Das Alpha-Spieler-Problem und wie man es beheben kann

Da schau an, das Sommerloch ist da! Es gibt so viele Möglichkeiten wie man versuchen könnte dem beizukommen. Man kann etwa völlig unnötig online einen Streit vom Zaun brechen, um die Monotonie zwischen den Spielrunden zu überbrücken. Aber diesen geschickten Schachzug hebe ich mir für den Moment auf, wenn ich mit meiner eigenen Irrelevanz als Brettspielkommentator hadere. So bleibt mir die etwas unliebsame Aufgabe die alten Kamellen wieder rauszukramen und versuchen ihnen zumindest bis zur nächsten Woche noch etwas Leben einzuhauchen.

Sind gute Regeln oder ein gutes Thema wichtiger? Viel zu belanglos.

Was bringt eigentlich Kickstarter? Die Frage ist redundant.

Wieviel zahlen mir Verlage für meine positiven Rezensionen? Darf ich aus Vertragsgründen nicht sagen.

Kooperative Spiele und der Alpha-Spieler? … Hmm, ja. Meinetwegen.

Also das Themenwahlrad hat gesprochen. Ich werde diese Hitzewelle nutzen, um die Gemüter mit golden Oldies und einem leckeren Frappé zu beruhigen:

Das Alpha-Spieler-Problem, und wie man es beheben kann.

Falls ihr in letzter Zeit eine schwere Kopfverletzung erlitten habt, und deshalb sämtliche Erinnerung daran verloren habt, was die Schwierigkeiten mit einem solchen Spieler in einem kooperativen Spiel sind, hier eine kleine Auffrischung. Kooperative Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass alle Spieler das gleiche Ziel verfolgen. Mehr noch, sie erreichen dieses Ziel sogar nur gemeinsam. Das heißt Sieg oder Niederlage tritt für alle Teilnehmer gleichermaßen ein. Entweder alle Spieler gewinnen oder alle verlieren. Es gibt keinen Einzelnen, der sich aus der Maße hervorhebt. Zumindest differenzieren die Regeln hier nicht. Zwar gibt es durchaus Spiele, die das kooperative Spielkonzept aufbrechen um doch noch Wettbewerb zwischen den Spielern einzubringen, aber das ist für diese ad-hoc Definition erstmal unerheblich.

Für viele ist Pandemie die Mutter aller Alpha-Spieler-Probleme

Der Alpha-Spieler positioniert sich innerhalb dieser Runde derart, dass er (und in 95% der Fällen ist es ein Er) alle Fäden zusammenführt und die Gruppe zu lenken sucht mit dem Ziel den Sieg für alle Beteiligten zu holen. Bevor ich hier jedoch weiter aushole, muss ich gleich zu Beginn  zwischen dem Alpha-Spieler und der Alpha-Spieler-Rolle differenzieren. Während ersteres einen Persönlichkeitstypen beschreibt, der sich herausnimmt bestimmte Entscheidungen für das Wohl der Gruppe zu fällen; so ist die Rolle das Alpha-Spielers etwas, das manche Spieler anderen aufsetzen und auf sie projezieren. Wenn man den generell schlechten Ruf des Alpha-Spielers noch einwirft, ist der Streit beinahe vorprogrammiert.

Am Rande: mir wird bei der Begrifflichkeit „alpha gamer“ generell eher unwohl. Weckt sie doch Assoziationen zu zutiefst ignoranter und halbgarer Pop-Psychologie rund um das Konzept des Alpha-Mannes, inklusive all der schädlichen und schändlichen Männlichkeitskonzeptionen, die sich danach ausrichten. In Ermangelung einer besseren Bezeichnung werde ich sie aber, trotz Unbehagens, hier weiter nutzen.

Ein zu Unrecht ignorierter Koop-Klassiker

Die Rolle des Alpha-Spielers steht, gerade bei kooperativen Spielen, schnell im Raum wenn der Spielvorstellende, oder auch der Gastgeber des Spieleabends ein weit größeres Hintergrundwissen aufweisen kann als die restliche Runde. Den Aussagen des erfahrensten Spielers wird hier weit mehr Gewicht beigemessen. Mehr Erfahrung bedeutet in vielen Fällen ein besseres Gespür dafür, welche Entscheidung schneller zum Erfolg führt. So entsteht schnell ein Gefälle, wenn es darum geht gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Statt auf Augenhöhe zu spielen, wird zum „Experten“ hinaufgeblickt. Wer der Falle entgehen will unbeabsichtigt die gesamte Gruppe zu kommandieren, der hat ein paar Optionen. Man kann etwa versuchen die Unvorhersehbarkeit der nächsten Ereignisse deutlich zu machen. Zusätzlich kann man immer wieder die Entscheidung auf die Gruppe zurückwerfen – wo es denn möglich ist – um sich so mehr oder minder dezent aus dieser Erwartungshaltung zu entfernen. Es gibt aber auch vereinzelt Spiele, in denen das Mehrwissen und die zusätzliche Erfahrung zum Vorteil werden kann. So ist etwa bei Space Cadets die Möglichkeit gegeben als „Captain“ Regelfeinheiten, Unklarheiten und Logistik zu handhaben und es so den anderen Spielern zu überlassen, wie sie sich am besten koordinieren und absprechen. Der erfahrenste Spieler kann hier den Zugang zum Spiel schneller und glatter machen, und damit eine sehr wichtige, spielspaß-fördernde Rolle übernehmen (bzw. die Versäumnisse des Spielentwicklers ausgleichen.) Die vielleicht beste Möglichkeit eine gut funktionierende Alpha-Spieler-Rolle zu verstehen, ist sich als Vermittler und Unterstützer zu sehen. Und ausdrücklich nicht als Entscheider oder gar Stratege der Gruppe. Eine gut ausgeübte Alpha-Spieler-Rolle ist wie eine kompetente Führungspersönlichkeit: sie überlässt jedem anderen eine tragende und wichtige Rolle, und sieht sich vor allem dafür verantworlich, den anderen Spielern den Rücken frei zu halten und sie dabei zu unterstützen das Team voranzubringen.

