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Conspiracy: The Solomon Gambit

Verlag: Restoration Games
Autor: Eric Solomon
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 14 Jahren
Spieldauer: 30-60 Minuten

Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist Ronin mit Jean Reno und Robert DeNiro (und Sean Bean, der hier übrigens nicht stirbt). In dem Film geht es die ganze Zeit um einen Koffer, den alle mögliche Gruppen haben wollen und die sich gegenseitig dafür mehr oder minder umbringen. Für diesen Film wurde der Begriff „Macguffin“ erfunden – denn was an dem Koffer jetzt besonders ist, erfährt man nicht und es ist auch völlig egal – er ist unglaublich wichtig und das ist was für den Zuschauer zählt.

Conspiracy ist Ronin-Das Brettspiel. Also nicht offiziell. Sollte es aber sein. Denn alle versuchen einen ominösen Koffer in ihr Hauptquartier zu lotsen Warum ist völlig egal- der Koffer im eigenen Hauptquartier bringt den Sieg und das ist ,was für die Spieler zählt.

Der Koffer bewegt sich aber nicht allein, sondern es müssen -wie bei Ronin – erst einmal handlangende Spione angestellt werden. Das heißt: Grundsätzlich muss man die gar nicht anstellen, Spione können von jedem bewegt werden. Offenbar ist die ganze Operation so geheim, dass die Agenten präventiv alle Befehle ausführen, die sie bekommen. Zumindest so lange, diese sich nicht wiedersprechen. Macht jemand einen Zug, der jemand anderen missfällt, so darf der andere wiedersprechen und den Zug blockieren – vorausgesetzt er hat den Spion besser bezahlt. Wie in Ronin, irgendwie.

Das Bezahlen ist die Alternative zum normalen Zug und geschieht prinzipiell absolut geheim und verdeckt und daher ist es logisch, dass beim Blockieren die beiden Konfliktparteien nur Zug um Zug preis geben, wie tief die jeweilige Figur in der eigenen Tasche steckt: Hat der Zugspieler mehr geboten. darf er seinen Zug durchführen, wenn der Herausforderer mehr gegeben hat, dann nicht.

Da niemand weiß, wer wie viel Geld in wen investiert hat, traut man prinzipiell keinem Agenten. Obwohl dass doch eigentlich seelenlose Figuren aus Plastik sind. Zwei Dinge verhindern, dass jemand „All in“ geht und den Koffer als Höchstbietender transportiert: Zum einen ist das Bestechungsbudget beschränkt – wer alles auf eine Karte setzt, kann auch nur eine Figur bestechen. Und wichtiger: Wie im Film sind die Figuren vergänglich (OK, hier werden sie nur „verbrannt“, also enttarnt, nicht getötet, aber aus dem Spiel nehmen, ist aus dem Spiel nehmen): Statt zu Ziehen kann man mit der einen Figur eine andere verbrennen. Der „Hit“ kostet zwar eine Stange Geld – anders als Umherzureisen, macht das niemand kostenlos – kann dafür aber auch nur gestoppt werden, wenn jemand anderes mehr Geld auf den Brandstifter/Killer/Enttarner/Wasauchimmer gesetzt hat – das Opfer ist hier egal. Das Geld auf einem verbrannten Agenten ist dann ebenso verbrannt – also doch lieber vorsichtig investieren? Andererseits: Wenn man als einziger früh riskiert, kann man eine Partie schnell beenden, weil die anderen mit dem Bestechen nicht nachkommen – zwei gegenläufige Taktiken existieren, was gut für die Spannung ist.

Wie in der inoffiziellen Filmvorlage, geht es auch im Spiel vorsichtig los: Die Agenten reisen erst einmal recht unverbindlich in Richtung Koffer. Vielleicht versucht der eine oder andere, den Koffer schon in die eine oder andere Richtung zu ziehen. Doch dann kommt es Schlag auf Schlag und die Figuren auf dem Brett nehmen schneller ab, als man „Welche Farbe hat das Bootshaus in Harford ?“ sagen kann. Aus den Trümmern kriechen dann ein oder zwei Figuren heraus und wer auf das richtige Pferd gesetzt hat – oder noch genügend Geld übrig hatte – gewinnt und die Protagonisten gehen stumm ihrer Wege.

“Was war denn jetzt in dem Koffer?” “Hab ich vergessen”

Wem der Spielverlauf vage bekannt vorkommt: Conspiracy ist eine bearbeitete Neuauflage von Conspiracy – Hierzulande erschienen als Agent bei Hexagames, als Casablanca bei Amigo und als Die Jagd nach dem Gral bei Argentum – letzteres hatte eine clevere Anti-Schummel-Regel implementiert, die jetzt nicht mehr funktioniert, da man mit Münzen besticht, statt den Geldbetrag einfach aufzuschreiben. Der Vorteil: Man verrechnet sich nicht und es ist haptischer. Aber natürlich ist schummeln so wieder möglich. Doch wer spielt eigentlich mit Schummlern?

Meine Partie Casablanca liegt bestimmt 20 Jahre zurück und ich habe nur noch sehr rudimentäre Erinnerungen daran – außer dass es damals in meiner Runde floppte, weil wir mit dem etwas verqueren und originellemm Spielverlauf nichts anzufangen wussten (der Preis für Originalität) – aber auch weil wir in Vollbesetzung spielten und das hieß damals „Zu acht“. Das ist Wahnsinn, das würde ich nicht mehr machen. Und Restoration Games auch nicht, die Spieleranzahl wurde auf vier reduziert. Zudem wurde das Spiel durch zwei Kniffe clever beschleunigt: Zum einen haben die Agenten jetzt Sonderfähigkeiten, die bei einem erfolgreichen Zug genutzt werden können. Zum anderen gibt es jetzt neben dem regulären Spielende noch DR. Solomon (Ja, den Autoren), der sich den Koffer schnappt, wenn das Spiel zu lange dauert (quasi Robert DeNiro) und der auch bestochen werden kann – aber nur eine Münze pro Zug. Das ist eine Regel, die mich grinsen lässt, denn wer viel Zeit darin investiert, den Doktor zu bestechen, erlaubt es den anderen durch Passivität regulär zu gewinnen. Und wenn keiner auf den Dr. geht? Dann gewinnt der am Ende doch! Sehr schönes Self-Balancing. Auf sowas steh ich als Autor! Auch sorgen Eisenbahnen dafür, dass Koffer schneller wieder zurückgeholt werden können, was das Brett verdichtet.

Vielleicht bin ich älter als vor 20 Jahren – die Biologie behauptet das jedenfalls – aber in der Gegenwart hatte ich keine Probleme mit dem Spielprinzip: Im Gegenteil: Nach der Abtastphase am Anfang war bislang jede Partie spannend. Obs an an mir liegt oder an den Änderungen von Restoration vermag ich nicht endgültig zu klären (Bei BGG erhält die neue Version 0,8 Punkte mehr – was immer das wert ist), aber ich sag mal so: Wenn ein Spiel seit über 40 Jahren immer wieder auf den Markt kommt, ist da schon was ordentliches  dran. Und wenn ein Spiel gar einen Jean-Reno-Film inspiriert hat…

 

 

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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