Autoren: Michael Palm, Lukas Zach
Illustrationen: Bartolomiej Kordowski, KRASS KOLLEKTIV
Verlag: Pegasus Spiele
für 2-4 Spieler*innen
ab 10 Jahren
Dauer: 40-60 Minuten
Das Konzept des Gimmicks hat in der Spielszene einen eher schlechten Ruf. Es gilt als nutzlose und verschwenderische Beigabe, welche über spielerische Schwächen hinwegtäuschen soll. Ein Gimmick ist zum Blenden gedacht. So sagt es das weit verbreitete Verständnis. Dabei hat ein Gimmick genaugenommen nur die Aufgabe, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Neugier zu wecken. Im Idealfall sogar etwas wie spielerische Begeisterung hervorrufen.
Boss Fighters QR ist ein Spiel mit einem solchen Gimmick. Es gibt eine ins Spiel eingebundene App aus, welche die Rolle eines gemeinsamen Spielbretts einnimmt. Boss Fighters QR ist genau genommen ein Kartenspiel. Wobei jedoch anders als bei den meisten Kartenspielen der Fokus nicht auf der eigenen Kartenhand liegt, sondern um die Spielwerte auf der App kreist.
Wie der Name schon andeutet, fightet man hier gegen Bosse mit Hilfen von QR-Codes. Bis zu vier Spieler*innen setzen ihren individuellen Kartenstapel aus Karten einer Fantasyfigur (Troll, Zwerg, Elf, Halbling) und einem Aufgabenbereich (Kämpfer, Magier, Druide, Schurke) zusammen. Da die Karten (zumindest nominell) grundverschieden sind, spielen alle mit ähnlichen, aber nicht identischen Karten.
Darunter gibt es Angriffskarten (Fernkampf, Nahkampf und Magie), Verteidigungskarten und auch Heilungskarten. Wer noch nie in seinem Leben ein Fantasyrollenspiel gespielt hat, wird sich ob dieser Vielfalt beinahe erschlagen fühlen. Wer schon mal ein Legend of Zelda oder Das Schwarze Auge gespielt hat, wird sich gerade fragen, warum ich nicht auch gleich erkläre welcher Konfession der Papst angehört. Drei Mal pro Runde spielt man eine solche Karte aus, um dem Boss damit weh zu tun, sich gegen den Gegenangriff zu schützen oder verlorene Lebenspunkte wiederzuerlangen. Einzelne Sonderfähigkeiten erlauben es Karten nachzuziehen, weitere Karten zu spielen oder andere Effekte ins Spiel bringen. Das mag in dieser Form kompliziert klingen, aber bedeutet in der Praxis folgendes: wir wählen eine Karte in unserer Hand wegen ihres Effekts aus, lassen den QR-Code auf der Rückseite von der App einscannen und dann führt die App den Effekt unserer gewählten Karte aus.
Das ist potentiell sehr spannend, da die Folgen eines Karteneffekts alles mögliche sein könnten. Man sieht ja nicht was die App im Hintergrund genau tut. Und es ist gerade dieses Potenzial an dem sehr viel Spielbegeisterung hängt. Die Tatsache, dass man sich vorstellt was alles passieren könnte, nährt die Motivation auch den nächsten Boss zu fighten.

Dieses Phänomen ist dabei weder Boss Fighters QR, noch Legacy-Spielen als solches, zu eigen. Der klassische Kriminalroman lebt nicht zuletzt in den Köpfen der Lesenden, die beim Lesen bereits spekulieren, vermuten und theoretisieren wer denn nun der Täter sein könnte. Man hält verschiedene mögliche Tatverläufe im Kopf und erfreut sich über jede weitere Information, die einen zwingt die eigenen Vermutung zu überarbeiten.
Eine vergleichbare Dynamik kann auch Boss Fighters QR in Gruppen entwickeln. Man vermutet was der Boss denn nun zu bieten hat und wie sich der Kampf gegen ihn entwickeln wird. Müssen wir unsere Angriffe bündeln oder besser verteilen? Sollten wir in dieser Runde defensive, offensive und unterstützende Karten ausspielen? Diese Absprachen sind anfangs noch sehr sporadisch und eher ein Nebenschauplatz. Erst ab etwa der Hälfte der Bosse ist man als Gruppe auf Koordination angewiesen. Etwas spät öffnet sich Boss Fighters QR in dem Sinne, dass es anspruchsvoller und komplexer wird. Nicht nur die Werte der Bosse erhöhen sich. Auch ihre zusätzlichen Regeln und Reaktionen werden umfangreicher. Das kann für Spannung sorgen.
Voraussetzung dafür ist aber die unausgesprochene Annahme, dass überraschende Wendungen kommen werden. Es braucht das Vertrauen in die Spielmachenden, dass sich hinter der bunten Illustration und den Zahlenwerten auf dem Bildschirm, mehr versteckt als man auf den ersten Blick sehen kann. Ein nicht-trivialer Teil der Spielfreude in Boss Fighters QR hängt an diesem Vertrauen.
Wer etwas abgebrühter und auch misstrauischer an das Spiel herantritt, wird deutlich weniger Begeisterung für die Interaktion mit der App verspüren. Denn objektiv betrachtet, machen wir kaum etwas anderes als wir es im Supermarkt an der Selbstbedienungskasse tun: Effekt wählen, Karte scannen, ein Zahlenwert auf der App verändert sich. Die Banalität dieser Handlung sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen wie reibungslos diese abgehandelt wird. Denn schließlich hätte man ja stattdessen auch einen Spielstein auf einer Leiste verschieben können, um den Karteneffekt zu markieren. Der Mehrgewinn, den der Spielfluss dadurch genießt, ist mit Worten kaum auszudrücken. Was sich aber in Worten ausdrücken lässt, ist dass das Scannen einer Karte nicht die gleiche haptische Komponente hat, wie das Versetzen eines Spielfigur, das Platzieren von schönen, festen Markern oder auch das Werfen von griffigen Würfeln. Es ist funktional, aber im Vergleich zu anderen Spielen dieser Art auch steril. Die App nimmt dem Spielmaterial die Aura des Verspielten.

