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City Chase

Verlag: Korea Boardgames
Autoren: Martino Chiacchiera und Gabriele Mari
Spielerzahl: 2-4
Alter: ab 8 Jahren
Spieldauer: 20 Minuten (Maximal)

Es ist vielleicht wenig originell diese Rezension mit einem Vergleich mit Scotland Yard zu beginnen, aber City Chase wirkt auf den ersten Blick auf Scotland Yard so wie Zug um Zug New York auf Zug um Zug: Eine schnellere, einfachere Version.

Oder täuscht dieser erste Blick?

Beide Spiele sind Brettspielumsetzungen des alten Kinderspieles „Räuber und Gendarm“ (Das ist sogar der Untertitel von City Chase), bei der mehrere Polizistinnen einen Räuber jagen. Bei beiden Spielen bewegt sich die Gejagte verdeckt. Der Spielspaß liegt auf der einen Seite genau in diesem Versteckspiel, dem Überlisten der Gesetzeshütenden. Auf der anderen Seite ist es das Ziehen von Schlüssen, von der Spannung, ob man an der richtigen Stelle sucht, oder ob einen das Ziel durch die Maschen geschlüpft ist.

Bei Scotland Yard ist der Plan sehr groß – das muss er auch sein, denn das Ticketsystem erlaubt mit jedem Schritt gewisse Rückschlüsse. Etwas Vergleichbares gibt es bei City Chase nicht – während das Fluchtauto sich einfach orthogonal von Gebäude zu Gebäude bewegt und dabei den eigenen Pfad niemals kreuzen darf, bewegen sich die Polizistinnen entweder von Kreuzung zu Kreuzung oder sehen sich eines vier angrenzenden Gebäude näher an – Wenn das Fluchtauto hier vorbeikam, wurde eine Spur hinterlassen – die aber eben nur gefunden wird, wenn man an der richtigen Stelle gesucht hat. Da diese ständigen Informationen Scotland Yards fehlen, ist der Plan von City Chase viel kleiner. Vor allem aber verschiebt sich das Spielgefühl im Vergleich zu Scotland Yard merklich: Scotland Yard ist strategischer, da das Netz erst einmal recht weiträumig ausgeworfen wird und  dann mit Planung aufgrund neuer Informationen immer weiter zugezogen wird. Es wird also ständig diskutiert und deduziert. Nicht umsonst ist eine Zweipersonen-Variante im Original gar  nicht vorgesehen gewesen (in der aktuellen Fassung gibt es sie) – auch weil Mr. X aus den Diskussionen ebenfalls Rückschlüsse auf seine Strategie ziehen kann.

Bei City Chase geht es dagegen viel mehr darum, eine Spur zu finden, die man dann wie einen Faden logisch aufrippeln kann. Wurde diese erste Spur erst einmal gefunden, geht es aufgrund der „Nicht den eigenen Pfad kreuzen“-Regel zumeist recht schnell, bis auch das Auto gefunden wird- wenn das Spiel nicht vorher aufgrund der abgelaufenen Rundenanzahl mit dem Sieg des Bösen endet. Da sich hier die Gegenspielerin anders als Mr X nicht zeigen muss, wenn sie nicht gefunden wurde, liegt der Schwerpunkt bei City Chase eher auf dem Bluffen – die Guten bluffen, indem sie in die eine Richtung fliegen und dann doch in einer anderen Ecke suchen, das Böse hofft schon einmal, dass dasselbe Haus nicht in zwei aufeinanderfolgenden Runden untersucht wird. Schon bei der Startaufstellung ist die Frage, ob das Auto auf einer verwaisten Seite beginnt, um einen guten Start zu haben oder ob es direkt neben einem Polizist beginnt, weil das ja garantiert nicht erwartet wird. Oder vielleicht doch?

Daher halte ich den Vergleich mit Scotland Yard am Ende des Tages für irreführend. City Chase ist vom Spielgefühl eher mit Bluffspielen wie Der Isses vergleichbar, aber mit etwas mehr Fleisch auf den Knochen. Dazu passt auch die knackigere, kompakte Spieldauer – bereits jetzt kann es frustrierend sein, wenn die Polizistinnen einfach keine Spur finden und nicht wissen wohin. Die schnelle Spieldauer hat dafür gesorgt, dass City Chase nach Essen das von mir meistgespielte Spiel war – eine Revanche ist hier fast schon Pflicht, auch weil sich die Spannung des Autofahrers  länger hält, während die Glücksmomente auf Seiten der Polizistinnen vor allem auf die Momente beschränkt, wenn endlich irgendwo eine Spur gefunden wurde.

Ein weiterer Grund für die hohe Spielzahl bei mir ist aber auch, dass City Chase wegen der Verschiebung des Schwerpunkt von Planen auf Bluffen tatsächlich ohne Reibungsverluste auch zu zweit funktioniert. Scotland Yard ist wie oben beschrieben zu zweit ein anderes Spiel, mehr eine Wolf&Schafe – Variante als Räuber& Gendarm. Bei City Chase blufft es sich zu zweit ziemlich genauso wie zu viert. Absprachen sind immer situativ statt strategisch und daher für das Böse nicht interessant. Selbst die Zahl der Handlungen auf Polizistinneneite ist stets drei, unabhängig von der tatsächlich Anzahl an Mitspielenden. Dadurch werden die zusätzlichen Mitspielenden nicht nutzlos, zumindest nicht, wenn man miteinander reden mag, aber sie sind nicht so essentiell für ein gutes Spielerlebnis wie es bei Scotland Yard der Fall ist.

Anders als im Beeple-Radio besprochen, halte ich also City Chase nicht mehr für eine Kurzfassung von Scotland Yard. Das ist auch gut, denn Kurzfassungen von anderen Spielen, hat immer etwas von Readers Digest Kurzfassungen von Klassikern. Stattdessen ist ein Bluffspiel das für sich alleine steht.

 

(In eigener Sache: Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich jetzt immer abwechselnd die männliche und weibliche Form verwendet, wenn es sich nicht vermeiden ließ, eine genderneutrale Formulierung zu finden.)

Peer Sylvester