf und Ab, welches gelegentlich von einem verzweifelten Raunen unterbrochen wird, wenn ein Spieler nicht das verlangte Shumai hat auf das Tisch 4 noch wartet.

Tee kann als Joker eingesetzt werden

Nach einigen dieser Versuche zeichnet sich aber auch ab, dass man Dim Sum Jam schon bald meistern kann. Wenn das Schicksal einem ein Schnäppchen schlägt, ist die Niederlage zwar weiterhin unabwendbar; aber erfahrenen Gruppen werden Erfolge sicherlich weit häufiger gelingen. Damit stemmt es sich gegen die Weisheit der abgebrühten Vielspieler, die sich nur noch zu einer Gemütsregung bewegen lassen, wenn der Schwierigkeitsgrad eines kooperativen Spiels anderen die Tränen in die Augen treibt.

Dim Sum Jam wartet hier mit einigen optionalen Zusatzregeln bzw. Achievements auf, die dem Spiel weitere Würze geben sollen. Mehr VIP-Gäste; einhändig spielen oder sogar einen Spieler dazu verdammen mit geschlossenen Augen zu spielen. Als Belohnung für ein erfolgreiches Spiel mit Zusatzregeln, darf die Gruppe die Spielschachtel mit mitgelieferten Aufklebern individuell verschönern. Damit schüttet Designer Liu Xiao noch einen weiteren Eimer Charme und Verspieltheit über das Ganze. Das muss nicht jeder toll finden, aber es soll ja auch Leute geben, die weder Schokolade, Eis noch Hundewelpen etwas abgewinnen können.

Georgios Panagiotidis

Einst als Podcaster unterwegs, schreibe ich nun über mein liebstes Hobby: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.
Georgios Panagiotidis

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