Was die App tatsächlich zum Spielerlebnis beiträgt, misst sich daran was man wegen ihr nicht tun muss. Durch die App wird Spielenden die Aufgabe abgenommen selbst dafür zu sorgen, dass der Rundenablauf regelkonform stattfindet. Spielende müssen auch weder den Schaden, den ihre Angriffe machen selbst abtragen, oder bestimmen wie der Boss sie angreifen wird. Den Schaden, den man durch Boss-Angriffe erleidet, muss man jedoch händisch an der eigenen Lebenspunktscheibe einstellen. Die digitale Technologie um die Lebenspunkte der von Menschen gesteuerten Spielfiguren durch Zahlenwerte darzustellen, ist vermutlich noch Jahrzehnte entfernt.
Die App bietet eine Ersparnis. Das ist offensichtlich. Aber die fehlenden Kartenstapel, Marker und Würfel bemerkt man eben erst, wenn man weiß, dass sie da sein müssten oder wenn man erleichtert ist, dass sie nicht benötigt werden. Wenn ich das Spiel also mit einem Slay the Spire vergleiche, oder einem Too Many Bones, springt die Schlankheit des Materials und auch die Übersichtlichkeit der Spielsituation ins Auge. Aber das ist eine Verbindung, welche die Zielgruppe für Boss Fighters QR kaum ziehen wird. Das Ausbleiben von Komplikationen ist eben nicht das Selbe wie das Überwinden dieser Komplikationen. Denn sonst wären die nicht auftauchenden Bosse in der App bereits ein großer Erfolg für unsere Spielgruppe, ohne dass wir auch nur eine Karte spielen mussten.
Womit eine solche App aufwarten kann, sind Geheimnisse, Kniffe und Überraschungen. Sie kann Situationen bzw. Bossen bieten, die sich gänzlich anders verhalten als erwartet. Aber dafür müssen Erwartungen aufgebaut werden. Wir müssen etablierte Muster erkennen können, welche ein späterer Boss unterläuft. Auch dann muss dieses erlernte Wissen nur implizit bestätigt werden. Um den Kriminalroman erneut zu bemühen: eine Theorie wer der Täter ist, ist nur so lange interessant wie der Roman sie indirekt zu bestätigen scheint. Wenn die tatsächliche Auflösung da ist, verpufft auch der Spaß an den eigenen Theorien.

Tragischerweise ist Boss Fighters QR alles andere als zurückhaltend mit diesen Informationen. Nach dem ersten Kampf lassen sich alle Angriffsarten, Schadensarten und Reflexe des aktuellen Bosses einsehen. Das dient sicherlich der Frustvermeidung, aber hebt den Mehrwert der digitalen Einbindung auf.
Es bleibt die Freude eine App zu bedienen, um eine Kartenspiel zu spielen. Schon das allein macht Spaß. Der Erfolg von Millionen von reinen App-Spielen belegt das. Das Spiel welches um die App-Nutzung herum gespielt wird, ist in allen anderen Bereichen vollkommen adäquat. Das Kombinieren der Karteneffekte ist niederschwellig, aber funktional. Die Absprachen zwischen den Spielenden werden zwar erst in der zweiten Hälfte der Kampagne zwingend, aber zumindest wird dann aus dem nicht-kompetitiven Boss Fighters QR ein kooperatives Spiel.
Dennoch bleibt der Eindruck, dass das Spiel deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Dass man Karten und App sehr viel kreativer verknüpfen kann, zeigt die Unlock-Reihe. Dass Kämpfen gegen app-kontrollierte Feinde mehr Wendungen und Überraschungen bieten kann, zeigt Descent – Legenden der Finsternis. Und dass Duelle gegen Bosse auch ohne digitales Drumherum spannend und taktisch anspruchsvoll sein können, zeigt Regicide.
Boss Fighters QR ist ein Spiel, welches von seinem Gimmick lebt und davon, dass sich Spielgruppen vieles davon versprechen. Es erinnert an das “mystery box storytelling” der TV-Serie Lost. So lange man noch vermuten und spekulieren kann, was alles möglich ist, ist jede Runde und auch jeder neue Boss eine spannungsgeladene Erfahrung. Ob das was die App tatsächlich liefert, die Spielgruppe begeistert oder ernüchtert, ist dann vielleicht doch eine Glaubensfrage.
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