Diese Kniffe helfen natürlich nur, wenn die Gruppe einen in diese Ecke stellt. Die Sache sieht entschieden anders aus, wenn man das eigene Können für den Spielsieg als unverzichtbar versteht. Eben weil die eigene Persönlichkeit dazu neigt das metaphorische Ruder in die Hand nehmen zu wollen. Aber an genau diesem Punkt setzt der erste Irrtum ein. Der Alpha-Spieler fühlt sich dafür verantwortlich den Sieg zu holen. Ob für sich selbst oder für die gesamte Gruppe ist dabei vollkommen unerheblich. Der Fehler des Alpha-Spielers besteht nämlich nicht darin, dass er über die Köpfe anderer Spieler entscheidet. Das ist lediglich das eklatante Überschreiten wichtiger Grenzen des spielerischen Miteinanders. Der Fehler besteht darin, dass der Alpha-Spieler das kooperative Spiel nur aus der Sicht des kompetitiven Spiels begreifen kann. In diesen Spielen ist klar, dass der Zweck des Spiels gleichbedeutend ist mit dem Sieg über die Gegenspieler. Die Regeln und Mechanismen, die die Herausforderung des Spiels formen, sind dabei lediglich Mittel zum Zweck. Jedes kompetitive Spiel fragt: wer wird gewinnen und präsentiert Regeln und Mechanismen, mit Hilfe man diese Frage beantworten soll. Bei kooperativen Spielen ist das zwar ähnlich, aber auf fundementale Weise auch anders. Regeln und Mechanismen dienem ebenfalls einem Zweck. Nur lautet dieser Zweck eben Kooperation und nicht Sieg.

Hier abgebildet: ein erfolgloser Sieg im Koop-Spiel (Rocky)

Das ist der Irrtum, den Alpha-Spieler beim kooperativen Spiel machen. Sie verstehen Kooperation, Absprache und Kommunikation als Werkzeug, um die Niederlage abzuwenden; statt die drohende Niederlage als Werkzeug des Spiels zu sehen, um zu kooperieren, um sich abzusprechen und miteinander zu kommunizieren. Deshalb ist die unscheinbare Regel bei Pandemie, dass man seine Karten den Mitspielern nicht offen zeigen darf, auch so wichtig, um das Spiel und das Genre zu begreifen. Natürlich wäre es effizienter und würde die Koordination immens vereinfachen, wenn alle Karten offen auf dem Tisch lägen. Aber das würde ja dem Zweck des Spiels zuwider laufen.

Deshalb ist das Alpha-Spieler-Problem auch kein Designproblem. Es ist genaugenommen auch kein Problem der Gruppendynamik. Es ist im Kern ein Missverständis darüber, warum man ein kooperatives Spiel spielt. Es ist eine Fehleinschätzung welches Spielerlebnis das Design vorbereitet und wie man sich am Besten darauf einlassen kann. Der Alpha-Spieler sucht und richtet sein Spielverhalten nach einem Spielerlebnis aus, auf dass das kooperative Spiel gar nicht ausgerichtet ist. Für ein kooperatives Spiels ist Gewinnen/Verlieren nur Mittel zum Zweck.

Um das Alpha-Spieler-Problem anzugehen, haben sich jedoch einige Designer (und Alpha-Spieler) der Sache angenommen und kooperative Spiele entwickelt, die eben diese Besonderheit des Genres wieder abschleifen. Man kann in der Regel davon ausgehen, dass jedes kooperative Spiel, welches damit zu punkten versucht, das Alpha-Spieler-Problem zu unterbinden, die Grundproblematik dieser Spielrunden nicht verstanden hat. Zumindest diagonistizieren sie die Ursache für diese Situationen an der falschen Stelle. Es ist nicht Aufgabe des Spiels zu verhindern, dass einzelne Spieler den Dialog am Tisch dominieren und über andere Spieler entscheiden. Es liegt auch nicht unbedingt in der Verantwortung der Gruppe einzelne Querschläger in ihre Schranken zu weisen.

Das Kernprinzip des kooperativen Spiels in einem Bild (Toy Story 3)

Der potentielle Alpha-Spieler muss selbst die Erkenntnis erlangen, dass der Erfolg im kooperativen Spiel nicht im Sieg, sondern in der flüssigen Kooperation liegt. Das gemeinsame Spielerlebnis und der gemeinsame, gelegentlich zum Scheitern verdammte, Versuch eine Niederlage zu verhindern, ist Herz und Seele des kooperativen Spiels.

Autor: Georgios Panagiotidis

Einst als Podcaster unterwegs, schreibe ich nun über mein liebstes Hobby: Brettspiele in all seinen Variationen, Facetten und Eigenarten.